Internationale Beziehungen: Eine Einführung


Hausarbeit, 2008

58 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Internationale Beziehungen – Worum geht es? Grundbegriffe und Akteure
2.1. Begriff, Gegenstand und Forschungsabsicht
2.2. Is There an Enduring Logic of Conflict in World Politics?
2.3. Geschichte des Peloponnesischen Krieges

3. Wozu Theorien Internationaler Beziehungen?
3.1. Hypotheses, Laws, and Theories
3.2. Funktionen einer Theorie

4. Idealismus und Realismus
4.1. Kants ewiger Frieden
4.2. Grundsätze des politischen Realismus

5. Neorealismus

6. Neo-Liberalismus
6.1. Kernannahmen einer liberalen Theorie der internationalen Politik
6.2. Die Theorie des Demokratischen Friedens – Eine statistische Analyse

7. Konstruktivismus
7.1. Anarchy is what states make of it
7.2. Das internationale System – Auf dem Weg zum Internationalstaat?

8. Appraising Progress in International Relations Theory

9. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

Stephen Van Evera: Causes of War

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beispiel eines Pfeildiagramms

1. Einleitung

Wie kann man Krieg und Frieden erklären? Wann kommt es zu Krieg, wann zu Frieden? Dies sind die fundamentalen Fragen, mit denen sich die politologische Teildisziplin „Internationale Beziehungen“ auseinandersetzt. Wirft man einen Blick auf die Menschheitsgeschichte so wird klar, dass diese Fragen nie an Bedeutung verloren haben und wohl auch nie an Bedeutung verlieren werden. Im Laufe der Geschichte haben die Menschen die Erde bevölkert und verschiedenen Kulturen geschaffen, die sich mitunter sogar über geographische Grenzen hinweg entwickelt haben. Geht man davon aus, dass sich Menschen nicht zuletzt aufgrund dieser Kulturvielfalt voneinander unterscheiden, dass sie unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und vor allem Wertvorstellungen haben, so müssen folgerichtig Interessensgegensätze zwischen Menschen, Kulturen und Staaten bestehen. Diese Gegensätze haben sich in der Vergangenheit nicht selten in grausamen Kriegen geäußert, in denen Menschen versucht haben, ihre Wertvorstellungen und Interessen durchzusetzen oder anderen zu oktroyieren. Nicht zuletzt die zwei großen Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts haben der Welt diesen Sachverhalt mehr als deutlich vor Augen geführt. Allerdings – und auch dies zeigt uns die Geschichte – ist es Menschen immer wieder gelungen, ihre Differenzen auf friedliche Art und Weise beizulegen. Mehr noch: über Jahre haben hinweg haben sich zwischen Staaten und Kulturen beständige Beziehungen herausgebildet, die durch Kooperation, gegenseitige Anerkennung und in einigen Fällen sogar durch Freundschaft gekennzeichnet sind.

Die Disziplin Internationale Beziehungen hat daher ein klares Ziel. Sie möchte erklären, warum Konflikte einerseits zu Krieg, andererseits zu friedlicher Kooperation führen können. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, sind, speziell im letzten Jahrhundert, verschiedene Theorien bzw. theoretische Ansätze entwickelt worden, die im Rahmen dieser Arbeit vorgestellt werden. Ziel der Arbeit ist es, eine Einführung in das Thema „Internationale Beziehungen“ sowie einen Überblick über die verschiedenen Theorien der Teilsdisziplin zu geben.

Hierzu wird zunächst geklärt, was unter Internationalen Beziehungen überhaupt zu verstehen ist. Was sind die grundlegenden Begriffe, wer sind die entscheidenden Akteure? Bevor dann auf die einzelnen Theorien eingegangen wird, widmet sich die Arbeit der Frage wozu die Wissenschaft bzw. die Teildisziplin Internationale Beziehungen überhaupt Theorien benötigt. In diesem Abschnitt wird geklärt, was man unter einer Theorie versteht und welche Funktionen Theorien üblicherweise erfüllen. Anschließend werden fünf Theorien der Internationalen Beziehungen vorgestellt: Idealismus und Realismus, Neorealismus, Neo-Liberalismus sowie abschließend der Konstruktivismus. Dabei werden die Kernannahmen der einzelnen Theorien vorgestellt und teilweise mit den Grundannahmen ihrer „Wettbewerber“ verglichen. Abschließend wird in Kapitel 8 erörtert, wie Theorien zu bewerten sind bzw. wie man theoretischen Fortschritt auf dem Feld der Internationalen Beziehungen im Allgemeinen bewerten kann. Ferner wird ein Überblick über den jeweiligen Forschungsstand einiger Theorieansätze gegeben.

