Aussteiger. Raus aus der rechten Szene


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Die Einstiegsprozesse - Annäherung an die rechte Szene und Einflüsse, die dass begünstigen
1.1 Warum wendet sich eine Person der Szene zu?
1.1.1 Familie
1.1.2 Schule
1.1.3 Clique
1.1.4 Partnerschaften
1.1.5 Mediale Einflüsse
1.1.6 Praktische Erfahrung des Erfahrens bzw. /icht-Erfahrens mit Sozialarbeit
1.2 Wie ist die Person, die sich der Szene zuwendet?

2 Die Ausstiegsprozesse - „Raus aus der Szene“
2.1 Veränderung der Sozialisationsbereiche während des Ausstiegs
2.1.1 Familie
2.1.2 Schule, Ausbildung und Beruf
2.1.3 Lebenslagen
2.1.4 Clique und Beziehungen
2.2 Die Veränderung der personellen Kompetenzen

3 Die Aussteigerprogramme
3.1 Bundesamt für Verfassungsschutz
3.2 Aussteigerprogramme der Länder
3.2.1 Projekte und Initiativen Sachsen
3.3 Private Initiative „Exit“
3.3.1 Was ist „Exit“?
3.3.2 Das 5-Phasen-Modell
3.3.3 Die Einzelbetreuung bei „Exit“
3.3.4 Die „Exit-Elternhilfe“
3.4 Zwischenbilanz - Aussteigerzahlen

4 Kritische Stimmen - Kritik an Aussteigerprojekten

5 Was kann Soziale Arbeit tun?
5.1 Grenzen der Arbeit mit rechten Jugendlichen
5.2 Tipps für jene, die mit Rechtsextremen arbeiten

6 Literaturverzeichnis

7 Schlusserklärung

Vorwort

Aussteiger - Raus aus der rechten Szene. In meiner studienfreien Zeit besuchte ich eines Abends einen Vortrag von Jörg Fischer, der aus seiner Zeit in der rechten Szene berichtete und wie er aus dieser Szene entkommen konnte. Der Vortrag regte mich zum denken an und so wollte ich mehr über dieses Thema erfahren und mein erfahrenes Wissen mit meinen Kommilitonen teilen. Weitere Erfahrungsberichte und Bücher von Aussteigern bilden hierzu die Grundlage für meine Ausarbeitung.

1 Die Einstiegsprozesse - Annäherung an die rechte Szene und Einflüsse, die dass begünstigen

Prof. Dr. phil. habil. Dipl.-Päd. Kurt Möller, Professor an der Hochschule Esslingen, untersuchte im Rahmen seiner Forschungsarbeiten, die Ein- und Ausstiegsprozesse von Skinheads. Er stellte 2006 folgende zwei Prozesstypen vor: die Affinisierung (Annäherung an die rechte Szene) und die Distanzierung von derselbigen. Seinen Untersuchungen zufolge gibt es nicht den einen Weg in die rechte Szene. Alles ist möglich und so gibt es viele Muster, die spezifisch zusammenwirken und zeitlich als Stadien oder Karrierestufen begreifbar sind.

Das erste Stadium ist die Kenntnisnahme der Person, „aha da gibt es etwas“ und gleichzeitig identifiziert sich die Person mit dem was sie neu erfasst hat und nähert sich praktisch der rechten Szene an. Im zweiten Stadium, dem fortgeschrittenen Affinitätsaufbau verknüpft die Person kulturelle und politische Aspekte und schafft sich neue Kontakte, die mit seinen Interessen und Orientierungen übereinstimmen. In einem weiteren Schritt passt sich das Verhalten der Person an das an, was sie nun darstellt. Möller spricht hier von der konkreten Assoziation.

In den weiteren Abschnitten möchte ich genauer betrachten, warum sich eine Person der rechten Szene zuwendet und welchen Einfluss seine Umgebung darauf hat. Des Weiteren möchte ich versuchen herauszufinden, wie eine Person ist, die sich der Szene zuwendet.

1.1 Warum wendet sich eine Person der Szene zu?

Hierzu untersuchte Möller die Lebenslagen der Person.

Finanzielle Probleme, sowie Arbeitslosigkeit oder die Wohnverhältnisse bilden demnach weniger Gründe, um sich der Szene zuzuwenden. Es herrschte eine relative materielle Versorgungssicherheit, sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Eher gelten die Akzeptanz- und Konflikterfahrungen im sozialen Nahraum als bedeutender Einfluss für eine Annäherung an die rechte Szene. Die Affinisierung findet demnach meist in der Schulzeit statt und geht einher mit der materiellen Abhängigkeit von den Eltern.

Ebenso können schulische Probleme eine größere Rolle spielen, Probleme die jedoch in den meisten Fällen auch schon vor der Affinisierung bestehen.

Möller stellte in seinen Untersuchungen fest, dass die betreffende Person eher selten in Vereinen, Clubs oder Freizeitangeboten eingebunden sind.

