Mit Standbildern Unterrichtsschwerpunkte mitbestimmen

Themenauswahl in einer 11. Klasse zu Bernhard Schlinks "Der Vorleser"


Unterrichtsentwurf, 2011
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1.1 Zur Lerngruppe

Die heutige Unterrichtsstunde findet im Deutsch-Grundkurs 11 statt. Ich unterrichte die Klasse seit Schuljahresbeginn. Zunächst gestaltete sich die Zusammenarbeit schwierig. Auf der Suche nach meiner Rolle als Lehrerin trat ich den Schülerinnen und Schülern1 streng und distanziert gegenüber, fühlte mich dabei aber schnell unsicher und unwohl.i Ich hatte oft das Gefühl, dass die SuS mich skeptisch und misstrauisch betrachten. Seither hat sich der Umgang miteinander immer wieder verändert. Ich glaube, dass die SuS mittlerweile Vertrauen haben und wissen, dass ich sie fördern möchte, auch ich nehme die SuS seitdem als angenehmer im Umgang mit mir wahr.

Wiederholt haben wir im Unterricht Erwartungen und Erfahrungen in Bezug auf den Deutschunterricht verglichen. Die SuS, die zuvor vier verschiedene zehnte Klassen und eine neunten Klasse besucht haben, unterscheiden sich stark, was Vorwissen, Methodenkompetenz und Arbeitsmotivation anbelangt. Wünsche, die die SuS auf Plakaten, in Fragebögen und im Gespräch betonten, sind kreative und szenische Arbeitsformen, Mitbestimmungsrecht, Interpretationsfreiräume und Gruppenarbeiten. Auf diese Punkte soll die heutige Stunde verstärkt eingehen.

Die SuS lassen sich, was ihre Motivation, ihr Können, ihre Extraversion, ihre Gewissenhaftigkeit und ihr Selbstbewusstsein in mehrere Kleingruppen einteilen, es ergibt sich eine herausfordernde Gruppendynamik.

Zunächst sind mir einige SuS aufgefallen, die dem Deutschunterricht im Allgemeinen sehr kritisch gegenüberstehen. Sie beklagen oft, Literaturanalyse sei sinnlos und irrelevant. In anonymen Umfragen bezeichneten einige SuS ihre Vorerfahrung mit Literaturunterricht als „fremd“, eine „Qual“ oder „ätzend“. Den Satz „Deutschunterricht sollte...“ vervollständigt ein Schüler mit „nicht durchgeführt werden.“ Ähnliche Aussagen treffen die Schüler P, S, G und M auch gelegentlich während des Unterrichts. Gruppenarbeiten in denen mehrere der oben genannten Schüler zusammenarbeiten, verlaufen meist schleppend oder bringen sehr einfache Produkte hervor, die dem Unterrichtsgegenstand eher fern sind. Es hat sich als hilfreich erwiesen, die SuS auf mehrere Gruppen zu verteilen, da die Motivation der anderen SuS ansteckend ist. Arbeitsthemen, die ein besonders modernes Element beinhalten (z.B. Lyrik anhand von Liedtexten oder filmische Stilmittel bei Literatur(verfilmungen)) kommen bei diesen SuS auch deutlich besser an. Aus diesem Grund wird auch die heutige Stunde Gestaltungsmittel des Films enthalten.

Im Kurs befinden sich einige sehr talentierte und intelligente SuS, die allerdings auch gelegentlich untermotiviert sind. T, F, N und U müssen sich im Deutschunterricht nicht besonders anstrengen, schreiben dennoch sehr gute Kursarbeiten. Während T und F sich zuverlässig am Unterrichtsgeschehen beteiligen, reagiert N nur auf Nachfrage. Gespräche mit den ehemaligen Deutschlehrern und -lehrerinnen haben ergeben, dass es sehr wichtig ist, diese Schüler zu fordern, was ich durch gezielte Aufgaben und intensive Nachfragen tue. Es sind leichte Steigerungen zu bemerken. Ich halte es für sinnvoll, auch diese Schüler in der Gruppenarbeitsphase zu trennen, so dass jeder von ihnen in seiner Gruppe Einfluss auf die Qualität des Ergebnisses nehmen kann. Im 21 Personen starken Grundkurs sind nur sechs Schülerinnen. (J, W, V, D, P und I). Obwohl einige von ihnen gute schriftliche Leistungen zeigen, beteiligen sie sich im Unterricht äußerst zurückhaltend. In Gruppenarbeiten übernehmen einige Schülerinnen allerdings viel Verantwortung, oft wirken sie integrierend und fordern die Mitschüler zu konzentriertem Arbeiten auf. Es ist aus diesem Grunde auch wichtig, dass jede Gruppe mindestens eine Schülerin enthält.

Einige SuS, die sich im normalen Unterrichtsgeschehen oft nicht auffällig profilieren, sind kürzlich als sehr zuverlässige und gründliche Leser aufgefallen. Was die Lektüre des Vorlesers angeht, sind sie den anderen SuS deutlich voraus. In ihrer jeweiligen Gruppe übernehmen sie die Verantwortung für die Einordnung der Szene im Gesamtzusammenhang. Dies ist besonders spannend, da es sich nicht um die besten SuS des Kurses handelt und somit die eingeschlichenen Rollenverteilungen aufgebrochen werden können.

