In seiner Theorie sozialer Systeme versteht Niklas Luhmann unter einem sozialen System den „Zusammenhang von aufeinander verweisenden sozialen Handlungen“ (38) . Eine wichtige Eigenschaft sozialer Systeme (neben anderen!) ist ihr autopoietischer Charakter. Der vorliegende Essay wird zeigen, dass die Seifenoper, oder auch (Daily) Soap/Soap Opera, als autopoietisches soziales System begriffen werden kann. Hierfür wird zunächst eine kurze Einführung in die Luhmannsche Systemtheorie mit Schwerpunkt auf dem Begriff der Autopoiesis erfolgen. Im folgenden Teil werden dann die theoretischen Erkenntnisse auf das System der Seifenoper angewendet und autopoietische Eigenschaften derselben verdeutlicht.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Soziale Systeme als autopoietische Systeme
3) Die Seifenoper als autopoietisches System
4) Grenzen der Theorie im Anwendungsbeispiel
5) Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Fernsehformat der Seifenoper auf Basis der Systemtheorie von Niklas Luhmann, um zu analysieren, inwiefern diese als autopoietisches soziales System begriffen werden kann und wo die Grenzen dieser theoretischen Anwendung liegen.
- Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie
- Das Konzept der Autopoiesis in sozialen Systemen
- Die Seifenoper als autopoietisches System
- Systemgrenzen und Austauschprozesse mit der Umwelt
- Kritische Reflexion der Theorieanwendung
Auszug aus dem Buch
Die Seifenoper als autopoietisches System
Seifenopern sind das Produkt unzähliger Kommunikationen, die sich aufeinander beziehen und miteinander verknüpft sind. Jede Kommunikation ergibt sich aus einer vorangegangenen Kommunikation und zieht eine weitere nach sich. Es handelt sich bei der Seifenoper daher um ein soziales System, das sich als klar definierte Einheit gegenüber seiner Umwelt positioniert. Es ist genau abgrenzbar, welche Personen, Handlungen, Dialoge, Schauplätze etc. Teil der Show sind und welche nicht: Personen sind nur dann dem System der Seifenoper zugehörig, wenn sie eine für den Systemerhalt wichtige Funktion erfüllen. Diese Funktion reicht selbstverständlich vom Kabelträger über den Drehbuchautor bis hin zum Schauspieler, kann also viele Formen annehmen.
Gemeinsamkeit der entsprechenden Funktionsträger ist jedoch zwingend ihre vertragliche Bindung an das System der jeweiligen Seifenoper. Das dargestellte Leben innerhalb der Daily Soap findet in der Regel ausschließlich innerhalb von eigens dafür entworfenen und hergestellten Filmkulissen in Produktionsstudios statt. Das System ist also auch räumlich (in der Regel) klar definiert. Zu bestimmten Anlässen oder durch bestimmte Notwendigkeiten mag es nun vorkommen, dass einzelne Szenen einer Seifenoper außerhalb der Studios, also ,im echten Leben' gedreht werden. Die Teilnehmer des Systems bewegen sich dann zwar in einem für sie unnatürlichen Raum, jedoch ist dieser immer noch klar von seiner Umwelt zu unterscheiden. Denn falls das System Seifenoper seine übliche Lokalität des Studios verlässt, so passt es die Umwelt, in der es sich dann bewegt, an seine Bedürfnisse an. Beleuchtung, Kamerakonstruktionen und konkrete Absperrungen definieren deutlich, welcher Teil der „normalen Welt“ vorübergehend zum System gehört und welcher nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Diese Einleitung führt in die systemtheoretische Fragestellung ein und erläutert das Vorhaben, das Format der Seifenoper als autopoietisches soziales System zu analysieren.
2) Soziale Systeme als autopoietische Systeme: Das Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Autopoiesis nach Maturana und Varela sowie deren Adaption durch Niklas Luhmann auf soziale Kommunikationszusammenhänge.
3) Die Seifenoper als autopoietisches System: Hier wird die Anwendung der Systemtheorie auf das Format der Daily Soap vorgenommen, wobei die endlose Verkettung von Kommunikationen als zentrales autopoietisches Merkmal identifiziert wird.
4) Grenzen der Theorie im Anwendungsbeispiel: Dieses Kapitel diskutiert die Problematik der Anwendung, insbesondere hinsichtlich der externen Steuerung durch Sendeanstalten und der Rolle technischer Medien wie dem Fernseher.
5) Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass das Format Seifenoper zwar systemtheoretisch als autopoietisch klassifizierbar ist, jedoch durch wirtschaftliche Abhängigkeiten und mediale Aspekte an die Grenzen der Luhmannschen Theorie stößt.
Schlüsselwörter
Niklas Luhmann, Theorie sozialer Systeme, Autopoiesis, Seifenoper, Daily Soap, Kommunikation, Systemtheorie, Systemerhalt, Selbstreferenz, System-Umwelt-Differenz, Strukturelle Kopplung, Fernsehformat, Interaktionssysteme, Organisationssysteme, Medien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Fernsehformat der Seifenoper auf Basis der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition sozialer Systeme, das Prinzip der Autopoiesis (Selbsterzeugung) und deren Anwendung auf mediale Dauererzählungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, ob und wie eine Seifenoper als autopoietisches soziales System nach Luhmanns Kriterien verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen theoretischen Essay, der systemtheoretische Begrifflichkeiten auf ein konkretes Medienbeispiel anwendet und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Autopoiesis, die praktische Anwendung auf die Seifenoper sowie eine Diskussion der Grenzen dieses Modells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Autopoiesis, Kommunikation, Seifenoper, System-Umwelt-Differenz und strukturelle Kopplung.
Warum ist das Ende einer Seifenoper aus systemtheoretischer Sicht problematisch?
Da autopoietische Systeme sich laut Definition "selbst erhalten", ist der externe Abbruch durch Sendeentscheidungen ein Widerspruch zur strengen Autonomie der Theorie.
Welche Rolle spielt das Medium Fernsehen in der Argumentation?
Das Fernsehen wird als zwischengeschaltetes Medium diskutiert, das die Abgrenzung von System (Produktion) und Umwelt (Zuschauer) erschwert und die Theorie an ihre Grenzen führt.
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- Lea Bastian (Author), 2012, Die Seifenoper als autopoietisches System, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198455