Die filmische Darstellung von Kindern und Erwachsenen als Unterhaltung generierende Objekte am Beispiel der Doku-Soap „Die Super Nanny“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reality TV - eine Begriffsbestimmung

3. Der Untersuchungsgegenstand: Die Super Nanny
3.1 Das Sendekonzept
3.2 Katharina Saalfrank
3.3 Der Sendeablauf

4. Filmanalytische Untersuchung
4.1 Inhalt und narrative Struktur
4.2 Die filmische Darstellungsweise
4.3 Die Kamerapräsenz und das foucaultsche Panoptikum
4.4 Bewertung der Gestaltung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Das Fernsehen, das einst das Fenster zur Welt darstellte, hat sich durch das Aufkommen des Reality TV zum Fenster in das Privatleben gewandelt. Ein Trend, der sich seit den 90er Jahren stetig fortsetzt und aus dem heutigen Fernsehprogramm nicht mehr wegzudenken ist. Privates und Intimes wird öffentlich gemacht. Wie das nachfolgende Kapitel zeigen wird, handelt es sich bei dem Begriff „Reality TV“ um eine sehr vielschichtige Fernsehgattung, die Anlass für rege Diskussionen unter Medienwissenschaftlern gab. Die Darstellung der Menschen im Fernsehen gilt bei der Reality TV als zentrales Problem. Vor allem dann, wenn es sich wie bei dem Format ‚Die Super Nanny’ auch um Kinder handelt, bei denen die Zustimmung der Eltern reicht, sie im Fernsehen zu zeigen. Der bedeutendste Kritikpunkt ist bei Reality TV die Missachtung der Menschenwürde. Dem Grundgesetz zu Folge ist die Würde des Menschen unantastbar. Ein Mensch darf nicht als Sache, unmenschlich und entwürdigend behandelt werden (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung; Lexikon 2006). Die ‚Die Super Nanny’- Sendungen kann man jedoch als Menschenversuche bezeichnen, denn die Menschen, die weder prominent noch Schauspieler sind, werden in ihrem Alltag von Kameras begleitet. Menschenversuche sind Experimente mit Freiwilligen. In diesen wird die Versuchsperson als Objekt betrachtet. Im Falle der zu untersuchenden Doku Soap ‚Die Super Nanny’ stellen die Familien, aber vor allem die Kinder, die Versuchspersonen dar. Es handelt sich um ein Erziehungsexperiment. ‚Die Super Nanny’ berät in Erziehungsfragen und gibt Tipps, die dann von der Familie umgesetzt werden sollen. Die Kinder nehmen in dieser Sendung eine besondere Rolle ein: Im Großen und Ganzen geht es um den Versuch, sie und ihr Umfeld zu erziehen.

In der vorliegenden Arbeit wird eine filmanalytische Untersuchung einer Folge von ‚Die Super Nanny’ durchgeführt. Das Erkenntnisinteresse dieser Untersuchung ist es herauszuarbeiten, wie die Kinder und Erwachsenen der jeweiligen Familie mit filmischen Mitteln als Unterhaltung-generierende Objekte dargestellt werden. Hierbei werden sowohl Inhalt und narrative Struktur, als auch die filmische Darstellung durch Einstellungsgrößen, -perspektiven und die Tonebene untersucht. Einen weiteren Aspekt stellt die Kamerapräsenz da, die für das Verhalten der Menschen eine wesentliche Rolle spielt. Ein Sequenzprotokoll soll die Dramaturgie der ‚Die Super Nanny’ - Folge verdeutlichen.

Um eine Basis für den analytischen Teil der Arbeit zu schaffen, wird zunächst eine Definition des Begriffs Reality TV angestrebt. Unter diesem Begriff - der dem Unterhaltungsfernsehen zuzuordnen ist - fallen die ‚Coachingformate’, die wiederum dem Genre der Doku-Soaps angehören. Des Weiteren wird das Format ‚Die Super Nanny’ vorgestellt, um darauf die Analyse aufzubauen und Rückschlüsse ziehen zu können. In einem abschließenden Fazit wird die Analyse noch einmal auf den Punkt gebracht und die Ergebnisse der Untersuchung im Bezug auf die Unantastbarkeit der Menschenwürde hin bewertet.

