Globale Biografien?

Das Leben brasilianischer Fußballspieler im Zeitalter der Globalisierung


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Individuen

3. Der Weg zum globalisierten Fußball und das brasilianische Beispiel

4. Globalisierung der Biographien?
4.1. Die Ausnahmebiografien: Dunga und Leonardo

5. Schlussanmerkungen

6. Bibliografie

1. Einleitung

Wahrscheinlich ist derzeit nichts anderes so global wie Fußball. Seit seiner Erfindung auf den Britischen Inseln am Ende des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Zeit breitete sich diese Sportart weltweit aus und gewann Millionen Anhänger. Diese konsumieren diesen Sport auf unterschiedliche Art und Weise und machen ihn so zu einem Millionengeschäft..Die Nationalgrenzen scheinen keine Hürde mehr zu sein - weder für die Fans, die über die Medien die Karriere ihrer beliebtesten Spieler und die Leistungen der Mannschaften verfolgen können. Auch nicht für die Klubs, die auf der ganzen Welt Profis rekrutieren und so multiethnisch und multinational wurden. Und für die Spieler selbst ist der Arbeitsmarkt längst wortwörtlich der ganze Globus geworden. Daher ist der Fußball sicherlich eine der deutlichsten Manifestationen der Globalisierung und ein fruchtbarer Boden, um ihre multiplen Facetten zu analysieren.

Jenseits von Makrophänomenen, wie etwa Migration oder dem Fallen von Nationalgrenzen, gehen mit der Globalisierung erhebliche Implikationen für den Alltag jedes Einzelnen einher. Das Individuum kommt in Kontakt mit bisher fremden Welten (Kulturen, Religionen, Waren, Menschen, Krisen usw.), wodurch dessen Gewohnheiten und Wahrnehmungen über diese fremden Welten beeinflusst werden. Nach Beck (2007) führt dieser Umstand unter anderem auch zur Globalisierung der Biografien, bzw. zu einer kosmopolitischen Anschauung. Hierbei spielt nicht nur die äußere Mobilität (wie etwa Reisen) eine Rolle, sondern auch die innere, psychische Mobilität. Speziell in der großen Migration der Athleten in den letzten Jahrzehnten (vgl. Poli, 2010; Taylor, 2006) machen sich solche Mikroaspekte in der Fußballwelt bemerkbar. Die Fußballprofis kommen mit unterschiedlichen und fremden Kulturen in Kontakt. Fußballspieler spiegeln also auch diese Facette der Globalisierung wieder, welche noch äußerst unbekannt ist.

Wenig weiß man über den Alltag dieser Spieler, speziell über diejenigen, die weit entfernt von ihrer Heimat tätig sind. Wie leben diese Ausländer fern von ihren Heimatländern? Wie werden die alltäglichen Schwierigkeiten überwunden? Wie ist die institutionelle Aufnahme seitens der Vereine? Wie werden die Kontakte zur Familie und Freunden aufrechterhalten? Integrieren sie sich in die Gesellschaften, in den sie arbeiten oder leben sie ausgegrenzt? Um Ulrich Becks Konzepte anzuwenden: Wie ist die innere Mobilität dieser Spieler? Suchen sie diese? Führt die Gestaltung ihres Alltags zur Globalisierung ihrer Biografien oder eher zur Abschottung und Verstärkung ihrer ortsansässigen Identität?

Da Brasilien einer der größten Exporteure von Fußballspielern ist (s. Teil drei), wird in dieser Arbeit anhand der verfügbaren Literatur über brasilianische Spieler, die außerhalb Brasiliens leben oder lebten, dieser Aspekt der Globalisierung näher betrachtet. Um die Analyse theoretisch einzuordnen, wird auf die von Beck (2007) dargestellten Konzepte der Globalisierung der Biografien und Inneren Mobilität aufgegriffen. Außer dieser Einleitung gliedert sich diese Hausarbeit in weitere vier Teile. Im nächsten Teil widmen wir uns der konzeptuellen Definitionen. Teil drei stellt die Wege zur Globalisierung des Fußballs und einige Daten bezüglich der Zerstreuung brasilianischer Spieler auf der Welt dar. Danach wird sich mit den oben gestellten Fragen befasst und schließlich werden die Ergebnisse zusammengefast und bewertet.

2. Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Individuen

Die Bezeichnung „Globalisierung“ war noch zum Ende der Achtzigerjahre völlig unbekannt, sowohl in der Wissenschafts- als auch in der Alltagsprache. Doch schon mit der Jahrtausendwende wurde sie zu einem praktisch allgegenwärtigem Wort (Guidens, 2001.) Held (1999) z. B. behauptet, dass sich die Facetten der Globalisierung in allen sozialen Bereichen unseres Lebens widerspiegeln, „from the cultural through the economic, the political, the legal, the military and the environmental“ (Held 1999 S.27). Nach Beck meint Globalisierung

„das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handels in den verschiedenen Dimensionen der Wirtschaft, der Information, der Ökologie, der Technik, der transkulturellen Konflikte und Zivilgesellschaft, und damit im Grunde genommen etwas zugleich Vertrautes und Unbegriffenes, schwer Begreifbares, das aber mit erfahrbarer Gewalt den Alltag elementar verändert und alle zu Anpassungen und Antworten zwingt.“ (2007, S.44).

Ob es sich bei Globalisierung tatsächlich um ein neues Phänomen handelt, wird heftig diskutiert. Einige meinen, Globalisierung sei erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Andere hingegen, dass Globalisierung im 15. Jahrhundert mit der Europäischen Expansion begonnen habe. Und noch anderer behaupten, diese Prozesse seien schon immer Teil der Menschheit gewesen.[1] Ohnehin neu ist, so Beck (2007), dass die Menschen mobiler wurden. Besonders wenn sie über gesuchte Kompetenzen verfügen, seien sie angereizt ihr Arbeitsvermögen dort einzusetzen, wo es für sie am vorteilhaftesten scheint. Neu sei auch das alltägliche Leben und Handeln über nationalstaatliche Grenzen hinweg, die Selbstwahrnehmung dieser Transnationalität, die Ortslosigkeit von Gemeinschaft, Arbeit und Kapital und die Wahrnehmung transkultureller Anderer im eigenen Leben.

Diese wachsende Mobilität führe zur Ortspolygamie, also die „Beziehung“ zu mehreren Orten, die verschiedenen Welten zugehören. Dies sei das Einfallstor der Globalität im eigenen Leben, welches wiederum zur Globalisierung der Biographie führe. Globalisierung der Biographie heißt: „ Die Gegensätze der Welt finden nicht nur dort draußen, sondern im Zentrum des eigenen Lebens, in multikulturellen Ehen und Familien, im Betrieb, im Freundeskreis, in der Schule, im Kino, beim Einkaufen an der Käsetheke, Musikhören, Abendbrotessen, Liebemachen usw. statt.“ (Beck 2007, S. 129). Das Leben der Individuen sei nicht mehr ortsgebunden, nicht mehr sesshaft. Es sei ein Leben auf Reisen (im direkten und übertragenen Sinn), ein Nomaden-Leben, ein Leben im Auto, im Flugzeug, in der Bahn oder am Telefon, im Internet, ein von Massenmedien gestütztes und geprägtes Leben. Dennoch wenn das Leben über mehrere Orte aufgespannt sei, könne die Biographie im allgemeinen Raum, nämlich auf Flughäfen, in Hotels, Restaurants, an Orten, die überall gleich oder ähnlich sind, folglich ortlos, stattfinden. Es könne auch sein, dass diese „Mehrörtlichkeit“ bedeute, dass man sich immer wieder in die unterschiedlichen Orte, in deren Gesichter und Geschichte, verliebe und vermähle. So böten diese Orte die Gelegenheit, besondere Seiten des Selbst aufzudecken und zu erproben, welche auch die Biographie umgestalte.

