In seinem Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" nähert Walter Benjamin sich dem Film als Medium kulturhistorisch an, indem er seine materiell-technischen Produktions- und Wirkungskontexte, sowie deren künstlerische Ursprünge analysiert. Mit der technischen Reproduzierbarkeit wandeln sich laut Benjamin auch die sozialen, politischen und ästhetisches Funktionen der Künste. Gleichzeitig erkennt Benjamin aber auch, dass sich der Film bestens als Maschinerie zur imperialistischen Massenbeherrschung eignet, weswegen er in seinem Kunstwerkaufsatz versucht, kunsttheoretische Begriffe zu formulieren, die „für die Zwecke des Faschismus vollkommen unbrauchbar sind.“ Benjamin arbeitet dort die produktiven Potentiale und revolutionären Chancen des Films heraus. Diese lassen sich allerdings nur nachvollziehen, wie Gerhard Wagner bemerkt, wenn man berücksichtigt, dass Benjamins Ideal der Filmkunst einem prozessualen und authentischen Aufgreifen von Erfahrung und Selbsterfahrung breiter Massen entspricht. Folglich entnimmt Benjamin seine Beispiele „häufig russischen Revolutionsfilmen, die von Eisenstein, Vertov oder anderen Kinopionieren in den Zwanzigerjahren gedreht wurden.“
Benjamin entwickelt zwar keine geschlossene Theorie der Medien, „aber sowohl einige der von ihm geprägten Begriffe als auch seine methodologisches Vorgehen gehören heute zu den Kristallisationspunkten medienwissenschaftlicher Debatten.“
Anstatt filmische Schreibweisen in seinen Roman aufzunehmen thematisiert Thomas Mann den Mediendiskurs, der die neue Technik begleitet, in seinem Roman. Dies geschieht, indem er den Protagonisten des Zauberbergs, den jungen Hans Castorp, im Totentanzkapitel ins Kino schickt. Im „Bioskop-Theater von >Platz<“ sieht dieser eine „aufgeregte Liebes- und Mordgeschichte“, die auf rund drei Seiten Anlass für eine kulturhistorischen Schilderung gibt, wenngleich aus bildungsbürgerlicher und kulturkonservativer Sicht.
Angesichts des enzyklopädischen Charakters des "Zauberbergs", der die Beschreibung und Analyse zahlreicher technischen Neuerungen enthält, wird Thomas Thomas Manns exakte Beschreibung des Mediums Film auch als Teil eines fiktionalen Textes in dieser Arbeit mit der Filmtheorie Benjamins verglichen. Sowohl in der verwendeten Terminologie als auch in der Formulierung der
technischer Möglichkeiten des Films und seiner spezifischen Rezeptionsweise, erweisen sich die beiden Texte als überraschen kongruent.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleichende Untersuchung der filmtheoretischen Aussagen in Walter Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und Thomas Manns Romankapitel ‚Totentanz’ im Zauberberg
2.1 Walter Benjamins Aurabegriff
2.1.1 Was ist Aura?
2.1.2. Auraverfall im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit
2.2 Die Techniken des Films
2.2.1 Auswirkungen der Kameratechnik auf die Arbeit der Schauspieler
2.2.2. Auswirkungen der Kameratechnik auf die Rezeption des Publikums
2.3 Die Erweiterung der Apperzeption
2.3.1 Der Film als Offenbarung des Optisch-Unbewussten
2.3.2 Die Ablösung der kontemplativen Betrachtung von Kunstwerken
2.4 Kann Kino Kunst sein? Bewertungen des Mediums Film
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die medientheoretischen Aussagen von Thomas Mann in seinem Romankapitel ‚Totentanz’ kontrastiv zu Walter Benjamins wegweisendem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zu untersuchen und dabei Gemeinsamkeiten sowie grundlegende Unterschiede in ihrer Bewertung des Films als Medium herauszuarbeiten.
- Vergleich zwischen Literatur und Medientheorie
- Analyse des Aurabegriffs und dessen Verfall im Zeitalter der technischen Reproduktion
- Untersuchung der filmtechnischen Auswirkungen auf Schauspieler und Rezipienten
- Phänomenologische Betrachtung der erweiterten Apperzeption und des Optisch-Unbewussten
- Einordnung des Kinos in den kulturhistorischen und gesellschaftspolitischen Kontext der Zeit
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Was ist Aura?
