Nach Einschätzungen der Weltgesundheitsbehörde (WHO, 2000) zählt die Depression weltweit zu den häufigsten und schwerwiegendsten Gesundheits-problemen und ist die kostenaufwändigste aller psychischen Erkrankungen in den Vereinigten Staaten. Im Jahre 1998 betrugen die durch Depressionen verursachten Kosten alleine 30,4 Milliarden US-Dollar (vgl. Rice & Miller, 1998) und 36 Milliarden Euro für affektive Störungen in Deutschland (Andlin-Sobocki et al., 2005).
Bis vor drei Jahrzehnten war man davon überzeugt, dass eine Depression bei Kinder und Jugendliche, aufgrund unzureichender kognitiven Reife, nicht existiert oder wenn nur sehr selten auftritt. Forschungsarbeiten der letzten 15 Jahren be-legen, dass depressive Störungen auch im Jugendalter weitaus häufiger anzu-treffen sind als bisher angenommen und die Phänomenologie sich kaum von denen der Erwachsenen unterscheidet. Heute gibt es keinen Zweifel mehr über die Existenz von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, was sich in den aktuellen Fassungen der psychiatrischen Klassifikationssysteme International Classification of Mental and Behavioural Disorders ICD-10 (WHO, 1992) und Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders DSM-IV (APA, 1994) widerspiegelt, in denen die Depression unter der Rubrik „affektive Störungen“ aufgeführt wird.
Depressionen im Kindes- und Jugendalter erscheinen in vielen Studien und Statistiken als eine der häufigsten aller psychischen Erkrankungen. Laut der Er-gebnisse der Bremer Jugendstudie berichtete fast jeder fünfte Jugendliche von depressiven Episoden, die in vielen Fällen auch ein bis zwei Jahren andauerten oder wieder auftraten (vgl. Essau et al., 1999).
Oft persistiert die Erkrankung bis in das Erwachsenenalter hinein und geht mit erheblichen Komplikationen und psychischen Beeinträchtigungen einher. Erschwerend für die Erkennung und Diagnosestellung bei Kindern und Jugendlichen ist die entwicklungsabhängige Symptomatik und die Häufung von komorbiden Störungen, wie zum Beispiel Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung, Lern- und Essstörungen, dissoziale Verhaltensauffälligkeiten und Drogenkonsum.
Probleme in der Schule, Schulversagen und Schulverweigerung oder aggressives und delinquentes Verhalten überdecken oft eine dahinter liegende Depression, was zu Folge hat, dass die eigentliche Ursache der Problematik unbehandelt bleibt, oder in falscher Form, aufgrund der in den Vordergrund getretenen komorbiden Störung therapiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen der Depression
1.1 Zur Geschichte der Depression im Kindes- und Jugendalter
1.2 Beschreibung des Störungsbildes
1.3 Begriffserklärung und Symptomatik
1.4 Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen
1.5 Entwicklungsspezifische Symptomatik
1.6 Klassifikation
2 Depressive Störungen und ihr Erscheinungsbild
2.1 Begriffserklärung
2.2 Major Depression
2.3 Dysthyme Störung
2.4 Nicht näher bezeichnete depressive Störungen
2.5 Bipolare Störungen
2.6 Andere affektive Störungen im DSM-IV
3 Depressionsdiagnostik
3.1 Definition
3.2 Einleitung
3.3 Exploration und Anamnese
3.3.1 Definition
3.3.2 Beschreibung
3.3.3 Explorationsgespräch
3.4 Verhaltensbeobachtung
3.5 Verhaltensanalyse
3.6 Testdiagnostik
3.6.1 Selbst- und Fremdbeurteilungsfragebogen
