Kritische Theorie und Studentenbewegung

Die Rezeption der Kritischen Theorie in Teilen der Studentenbewegung am Beispiel des Terminus' der „Aktion“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung

2. Hauptteil
2.1. Die Frankfurter Schule und der Begriff der „Aktion“
2.2. Zum Aktionsbegriff in Teilen der Studentenbewegung

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Entwicklung der Fragestellung

Die Hausarbeit bezieht sich auf das vorangegangene Hauptseminar „Jugendkulturen in Deutschland und Europa nach 1945“ aus dem Wintersemester 2008/2009 und beschäftigt sich mit den Rezeptionsprozessen der Kritischen Theorie bzw. Frankfurter Schule in Teilen der Studentenbewegung. Dies soll exemplarisch am unterschiedlich besetzten Terminus der „Aktion“ geschehen.

Die Arbeit soll folgenden Fragen und Problemstellungen nachgehen:

Wie wurden Leitlinien und Grundideen der Theorie, v. a. im Hinblick auf die Bedeutung von konkreter Aktion und Praxisentfaltung in Kreisen der intellektuellen Linken und ihrer Protagonisten (u. a. Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl, Bernd Rabehl, Wolfgang Lefevre, Klaus Meschkat) aufgenommen, diskutiert und weiterentwickelt? Kann man überhaupt von der Übernahme eines Grundgerüsts theoretischer Prinzipien sprechen? Wenn ja, wie lassen sich Rezeptions- und Diffusionsprozesse nachzeichnen und analysieren?

Der Aufsatz von Ingrid Gilcher-Holtey „Kritische Theorie und Neue Linke“[1] bietet hier einen einführenden Forschungsansatz. Der zeitgenössische Sammelband "Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition"[2] eröffnet erste Einblicke in politisch-theoretische Denkfiguren der Außerparlamentarischen Opposition, insbesondere auch zum Aktionsbegriff.

Der Hauptteil soll zweigeteilt werden: Im ersten Teil sollen die Leitideen der Kritischen Theorie und ihrer maßgeblichen Vordenker (Horkheimer, Adorno, Marcuse), die sich mit dem Aktionsbegriff beschäftigen, vorgestellt werden[3]. Davon ausgehend, dass der in der Sozialdemokratie und im Kommunismus dogmatisch erstarrte Marxismus neu belebt, kritisch überprüft und weiterentwickelt werden musste, stellte sich auch die Frage, wer die neue Trägerschaft des gesellschaftlichen Emanzipationskampfes bilden und wie das moderne Individuum von den von ihm selbst geschaffenen repressiven Kräften befreit werden sollte?

Im zweiten Teil sollen dann die Rezeptionsprozesse in der Studentenbewegung im Vordergrund stehen. Inwieweit beriefen sich Kreise der politisierten Studentenschaft auf Maßstäbe der Frankfurter Schule? Adorno postulierte immer wieder, dass seine Theorien nicht auf unmittelbare Aktion aus seien. Für ihn war der Denkprozess selbst schon eine Form des Handelns, Veränderung konnte/sollte nicht unmittelbar, sondern nur über das Bewusstsein vermittelt werden. So zögerte er auch nicht lange, mehrere StudentInnen nach einer Institutsbesetzung anzuzeigen (darunter auch sein Doktorand und „Ziehsohn“ Hans-Jürgen Krahl) und gegen Flugblätter der Subversiven Aktion, die sich auf seinen Namen beriefen, juristisch vorzugehen.

Rudi Dutschke und sein Umfeld u. a. predigten Aufklärung durch Aktion. Aktion, die immer theoretisch unterfüttert war und dazu diente, die Repressionsmechanismen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu entlarven. "Keine Theorie ohne Praxis, keine Praxis ohne Theorie!" wurde zum Credo der intellektuellen Neuen Linken. Stellen diese Gegensätze Missverständnisse und Fehlinterpretationen dar oder sind sie Ausdruck eines komplexen Diffusionsprozesses? Wie ist das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Kritischen Theorie definiert? Marcuse prägte den Begriff der „Negativen Dialektik“, die sich in absoluter Verweigerung und im Bruch mit bestehenden gesellschaftlichen Konventionen manifestierte. Ansätze dazu sah er bei Hippies, Gammlern, Beatniks und Teilen der us-amerikanischen Studentenbewegung verwirklicht.