2. Internationale Beziehungen – Worum geht es? Grundbegriffe und Akteure

2.1. Begriff, Gegenstand und Forschungsabsicht

Bei internationalen Beziehungen handelt es sich vereinfacht ausgedrückt um grenzüberschreitende Interaktionen zwischen Staaten. Der Begriff „Internationale Beziehungen“ wird allerdings in zweierlei Hinsicht verwendet. Zum einen bezeichnet er einen Gegenstand, zum anderen die politologische Teildisziplin Internationale Beziehungen. Bezüglich dieser doppelten Verwendung ist es sinnvoll und praktisch, den Begriff lediglich zur Bezeichnung der wissenschaftlichen Disziplin zu gebrauchen. Kommt man zum Gegenstand des Begriffs, so spricht man dann von internationalen Beziehungen, wenn sich über einen längeren Zeitraum zwischen Staaten bestimmte Interaktionsmuster entwickelt haben. Die beiden entscheidenden Begriffe, die den Gegenstand der Internationalen Beziehungen ausmachen, sind die Begriffe internationale Politik und Außenpolitik . Während sich der Begriff internationale Politik auf konkrete Interaktionen zwischen Staaten bezieht, handelt es sich bei Außenpolitik um Aktionen, die den außenpolitischen Kurs eines Staates festlegen. Erst durch diese Aktionen – die Außenpolitiken einzelner Staaten – kommen letztlich Interaktionen zwischen den Selbigen zu Stande. Die Disziplin der Internationalen Beziehungen muss beide Komponenten berücksichtigen, da sowohl die entsprechenden Verhandlungsmuster zwischen Staaten, als auch die konkreten außenpolitischen Entscheidungen, welche diesen vorausgehen, von Bedeutung sind. Es bietet sich daher an, den Begriff der Internationalen Beziehungen hinsichtlich seines Gegenstandes als übergeordneten Begriff zu verwenden, der die Analyse internationaler sowie auswärtiger Politik einschließt (vgl. Czempiel 2004: 3f.).

Aufgrund des Fehlens einer allgemein gültigen und verbindlichen Definition des Politikbegriffs ist es schwierig zu sagen, was alles in den Bereich der Internationalen Beziehungen fällt bzw. was von diesem abzugrenzen ist. Durchaus sinnvoll ist es, den Politikbegriffs Eastons um die internationale Dimension zu erweitern (vgl. ebd.: 6). Demnach handelt es sich beim Gegenstand der Disziplin internationaler Beziehungen um die „ autoritativ (herrschaftlich) oder über den Modus der Macht erfolgende Verteilung (und Erzeugung) von Werten in den Sachbereichen Sicherheit, Wohlfahrt, Herrschaft, die vom Politischen System oder von gesellschaftlichen Akteuren (…) innerhalb der internationalen Umwelt vorgenommen wird “ (Czempiel 1986: 30, Herv. d. Verf.). Eine solche Definition ist daher adäquat, da sie es vermag, verschiedene Phänomene und Sachverhalte, die von den Prozessen der Globalisierung, über den zunehmenden Bedeutungsgewinn internationaler Regime und Organisationen bis hin zum internationalen Terrorismus reichen, zu erfassen. Sie ermöglicht eine verhältnismäßig scharfe Abgrenzung des Gegenstandsbereichs (vgl. Czempiel 2004.: 6f.).

Wie jeder Wissenschaft, so liegt auch der Teildisziplin „Internationale Beziehungen“ eine bestimmte Forschungsabsicht zugrunde, welche die wissenschaftliche Arbeit leitet. Das Erkenntnisinteresse bezieht sich vor allem darauf, wie Konflikte zwischen zwei oder mehreren international handelnden Akteuren gelöst werden bzw. gelöst werden könnten. Von Frieden kann dabei erst gesprochen werden, wenn die Austragung eines Konflikts bereits über einen längeren Zeitraum ohne organisierte militärische Gewaltanwendung stattfindet und eine solche auch in absehbarer Zeit nicht als Mittel zum Zweck der Konfliktlösung zu erwarten ist. Die internationale Politik, ebenso die Außenpolitik, muss daraufhin untersucht werden, ob sie durch die Zuweisung von Werten die Erhaltung und Entfaltung des Einzelnen auf den fundamentalen Politikgebieten Sicherheit, wirtschaftliche Wohlfahrt und Herrschaft gewährleistet. Für die Politologie stellt sich also die Frage, wie internationale und auswärtige Politik das Individuum in seinem Dasein auf den drei genannten Feldern tangieren. Hierbei ist zu beobachten, dass sich unterschiedliche Politiken in verschiedener Art und Weise auf das Leben eines Individuums auswirken können (vgl. ebd.: 8).