3.6.2 Interviewverfahren
3.6.3 Projektive Verfahren
3.7 Psychosoziale Belastungen und Beeinträchtigungen
3.8 Psychologische Untersuchung
3.9 Differentialdiagnostik
4 Epidemiologie
4.1 Begriffserklärung
4.2 Prävalenz depressiver Störungen
5 Komorbidität
5.1 Alters- und geschlechtsspezifische Komorbidität
6 Suizidalität
6.1 Begriffserklärung
6.2 Prävalenz
6.3 Geschlechterunterschiede
7 Erklärungsansatze und Risikofaktoren
7.1 Erklärungsansätze
7.2 Biologische Faktoren
7.3 Neurobiologische Dysfunktion
7.4 Risikofaktoren
7.4.1 Familiäre und soziale Risikofaktoren
7.5 Psychologische Erklärungsmodelle
7.5.1 Das kognitive Modell der Depression von Beck
7.5.2 Das kognitive Modell der Depression nach Seligmann
7.5.3 Die Verstärker-Verlust Theorie nach Lewinsohn
8 Intervention
8.1 Grundlagen der kognitiven Verhaltenstherapie
8.2 Kognitive Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen
8.2.1 Effektivität
8.3 PASCET Primary And Secondary Control Enhancement Training
8.3.1 Effektivität
8.4 IPT – Interpersonale Psychotherapie
8.5 Familientherapie
8.6 Pharmakotherapie
9 Prävention
9.1 Begriffserklärung
9.2 Universelle, selektive und indizierte Prävention
9.2.1 Selektive versus universelle Prävention
9.3 Probleme der Präventionsforschung
9.4 Stand der Präventionsforschung
9.5 Die Bedeutung von Präventionsprogrammen bei Depressionen
10 Präventionsprogramme von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
10.1 LARS&LISA Trainingsprogramm von Depressionen bei Jugendlichen Lust an realistischer Sicht & Leichtigkeit im sozialen Alltag
10.1.1 Effektivität
10.2 CWD-A – Adolescent Coping With Depression Course
10.2.1 Effektivität
10.3 Stimmungsprobleme bewältigen
10.3.1 Effektivität
10.4 PSLF – Problem Solving for Life
10.4.1 Effektivität
10.5 PPP – Penn Privention Program
10.5.1 Effektivität
10.6 RAP-A – Resourceful Adolescent Program-Adolescent
10.6.1 Effektivität
10.7 IPPDJ – Interpersonelles Präventionsprogramm gegen Depression im Jugendalter
11 Präventionsprogramme von Depression und Angst
11.1 FREUNDE für Kinder Trainingsprogramm zur Prävention von Angst und Depression
11.1.1 Effektivität
11.2 “Probleme kann ich lösen” Präventionsprogramm bei Ängsten und Depressionen
11.3 GO! Gesundheit und Optimismus Trainingsprogramm für Jugendliche
11.3.1 Effektivität
11.4 PRP – Penn Resiliency Program
11.4.1 Effektivität
12 Präventionsprogramme bei depressiver Erkrankung eines Elternteiles
12.1 Preventive Intervention Project
12.1.1 Effektivität
12.2 EFFEKT-E „Eltern und Kinder Training für Familien mit emotionaler Belastung“
12.2.1 Effektivität
12.2.2 Weitere Präventionsprogramme bei einem psychisch erkrankten Elternteil
13 Präventionsprogramm bei Tod, Scheidung und Trennung der Eltern
13.1 New Beginnings Program
13.1.1 Effektivität
13.1.2 Weitere Präventionsprogramme bei Tod, Scheidung und Trennung der Eltern
Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Analyse und Darstellung von Präventions- und Interventionsmöglichkeiten bei depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter. Ziel ist es, dem Leser einen fundierten Überblick über das Krankheitsbild, die diagnostischen Herausforderungen sowie die Wirksamkeit spezifischer Präventionsprogramme und psychotherapeutischer Ansätze zu vermitteln.
