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Stigmatisierung und sprachliche Gewalt in Goethes "Faust I"

Titel: Stigmatisierung und sprachliche Gewalt in Goethes "Faust I"

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2010 , 22 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Anja Schäfer (Autor:in)

Germanistik - Linguistik
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Zusammenfassung Leseprobe Details

In und durch Sprache bestimmen wir, wer dazugehört und wer nicht. Die Sprache bestimmt, wie unsere Realität aussieht. Sie ermöglicht es uns, Außenseiter zu schaffen, indem wir solchen Individuen negative Eigenschaften „zusprechen“, ihnen die Ehre und Menschenwürde „absprechen“, und ihnen eine minderwertige Identität „zuschreiben“. Allein das Vokabular dieser Etikettierungen verweist schon auf den schöpferischen Charakter, die Handlungsmacht der Sprache. Wie all diese Prozesse sprachlicher Gewalt von statten gehen, d.h. wie durch die Handlungsmacht der Sprache Außenseiter geschaffen werden, soll im folgenden Teil zunächst allgemein, dann am Beispiel der Stigmatisierung Gretchens in Goethes „Faust I“ näher erläutert werden. Dieses Bürgermädchen wird von ihrer Gesellschaft als Hure etikettiert, verurteilt und ausgestoßen, weshalb auch diese spezielle Kategorisierung der Frauen vor ihrem linguistischsoziologischen Hintergrund untersucht werden soll.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stigma, Identität und Ehre

3. Stigmatisierung und sprachliche Gewalt

4. Stigmatisierung und gesellschaftliche Außenseiter

5. Die Stigmatisierung Gretchens in Goethes „Faust I“

5.1 Prostituierte und Huren in der frühneuzeitlichen Gesellschaft

5.2 Soziale Kontrolle durch Sprache

5.3 Gretchens Stigmatisierung als Hure

5.4 Folgen der Stigmatisierung

6. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der gesellschaftlichen Stigmatisierung am Beispiel der Gretchen-Figur in Goethes „Faust I“ und analysiert dabei, wie Sprache als Instrument der sozialen Kontrolle und Machtausübung zur Ausgrenzung von Individuen eingesetzt wird.

  • Soziologische Grundlagen von Stigmatisierung und Ehre
  • Die konstitutive Rolle von Sprache bei der Bildung von Außenseiter-Identitäten
  • Frühneuzeitliche Moralvorstellungen und deren Auswirkung auf das Frauenbild
  • Die Analyse der Stigmatisierung als „self-fulfilling prophecy“ anhand der literarischen Figur Gretchen

Auszug aus dem Buch

5.3 Gretchens Stigmatisierung als Hure

In Valentins Sterbemonolog wird nochmals deutlich, dass die Gesellschaft – die er hier repräsentiert - jede Form außerehelicher Sexualität mit Prostitution gleichsetzt. Die betroffene Frau wird stigmatisiert sobald der Verstoß bekannt wird und ihre Lebenschancen verringern sich damit dramatisch. In Valentins Sterbemonolog brandmarkt er die eigene Schwester vor den Augen der Mitbürger als Hure, da sie seine Ehre verletzt hat: „Du bist nunmal eine Hur‘ / So sei’s auch eben recht.“ (3730 f.). Durch diesen Verrat grenzt er sich ganz klar von ihr ab und stellt sich auf die Seite der Mehrheit, die unehelichen Geschlechtsverkehr nicht duldet. Er stürzt sie mit dieser Benennung, der Gretchen nicht entkommen kann, noch tiefer ins Unglück. Dabei ist er sich genau bewusst über die fatalen, perlokutionären Folgen seines Sprechaktes. Die Kategorisierung seiner Schwester schreibt ihr die soziale Identität einer Prostituierten zu, wodurch der selbstlaufende Prozess der zu Beginn geschilderten Stigma-Identitäts-Theorie in Gang gesetzt wird.

