Viele Menschen sind mit Märchen aufgewachsen. Besonders die im deutschsprachigen Raum bekannteste Märchensammlung der Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm erfreut sich seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1812 äußerster Beliebtheit. Ihr Erfolg ist bis heute ungebrochen.
Die Grimmschen Märchen waren und sind für viele Menschen prägend. Der Einfluss, den so tugendhafte Märchencharaktere wie das fleißige Aschenputtel oder die tüchtige Goldmarie auf die Werte- und auch Arbeitsmoralvorstellungen ihrer Leser und Leserinnen haben dürften, sollte nicht unterschätzt werden. Und wer hat nicht manchmal in Zeiten des „Faulenzens“ ein schlechtes Gewissen, denkt er an die arbeitsscheue Pechmarie, deren Trägheit mit einem Regen aus Pech bestraft wird?
Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, dass bisher nur weibliche Märchenheldinnen erwähnt wurden – denn genau diese sind es, die in der vorliegenden Arbeit die Hauptrolle spielen werden. Es sind die weiblichen Märchenfiguren, deren Arbeit und deren Müßiggang im Folgenden genauer untersucht werden sollen. Hierbei sind für mich folgende Fragestellungen relevant: Welche Arten der Frauenarbeit treten in den Grimmschen Märchen auf und welchen Zweck erfüllen sie? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Arbeit für die Märchenmoral und das vermittelte Frauenbild? Gleichzeitig möchte ich versuchen, einen Zeitbezug herzustellen und von den Grimmschen Märchen ausgehend auch in soziologischer Hinsicht Aussagen über das Frauenbild des Bürgertums in Bezug auf Arbeit und Müßiggang im 19. Jahrhundert zu treffen. Welche Aufschlüsse geben uns die Märchen über die Wertvorstellungen ihrer Zeit?
Um diese Fragen zu klären, werde ich zunächst erläutern, inwiefern die Kinder- und Hausmärchen trotz ihrer Jahrhunderte alten Wurzeln die gesellschaftlichen Werte ihrer Zeit spiegeln. Daran anschließend werde ich im Hauptteil direkt an ausgewählten Märchen untersuchen, welche Frauenarbeiten dort auftreten, welche Rolle in diesem Zusammenhang Fleiß und Faulheit spielen und welche Funktionen die Arbeiten erfüllen. Auf diesem Wissen aufbauend sollen dann Bezüge zu dem bürgerlichen Verständnis von Frauenarbeit hergestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm als Spiegel des bürgerlichen Frauenbildes
3. Die Frauenarbeit in ausgewählten Kinder- und Hausmärchen
3.1. Die Arten der Frauenarbeit in den Kinder- und Hausmärchen
3.2. Das Idealbild der fleißigen (Haus-)Frau
3.3. Das abschreckende Beispiel fauler Frauen
3.4. Die Funktionen der Frauenarbeit in den Kinder- und Hausmärchen und der sozialen Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts
4. Schluss
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung weiblicher Arbeit in ausgewählten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, um Rückschlüsse auf das bürgerliche Frauenbild und die Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts zu ziehen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Arten der Frauenarbeit in den Märchen auftreten, welchen Zweck sie erfüllen und wie sie zur Vermittlung von bürgerlichen Erziehungsidealen, Fleiß und Gehorsam beitragen.
- Analyse geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung im 19. Jahrhundert
- Untersuchung von Fleiß und Müßiggang als moralische Kategorien
- Die Funktion von Arbeit als Bewährungsprobe und Reifungsprozess
- Vergleich der literarischen Frauenbilder mit der sozialen Wirklichkeit der Epoche
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Arten der Frauenarbeit in den Kinder- und Hausmärchen
Bei der Betrachtung und dem Vergleich der oben genannten Märchen fällt unmittelbar auf, dass jegliche Frauenarbeit auf den Bereich des Häuslichen beschränkt ist und aus hauswirtschaftlichen Tätigkeiten besteht. Fast keine der Frauen begibt sich für ihre Arbeit aus einem häuslichen Umfeld heraus, um etwa wie männliche Märchenhelden einen Beruf auszuüben, in der Ferne als Geselle in die Lehre zu gehen, oder gar Abenteuer zu bestehen. Umgekehrt lässt sich auch kaum eine männliche Märchenfigur finden, die Hausarbeiten verrichtet. Hauswirtschaftliche Tätigkeiten, darunter besonders die Textilkunst, sind im Märchen ausschließlich Sache der Frauen. Es zeigt sich, wie auch Nicole Lehnert festgestellt hat, dass die Arbeit entlang der Geschlechtergrenzen aufgeteilt wird – ein Phänomen, welches sich auch in der sozialen Wirklichkeit wiederfindet.