- Grundlagen und Entstehungsmodelle der Depression im Kindes- und Jugendalter
- Multimodale Diagnostik und Differentialdiagnostik bei depressiven Störungen
- Überblick über evidenzbasierte Präventionsprogramme (z.B. LARS&LISA, PASCET, CWD-A)
- Intervention bei spezifischen Risikogruppen (z.B. Kinder psychisch erkrankter Eltern oder nach Trennungserlebnissen)
- Bedeutung der sozialen Integration und des schulischen Umfelds in der Prävention
Auszug aus dem Buch
1.1 Zur Geschichte der Depression im Kindes- und Jugendalter
Die Existenz depressiver Störungen mit ihrer klassischen Symptomatologie - so wie wir sie bei Erwachsenen kennen, war in der Psychiatrie für das Jugend- und vor allem für das Kindesalter lange umstritten. Das dürfte vor allem daran gelegen haben, dass die Diagnosestellung affektiver Störungen im frühen Lebensalter aufgrund unspezifischer Symptompräsentation nicht unproblematisch ist. Ein wesentlicher Unterschied zum verhältnismäßig leicht feststellbaren Krankheitsbild der depressiven Störung des Erwachsenenalters ist der Umstand, dass sich die Depression gerade bei Kinder und Jugendlichen, nicht selten in kaschierter Form, in alters- und entwicklungsabhängigen psychopathologischen Phänomenen zeigt (vgl. Freisleder, 2001).
1621 publizierte Übersichtswerk zur Melancholie von Burton ging nicht explizit auf depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter ein, mahnte die Eltern jedoch zu Strenge, körperlich züchtigende und bedrohlichen Erziehungsmethoden:
„[...] their poor children are so disheartened and cowed, that they never after have any courgae, a merry hour in their lives, or take pleasure in anything“ (Burton 1827, S.215). Auch nachlässige Erziehung sowie schwere Angst- und Schreckenserlebnisse wurden nach Burton als Risikofaktor melancholischer Verstimmungen bei Kindern benannt. Weiterhin beobachtete er, im Sinne der Vererblichkeit, dass Kinder melancholischer Eltern oft ähnliche Stimmungsauffälligkeiten haben.
Während zunächst das Melancholie- und Depressionskonzept im 19. Jahrhundert für Erwachsene zunehmend ausgearbeitet und differenziert wurde, fanden Kinder und Jugendliche in der Fachliteratur kaum Berücksichtigung. Der Psychiater Griesinger stellte 1845 fest, dass alle Formen der „Melancholie“ auch schon bei Kindern entstehen können und sich in Form von Angst oder Hypochondrie äußern, die insbesondere durch krankheitsähnliche Eltern aufrechterhalten werde. Maudsley bezeichnete (1867) die Melancholie als eine der sieben seelischen Krankheiten des Kindesalter, die auf einem konstitutionellen Defekt des Nervensystems beruhe „ whereby an emotional or sensational reaction of a painful kind follows all impressions; the nervous or cyclical tone is radically infected with some vice of constitution so that every impression is painful.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundlagen der Depression: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung des Verständnisses kindlicher Depressionen und beschreibt das Störungsbild sowie dessen entwicklungsabhängige Symptomatik und Klassifikation.
2 Depressive Störungen und ihr Erscheinungsbild: Hier werden die verschiedenen Formen depressiver Störungen, wie Major Depression, Dysthyme Störung und Bipolare Störungen, gemäß DSM-IV detailliert definiert.
3 Depressionsdiagnostik: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Grundlagen einer multimodalen Diagnostik, einschließlich Exploration, Anamnese, Verhaltensbeobachtung und standardisierter Testverfahren.
4 Epidemiologie: Fokus auf die Verbreitung depressiver Störungen und die Prävalenzraten bei Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Altersstufen.
5 Komorbidität: Analyse des häufigen Auftretens von Depressionen in Kombination mit anderen psychischen Störungen und deren Einfluss auf die Prognose.
6 Suizidalität: Betrachtung der Suizidalität als ernste Konsequenz depressiver Entwicklungen, inklusive geschlechtsspezifischer Unterschiede im Risikoverhalten.
7 Erklärungsansatze und Risikofaktoren: Darstellung der multifaktoriellen Entstehungsbedingungen, einschließlich biologischer, neurobiologischer und psychologischer Erklärungsmodelle.