Valentins Etikettierung Gretchens als Hure wird Teil ihrer öffentlichen Identität, die wiederum bestimmte Erwartungshaltungen ihr gegenüber mit sich bringt. „Etiketten […] sind dazu gedacht, […] Personen von der übrigen Gesellschaft abzusondern […] indem ihre Verschiedenheit und gewöhnlich ihre Unterlegenheit hervorgehoben wird. Der Prozeß der verbalen Etikettierung ist besonders gefährlich, weil man leicht aus den Augen verliert, daß er das Ergebnis subjektiver, häufig willkürlicher Urteile ist und nicht auf einer objektiven Realität beruht.“44 Valentins Prädikation Gretchens hat also den perlokutionären Effekt, dass sein subjektives Urteil zur objektiven Realität wird, d.h. dass Gretchen von nun an nicht nur von ihm, sondern auch von allen anderen als Hure angesehen wird und als solche leben muss. Valentin fährt fort: „Geschehn ist leider nun geschehn, / Und wie es gehen kann, so wird’s gehen.“ (3734 f.).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Stigmatisierung als sozialen Prozess und Definition der zentralen Begriffe im Kontext von Sprache und Identitätszuschreibung.

2. Stigma, Identität und Ehre: Erläuterung der historischen Wurzeln des Stigma-Begriffs sowie Abgrenzung der Begriffe Ehre, Prestige und soziale Identität.

3. Stigmatisierung und sprachliche Gewalt: Untersuchung der Macht der Sprache, die Individuen durch Benennung und Kategorisierung diskreditieren und in eine deviante Rolle drängen kann.

4. Stigmatisierung und gesellschaftliche Außenseiter: Analyse, wie Mehrheitsgesellschaften ihre Ordnung durch die Ausgrenzung von Individuen sichern, die nicht dem vorherrschenden Ehrenkodex entsprechen.

5. Die Stigmatisierung Gretchens in Goethes „Faust I“: Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf das literarische Beispiel, insbesondere hinsichtlich der Rolle von Moral, sozialer Kontrolle und der verheerenden Wirkung von Etikettierungen.

6. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, welche die zerstörerische Kraft gesellschaftlicher Erwartungshaltungen und die Rolle der Sprache als Instrument der Stigmatisierung bekräftigt.

Schlüsselwörter

Stigmatisierung, Sprache, sprachliche Gewalt, Faust I, Gretchen, Ehre, soziale Kontrolle, Außenseiter, Identität, Diskriminierung, gesellschaftliche Ordnung, Moral, Etikettierung, Selbstbild, Vorurteil.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert den sozialen und sprachlichen Prozess der Stigmatisierung und zeigt auf, wie durch gesellschaftliche Etikettierungen Individuen zu Außenseitern gemacht werden.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Macht der Sprache, das Konzept der Ehre im Wandel der Zeit, soziale Ausgrenzungsmechanismen und die psychologische Wirkung von Stigmatisierung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gretchen in Goethes „Faust I“ durch sprachliche Gewalt zur Prostituierten etikettiert wird und wie dieser Prozess zwangsläufig zu ihrem sozialen und physischen Untergang führt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse kombiniert mit soziologischen und linguistischen Theorien, insbesondere zur Stigma-Identitäts-Theorie.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Stigma und Sprache sowie eine detaillierte Anwendung dieser Konzepte auf die Gretchentragödie.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Stigmatisierung, sprachliche Gewalt, Identitätskonstruktion und gesellschaftliche Normen definiert.

Welche Rolle spielt die Sprache im Prozess der Stigmatisierung von Gretchen?

Sprache fungiert als Instrument, das Gretchen durch Zuschreibungen wie „Hure“ ihre soziale Identität als Bürgerstochter abspricht und sie öffentlich stigmatisiert, was ihre Chancen auf eine gesellschaftliche Existenz vernichtet.

Wie erklärt die Arbeit den Kindsmord im Kontext der Stigmatisierung?

Der Kindsmord wird als verzweifelte Reaktion auf die drohende soziale Ächtung und die Unmöglichkeit, der stigmatisierten Identität zu entkommen, interpretiert.

Inwiefern ist Gretchens Ende als „rettend“ zu verstehen?

Die Arbeit deutet Gretchens Akzeptanz des Todes als bewussten Akt der Verantwortung an, durch den sie sich der Stigmatisierung entzieht und ihre Zugehörigkeit zur moralischen Ordnung wiederherstellt.

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Details

Titel
Stigmatisierung und sprachliche Gewalt in Goethes "Faust I"
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Anja Schäfer (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V198339
ISBN (eBook)
9783656247593
ISBN (Buch)
9783656248491
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stigmatisierung gewalt goethes faust
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Anja Schäfer (Autor:in), 2010, Stigmatisierung und sprachliche Gewalt in Goethes "Faust I", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198339
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Leseprobe aus  22  Seiten
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