Möller geht davon aus, dass die objektiven Lebenslagen weniger Erklärungen für Einstiege in rechtsextreme Denk- und Verhaltenskontexte liefern, dahingegen sind eher die konkreten Erfahrungen in zentralen Sozialisationsbereichen (Familie, Schule, Freunde) von großer Bedeutung für den Einstiegsprozess.

1.1.1 Familie

Möller spricht von verschiedenen Kontexten, die den Affinisierungsprozess positiv unterstützen. Hierzu zählt das elterliche Desinteresse an dem was das eigene Kind tut ebenso wie die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Eltern, wenn das Kind gegen Regeln und Normen verstoßen hat. Auch dauerhafte Konflikte in der elterlichen Familie unterstützen den Einstieg. Die familiäre Situation wird nach außen hin oftmals besser dargestellt als sie ist, positiv und konfliktfrei ist aber oft emotional oberflächlich und bietet wenig verlässlich Bindungen.

Die Jugendlichen berichten oft das Eltern oder Großväter Ansichten an sie weiterreichen, die je nachdem wie sie damit umgehen zu eigenen Ansichten werden können. Dies kann den Umgang mit Werten und Normen ebenso betreffen, wie auch z.B. Ansichten im Bezug auf Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit.

Auch die Erfahrung gesellschaftlicher Umbrüche, wie die Wende im Osten können die Jugendlichen verunsichern. Dies betrifft Personen, die in ihrer Jugend selbst Erfahrungen mit der Wende gemacht haben oder Jugendliche, die, die Auswirkungen bei ihren Eltern beobachtet haben.

Die Strukturen der Familie werden demzufolge in die eigene Lebensführung übernommen (z.B. emotionale Leere im Umgang miteinander).

Die Eltern stehen eher machtlos oder desinteressiert der Affinisierung gegenüber und können dem keinen Einhalt gebieten oder dem Jugendlichen keinen Grund liefern, sich von der Szene wieder abzuwenden.

Bei seinen Untersuchungen findet Möller auch Jugendliche mit massiven Erfahrungen biografischer Brüche, wie z.B. Umzüge zu anderem Elternteil, Verlust eines Elternteils, oder Adoptionserfahrungen. Diese Erfahrungen führen zu einer nachhaltigen Unsicherheit bei den

Jugendlichen und regen somit ein regelabweichendes Verhalten an.

Diese Verhaltensauffälligkeiten können sich in jeden Sozialisationsbereichen wiederspiegeln.

1.1.2 Schule

Die offenbar intensivsten Konflikterfahrungen macht der Jugendliche in der Schule, meist mit Migranten oder Lehrerinnen. Seine Reaktion darauf reicht vom Rückzug bis hin zu einer noch stärkeren Hinwendung zu außerschulischen Gruppen.

Seine eigene Haltung ist reagierend und tritt offensiv auf, d.h. er provoziert mit Gesten und Handlungen. Hinzu kommen massive Leistungsverweigerungen. Die schulischen Probleme verschärfen sich mit Hinwendung zur Szene.

Vor der Affinisierung ist das Gefühl vorhanden nicht genügend Aufmerksamkeit zu bekommen bzw. nicht zureichend (pädagogische) Zuwendung. Die Person, also der betreffende Jugendliche hat höhere Erwartungen an den Lehrer, die jedoch nicht erfüllt werden. Diese Erwartungen stellt er auch an andere Personen, wie z.B. Mitschüler. Der betreffende Jugendliche besitzt meist kein Netz freundschaftlicher Beziehungen und hat oft Probleme mit den Mitschülern bzw. Menschen seines Umfeldes. Er erlebt ein Gefühl der Entbehrung und versucht dies irgendwie auszugleichen bzw. dieses Gefühl zu beseitigen und durch ein besseres Gefühl zu ersetzen.

1.1.3 Cliquen

Wie schon im vorherigen Abschnitt benannt, erlebte der Jugendliche bisher das Gefühl nicht verlässlicher Beziehungen. Die rechten Cliquen nehmen genau solche Aufgaben war wie andere Peer-Groups und bieten dem Jugendlichen eine verlässliche Struktur. Gemeinsame Freizeitgestaltung und in erster Linie jugendtypische Aktivitäten bilden den Rahmen. Der Jugendliche steigt nicht in eine verfestigte durchstrukturierte Kameradschaft ein.

Unterscheidend zu anderen Cliquen neigt die „Rechten-Szene-Clique“ eher zu gewaltförmigen Konfliktlösungsstrategien und sind eher verbal sprachlos. Ebenso ist für die Gruppenstruktur bezeichnend dass die männlichen Mitglieder deutlich in der Überzahl sind.

Der betreffende Jugendliche strebt eine Teilhabe an größeren Zusammenhängen an und möchte Macht und Selbstwertgefühl durch das Kollektiv erhalten um somit das Gefühl der Entbehrung zu mildern oder abschalten zu können.

1.1.4 Partnerschaften

Partnerschaften spielen im Affinisierungsprozess eher eine untergeordnete Rolle und ist nur altersbedingt von Bedeutung. Es gibt jedoch bestimmte Sichtweisen im Bezug auf Rollenverhalten, die in einem engen Zusammenhang mit der Annäherung an die rechte Szene stehen.