Für fünf SuS ist Deutsch nicht die einzige Muttersprache. Sie haben in stärkerem oder schwächeren Ausmaß Schwierigkeiten oder Hemmungen sich auszudrücken. Ich habe mit einigen bereits Einzelgespräche geführt und ihnen ausführliche individuelle Tipps als Rückmeldung zu ihren Kursarbeiten gegeben. Einige dieser SuS sind aufgrund des empfundenen Defizits im Unterrichts sehr zurückhaltend. Eine Ausnahme bildet K. Er meldet sich häufig, schweift dabei aber gelegentlich ab oder stellt sehr gewagte Thesen auf, die nicht immer nachvollziehbar sind. Für diese SuS ist es wichtig, dem Inhalt gegenüber der Sprache auch ein besonderes Gewicht zu geben und gezielten Lernzuwachs durch „erlernbare“ Inhalte zu ermöglichen. Die Erarbeitung des Inhalts des Romans und das Erlernen des Umgangs mit Filmstilmitteln sind für sie erlernbare Inhalte, die ihnen im Fach Deutsch eine greifbare Entwicklungsmöglichkeit geben.

Durch das Eingehen auf die Wünsche der SuS, die richtige Gruppenzusammenstellung und ein geeignetes Thema mit klarem Ziel möchte ich den SuS die Chance geben, einen Platz in der Gruppe zu erlangen, der ihnen liegt, optimales Lernen fördert und somit Unterrichtsstörungen verhindert.ii Ich glaube, dass jeder seinen Platz selbst finden kann.

Durch diese Gruppeneinteilung sind die SuS auch so zusammengesetzt, dass sie Einflüsse aus unterschiedlichen 10. und 9. Klassen mitbringen. Einige SuS waren in der vorangegangenen Stunde nicht anwesend und müssen von den anderen Gruppenmitgliedern noch eingearbeitet werden.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse, was Anerkennung, Förderung und Forderung der SuS angeht, beobachte ich fortwährend und gehe situationsabhängig darauf ein. Im Kurs ist es deutlich zu merken, dass die Erhaltung des Kursklimas ein fortlaufender Prozess ist, der immer neu betrachtet werden muss.iii

1.2 Lernvoraussetzungen

Bis auf einen Schüler haben alle die zehnte Klasse an dieser Schule abgeschlossen, wenn auch in unterschiedlichen Klassen. Rückfragen mit den vorherigen Lehrern ergaben: Alle SuS haben (dem Lehrplan entsprechend) auf die eine oder andere Art Vorerfahrungen mit Lyrik, Epik und Dramatik, die Arbeitsweisen unterscheiden sich allerdings stark. SuS der einen zehnten Klasse verfügen über außergewöhnliche hohe Methodenkompetenz. Sie sind besonders in der kreativen Umsetzung von Literatur fähig und inspirierend. Bei Wortbeiträgen gehen sie sehr gut aufeinander ein. SuS der zweiten zehnten Klasse haben hohe Kompetenzen in der intellektuellen Erschließung. Sie haben eine Vielzahl von Einzelwerken untersucht und sind dabei auch sehr in die Tiefe gegangen. Während die SuS aus einer Klasse sehr offen sind, suchen die meisten anderen SuS nach eindeutigen Lösungen oder erwarten allgemeingültige Fazits durch die Lehrkraft. Bei Erweiterungen der gelernten Konzepte reagieren sie oft verwirrt. SuS aus der vierten zehnten Klasse sind leider äußerst frustriert, was den Deutschunterricht anbelangt und bringen kaum Methodenkompetenzen mit.

Seite Beginn des Schuljahres haben wir häufig mit Standbildern, Postern, in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit gearbeitet, wir haben häufig Schülermoderation und Präsentationen/Referate, haben auch einen Lyrikmartkplatz veranstaltet, den die SuS sehr genossen haben. In der Lyrikeinheiten haben die SuS außerdem ein eigenes Gedicht verfasst, dass sie in einem Dossieriv nach jeder Stunde überarbeitet haben; in der Einheit zur Analyse von Kurzgeschichten haben Sie ihre Interpretationen gegenseitig korrigiert und kommentiert.

Die SuS sind mit literarischen Stilmitteln vertraut und kennen seit letzter Woche auch filmische Stilmittel, die sie kreativ verwenden können. In Einzelarbeit haben sie Storyboards entwickelt, die sie dann gemeinsam umgesetzt haben. Mit der Erarbeitung der Lektüre „Der Vorleser“ beginnen wir in dieser Stunde. Ich habe die SuS gebeten, den Roman bis zum heutigen Dienstag zu lesen, bin mir aber darüber im Klaren, dass einige diese Aufgabe vielleicht nicht oder nur teilweise bearbeitet haben werden. In der letzten Stunde haben die SuS markante Stellen des Buches ausgewählt und bearbeitet. Sie haben die Standbilder bereits überwiegend entwickelt, Zitate und Fragen herausgesucht. In der heutigen Stunde müssen sie sich die Ergebnisse erneut in Erinnerung rufen, die abwesenden Mit-SuS informieren und die genaue Präsentation planen.

[...]


1 Ich benutze von nun an die Abkürzung SuS für Schülerinnen und Schüler.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Mit Standbildern Unterrichtsschwerpunkte mitbestimmen
Untertitel
Themenauswahl in einer 11. Klasse zu Bernhard Schlinks "Der Vorleser"
Hochschule
Studienseminar für Gymnasien Wiesbaden
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V198676
ISBN (eBook)
9783656333944
ISBN (Buch)
9783656334378
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Öffnung von Unterricht, Mitbestimmung, Standbildbau, Standbilder, Gruppenarbeit, Leseförderung, Didaktische Öffnung, Der Vorleser, Bernhard Schlink, Filmische Mittel
Arbeit zitieren
Mareike Hachemer (Autor), 2011, Mit Standbildern Unterrichtsschwerpunkte mitbestimmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198676

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