Der Gegenstand internationaler Beziehungen zeichnet sich ferner durch einen hohen Grad an Komplexität aus, der sowohl Wissenschaftler, als auch politisch oder gesellschaftlich handelnde Akteure vor große Herausforderungen stellt. Der Politikwissenschaft ist es bisher nicht gelungen, entsprechende Methoden und Analyseinstrumente zu entwickeln, um dieser Komplexität ausreichend zu begegnen. Besonders die Suche nach einem adäquaten Modell, welches die bestehende Weltordnung sowie die zentralen Akteure der Internationalen Beziehungen sinnvoll integriert, gestaltet sich äußerst schwierig (vgl. ebd.: 9).

Wie in beinahe allen Wissenschaftsdisziplinen haben sich auch im Bereich der Internationalen Beziehungen verschiedenen Denkschulen entwickelt, die jeweils eigenen Ansätzen folgen und unterschiedliche Modelle zur Erklärung internationaler Phänomene heranziehen. Dabei ist vor allem auf den Konflikt zwischen Realisten und Idealisten zu verweisen, der die wissenschaftliche Diskussion maßgeblich geprägt hat (vgl. ebd.: 5). Der traditionelle Realismus baut in seinen Überlegungen auf dem Modell einer Staatenwelt auf. Entsprechend dieses Modells, sind auch nur Staaten bzw. deren politische Systeme als Akteure auf dem Parkett des internationalen Systems zu verstehen, während gesellschaftliche Akteure nicht als solche betrachtet werden. Diese Vernachlässigung stellt einen Hauptkritikpunkt am realistischen Ansatz dar. Die Liberale Schule hat diese Verkrustungen aufgebrochen. Zwar werden auch im Liberalismus die politischen Systeme als wichtigste Akteure angesehen, doch integriert der liberale Ansatz auch zahlreiche weitere bedeutsame Akteure, wie internationale Organisationen, NGOs, internationale Großkonzerne oder international operierende Terroristen. Ein äußerst bedeutender Beitrag, den die Liberale Schule geliefert hat, bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen Herrschaftssystem und Außenpolitik. Dabei kann mit relativ gesicherter Erkenntnis gesagt werden, dass die Form der Außenpolitik vom geltenden Herrschaftssystem abhängt, dass demokratische Länder beispielsweise eine – zumindest untereinander – friedliche Außenpolitik pflegen. Ein Modell internationaler Beziehungen muss aber, gerade in der heutigen Welt, neben den Staaten auch die gesellschaftlichen Akteure berücksichtigen, welche auf internationaler Ebene zu eigenen Aktionen fähig sind (vgl. ebd.: 9-12).

Internationale Politik ergibt sich einerseits aus der wiederholten Interaktion zwischen Akteuren des internationalen Systems, die auf Konfliktbearbeitung abzielt. Andererseits werden die Handlungsbedingungen der politischen Akteure durch Strukturmerkmale des internationalen Systems festgelegt. Dessen anarchische Struktur führt bei den einzelnen Akteuren zu einer permanenten Unsicherheit über das Verhalten des jeweils anderen und damit zu ständigem Misstrauen, was als „Sicherheitsdilemma“ bezeichnet wird. Selbst wenn ein Staat in Verhandlungen angibt, nur zum Zwecke der Verteidigung aufzurüsten, kann sich der Verhandlungspartner bedroht fühlen, da er über das Handeln des anderen weder vollständig informiert, noch vollkommen sicher sein kann. Diesem Sicherheitsdilemma könnte wohl lediglich durch die Einbindung von Staaten in eine Art Staatengemeinschaft oder Weltgemeinschaft begegnet werden. Internationale Regime wie die OSZE haben das Potential solcher Zusammenschlüsse bereits aufgezeigt (vgl. ebd.: 13).