Folgt man den Ausführungen Walter Benjamins, so bezeichnet die Aura die besondere Ausstrahlung eines lebendigen Menschen oder eines Kunstwerks. Um den Aurabegriff zu illustrieren, verwendet er allerdings ein Beispiel aus der Natur: Er beschreibt die Aura „als eine einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges zu atmen.“
Anhand dieses kurzen Zitats, welches die Aura als Naturphänomen schildert, kann man schon erahnen, dass das Verständnis von Benjamins Thesen durch seine wenig wissenschaftliche Aurakonzeption erschwert wird, stammt doch der Begriff ‚Aura’ eher aus der Mystik. Auch die Beschreibung des Einatmens der Aura führt mehr zu synästhetischer Verwirrung als zu einer Erhellung. Sven Kramer stellt hierzu treffend fest: „Wie sich die Aura als Phänomen entzieht, so sträubt sie sich bei Benjamin auch gegen definitorische Festlegungen.“
Einigen Aufschluss liefert dann aber die Beschreibung, mit der Benjamin festlegt, wann und wo die Aura eines Kunstwerks erscheint. Dabei spricht er vom „Hier und Jetzt des Kunstwerks“, das seine „Echtheit“ ausmacht. Genauer meint er damit das einmalige Vorkommen des Kunstwerks an einem bestimmten Ort und die Spuren der Geschichte, die sich am Kunstwerk abzeichnen. Diese schließen sowohl zeitlich bedingte physische Veränderungen des Kunstwerks, als auch seine Provenienz ein. Er beruft sich also auf die Historizität und Tradition des Kunstwerks, um dessen Aura zu bestimmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die medientheoretische Relevanz von Benjamins Aufsatz und Thomas Manns Romankapitel ein und begründet den kontrastiven Untersuchungsansatz.
2. Vergleichende Untersuchung der filmtheoretischen Aussagen in Walter Benjamins Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und Thomas Manns Romankapitel ‚Totentanz’ im Zauberberg: Dieses Hauptkapitel analysiert systematisch die zentralen filmtheoretischen Konzepte wie Auraverlust, Kameratechnik und die Veränderung der Wahrnehmung durch den Film im Vergleich zwischen Benjamin und Mann.
3. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass Mann, ungeachtet seiner kulturkonservativen Sicht, ähnliche technologische Effekte wie Benjamin beschreibt, jedoch den politischen Impetus vermissen lässt.
Schlüsselwörter
Filmtheorie, Walter Benjamin, Thomas Mann, Zauberberg, Totentanz, Auraverfall, technische Reproduzierbarkeit, Apperzeption, Kameratechnik, Montage, Optisch-Unbewusstes, Medienkritik, Kinodiskurs, Wahrnehmung, Massenmedium.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht vergleichend die theoretischen Positionen von Walter Benjamin zum Film und die Darstellung eines Kinobesuchs im Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen Begriffe wie Aura, die technische Reproduzierbarkeit von Kunst, die Auswirkungen der Kamera auf Schauspieler und Publikum sowie die medienwissenschaftliche Einordnung des Films.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Bewertungen des Mediums Film durch Benjamin und Mann kontrastiv zu beleuchten und zu prüfen, ob Benjamins Begrifflichkeiten im literarischen Kontext des "Zauberberg" Entsprechungen finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden, kontrastiven Ansatz, der auf der Analyse von Primärtexten (Benjamin, Mann) und der Einbeziehung relevanter medientheoretischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Benjamins Aurabegriff, die Auswirkungen der Film- und Kameratechnik, die Erweiterung der menschlichen Apperzeption und die Frage nach dem künstlerischen Wert des Films.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Auraverfall, technische Reproduzierbarkeit, Optisch-Unbewusstes, Montage, Chockwirkung und Medienkritik.
Warum wird gerade das Kapitel "Totentanz" aus dem Zauberberg analysiert?
Das Kapitel ist zentral, da es eine explizite Kinoszene enthält, in der der Erzähler die Wirkungsweise der Filmtechnik beschreibt und somit eine direkte Vergleichsebene zu den medientheoretischen Thesen Benjamins bietet.
Wie bewerten die beiden Autoren den "Auraverlust"?
Während Benjamin den Auraverlust als historisch notwendige Transformation und Chance für eine neue Wahrnehmung durch die Masse positiv bewertet, empfindet Thomas Manns Erzähler diesen im Kontext des Kinobesuchs eher als mechanisch, entfremdend und unkünstlerisch.
- Quote paper
- Julia Linda Schulze (Author), 2006, Literatur und Medien im Totentanzkapitel von Manns "Der Zauberberg" und Benjamins Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198472