2. Reality TV - eine Begriffsbestimmung

Reality TV - deutsch: Wirklichkeitsfernsehen - ist ein amerikanischer Importartikel und in der deutschen Fernsehlandschaft in den 90ern zu einem Begriff geworden. Die Gattung zählt zum Unterhaltungsfernsehen, das sich in wesentlichen Punkten vom Bildungsfernsehen abgrenzt. Unterhaltung ist ein „angenehmer (entspannender) Zeitvertreib, der geistige Zerstreuung bewirkt“ (Meyers Lexikon Online 2.0 o.j.). Es ist also eine Beschäftigung, die keine größeren Anstrengungen benötigt. Die Unterhaltung im Fernsehen hat viele Funktionen. Sie dient der Entspannung und Ablenkung, wie auch dem Eskapismus1. Ein Konzept, das die unterhaltenden Formate populärer machen soll, ist das des Affektfernsehens. Dieses Konzept zielt auf die Emotionalisierung, Personalisierung (Identifizierung), Suggerierung von persönlicher Nähe, Konfrontation und Konflikten (vgl. Bosshart nach Saxer 1997, 212) ab, um die Rezipienten so stärker an ein Format zu binden. Im Folgenden werden wir sehen, dass dieses Konzept gerade bei Reality TV eine elementare Rolle spielt.

Reality TV ist ein diffuser Begriff unter, den zahlreiche Genres fallen. Er unterliegt seit seinem Aufkommen einem Wandel, der es erschwert, den Begriff präzise zu definieren. Innerhalb der Gattung kommt es immer wieder zu Ausdifferenzierungen und Formatbildungen. Verstand man unter Reality TV zunächst die Nachstellung von Ereignissen, wie sie sich tatsächlich ereignet haben oder die Verwendung von zufällig aufgenommenen Originalaufnahmen, bezeichnet der Begriff heute eine Vielzahl an Sendungen und Shows, die Fiktion und Dokumentation miteinander verbinden, den Alltag als Unterhaltungsgegenstand haben und die den Anspruch erheben, Wirklichkeit abzubilden. „Die Realität dient als Materialzulieferung“ (Wegener 1994, 42).

Die Gattung Reality TV, die sich vor allem durch bewusste Grenzüberschreitungen und Tabubrüche auszeichnet, wurde mit ihrem Aufkommen stark kontrovers diskutiert und ist negativ konnotiert. Diese negative Konnotation rührt daher, dass bei der Produktion von Sendungen des Reality TV ethische und moralische Grundsätze in Frage gestellt werden. Die menschliche Würde und der Schutz der Persönlichkeit waren und sind Aspekte dieser Diskussionen. Einen Kritikpunkt stellt die Tatsache dar, dass Reality TV auf die Inszenierungsregeln des - wie Bente und Fromm es nennen - Affektfernsehens zurückgreift. Charakteristisch hierfür sind die Personalisierung, Intimisierung, Dramatisierung, Emotionalisierung und „die Inszenierung von authentischen

Aufnahmen nach einer bestimmten Dramaturgie“ (Lücke 2002, 25). Die Darstellungsweise der Reality TV-Formate folgt demnach den Dramaturgiekonzepten der Unterhaltung, wobei emotionale Elemente stärker mit einbezogen werden. Claudia Wegener nennt das Stilmittel der „Gaffer-Sendungen“ „Schmerz-und-Tränen- Journalismus“ (Wegener 1994, 9f)). „Emotionen des einzelnen“ (Wegener 1994, 10) werden öffentlich gemacht und die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit so verwischt. Georg Seeßlen schreibt weiter: „Reality-TV greift nicht ‚aus dem Leben´, sondern vermischt Wirklichkeit und Fiktion zu einer Inszenierung um einen glaubwürdigen Affekt herum“ (Seeßlen, 2008/7, S. 42). Und so macht auch Claudia Wegener darauf aufmerksam, dass hier „Wirklichkeitsformen“ geboten werden, „die nach ihren [der Medien] eigenen Regeln zustande kommen und die von verschiedenen Einflußfaktoren [sic!] abhängig sind“ (Wegener 1994, 36f). Man kann also vielmehr von inszenierter Realität, als von der Abbildung der Realität sprechen. Wegener spricht hier von der „Auflösung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Spielfilm und Dokumentation“ (Wegener 1994, 11). Ein weiteres Merkmal der Reality TV- Sendungen ist die Laienoientierung. In der Regel wird in diesen Reality TV-Sendungen das Handeln von Personen gezeigt, die keine Schauspieler sind und - im Falle der Doku Soaps, die im weiteren Verlauf der Arbeit eine Rolle spielen - die in ihren natürlichen Umgebungen von einem Kamerateam aufgenommen wurden. Das Mitwirken dieser „normalen Menschen“ (Lücke 2002, 24) erfolgt freiwillig. Das Fernsehen bietet den ‚echten’, nichtprominenten Menschen (Real People) somit durch Reality TV eine Bühne. „Sie handeln, wie sie es aus ihrem Alltag gewohnt sind, allerdings unter den Bedingungen einer szenischen Inszenierung des Fernsehens“ (Schweer 2002, 30). Das Handeln geschieht zudem „in einem durch Fernseh- oder Filmteams veränderten sozialen Aktionsraum“ (Schweer 2002, 31). Die Zuschauer werden damit „in neuer Weise zu Akteuren“ (Lücke 2002, 37). Angela Keppler präzisiert, dass sie zu „Akteuren ihres eigenen Lebens - in der Hoffnung auf ideelle und soziale Gewinne“ (Keppler 1994, 7) werden.