8 Intervention: Überblick über therapeutische Ansätze wie Kognitive Verhaltenstherapie, Interpersonale Psychotherapie und Pharmakotherapie bei Kindern und Jugendlichen.
9 Prävention: Einführung in die Begriffe der universellen, selektiven und indizierten Prävention sowie Diskussion der Herausforderungen in der Präventionsforschung.
10 Präventionsprogramme von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Detaillierte Vorstellung verschiedener Programme wie LARS&LISA, CWD-A und PSLF zur gezielten Vorbeugung depressiver Episoden.
11 Präventionsprogramme von Depression und Angst: Fokus auf Programme, die sowohl Angststörungen als auch Depressionen adressieren, wie FREUNDE und GO!.
12 Präventionsprogramme bei depressiver Erkrankung eines Elternteiles: Spezifische Präventionsansätze für Kinder aus Familien mit psychisch erkrankten Eltern.
13 Präventionsprogramm bei Tod, Scheidung und Trennung der Eltern: Vorstellung von Programmen wie dem New Beginnings Program, die Kinder bei der Bewältigung gravierender familiärer Trennungserlebnisse unterstützen.
Schlüsselwörter
Depression, Kindesalter, Jugendalter, Prävention, Intervention, Kognitive Verhaltenstherapie, Diagnostik, Epidemiologie, Suizidalität, Komorbidität, Familienbelastung, Resilienz, LARS&LISA, Psychische Störungen, Psychotherapie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Krankheitsbild der Depression bei Kindern und Jugendlichen und stellt wissenschaftlich fundierte Ansätze zur Prävention und Intervention vor, um die psychische Gesundheit dieser Zielgruppe zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen Grundlagen der Depression, diagnostische Verfahren, die Erforschung von Risikofaktoren, die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen sowie spezifische Interventionsstrategien bei familiären Belastungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, einen Überblick über den aktuellen Stand der Präventionsforschung zu geben, das Interesse an präventiven Maßnahmen zu wecken und neue Therapiemöglichkeiten für depressive Kinder und Jugendliche aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse, die auf Datenbanken und einschlägiger fachwissenschaftlicher Literatur basiert, kombiniert mit der Darstellung von Best-Practice-Präventionsprogrammen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild und eine umfangreiche Vorstellung erprobter Therapie- und Präventionsprogramme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Depressionsprävention, Kindes- und Jugendpsychiatrie, kognitive Verhaltenstherapie und Resilienzförderung bestimmt.
Wie unterscheidet sich die Depression bei Kindern von der bei Erwachsenen?
Depression bei Kindern zeigt sich häufig in entwicklungsabhängigen, oft maskierten Symptomen wie Reizbarkeit, körperlichen Beschwerden oder Leistungsabfall statt in der typischen depressiven Verstimmung Erwachsener.
Warum ist die Einbeziehung der Eltern bei Präventionsprogrammen wichtig?
Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Unterstützung ihrer Kinder. Programme wie das "Preventive Intervention Project" zeigen, dass ein besseres Störungsverständnis der Eltern das familiäre Zusammenleben verbessert und somit als Schutzfaktor für das Kind wirkt.
Was versteht man unter "selektiver Prävention" im Kontext dieser Arbeit?
Selektive Prävention richtet sich gezielt an Kinder oder Jugendliche mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Depression, beispielsweise Kinder von depressiven Eltern, ohne dass diese bereits ein voll ausgeprägtes Störungsbild zeigen müssen.
Welche Rolle spielen Lehrer bei der Erkennung depressiver Störungen?
Lehrer nehmen laut Autorin eine wichtige Rolle ein, da sie Probleme häufig frühzeitig bemerken. Die Arbeit plädiert daher für den Ausbau von Schulungen zu Prävention und Psychoedukation speziell für Lehrpersonal.
- Quote paper
- Simone Thombansen (Author), 2010, Prävention und Intervention bei depressiven Kindern und Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198400