In der wissenschaftlichen Literatur wird eine Entwicklung der Umweltinteressenvertretung in den letzten Jahrzehnten von Protest hin zum Lobbyismus beschrieben (vgl. Rootes 2002: 51; Rootes 2007a: xif.; Rootes 2007c: 235; Rootes 2007b: 3; Rucht/Roose 2007: 80). In der vorliegenden Arbeit soll diese These auf ihre Gültigkeit hin für die Anti-Atomkraft-Interessensvetretung untersucht werden, da sich diese nicht ohne Weiteres in die allgemeine Umweltbewegung - hier verstanden als Individuen, Gruppen und Organisationen, die sich dem netzwerkartigen Zusammenhang der Bewegung zuordnen - einsortieren lässt. Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist trotz vieler Überschneidungen von der allgemeinen Umweltbewegung durch ihre häufig unabhängige Organisation abgrenzbar. Zwar wird das Thema Atomenergie auch von breit gefächert aktiven Umweltorganisationen behandelt, viele Aktivitäten werden allerdings von spezifischen, atomkraftkritischen Organisationen und Zusammenschlüssen getragen, die darüber hinaus nicht für den Umweltschutz arbeiten (vgl. Rucht 2008: 246f.; Brand/Stöver 2008: 220). Es erscheint deshalb durchaus möglich, dass die beobachtete Entwicklung nicht bzw. lediglich in geringem Umfang für die Anti-Atomkraftbewegung mit ihrer protestbetonten Geschichte zu bestätigen ist (vgl. Radkau 2011: 368-371).
Um dies herauszufinden, wurden zwei vergleichbar erscheinende Zeiträume zur näheren Betrachtung gewählt: das Jahr 1986 ab dem Nuklearunfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April und das Jahr 2011 ab dem Unfall im Kraftwerk Fukushima I, der am 11. März begann. Der Vergleichbarkeit wegen wird der Zeitraum nach dem Unglück von Tschernobyl auf die gleiche Anzahl an Tagen begrenkt, die zwischen der Katastrophe von Fukushima und dem Verfassen dieser Arbeit liegen, was konkret die Zeitspannen vom 26. April 1986 bis zum 5. Januar 1987 sowie vom 11. März bis zum 28. November 2011 bedeutet. Gewählt wurden diese, da es sich naheliegenderweise um besonders aktive Phasen der Anti-Atomkraft-Interessenvertretung handelt und ein Vergleich auf Grund der Ähnlichkeit der Situationen besonders gut möglich ist. Mit dieser Auswahl ist es unwahrscheinlich, zufälligerweise Phasen geringer Aktivität zu erwischen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Umweltinteressenvertretung
2.1. Die Entwicklung der Umweltinteressenvertretung
2.2. Zentrale Begriffe
2.2.1. Protest
2.2.2. Lobbying
3. Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich
3.1. Protest im Vergleich
3.2. Lobbying im Vergleich
4. Schluss
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politikwissenschaftliche These, dass sich die Umweltinteressenvertretung im Laufe der letzten Jahrzehnte von einer protestbetonten Bewegung hin zu einer stärker durch Lobbyismus geprägten Interessensvertretung entwickelt hat, am Beispiel der Anti-Atomkraft-Bewegung nach den Reaktorunfällen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011).
- Vergleich der protestbetonten Historie mit moderneren Lobbying-Formen
- Analyse medialer Berichterstattung zur Erfassung von Protestereignissen
- Untersuchung der personellen Verflechtungen von Abgeordneten mit Umweltverbänden
- Bewertung der Professionalisierung der Anti-Atomkraft-Bewegung
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Protest
Protest kann allgemein als Bekundung des Missfallens und des Nichteinverständnisses definiert werden (vgl. Schmidt 2010: 650) und von verschiedenen Akteuren, wie Individuen, Verbänden, Unternehmen oder ausländischen Regierungen ausgeübt werden (vgl. Blank 2002: 2). Man kann ihn unterteilen in konventionellen, demonstrativen und konfrontativen Protest sowie Angriffe auf Eigentum und Gewalt (vgl. Rucht/Roose 2007: 89).