Um dieses neue Leben zu ermöglichen, seien neue Technologien (wie etwa Satelliten, Internet, Flugzeuge usw.) ausschlaggebend, da sie als Zeit- und Raumüberbrückungsmedien fungieren. Doch um dieses neue Leben zu verstehen, sei ein neues Mobilitätsverständnis erforderlich. Beck spricht von zwei unterschiedlichen Mobilitätsarten, die äußere und die innere Mobilität. Die äußere ist als „normales“ Geschehen, wie Umzug, Berufswechsel, erzwungene Flucht usw., zu verstehen. Im Unterschied zu dieser meint die innere „ also das Maß an geistiger und physischer Beweglichkeit, das nötig oder gewünscht wird, um das alltägliche Leben zwischen verschiedenen Welten zu meistern.“ (Beck 2007, S. 132). Ins Zentrum des globalisierten Lebens sei die innere Mobilität des eigenen Lebens getreten.

3. Der Weg zum globalisierten Fußball und das brasilianische Beispiel

Der 23. Oktober 1863 gilt als die Geburtsstunde des modernen Fußballs (Einsenberg, 2004). An diesem Tag trafen sich im Freemanson‘ Tavern in London Vertreter verschiedener englischen Mannschaften, um die bisher sehr unterschiedlichen Spielregeln zu vereinheitlichen. Gleichzeitig wurde die Football Association (FA) ins Leben gerufen, die als Aufsichtsbehörde dieses Sports fungieren und im Zweifelsfall das Interpretationsmonopol ausüben sollte. Von den britischen Inseln bis zur „Eroberung der Welt“ war es eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, zur der mehrere Faktoren beitrugen.

Wie bei der Globalisierung im Allgemeinen, so erwiesen sich die Verkehrsmittel, damals die Dampfmaschine, von Anfang an als wichtige Triebkraft zur Verbreitung des Fußballs auf dem Globus. Denn „nicht wenige jener Briten, die sich auf die Dampfschiffe begaben, hatten einen Fußball im Gepäck“ (Eisenberg 2004, S. 9). Auf diese Weise landete der Sport in Südamerika, wo heute noch englische Wörter an den offiziellen Namen einiger Vereine wiederzufinden sind.[2] Auch das Wort Fußball selbst verrät den britischen Einfluss. Dort wird der englische Football entweder Fútol (auf Spanisch) oder Futebol (auf Portugiesisch) genannt.

Doch eine entscheidende Rolle zur Expansion und letztendlich Globalisierung des Fußballs spielte die 1904 in Paris gegründete Fédération Internationale de Football Association (FIFA). Sie besteht gegenwärtig aus 208 nationalen Verbänden[3] aus der ganzen Welt, für die sie als Dachorganisation fungiert und die Regeln des Fußballs feststellt und überprüft. Zudem organisiert sie unter anderem Veranstaltungen, wie die Weltmeisterschaften der Männer und Frauen (WM) und regelt die Transfers von Spielern. Diese genannte entscheidende Rolle übte sie hauptsächlich durch den derzeit wohl bekanntesten Event der Welt aus, die Weltmeisterschaft der Männer. 1930 fand in Uruguay das erste Turnier statt. Dies war das erste Zusammentreffen von Mannschaften aus 13 Ländern aus zwei Kontinenten, Amerika (Latein) und Europa. Von daher wuchs die Zahl der Teilnehmer kontinuierlich an, sodass Globalisierung „eines der am häufigsten strapazierten Schlagwörter bei dieser WM 2002 war. 361 der 736 für das Turnier gemeldeten Kicker verdienten ihr Geld bei ausländischen Arbeitgebern […]“ (Schulze 2006, S. 12).

Ein weiteres Ereignis mit erheblichen Folgen für die Globalisierung des Fußballs geschah als Folge des Zweiten Weltkrieges – die Dekolonisierung Afrikas und Asiens. Die neu gegründeten Länder wollten sich als solche auf der Weltbühne darstellen und benutzten dafür den Fußball als eine Art Vitrine. Daher übertraf bereits Mitte der 50er Jahre die Zahl der nicht-europäischen FIFA-Mitglieder die der europäischen. Als Reaktion letzterer entstand 1954 die Associations Européennes de Football (EUFA). Da die FIFA-Entscheidungen auf dem Prinzip one Country one vote basiert, fühlten sich die Europäer in ihrer Macht bedroht. Deshalb sei die UEFA eine Organisation, die der Verteidigung europäischer Interessen im Weltfußball diene. So übe sie, in Einklang mit der europäischen Presse, seit jenen bis zur heutigen Zeit eigentlich eine Antiglobalisierungskraft aus (Eisenberg, 2004).

