Wie wurden Leitlinien und Grundideen der Kritischen Theorie, v. a. im Hinblick auf die Bedeutung von konkreter Aktion und Praxisentfaltung in Kreisen der intellektuellen Linken und ihrer Protagonisten (u. a. Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefevre, Klaus Meschkat) aufgenommen, diskutiert und weiterentwickelt? Kann man überhaupt von der Übernahme eines Grundgerüsts theoretischer Prinzipien sprechen? Wenn ja, wie lassen sich Rezeptions- und Diffusionsprozesse nachzeichnen und analysieren?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung
2. Hauptteil
2.1. Die Frankfurter Schule und der Begriff der „Aktion“
2.2. Zum Aktionsbegriff in Teilen der Studentenbewegung
3. Resümee
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeptionsprozesse der Kritischen Theorie innerhalb der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre, wobei der unterschiedlich besetzte Terminus der „Aktion“ als zentraler Analysemasstab dient. Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen theoretischem Anspruch der Frankfurter Schule und der praktischen Umsetzung in studentischen Protestformen zu beleuchten.
- Verhältnis von Theorie und Praxis in der Kritischen Theorie
- Der Begriff der „Aktion“ bei Horkheimer, Adorno und Marcuse
- Rezeption und Weiterentwicklung durch die studentische Avantgarde
- Konstruktion von Situationen als Form des politischen Widerstands
- Differenzen zwischen Intellektuellen und Studenten in Bezug auf Praxisrelevanz
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Frankfurter Schule und der Begriff der „Aktion“
Der allgemeinste Gegensatz zwischen Theorie und Praxis ist der, der zwei Bereiche von einander trennt: den Bereich, in dem gehandelt wir und den Bereich, in dem durch Betrachtung (gr. theorein) ein Erkenntnisprozess angestoßen wird. In diesem Zusammenhang setzt Aristoteles der praktischen eine theoretische Tätigkeit entgegen. Die theoretische Tätigkeit bildet für ihn die dem Menschen höchste und dem Weisen angemessene, Glückseligkeit ist für ihn deshalb „theoria“. Immanuel Kant verwendet das Gegensatzpaar Theorie und Praxis, um zwei konkurrierende Bereiche der Erkenntnis zu unterscheiden: Ausgehend vom Vorbild der Naturwissenschaften und der Ethik sind für ihn die deskriptiven Wissenschaften „theoretisch“, die normativen Wissenschaften „praktisch“. Damit kommt er dem heutigen Sprachgebrauch der Begriffe ziemlich nahe, der zwischen Denken und Handeln als Formen besonders in der konstruktiven Wissenschaftstheorie unterscheidet.
Karl Marx bildete seinen Begriff von Praxis v. a. in der Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach aus. Nach Marx verkennt Feuerbach die Bedeutung der praktisch-kritischen Tätigkeit und die erkenntnistheoretische Funktion der Praxis. Der Wahrheitswert menschlichen Denkens ist für Marx keine Frage der Theorie, sondern der unmittelbaren Praxis. Deshalb forderte er im Bereich des Politischen eine „revolutionäre Praxis“, da nur diese die realen gesellschaftlichen Verhältnisse umstürzen und theoretische Gegensätze lösen kann. Die Philosophie könne diese Aufgabe nicht bewältigen, berühmt ist daher sein Ausspruch, Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme jedoch darauf an, sie zu verändern. Hier meint Marx nicht Handlungsformen, die in blinden Aktionismus münden, sondern immer ein regelgeleitetes Tun. Auch für Kant ist Theorie der Inbegriff praktischer Regeln, wenn diese genügend allgemein und abstrakt sind. Praxis ist die Bewirrung eines Zweckes, welche durch die Befolgung allgemeine Prinzipien des Verfahrens gedacht wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung: Das Kapitel führt in die Thematik der Rezeption der Kritischen Theorie in der Studentenbewegung ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Begriffs der „Aktion“.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert zunächst das philosophische Verständnis von Theorie und Praxis bei Vordenkern der Frankfurter Schule und untersucht anschließend deren Transformation durch die studentische Avantgarde.
2.1. Die Frankfurter Schule und der Begriff der „Aktion“: Dieses Kapitel erläutert den philosophisch-historischen Abriss der Begriffe Theorie und Praxis von Aristoteles über Kant bis hin zu Marx und deren spezifische Ausformung bei Adorno, Horkheimer und Marcuse.
2.2. Zum Aktionsbegriff in Teilen der Studentenbewegung: Der Abschnitt betrachtet die praktische Umsetzung kritischer Theoreme durch Studenten, insbesondere am Beispiel der „Subversiven Aktion“ und der politischen Strategien des SDS.
3. Resümee: Das Resümee fasst die Verzahnung zwischen der Frankfurter Schule und der Studentenbewegung zusammen und beleuchtet die bleibenden Spannungen sowie die unterschiedlichen Auffassungen über notwendige politische Praxis.
4. Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen aufgelistet.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Studentenbewegung, Frankfurter Schule, Aktion, Praxis, Theorie, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl, SDS, Subversive Aktion, Widerstand, Emanzipation, Dialektik der Aufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rezeption der Frankfurter Schule durch Akteure der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre, insbesondere mit der unterschiedlichen Interpretation des Begriffs der „Aktion“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind das theoretische Verhältnis von Theorie und Praxis, die Ansätze zur Systemkritik der Kritischen Theorie sowie deren praktische Anwendung durch studentische Gruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie die „Neue Linke“ theoretische Prinzipien der Frankfurter Schule in aktionistische Protestformen überführte und wo dabei die theoretischen Reibungspunkte lagen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die philosophisch-historische Grundlagen mit einer Untersuchung der Rezeptions- und Diffusionsprozesse innerhalb der Studentenbewegung verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Aufarbeitung der Begriffe bei Horkheimer, Adorno und Marcuse sowie eine Analyse der studentischen Aneignung, etwa durch die „Subversive Aktion“ oder SDS-Strategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kritische Theorie, Aktion, Praxis, Studentenbewegung, Frankfurter Schule, Widerstand, Emanzipation und Systemkritik.
Warum stand Adorno der Studentenbewegung distanziert gegenüber?
Adorno sah in seiner Theorie kein Instrument für unmittelbare politische Handlungen und fürchtete eine „aktionistische“ Vereinnahmung, die den tieferen philosophischen Gehalt seiner Arbeit nivellieren würde.
Wie unterschied sich das Konzept der „Aktion“ bei Studenten von dem der Frankfurter Schule?
Während Theoretiker wie Adorno auf die Kraft des Denkprozesses als Form des Handelns setzten, forderten Studenten wie Dutschke oder Krahl eine unmittelbare „Praxis“, um gesellschaftliche Verhältnisse direkt zu verändern.
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- Matthias Rottländer (Author), 2009, Kritische Theorie und Studentenbewegung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198542