Im Bereich der Internationalen Beziehungen müssen Konflikte in erster Linie als Differenzen zwischen verschiedenen Positionen verschiedener Akteure betrachtet werden. In den beiden extremsten Fällen können diese Konflikte durch Kompromisse und Kooperationen auf der einen Seite oder durch die gewaltsame Auseinadersetzung in Kriegen auf der anderen Seite ausgetragen und schließlich gelöst werden. Fortschritt in der internationalen Politik bedeutet allerdings nicht das Beseitigen von Konflikten, sondern deren gewaltloses Austragen (vgl. ebd.: 13). Bezüglich der Außenpolitik von Staaten ist besonders das Herrschafts- und Wirtschaftssystem eines Landes bedeutsam, das wiederum den Handlungsrahmen der politischen Akteure absteckt. Das zentrale Instrument der internationalen und auswärtigen Politik ist die Macht. Dabei wird Macht als Fähigkeit den eigenen Willen gegenüber anderen internationalen Akteuren durchzusetzen definiert. Können neben dem Staat auch andere Akteure Macht ausüben, so hebt sich dieser durch sein Gewaltmonopol ab, welches ihm die alleinige Möglichkeit einräumt, militärisch aktiv zu werden. Gewaltpolitik zielt in der Regel immer darauf ab, Macht zu demonstrieren. Die Begriffe Macht und Gewalt müssen allerdings getrennt betrachtet werden (vgl. ebd.: 18f.).

Die Teildisziplin der Internationalen Beziehungen steht aufgrund der Ereignisse der letzten 30 Jahre (Ende des Ost-West-Konflikts, gestiegenes Demokratieinteresse etc.) sowie den sich aktuell vollziehenden Prozessen (etwa der Wandel von einem bipolaren zu einem multipolaren Staatensystem) weiterhin vor gewaltigen Aufgaben. So ist nach Ende des Kalten Krieges das Bedürfnis nach Sicherheit dem Drang wirtschaftlichen Aufstiegs (speziell in den sog. Schwellenländern) gewichen, womit wirtschaftliche Akteure und deren Rolle im Gefüge internationaler Beziehungen immer bedeutender werden. Die Prozesse der Konfliktaustragung sind dabei besonders vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierung zu durchleuchten. Des Weiteren rücken internationale Organisationen und deren Möglichkeiten zur Konfliktverarbeitung vermehrt ins Zentrum des politologischen Interesses (vgl. ebd.: 22f.).

2.2. Is There an Enduring Logic of Conflict in World Politics?

Die Disziplin Internationale Beziehungen muss bei den zu bewältigen Aufgaben einen Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart hinbekommen. Berechtigt ist die Frage, inwieweit die Politologie hierbei von Erfahrungen aus der Geschichte zur Erklärung gegenwärtiger Phänomene profitieren kann. Tatsächlich zeigt sich, dass einige Phänomene die Zeit überdauert haben und schon bei Thukydides und seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges anzutreffen sind. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen für international handelnde Akteure im Laufe der Zeit erheblich verändert. Die Aufgabe für Politologen der Internationalen Beziehungen ist es, traditionelle Theorien an die Gegenwart anzupassen. Dabei müssen Phänomene und Sachverhalte, die eine historische Kontinuität aufweisen ebenso berücksichtigt werden, wie ein sich vollziehender oder abzeichnender Wandel (vgl. Nye 2007: 2). Ein internationales System, das anarchisch ist, wie es für die heutige Staatenwelt häufig proklamiert wird, gab es beispielsweise nicht zu jeder Zeit. Man denke an den Imperialismus zur Zeit des Römischen Reiches oder an die Feudalsysteme. Charakteristisch für ein anarchisches System ist das Fehlen einer übergeordneten Instanz, etwa in Form einer Weltregierung. In diesem System hat keiner der Staaten das alleinige Machtmonopol, was zu stetigem Misstrauen und Unsicherheit führt. Der Begriff der internationalen Politik ist daher eindeutig vom Begriff der Innenpolitik zu trennen, wo klare Strukturen bezüglich Recht, Ordnung und Macht herrschen (vgl. Nye 2007: 3f.). Wie bereits angedeutet, gibt es mehrere Denkschulen der Internationalen Beziehungen. Der Realismus sieht Krieg und den Gebrauch von Macht als zentrales Problem internationaler Politik an. Ausgehend vom anarchischen System besteht internationale Politik für einen Realisten aus der Interaktion einzelner Staaten, welche gleichzeitig die einzigen Akteure internationaler Politik darstellen. Der Liberalismus hingegen sieht die Welt als eine Art globale Gemeinschaft, die sich parallel zu den existierenden Staaten herausgebildet hat und den Handlungskontext innerhalb der internationalen Politik mitbestimmt (vgl. ebd.: 4f.). Neben diesen beiden großen Denkschulen gibt es allerdings noch weitere theoretische Ansätze, wobei vor allem auf den Konstruktivismus hingewiesen werden muss (vgl. ebd.: 7f.).