Es gibt zwei Protestereignisanalysen zu Umweltprotesten, die beide eine breite Definition von Protest benutzen, die etwa Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Blockaden und Sachbeschädigungen einschließt: das PRODAT-Projekt und der TEA-Datensatz (vgl. Roose 2006: 39f.). Als Grundlage für die folgende Untersuchung wird auf die für das PRODAT-Projekt verwendeten Kategorien zurückgegriffen. Es handelt sich hierbei um Unterschriften, Petition, Resolution, Offener Brief, Pressekonferenz, Flugblatt,Versammlung, Teach-In, öffentliche Protestkundgebung, nicht-sprachlicher Protest, Demonstrationsmarsch, Verfahrenseinspruch, gerichtliche Klage, Verunglimpfung, Störung, Behinderung, Blockade, Sit-In, Streik, Besetzung, Diebstahl, Einbruch, (schwere) Sachbeschädigung, Anschlag, Plünderung, Handgemenge, Rempelei, Verletzung von Personen, Totschlag, Mord sowie Hungerstreik (vgl. Rucht 2010: 11f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die These der Entwicklung von Protest zum Lobbyismus ein und erläutert die Auswahl der Untersuchungszeiträume 1986 und 2011.
2. Umweltinteressenvertretung: Dieses Kapitel definiert den theoretischen Rahmen und die zentralen Begriffe, wobei besonders auf die Entwicklung der Umweltinteressenvertretung und die Methodik zur Erfassung von Protest und Lobbying eingegangen wird.
3. Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich: Der Hauptteil vergleicht die Protestaktivitäten mittels Medienanalyse und untersucht lobbyistische Verflechtungen anhand von Abgeordnetendaten aus den gewählten Zeiträumen.
4. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Gültigkeit der Ausgangsthese für die Anti-Atomkraft-Bewegung.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist ein systematisches Verzeichnis der in der Arbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen und Dokumente.
Schlüsselwörter
Anti-Atomkraft-Bewegung, Umweltinteressenvertretung, Protest, Lobbyismus, Tschernobyl, Fukushima, politische Interessen, Protestereignisanalyse, Interessenverbände, Professionalisierung, politische Partizipation, Erneuerbare Energien, Policy-Making, politische Kommunikation, Interessenvertretung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Anti-Atomkraft-Bewegung im Zeitverlauf – exemplarisch an den Perioden nach Tschernobyl und Fukushima – eine Wandlung vom Protest hin zum Lobbyismus vollzogen hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die soziologische Entwicklung der Umweltbewegung, die Definition von Protestformen sowie die Struktur und Strategie moderner Interessensvertretung gegenüber politischen Entscheidungsträgern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Überprüfung der These, dass sich die Umweltinteressenvertretung weg von Protesten hin zu institutionalisierten Lobbying-Aktivitäten entwickelt hat, angewandt auf die Anti-Atomkraft-Bewegung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Protestereignisanalyse auf Basis medialer Berichterstattung (Spiegel, taz) sowie eine empirische Untersuchung der Verbandszugehörigkeiten und Aktivitäten von Bundestagsabgeordneten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine vergleichende Analyse von Protestformen in den beiden Zeiträumen sowie eine detaillierte Untersuchung lobbyistischer Strukturen im Bereich erneuerbarer Energien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Anti-Atomkraft-Bewegung, Protest, Lobbyismus, Professionalisierung, politische Interessen und Interessensvertretung.
Welche Rolle spielt die taz im Vergleich zum Spiegel in dieser Untersuchung?
Die taz lieferte eine deutlich umfangreichere Berichterstattung zu den untersuchten Protesten, was einen direkteren Vergleich zwischen 1986 und 2011 ermöglichte, während der Spiegel eine eher rückläufige Thematisierung zeigte.
Was ist das zentrale Ergebnis bezüglich des Lobbyismus?
Der Lobbyismus erscheint insbesondere durch die Integration wirtschaftlicher Akteure aus dem Bereich der erneuerbaren Energien und die Vernetzung mit politischen Entscheidungsträgern als gestärkt.
- Arbeit zitieren
- Jana Wagner (Autor:in), 2011, Die Anti-Atomkraft-Interessenvertretung nach Tschernobyl und Fukushima im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198309