Der Begriff der „Autorität“ und Möglichkeiten zur Überwindung eben dieser, führten Kritischen Theorie und die theoretisch geschulten Protagonisten der Studentenschaft immer wieder zusammen. Beide sahen die autoritäre Charakterstruktur als mitverantwortlich für den (deutschen) Faschismus. Um diese Struktur zu durchbrechen, mussten v. a. die (bürgerlichen) Institutionen, die das Individuum prägten, abgeschafft bzw. verändert werden. Die dichotomische marxsche Klasseneinteilung zwischen Proletariern und Produktionsmittelbesitzern wurde verworfen bzw. im Sinne der gegebenen Verhältnisse modifiziert. Nicht mehr das Proletariat galt als historisches Subjekt, sondern eine aufgeklärte Avantgarde, die keinen sozialen Einteilungen unterlag. Diese sollte einen Prozess der gesellschaftspolitischen Bewusstwerdung initiieren. Auf welchem Weg dies geschehen sollte, war zwischen den Persönlichkeiten der Studentenbewegung bzw. der Außerparlamentarischen Opposition und Vertretern der Kritischen Theorie (auch innerfraktionelle Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung) jedoch höchst umstritten.

Inwieweit lassen sich weitere Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Linien der Weiterentwicklung, kurzum Rezeptions- und Diffusionsprozesse zwischen Kritischer Theorie und Studentenbewegung der späten 60er Jahre nachzeichnen und analysieren? Eine allgemeine Analyse würde den Rahmen der Hauarbeit sprengen, deshalb wird der unterschiedlich besetzte Begriff der „Aktion“ exemplarisch herausgegriffen.

2. Hauptteil

2.1. Die Frankfurter Schule und der Begriff der „Aktion“

Im Folgenden steht ein philosophisch-historischer Abriss im Vordergrund, der die Begriffe Theorie und Praxis in ihrer Bedeutung und Verwendung - skizzenhaft – bespricht, um danach zum Aktionsbegriff der Frankfurter Schule überzugehen.

Der allgemeinste Gegensatz zwischen Theorie und Praxis ist der, der zwei Bereiche von einander trennt: den Bereich, in dem gehandelt wir und den Bereich, in dem durch Betrachtung (gr. theorein) ein Erkenntnisprozess angestoßen wird. In diesem Zusammenhang setzt Aristoteles der praktischen eine theoretische Tätigkeit entgegen. Die theoretische Tätigkeit bildet für ihn die dem Menschen höchste und dem Weisen angemessene, Glückseligkeit ist für ihn deshalb „theoria“. Immanuel Kant verwendet das Gegensatzpaar Theorie und Praxis, um zwei konkurrierende Bereiche der Erkenntnis zu unterscheiden: Ausgehend vom Vorbild der Naturwissenschaften und der Ethik sind für ihn die deskriptiven Wissenschaften „theoretisch“, die normativen Wissenschaften „praktisch“. Damit kommt er dem heutigen Sprachgebrauch der Begriffe ziemlich nahe, der zwischen Denken und Handeln als Formen besonders in der konstruktiven Wissenschaftstheorie unterscheidet.[4] Karl Marx bildete seinen Begriff von Praxis v. a. in der Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach aus. Nach Marx verkennt Feuerbach die Bedeutung der praktisch-kritischen Tätigkeit und die erkenntnistheoretische Funktion der Praxis. Der Wahrheitswert menschlichen Denkens ist für Marx keine Frage der Theorie, sondern der unmittelbaren Praxis. Deshalb forderte er im Bereich des Politischen eine „revolutionäre Praxis“, da nur diese die realen gesellschaftlichen Verhältnisse umstürzen und theoretische Gegensätze lösen kann.[5] Die Philosophie könne diese Aufgabe nicht bewältigen, berühmt ist daher sein Ausspruch, Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme jedoch darauf an, sie zu verändern. Hier meint Marx nicht Handlungsformen, die in blinden Aktionismus münden, sondern immer ein regelgeleitetes Tun. Auch für Kant ist Theorie der Inbegriff praktischer Regeln, wenn diese genügend allgemein und abstrakt sind. Praxis ist die Bewirkung eines Zweckes, welche durch die Befolgung allgemeine Prinzipien des Verfahrens gedacht wird.