1.1.5 Mediale Einflüsse

Möller bezieht sich auf den Gebrauch der rechten Rockmusik, wobei das Internet auch an Bedeutung gewinnt. Die Netzwerke sind stark miteinander verknüpft. Es existieren unterschiedlichste Plattformen - die auf ersten Blick keine rechte Gesinnung zeigen, z.B. Seite für Mütter mit sämtlichen Tipps fürs Baby, die jedoch einen Link enthalten, der zu Seiten rechter Frauengruppierungen, z.B. Ring nationaler Frauen (RNF) führen.

Andere Medien spielen dahingehend eine Rolle, dass sie Bilder zeigen die Hinwendung zur rechten Szene attraktiv erscheinen lassen (vgl. Möller 2006).

Folgende Aussage spiegelt ganz gut wieder, welche Einflüsse wirksam werden: "Ich war 13, als ich erste Berührungen mit der rechten Szene hatte.

Viel lief über Musik und den Willen, dazuzugehören. Anfangs hörte ich Störkraft, Endstufe und Werwolf, deren Texte sich platt auf Saufen, Skinheads, Deutschland und Gewalt bezogen. Heute ist die Musik der /eonazis anspruchsvoller und differenzierter. Morgens ging ich brav in die Waldorfschule, und am Wochenende grölte ich mit Bomberjacke und Hertha-Schal ausländerfeindliche Parolen. Ich wuchs zum Teil bei meinen Großeltern auf. Schon als Kleinkind bekam ich beim Zähneputzen /S-Lieder vorgeträllert. Mein Großvater erzählte mir von seiner Wehrmachtszeit. Ich identifizierte mich mit ihm und verteidigte die /azizeit in der Schule und gegenüber meiner Mutter. Ich genoss das Anderssein (vgl. Landgraf 2006).“

1.1.6 Praktische Bedeutung des Erfahrens bzw. /icht-Erfahrens mit Sozialarbeit

Auch soziale Einrichtungen können einen Rahmen darstellen, innerhalb dessen eine Annäherung an rechte Szene Verstetigung finden kann (Bsp. Kent Lindahl - Jugendhaus in Stockholm, rechte Ausdrucksformen akzeptiert, Alkohol - Musik - Propaganda).

Ist jedoch kein Angebot Sozialer Arbeit vorhanden, erhöht sich die Bereitschaft sich anderen Netzwerken anzuschließen (Bsp. Jugendclub Lunzenau, keine Soziale Arbeit/ Stadt schließt Club Risiko extremer Gruppierungen).

Ebenfalls sind die pädagogischen Angebote oftmals nicht in der Lage die Jugend anzusprechen. Die gemachten Angebote geben ein bestimmtes Bild ab. Die Jugendlichen fühlen sich anderen Gruppen, wie z.B. Migranten gegenüber benachteiligt.

Je mehr der Jugendliche in die Szene integriert sind, desto uninteressanter werden andere Angebote für ihn.

1.2 Wie ist die Person, die sich der Szene zuwendet?

Möller legt das Einstiegsalter der Person auf 12-14 Jahre fest und beschreibt den betreffenden Jugendlichen, als eine Person mit schwach ausgeprägten personellen Kompetenzen. Dazu zählt die Bereitschaft sich selbstkritisch zu betrachten, das Fehlen von Problemlösungsmustern und ein kaum entwickeltes Verantwortungsbewusstsein. Ebenso kann die Person schwer oder gar nicht andere Standpunkte wahrnehmen und bringt Empathie in erster Linie nur Angehörigen oder Mitgliedern der Gruppe entgegen.

Der Jugendliche überträgt seine Verantwortung auf andere wie Schule und Elternhaus. Durch die Hinwendung zu Skinheads kommt es zu einem weiteren Versuch Verantwortung abzugeben und sich dem Schutz der Gemeinschaft zu unterstellen.

Die verbale Konfliktfähigkeit ist unterentwickelt und die Akzeptanz gegenüber Gewalt ist hingegen hoch. Die Hemmschwelle Gewalt anzuwenden wird als niedrig eingestuft und durch Alkoholkonsum weiter gesenkt. Der Jugendliche nimmt eine Rolle ein um sein Bedürfnis nach Stärke und Gemeinschaft zu stillen. Der Selbstwertaufbau erfolgt durch Zugehörigkeit. Gewalt gilt als Darstellung von Stärke - Macht und Einfluss.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Aussteiger. Raus aus der rechten Szene
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Soziale Arbeit)
Note
1,4
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V198572
ISBN (eBook)
9783656248781
ISBN (Buch)
9783656250197
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsextremismus, Ausstieg, Nationalsozialismus, Exit, Rechte Gewalt, Rechte Szene, Jugend und Identität, Austeigerprojekte
Arbeit zitieren
Diplom Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin (FH) Doreen Müller (Autor), 2007, Aussteiger. Raus aus der rechten Szene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198572

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