Reality TV-Sendungen sind sehr erfolgreich und bescheren den jeweiligen Sendern hohe Einschaltquoten. Lothar Mikos begründet den Erfolg damit, „dass sie die lebensweltliche Perspektive und die subjektiven Lebenserfahrungen der Zuschauer stärker ins Blickfeld rücken“ (Lücke 2002, 23). Mit der Zeit haben sich zahlreiche Hybridgenre entwickelt, die Elemente und Handlungskonventionen aus anderen Genre übernehmen. Eines dieser Mischformate ist die Doku Soap. Sendungen dieser Programmform sind nach dem Prinzip fiktionaler Seriendramaturgien gestaltet. ‚Doku Soap’ selbst ist eine Neuschöpfung des Reality TV. Der Begriff setzt sich aus dem Begriff ‚Doku’ für Dokumentation und ‚Soap’ für soap opera, der Seifenoper, bzw. Serie, zusammen. „Inhaltlich stehen die alltäglichen Freuden und Probleme normaler Menschen im Vordergrund, diese sollen echt, authentisch und ohne Inszenierung wiedergegeben werden“ (Lücke 2002, 99). Dokumentationen sind zudem eine „Form der Auseinandersetzung mit der Realität“ (Heimbucher/Hörmann 1984, S. 14). Sie stellen Entwicklungen komprimiert dar und versuchen Aufmerksamkeit für bestimmte Themen zu erzeugen.

Zu dem Hybridgenre der Doku Soap gehören auch die sogenannten Coachingshows. Auch hier liegt die Hybridisierung vor, da sich die Coachingshow - auch ‚Supervisor- Format’ genannt - aus der Verbindung von Reality TV mit der Programmgattung der Ratgebersendung entwickelt hat. Information und Orientierung bilden hier Elemente der Unterhaltungsrezeption. ‚Realen’ Menschen wird hier ein Experte für bestimmte Sachverhalte zur Seite gestellt. Dieser Experte gibt Tipps und Hilfestellungen. Die Sendung dokumentiert, wie die jeweiligen Menschen die Tipps in ihrem Leben versuchen anzuwenden und in ihren Alltag einzubauen. Die Sendung setzt stark auf die Inszenierung durch Personalisierung und Emotionalisierung. Wegener spricht hier von einem „Konzentrat an Emotionen“ (Wegener 1994, 51), dass durch die Darstellung der ‚wahren’ Gefühle der Protagonisten/innen erzeugt wird. „Dem Zuschauer wird die Möglichkeit des sozialen Vergleichs mit dem Protagonistinnen [sic!] gegeben, sei es, dass er sich von ihr abgrenzt, sie ablehnt, Sympathie für sie empfindet oder sie sogar als Vorbild für die Bewältigung eigener Probleme heranzieht“ (Lücke 2002, 54). Doku Soaps zählen demnach zu dem, was Angela Keppler als ‚performatives Realitätsfernsehen’ (Keppler 1994) bezeichnet, denn diese stellen eine Bühne für nicht-alltägliche Inszenierungen dar, während sie in die Alltagswirklichkeit nicht- prominenter Personen eingreifen (vgl. Keppler 1994).

[...]


1 Realitätsflucht; in die medial vermittelten Scheinwelten entfliehen.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die filmische Darstellung von Kindern und Erwachsenen als Unterhaltung generierende Objekte am Beispiel der Doku-Soap „Die Super Nanny“
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Menschenversuche
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V198282
ISBN (eBook)
9783656244271
ISBN (Buch)
9783656246848
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmische Darstellung, Die Super Nanny, filmische Gestaltung, Filmanalytik
Arbeit zitieren
Sandra Garthaus (Autor), 2009, Die filmische Darstellung von Kindern und Erwachsenen als Unterhaltung generierende Objekte am Beispiel der Doku-Soap „Die Super Nanny“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198282

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