Der Praxis-Begriff selbst umfasst in seiner philosophischen Tradition zwei unterschiedliche Bereiche, von denen nur einer auch im Begriff „Praxis“ gefasst wurde. Es gibt Handlungen, die keinen Zweck verfolgen, sie sind nicht-teleologisch und in sich selbst gut. Auf der anderen Seite gibt es Handlungen, die einem bestimmten äußeren Zweck dienen. Schon Aristoteles trennt deshalb sittlich gute Lebensführung (Ethik, praktische Philosophie) und Praxis im Sinne handwerklichen Herstellens (Poiesis). Kant unterscheidet ebenfalls auf der einen Seite reine praktische Gesetze, die nicht empirisch bedingt sind, sondern für ihn Postulate der reinen Vernunft darstellen und auf der anderen Seite zweckgebundene pragmatische Gesetze. Diese Trennung zeiht sich bis in gegenwärtige Diskurse hinein: Die praktische Philosophie definiert sich durch ihren normativen Anspruch, der die Sittlichkeit in den Vordergrund stellt, als Gegenposition zu Handlungstheorien, die dem zweckgebundenen Handeln ethische Neutralität zukommen lassen wollen und postulieren, dass sich wissenschaftliche Aussagen nur in diesem (ihrem) Bereich machen lassen würden. Insbesondere die Kritische Theorie knüpfte an den Gedanken an, die Theorie einer „vernünftigen Praxis“ entwerfen zu können, die ihren Zweck in ihrer eigenen Konsistenz trägt.[6]

An seinem Todestag, dem 6. August 1969, schreibt Theodor W. Adorno in einem Brief an Herbert Marcuse: „Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der letzte zu unterschätzen; sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen. Aber es ist ihr ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt, gar nicht erst – obwohl dies auch – als Reperkussion.“[7]

Der Empfänger des Briefes, Herbert Marcuse (1898-1979), war mit dem 1932 von Max Horkheimer geleiteten „Institut für Sozialforschung“ in Frankfurt am Main auf das Engste verbunden. Noch vor Hitlers Machtergreifung hatte er Deutschland verlassen und war 1934 in die USA emigriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er im Gegensatz zu vielen anderen Mitgliedern des Instituts nicht nach Deutschland zurück, sondern beobachtete die Studentenbewegung aus seiner Rolle als Professor für Politologie an der Universität von San Diego in Kalifornien heraus.

Der Bundesvorstand des SDS plante 1966 einen Kongress zum Thema „Vietnam – Analyse eines Exempels“, der am 22. Mai in Frankfurt am Main stattfinden soll. Zu dieser Zeit war Marcuses Buch „The One-Dimensional Man“, das 1964 in den USA erschien, noch nicht in deutscher Übersetzung verfügbar, aber bereits in einigen Kreisen des SDS rezipiert worden. Die deutsche Übersetzung des Sammelbandes „Kritik der repressiven Toleranz“ (1965) sollte im Herbst 1966 im Suhrkamp Verlag erscheinen. Ein Raubdruck des darin enthaltenen Aufsatzes Marcuses „Repressive Toleranz“ war aber in Vorbereitung, das Interesse daran riesig.[8]

Auf dem Kongress stand der zu diesem Zeitpunkt 68-jähriger auf dem Podium vor einer erwartungsvollen Zuhörerschaft und äußerte sich zum Begriff der Gewalt wie folgt: „So deckt, glaube ich, der Begriff der Gewalt zwei sehr differente Formen: Die institutionalisierte Gewalt des Bestehenden und die Gewalt des Widerstandes, die notwendig dem positiven Recht gegenüber illegal bleibt. Von einer Legalität des Widerstandes zu sprechen ist Unsinn. Kein Gesellschaftssystem, selbst das freieste nicht, kann verfassungsmäßig oder in anderer Weise eine gegen das System gerichtete Gewalt legalisieren.“

Marcuse klagte das System an, das sich nicht reformieren lassen wolle und so jeden Widerstand mit institutioneller Gewalt bekämpfe. Obwohl Widerstand legitim ist, was auch die Anwendung von Gewalt mit einschließt, wird er vom bestehenden System kriminalisiert und verfolgt. Weiterhin erklärte Marcuse, die Opposition gegen den Vietnamkrieg sei die „moralische Pflicht“ aller Dozenten und Studenten an den Universitäten in der BRD. „Es gibt in der Geschichte eben so etwas wie eine Schuld, und es gibt keine Notwendigkeit, weder strategisch noch technisch, noch national, die rechtfertigen könnte, was in Vietnam geschieht. […] und dagegen müssen wir protestieren, selbst wenn wir glauben, daß es hoffnungslos ist.“[9]