Dennoch wurde im Jahr 1974 zum ersten Mal ein Nicht-Europäer, der Brasilianer João Avelange, zum Präsidenten der FIFA gewählt. Mit ihm begannen die Kommerzialisierung von Fernseherechten und die „Zusammenarbeit“ mit Sponsoren, wie Coca Cola und Adidas. Diese Initiativen erhöhten die Einkommensquellen der FIFA exponentiell, womit unter anderem Entwicklungshilfeprogramme in armen Ländern gefördert wurden. Immerhin erlebte aufgrund der Entwicklung neuer Technologien nicht nur die FIFA neue Zeiten, auch die Klubs waren davon beachtlich betroffen. Ihre Einnahmen stiegen gleichermaßen wie die der FIFA. Daher folgten die Inflationierung der Gehälter und Ablösesummen der Spieler sowie der Anstieg des internationalen Spielerverkehrs (Eisenberg, 2004).

Auf diese Weise wurde der Fußball immer deutlicher zu einem professionell geführten Geschäft. Einerseits zielen die in wohlhabenden Ländern mit internationalen Stars überfüllten Klubs und deren Sponsoren auf die weltweit lebenden aktuelle und noch zu gewinnende Fans bzw. Konsumenten. Andererseits bestreben die Klubs und spezialisierten Unternehmen in ärmeren Ländern, besonders Lateinamerika und Afrika, die bewusste „Produktion“ von Fußballspielern, um sie weltweit zu exportieren. Dazu sagte vor Kurzem der Gründer des Schweizer Professional Football Players Observatory (PFPO), Raffaele Poli, der brasilianischen Zeitschrift Veja: „ Ein Fußballspieler wurde zu einer Ware und Brasilien ihr größten Exporteur“ (Coura 2009, S. 2). Gleicher Meinung ist der Manager vom Desportivo Brasil, ein vom Werbungsunternehmen Traffic in Brasilien gegründeter Klub: „ Unser Ziel ist es Spieler zu produzieren und zu verkaufen. Es geht nicht um Leidenschaft. Wir haben keine Fans. Es ist ein Geschäft.“ (Coura 2009, S. 6).

Folgende Abbildungen veranschaulichen diese Realität. Das Schaubild zeigt das Volumen und die Netzwerke bzw. Richtungen des aktuellen internationalen Spielertransfers. Sie beziehen sich auf Transfers, die im Jahr 2010 stattfanden. Zu erkennen ist, dass die drei intensivsten Strömungen zwischen Brasilien – Portugal, England – Schottland und Argentinien – Chile bestehen. Dennoch sind die weiteren internationalen Netze innerhalb Europa und Südamerika nicht zu übersehen, ebenfalls die relative Wichtigkeit asiatischer Länder.

[...]


[1] Darüber äußert sich auch Beck (2007) und macht darauf aufmerksamt, dass das 15. Jahrhundert, nach Marx und Wallerstein, der Beginn der globalen Welt sei. Giddens und Robertson sähen das 18. Jahrhundert als Startpunkt an. Andere betonten das Ende des Ost-West-Konflikts.

[2] Ein Beispiel ist der Verein, der im Juli dieses Jahres in München bei der Audi Cup teilnahm. Obwohl er von der deutschen Presse Porto Alegre genannt wurde, lautet sein offizieller Name: Sport Club Internacional. Dazu siehe: (http://www.internacional.com.br/home.php).

[3] Zu erwähnen ist die Tatsache, dass auch nicht „offiziell anerkannte Länder“ als ein separater Mitglied zählen. Beispiele: China/Hong Kong oder Porto Rico/USA.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Globale Biografien?
Untertitel
Das Leben brasilianischer Fußballspieler im Zeitalter der Globalisierung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Globalisierung und die Veränderung von Gesellschaften
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V198713
ISBN (eBook)
9783656251682
ISBN (Buch)
9783656253044
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biografien, fußballspieler, globalisierung, Sportsoziologie
Arbeit zitieren
Airton Adelar Mueller (Autor:in), 2011, Globale Biografien? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198713

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