Im folgenden Essay möchte ich der Frage nachgehen, ob die Annahmen von Georg Simmel und Alfred Schütz zur Figur des Fremden auch in Hermann Hesses Buch „Der Steppenwolf“ zu finden sind. Untersuchen möchte ich dies in Bezug auf den Protagonisten des Buches, Harry Haller. Ich werde dabei zunächst einen Vergleich zwischen der Figur Hallers und der simmelschen, dann zur schützschen Stilisierung des Fremden aufziehen. Basierend auf den erlangten Erkenntnissen der beiden Vergleiche möchte ich weiterführend aufzeigen, ob Haller sein ungeäußertes Vorhaben, sich bewusst selbst zum Fremden zu machen, gelingt. Zu beachten ist jedoch, dass ich so zu keiner verallgemeinernden Antwort gelange, sondern dass meine Beachtung nur auf die Figur Haller abzielt.
Struktur des Essays
1. Vorgehensweise dieses Essays
2. Die simmelsche Stilisierung des Fremden in Bezug auf Haller
3. Die schützsche Stilisierung des Fremden in Bezug auf Haller
4. Haller ein freiwilliger Fremder?
5. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Ziel dieses Essays ist die Untersuchung der Frage, ob sich ein Individuum bewusst und freiwillig zum Fremden machen kann, basierend auf einer soziologischen Analyse der Figur Harry Haller aus Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ unter Anwendung der Theorien von Georg Simmel und Alfred Schütz.
- Soziologische Analyse des Idealtypus des Fremden nach Georg Simmel
- Anwendung der Konzepte von Alfred Schütz auf die Identität von Harry Haller
- Untersuchung der bewussten Konstruktion von Fremdheit
- Reflexion über die Grenzen sozialer Integration und die Rolle von Labelling-Prozessen
Auszug aus dem Buch
Haller ein freiwilliger Fremder?
Um auf die Eingangsfrage, ob es möglich ist, sich bewusst freiwillig zu einem Fremden zu machen, eine befriedigende Antwort zu finden, ist es von Bedeutung, ob man Haller überhaupt als einen Fremden betrachten kann. Auch wenn Haller zwar nicht alle Kriterien von Simmel und Schütz erfüllt, um nach deren idealtypischen Stilisierungen ein Fremder zu sein, so ist er unter Berücksichtigung, dass es sich eben ‚nur‘ um Idealtypen handelt, als ein Fremder zu verstehen.
Doch inwiefern ist dieses Fremdsein ein bewusster Akt Hallers? Die Entfremdung Hallers von der Gesellschaft war zunächst kein von ihm absichtlich ausgeführter Akt. Im weiteren Verlauf seines Lebens findet er sich in dieser Rolle des Fremden jedoch sehr gut zurecht und möchte diese auch beibehalten. Durch die weitestgehende Erfüllung der ‚formalen Kriterien‘ des Fremdseins ist er zunächst allein durch den Labelling Approach seiner Umwelt als Fremder angesehen. Da Haller diese Zuschreibung sehr gefällt versucht er, in dieser Rolle des fremden zu bleiben. Durch seine Schizophrenie flüchtet er sich in die Figur des Steppenwolfes, die, wie er selbst erkennt – im Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild, welches traurig und ängstlich daherkommt – durch einen hohen Objektivitätsgrad gekennzeichnet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorgehensweise dieses Essays: Der Autor erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die darin besteht, die soziologischen Theorien des Fremden von Simmel und Schütz auf die Romanfigur Harry Haller anzuwenden.
Die simmelsche Stilisierung des Fremden in Bezug auf Haller: Hier werden die Merkmale des Fremden nach Simmel, wie Beweglichkeit und Distanz, mit dem Verhalten und der Lebenssituation von Harry Haller verglichen.
Die schützsche Stilisierung des Fremden in Bezug auf Haller: Das Kapitel untersucht Hallers Unfähigkeit, sich in die ihm fremde Welt zu integrieren, basierend auf den Kriterien der Inkohärenz von Wissen und Leitkultur nach Alfred Schütz.
Haller ein freiwilliger Fremder?: Es wird kritisch diskutiert, ob die Entfremdung der Figur Haller ein bewusster Akt ist oder ob soziale Integrationsmechanismen seine Bemühungen, ein Fremder zu bleiben, zunichtemachen.
Resümee: Das Fazit stellt fest, dass Haller zwar als Fremder charakterisiert werden kann, sein Vorhaben, dies bewusst und dauerhaft aufrechtzuerhalten, jedoch scheitert.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Harry Haller, Der Steppenwolf, Georg Simmel, Alfred Schütz, Soziologische Theorie, Idealtypus, Integration, Labelling Approach, Entfremdung, Soziale Identität, Grenzfiguren, Gesellschaft, Interaktion, Bewusstsein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay grundsätzlich?
Der Essay untersucht die soziologische Kategorie des „Fremden“ anhand der Romanfigur Harry Haller aus Hermann Hesses „Der Steppenwolf“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Mittelpunkt stehen die Theorien von Georg Simmel und Alfred Schütz zur Fremdheit sowie die Frage nach der bewussten Inszenierung von Identität in der Gesellschaft.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob es für ein Individuum möglich ist, sich durch einen bewussten Akt freiwillig zum Fremden zu machen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Der Autor verwendet eine komparative Analyse, bei der soziologische Idealtypen mit den literarischen Handlungen und Eigenschaften einer Romanfigur abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Es erfolgt eine detaillierte Prüfung der Kriterien von Simmel (Beweglichkeit, Distanz) und Schütz (Inkohärenz des Wissens) in Bezug auf die Lebensweise von Harry Haller.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Analyse?
Besonders prägend für die Untersuchung sind Begriffe wie „Fremdheit“, „Soziale Identität“, „Idealtypus“ und „Integration“.
Warum scheitert Harry Hallers Versuch, ein Fremder zu bleiben laut dem Autor?
Der Autor argumentiert, dass soziale Interaktionsmechanismen und die Einbettung in das soziale Umfeld die Aufrechterhaltung einer bewussten Fremdrolle bei steigender Interaktionsdichte unmöglich machen.
Welche Rolle spielt der „Labelling Approach“ bei Harry Haller?
Der Ansatz dient dazu zu erklären, dass Haller zunächst durch die Zuschreibung seiner Umwelt als Fremder wahrgenommen wird, was er für sich adaptiert und fortzuführen versucht.
- Quote paper
- Lars Roedel (Author), 2011, Ist freiwilliges Fremdsein möglich? - Eine soziologische Betrachtung der Figur Harry Hallers aus Hesses "Der Steppenwolf", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198545