Marcuse forderte mit diesem leidenschaftlichen Appell, nicht länger zuzusehen, sondern endlich Konsequenzen aus der Schuld durch Unterlassen der Vätergeneration zu ziehen und durch Protest und Aktion die Ablehnung des Vietnamkrieges und damit auch die Ablehnung der Politik der Bundesregierung zu demonstrieren. In wie weit bestimmte Aktionsformen auch gewaltsames Vorgehen implizieren bzw. legitimieren, ließ Marcuse weites gehend offen. Seine Aussage, dass Widerstand dem positiven und institutionell abgesicherten Recht gegenüber immer illegal bleibe, trägt jedoch Ansätze seiner Systemkritik in sich. So lange das kapitalistisch-bürgerliche Rechtssystem oppositionelle Bewegungen kriminalisiert, ist direkte Aktion dagegen legitim, auch wenn sie aus Sicht der Herrschenden immer als illegitim verurteilt werden wird.

Marcuse war sich sicher, dass sich der Kapitalismus nicht aus seinen inneren Widersprüchen heraus selbst sprengen würde. „Der eindimensionale Mensch“ war durch den modern-bürgerlichen Wohlfahrtstaat entmündigt und durch die Konsumgesellschaft dermaßen korrumpiert, dass er seine „repressiven Bedürfnisse“ gar nicht mehr als solche erkennen konnte, sondern mit ihnen die autoritären Machtverhältnisse in der Gesellschaft immer wieder bestätigte und reproduzierte. Marcuse forderte sogar, dass die oppositionellen Kräfte in den Metropolen sich an den revolutionären Kämpfern der Dritten Welt orientieren und sich diese zu ihrer ausdrücklichen Massenbasis machen müssten.[10]

Allerdings ist in Marcuses Theorie der Gedanke angelegt, dass das positive Wesen der negativen Erscheinung inhärent sei, so waren Elemente der neuen Gesellschaftsform schon in Teilen der bestehenden Gesellschaft angelegt. Seiner Meinung nach kam der kritischen Theorie nicht nur die Aufgabe zu, Visionen neuer Daseinsformen theoretisch zu zeichnen, sondern auch Ausgangspunkt für konkrete Aktionen zu sein. Obwohl das Proletariat als klassischer Träger der Emanzipation und sozialer Umgestaltung politisch integriert sei und sich daher nicht mehr als eigenständige, unterdrückte Klasse erfahre, könne doch eine qualitative Änderung herbeigeführt werden: durch eine absolute Weigerung, „eine Weigerung, die um so unvernünftiger erscheint, je mehr das bestehende System seine Produktivität entwickelt und die Last des Lebens erleichtert.“[11] „Das Substrat der Geächteten und Außenseiter“ (u. a. Ausgebeutete und Verfolgte anderer Rassen und anderer Farben, Arbeitslose, Arbeitsunfähige) lebt außerhalb des demokratischen Prozesses. Um ihr Leben zu ändern, bedarf es der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse und Institutionen. Damit ist ihre Position als Opposition zum Bestehenden revolutionär, ihr Bewusstsein jedoch nicht. „Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straße gehen, ohne Waffen, ohne Schutz, um die primitivsten Bürgerrechte zu fordern, wissen sie, dass sie Hunden, Steinen und Bomben, dem Gefängnis, Konzentrationslagern, selbst dem Tod gegenüberstehen. Ihre Kraft steht hinter jeder politischen Demonstration für die Opfer von Gesetz und Ordnung. Die Tatsache, daß sie anfangen, sich zu weigern, das Spiel mitzuspielen, kann die Tatsache sein, die den Beginn des Endes einer Periode markiert.“[12] Ansätze dieser „Weigerung“, die damit als Form des Aktionismus bestimmbar war, sah Marcuse bei Hippies, Gammlern, Beatniks, Teilgruppen der us-amerikanischen Studentenbewegung und anderen Randgruppen, die den Bruch mit der bestehenden Gesellschaft und ihren Konventionen proklamierten. Teile der Denkfigur Marcuses, der „Negativen Dialektik“, schienen in der Negation des Bestehenden als Form des gesellschaftspolitischen und kulturkritischen Aktionismus verwirklicht zu werden.