Tatsächlich gab es eine solche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern bereits seit der Steinzeit. Schon hier war vor allem die Textilkunst wie das Spinnen ein typisch weibliches Betätigungsfeld. Dazu bemerkten die Brüder Grimm in einer Anmerkung zu Die Schlickerlinge: „Das Spinnen ist die eigentliche Arbeit der Hausfrau nach alten Sitten, ihr Leben und Weben.“ Im 19. Jahrhundert wurde versucht, diese Arbeitsteilung auf natürliche und angeborene Wesenseigenschaften bzw. Geschlechtscharaktere zurückzuführen. Dabei wurden Männern Eigenschaften wie Aktivität und Stärke zugeordnet, die sie angeblich für eine Tätigkeit in der Außenwelt, also in der Öffentlichkeit, qualifizierten. Frauen hingegen galten als passiv und schwach und seien von ihren natürlichen Fähigkeiten her eher für den häuslichen und privaten Bereich bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Grimmschen Märchen ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Untersuchung von Frauenarbeit, Fleiß und Müßiggang sowie deren Bezug zum bürgerlichen Frauenbild des 19. Jahrhunderts vor.
2. Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm als Spiegel des bürgerlichen Frauenbildes: Dieses Kapitel erläutert, dass die Märchensammlung trotz ihres Alters gesellschaftliche Normen ihrer Entstehungszeit reflektiert und bürgerliche Erziehungsideale in die Texte eingeflossen sind.
3. Die Frauenarbeit in ausgewählten Kinder- und Hausmärchen: Hier erfolgt die detaillierte Analyse der ausgewählten Märchen hinsichtlich der Art der Arbeit, der Rolle von Fleiß und Faulheit sowie der soziologischen Funktionen dieser Darstellungen.
4. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Märchen durch die Belohnung von Fleiß und die Bestrafung von Faulheit das Ideal der tüchtigen Hausfrau propagieren und reflektiert kritisch über die pädagogische Eignung dieser Rollenbilder.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist ein systematisches Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Frauenarbeit, bürgerliches Frauenbild, 19. Jahrhundert, Fleiß, Müßiggang, häusliche Arbeit, Arbeitsteilung, Sozialisation, Geschlechterrollen, Märchenmoral, Brautprobe, Textilkunst, Tugend.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Frauenarbeit in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und deren Verbindung zum bürgerlichen Frauenbild des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Bedeutung von Fleiß und Faulheit als moralische Indikatoren sowie die Erziehungsintentionen hinter den Märchen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu analysieren, welche Arten von Frauenarbeit in den Märchen vorkommen, welche Funktionen diese erfüllen und wie sie zur Etablierung des bürgerlichen Frauenideals beigetragen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von ausgewählten Märchentexten vorgenommen, die durch soziologische Perspektiven und Fachliteratur zum bürgerlichen Frauenbild kontextualisiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Art und Bereich der Frauenarbeit, die Gegenüberstellung von fleißigen und faulen Charakteren sowie die Analyse der Arbeit als Brautprobe und Sozialisationsmittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Frauenarbeit, bürgerliches Frauenbild, 19. Jahrhundert, Fleiß, Müßiggang und Geschlechterrollen charakterisiert.
Warum wird gerade Aschenputtel als Beispiel für eine fleißige Heldin angeführt?
Aschenputtel dient als klassisches Beispiel, da sie trotz schwerster körperlicher Arbeit durch ihre Tugendhaftigkeit, Demut und Fleiß schließlich für ihr Verhalten belohnt wird.
Inwiefern spielt der "Pechregen" der Pechmarie eine Rolle in der Analyse?
Die Bestrafung der Pechmarie durch den Pechregen dient als abschreckendes Beispiel für Arbeitsscheu und belegt, dass im Märchen Müßiggang negativ konnotiert und hart sanktioniert wird.
Welche Funktion hat die Arbeit der "Königstochter" im Märchen König Drosselbart?
Die Arbeit dient hier primär als Erziehungsmittel zur Brechung ihres Hochmuts und zur Vermittlung von Demut, Geduld und Gehorsam.
- Arbeit zitieren
- Kristin Zabel (Autor:in), 2012, Frauenarbeit in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm und das Frauenbild des Bürgertums im 19. Jahrhundert., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198276