Um Theorien der Internationalen Beziehungen entwickeln zu können, müssen deren Akteure ( actors ), ihre Zielvorstellungen ( goals ) sowie die dazugehörige Mittel ( instruments ) erfasst werden, die mit internationaler Politik zusammenhängen. Bei den Akteuren ist dabei ein Zuwachs nichtstaatlicher Akteure (z.B. Das Rote Kreuz, Amnesty International oder transnationale Konzerne) zu beobachten, was einen zentralen Unterschied zu früheren Zeiten darstellt. Bezüglich der Ziele internationaler Politik sind neben rein militärpolitischen Sicherheitsvorstellungen – früher absolut dominierend – Bedürfnisse wie wirtschaftliche Wohlfahrt und ökologische Sicherheit getreten. Auch bei der Mittelwahl stehen heute neben dem Einsatz militärischer Gewalt, früher das einzige Instrument internationaler Politik, weitere zahlreiche Optionen zur Verfügung, die von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, neuen Kommunikationstechnologien bis zur Zusammenarbeit in internationalen Organisationen reichen. Diese Veränderungen, die im Laufe der Zeit entstanden sind, haben das Feld der Internationalen Beziehungen noch komplexer gemacht (vgl. ebd.: 8-11). Dennoch bleibt der Bereich der Sicherheitspolitik, sofern man ihn im Kontext weltpolitischer Überlegungen betrachtet, das dominierende Thema mit dem weiterhin die zentralen Probleme, wie Konflikte und Kriege bzw. deren Austragung und Lösung zusammenhängen. Konflikte und Konfliktaustragungen ziehen sich in ihrem Wesensgehalt wie ein roter Faden durch die menschliche Geschichte. Der Peloponnesische Krieg (431-404 v. Chr.) kann der Politikwissenschaft noch heute als adäquates Beispiel für die zentralen Probleme internationaler Politik dienen. Bei allem Wandel muss also eine Kontinuität der Ereignisse konstatiert werden, die sich auf internationaler Ebene abspielen.

So wird zur Erklärung des Peloponnesischen Krieges beispielsweise das oben bereits erwähnte Sicherheitsdilemma herangezogen, welches charakteristisch für ein anarchisches System ist. Da sowohl die Athener, wie auch die übrigen Akteure, allen voran die Spartaner, in einem solch anarchischen System verhaftet waren, können Prozesse, die sich bereits vor ca. 2.500 Jahren abspielten, auch auf heutige Phänomene übertragen werden. Unter den Bedingungen eines anarchischen Systems führt die Verstärkung der eigenen Sicherheitsbemühungen bei den anderen Akteuren zu steigender Furcht und stetigem Misstrauen, weswegen die Situation insgesamt nicht sicherer sondern unsicherer wird. Einen weiteren Ansatz, um den Peoponnesischen Krieg erklären zu können, stellt das „Gefangenendilemma“ dar. Dessen strukturelles Grundproblem bezieht sich auf das rationale Handeln einzelner Akteure. Demnach wird man stets so handeln, dass man für sich selbst das optimale Resultat herausholt. Im Falle von Konflikten, wo zwei oder mehrere Akteure für sich das beste Ergebnis wollen, kann dieses Verhalten jedoch das genaue Gegenteil, nämlich ein für beide Seiten schlechtes Ergebnis bewirken. Auch Kooperation wird unter diesen Bedingungen nur schwer möglich, da weiterhin ein Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsdefizit besteht. Robert Axelrod, der dieses Dilemma am Computer simulierte kam zur Erkenntnis, dass Akteure den Sinn einer Kooperation, ein für beide Seiten akzeptables Ergebnis, erst im Zeitverlauf erlernen. Allerdings warnt er, dass Kooperation als wirkungsvolle Strategie erst gelernt werden kann, wenn die Akteure auch wirklich die Chance haben, das Spiel bzw. den Konflikt über einen langen Zeitraum auszutragen. Die Frage, die schon für den Peleponnesischen Krieg und dessen Analyse galt, warum Akteure, Staaten oder Mächte nicht miteinander kooperieren, bleibt also nach wie vor virulent. Diese Problematik hat konsequenterweise dazu geführt, dass Erklärungsansätze wie das Gefangendilemma entwickelt wurden (vgl. ebd.: 15f.). War der Peloponnesische Krieg vom Standpunkt des Sicherheitsdilemmas aus gesehen sehr wahrscheinlich, wurde er unter den Bedingungen des Gefangenendilemmas unausweichlich (vgl. ebd.: 19). Die verschiedenen Ansätze liefern der Politologie somit durchaus Erkenntnisse, unter welchen Umständen mit einem Krieg gerechnet werden kann.