Zwei andere prominente Mitglieder der Frankfurter Schule, Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903-1969) kamen zu völlig anderen Einschätzungen bei der Beurteilung des Verhältnisses von Kritischer Theorie und Studentenbewegung, v. a. auch im Hinblick auf Zusammenhänge in der unmittelbaren Praxisrelevanz.

Horkheimer wurde 1930 Leiter des Instituts für Sozialforschung, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme und der damit verbundenen Schließung des Instituts, emigrierte er über Genf und Paris nach New York, wo er an der Columbia University das Institut neu gründete („Insitute for Social Research“). Im amerikanischen Exil entstand u. a. der philosophische Essayband „Dialektik der Aufklärung“, den er zusammen mit Theodor W. Adorno verfasste. Nachdem die beiden Wissenschaftler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurückgekehrt waren, wurde auch das Institut neu ins Leben gerufen, als private Stiftung und Forschungsinstitut an der Universität Frankfurt am Main.

Adorno und Horkheimer waren sich größtenteils darüber einig, dass die Rolle des Proletariats neu bewertet werden müsse. Ingesamt sei den Proletariern die völlige Integration in die Gesellschaft gelungen, die ehemals Unterdrückten würden sich schon lange nicht mehr als eigene Klasse erfahren. Der Unterschied zwischen Unterdrückten und Unterdrückern trete nicht (mehr) klar genug in Erscheinung. Deshalb sollte der Träger des Emanzipationskampfes nicht mehr die Arbeiterklasse im Sinne des dogmatischen Marxismus sein, sondern eine theoretisch geschulte Avantgarde, die eben nicht durch soziologische Gesetzmäßigkeiten zusammengebracht wurde, sondern einzig und allein durch Erkenntnis im Prozess der Aufklärung.[13] Damit wurde der Kreis derer, die von der Theorie zur Einsicht geführt werden sollten nicht länger sozial definiert und dadurch von vornherein eingegrenzt. Bei der Bestimmung der Ziele dieser neuen Avantgarde hielten sich sowohl Marcuse als auch Adorno und Horkheimer eher bedeckt bzw. postulierten vage Vorstellungen: Die Wirtschaft solle sich den Bedürfnissen der Individuen unterordnen, jegliche Privilegien seien durch die klassenlose Demokratie, die ein selbst bestimmtes und zwangloses Leben für jeden Menschen ermögliche, abgeschafft. Das Glück der Massen müsse absolute Prämisse der Arbeitsregelung sein, dies führe schließlich zur Aufhebung der Entfremdung. Grundlage aller dieser Vorstellungen ist die „Phantasie“, die Einbildungskraft, das „Andere“ überhaupt zu denken bzw. denken zu wollen. Dieser Akt der Bewusstseinsleistung sei vielen Menschen unmöglich, da sie in der Welt der Unfreiheit sozialisiert wurden, diese jedoch gar nicht als unfrei und repressiv wahrnehmen.[14] So lauten die ersten beiden Sätze in der „Dialektik der Aufklärung“: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“[15]

[...]


[1] Ingrid Gilcher-Holtey: Kritische Theorie und Neue Linke, in: 1968 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft.

[2] Bergmann, Dutschke, Lefevre, Rabehl (Hrsg.): Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition.

[3] U. a. Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Marcuse: Der eindimensionale Mensch, Kritik der repressiven Toleranz.

[4] Vgl. Lege: Pragmatismus und Jurisprudenz, S.151ff.

[5] Vgl. Kleger: Praxis, Sp. 1299.

[6] Ebd.

[7] Zitiert nach: Koenen: Das rote Jahrzehnt, S. 35.

[8] Vgl. Gilcher-Holtey: Die 68er Bewegung, S. 39.

[9] Ebd., S. 39f.

[10] Vgl. Koenen: Das rote Jahrzehnt, S. 48.

[11] Marcuse: Der eindimensionale Mensch, S. 266.

[12] Ebd., S. 267.

[13] Vgl. Gilcher-Holtey: Kritische Theorie und Neue Linke, S. 170ff.

[14] Ebd., S. 172f.

[15] Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kritische Theorie und Studentenbewegung
Untertitel
Die Rezeption der Kritischen Theorie in Teilen der Studentenbewegung am Beispiel des Terminus' der „Aktion“
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V198542
ISBN (eBook)
9783656248286
ISBN (Buch)
9783656248682
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rudi Dutschke, Frankfurter Schule, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Studentenbewegung
Arbeit zitieren
Matthias Rottländer (Autor), 2009, Kritische Theorie und Studentenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198542

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