Eine weitere Thematik, die die Disziplin der Internationalen Beziehungen nicht ignorieren darf ist die Frage, welchen Platz Ethik und Moral innerhalb der internationalen Politik einnehmen. Übergeordnet geht es um die Frage, wie im internationalen System Recht (bzw. Gerechtigkeit) und Ordnung hergestellt werden können. Dabei spielt die Ethik in der internationalen Politik im Vergleich zur Innenpolitik eine weitaus weniger wichtige Rolle, da im Gefüge der internationalen Politik eine gemeinsame Grundlage an Werten und Normen nicht in ausreichendem Maße gewährleistet ist. Auch bezüglich ethischer und moralischer Fragen haben sich verschiedene Sichtweisen herausgebildet. Während Skeptiker der Moral innerhalb der internationalen Beziehungen keinerlei Bedeutung beimessen, betonen Moralisten, dass unter den Staaten der Welt sehr wohl gewisse Regeln vorhanden seien. Besonders die Achtung staatlicher Souveränität wird von ihnen hervorgehoben. Cosmopolitans schließlich argumentieren, dass menschliche Individuen als solche, unabhängig von staatlicher Zugehörigkeit, gemeinsame Werte teilen, die über Ländergrenzen hinweg reichen und daher zu berücksichtigen sind (vgl. ebd.: 23-27). Aufgrund der Unterschiede zwischen internationaler, auswärtiger und innerstaatlicher Politik ist es schwierig, moralische Kategorien in die Internationalen Beziehungen zu integrieren. Sie komplett zu ignorieren ist allerdings falsch (vgl. ebd.: 27).

Zurück zum Beispiel des Peloponnesischen Krieges. Es macht deutlich, dass spezifische Probleme über Jahrhunderte hinweg beständig wiederkehren. Die Disziplin der Internationalen Beziehungen kombiniert daher geschichtliches und theoretisches Wissen. Kontinuität und Wandel müssen hierbei Rechnung getragen werden, was letztendlich hilft, Geschichte und Gegenwart besser verstehen zu können (vgl. ebd.: 28).

2.3. Geschichte des Peloponnesischen Krieges

In seiner Erzählung über den Peloponnesischen Krieg schildert Thukydides (1962: 249-255) die Verhandlungen zwischen Athen und Melos im sechzehnten Jahr des Krieges. Nachdem Melos, ein von Sparta gegründeter Ort, zunächst eine neutrale Position im Konflikt zwischen Athen und seinen Feinden (insbesondere Sparta) eingenommen hatte, erklärten sich die Melier zu den Feinden Athens, nachdem diese angekündigt hatten, Melos der athenischen Herrschaft zu unterwerfen. Bevor es allerdings zum Krieg zwischen Melos und Athen kommt, finden Verhandlungen zwischen den Gesandten Athens und dem Adligen Rat sowie den Behörden Melos’ statt.

Die Athener beginnen die Verhandlungen mit dem Argument, dass es ein allgemein bekanntes Recht sei, dass der Schwächere – in diesem Fall die Melier – sich dem Stärkeren unterzuordnen habe und dass der Überlegene dies auch stets zu verwirklichen suche. Dass die Melier die Athener auf die Gefahr eines Angriffes hinweisen, wird von den Athenern weitgehend als Sache Athens abgetan. Vielmehr erneuern sie gegenüber den Meliern ihr Angebot, Melos durch die Unterwerfung Athens vom Krieg zu erretten. Im Folgenden entflammt eine Debatte über den Sinn dieses Unterfangens. Die Melier stellen dabei die Frage, was ihnen der Verlust der Freiheit, der mit einer Unterordnung verbunden wäre, brächte. Daraufhin erklären die Gesandten Athens, dass den Meliern so entsetzliches Leid und Vernichtung erspart bliebe. Das Angebot der Melier, sich weiterhin neutral und nicht feindschaftlich gegenüber Athen zu verhalten, wird von deren Vertretern abgelehnt. Der Herrschaftsgewinn durch die Einverleibung der Insel Melos so argumentieren sie, brächte der Seemacht Athen weitere Sicherheit. Von der anderen Seite wird eingeworfen, ob der Vorschlag neutral zu bleiben für Athen nicht auch ein Mehr an Sicherheit bedeute. Dies wird von athenischer Seite zurückgewiesen, indem auf die Bedeutung der Inseln für die Seemacht Athen hingewiesen wird. Die Athener argumentieren weiter, dass die Melier besonnen handelten, würden sie sich dem klar Überlegenen nicht in den Weg stellen. Ein Kampf der Ehre sei die Angelegenheit ihrer Meinung nach ohnehin nicht. Die Melier entgegen allerdings, dass ein umgehendes Nachgeben im Sinne des athenischen Vorschlags für sie bedeute, die Hoffnung auf Freiheit letztlich zu begraben. Sie bekunden darüber hinaus ihre Zuversicht, in Not Beistand durch die Spartaner zu erfahren, da diese ihre Gründung nicht ohne weiteres preisgeben würden. Die Athener warnen die Melier, dass es äußerst unvernünftig sei auf die Hilfe Spartas zu setzen. Sie appellieren ein letztes Mal an die Melier doch Vernunft (zumindest Vernunft aus ihrer Sicht) walten zu lassen. Durch eine Unterwerfung unter athenische Herrschaft würden sie Verbündete, hätten lediglich eine Steuer zu entrichten und würden damit ihr Land letztendlich vor der Vernichtung retten. Mit diesem letzten Appell ziehen sich die Athener aus den Verhandlungen zurück und warten auf die Entscheidung der Melier. Diese lehnen eine Unterwerfung ab und schlagen ihrerseits vor mit den Athenern einen Vertrag zu schließen, in dem die neutrale Rolle der Melier festgeschrieben stünde. Athen lehnt ebenfalls ab und erklärt Melos den Krieg, an dessen Ende die Athener Melos besiegten, alle erwachsenen Melier hinrichteten und Frauen und Kinder der Sklaverei hingaben.

Die Verhandlungen zwischen Athen und Melos bestätigen die oben bereits aufgezeigte Problematik, die sich aus der anarchischen Struktur eines internationalen Systems ergibt. Durch das Fehlen einer übergeordneten Instanz kommt es zum bereits mehrfach angesprochenen Sicherheitsdilemma. Die Athener können sich keinesfalls sicher sein, dass die Melier trotz der Versicherung neutral zu bleiben, nicht doch ein Bündnis mit den Spartanern eingehen. Kein international geltendes Recht kann sicherstellen, dass etwaige Absprachen oder Verträge eingehalten werden, die Verhandlungen werden ausschließlich auf der Basis gegenseitigen Vertrauens geführt. Des Weiteren fällt bei Durchleuchtung der jeweiligen Argumente auf, dass der Ausgang der Verhandlungen praktisch festzustehen scheint. Während die Athener im Laufe der Verhandlungen niemals von ihrem Standpunkt abrücken Melos zu unterwerfen bzw. gegebenenfalls zu zerstören, machen die Melier ihrerseits keine Anstalten sich der Unterdrückung hinzugeben, sondern pochen auf Freiheit und Neutralität. Eine Lösung, die den eigenen Argumenten nicht entspricht, kommt am Ende für keinen der Verhandelnden in Frage, womit jedwede Art der Kooperation ausscheidet. Der Krieg als Mittel der Konfliktaustragung wird somit unausweichlich.

Thukydides’ Erzählung des Peloponneischen Krieges hat der Politikwissenschaft wichtige Erkenntnisse geliefert und kann nach wie vor als adäquates Beispiel zur Erklärung der Problematik internationaler Konflikte herangezogen werden

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Internationale Beziehungen: Eine Einführung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
58
Katalognummer
V198354
ISBN (eBook)
9783656245964
ISBN (Buch)
9783656250449
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internationale, beziehungen, eine, einführung
Arbeit zitieren
Martin Armbruster (Autor), 2008, Internationale Beziehungen: Eine Einführung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198354

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