Der Sündenbock – Zeitlose Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Phänomens


Seminararbeit, 2010

31 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sündenbock- Theorie – Einleitender Teil
2.1 Definition „Sündenbock“
2.2. Die Rolle des Sündenbocks

3. René Girard – Der Mythos und die Theorie des Sündenbocks
3.1 Allgemeines zum Werk „Ausstoßung und Verfolgung - Eine historische Theorie des Sündenbocks“
3.2 Stereotype die in einem Mythos wirken – Ödipus-Mythos
3.3 Die Pest – Judenverfolgung
3.4 Die Hexenjagd
3.5 Menschen mit Behinderung
3.6 Kennzeichen eines Sündenbocks laut René Girard

4. Der Sündenbock im Nationalsozialismus
4.1 Theodor Adorno – Autorität lässt den Sündenbockmechanismus greifen
4.2 Auswirkungen der Evolutionstheorie Darwins auf die Rassenhygiene im Nationalsozialismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Je komplizierter und unübersichtlicher die moderne Welt wird, um so mehr wächst die Nachfrage nach Orientierung so Nagorni (1993, 7). Antisemitismus wäre ein solches Ordnungsmuster, welches einfache Erklärungen für komplexe Sachverhalte liefert. So ist es beispielsweise zu erklären, dass auch nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges, der Antisemitismus nicht mit dem Kriegsende zu Ende ging. Stereotype und Ausländerfeindlichkeit treten immer wieder in den Vordergrund von Diskussionen, die wir lange schon hätten überwinden sollen.

Dass der Mensch Kategorien und Stereotype bilden muss ist verständlich, denn dadurch verkürzt er seine Handlungen. Er bildet Kategorien aufgrund seiner Erinnerungen und dem Wissen, welches er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat. Es wäre für den Menschen unmöglich, ständig neue Gedankengänge bei jedem Objekt zu bilden. Dies bildet auch die Grundlage für unser stereotypes Denken und auch, dass sich jener Sündenbockmechanismus bildet, der Thema unserer Seminararbeit ist.

Der Sündenbockmechanismus besteht somit immer in unserer Gesellschaft, das Schwarz-Weiß Klischee, die Einteilung in Schafe und Böcke, Freunde und Feinde, Gut und Böse (Nagorni, 1993, 7) ist immer noch gesellschaftlicher Alltag. Dies dient dem inneren Zusammenhang in der eigenen Gruppe, und lässt Stereotype entstehen, die sich als Aggression und Gewalt gegenüber anderen äußern.

Die Geschichte zeigt uns, dass immer wieder die Juden als Projektionsfläche für die latente Gewaltbereitschaft der Gesellschaft herhalten mussten, sei es damals, zur Zeit der Schwarzen Pest, wo sie beschuldigt wurden, das Brunnenwasser vergiftet zu haben, als auch während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Buch des französischen Literaturkritikers René Girard verweist darauf, dass das menschliche Zusammenleben eines der wohl größten anthropologischen Probleme darstellt. Die wohl erkenntnisreichste Einsicht Girards; anhand griechischer Mythen erklärt er, dass sobald es zu einer Krise kommt, die einem zu jener Zeit unerklärlich erschien (z.B.: Naturkatastrophen, Dürre…), jemand dafür gerade stehen musste. Es bildet sich ein gemeinsames Feindbild, dem die Schuld für die Krise in die Schuhe geschoben wird. Dieser sogenannte Sündenbock zählt meist zu einer gesellschaftlichen Minderheit. Girard verdeutlicht dies vor allem an den Beispielen der Hexenverfolgung und der Judenverfolgung im 14. Jahrhundert. Auch kurz angerissen wird die Sündenbocktheorie, die sich auf Menschen mit Behinderung richtet, die aber leider nicht so ausführlich beschrieben wurden wie die beiden anderen Phänomene.

Um nicht nur auf den einen Autor einzugehen, haben wir auch noch eine andere Theorie herangezogen, die den Sündenbockmechanismus erklären soll. Es handelt sich um Theodor Adorno und seine Schriften zur Autoritären Persönlichkeit. Adorno gehört zu den Kritischen Theoretikern, die nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten zu erklären, warum es möglich war, dass so viele Menschen, blind dem Nationalsozialismus folgten und es zugelassen wurde, dass Millionen von Menschen sterben mussten.

Kurz verweisen wir auch auf Charles Darwin und dessen Evolutionstheorie, vor allem ist interessant, wie diese im Zusammenhang mit der Rassenhygiene steht und damit auch als Sündenbockmechanismus fungiert.

Gegliedert ist die Seminararbeit folgendermaßen; zunächst wird eine knappe Definition des Begriffes „Sündenbock“ im Allgemeinen gegeben, anschließend auf René Girards Theorie bezüglich des Sündenbockphänomens eingegangen. Es wird im genaueren auch auf seine im Werk Ausstoßung und Verfolgung – Eine historische Theorie des Sündenbocks erwähnten Beispiele eingegangen. Danach wird Theodor Adornos Theorie beschrieben und in einem abschließenden Abschnitt noch einmal zusammengefasst, wie sich solche Sündenbockstrukturen bilden und wie sich beide Theorien ergänzen.

2. Die Sündenbock- Theorie – Einleitender Teil

2.1 Definition „Sündenbock“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Begriff „Sündenbock“ geht auf einen altjüdischen Brauch zurück, einmal jährlich einen Bock symbolisch mit den eigenen Sünden zu beladen und ihn dann in die Wüste zu jagen.

Heute benutzen wir den Begriff „Sündenbock“ unbefangen in Diskussionen über die kollektive Moral. Vor allem in der Sozialpsychologie findet man das Phänomen Sündenbock im Zusammenhang mit Untersuchungen über das Wirken dieses Mechanismus in kleinen Gruppen, in Familien, in der Rassen- oder Landespolitik. Der Begriff wird für jene Personen verwendet, die angeblich Unglück verursachen. Die sogenannten Sündenbock-Bestimmer werden so aus ihrer eigenen Verantwortlichkeit enthoben, ihr Gefühl nach Macht und Rechtschaffenheit gestärkt (vgl. Perera, 1987, 9ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wir neigen zu vergessen, dass der Sündenbock damals ein Menschen- oder Tieropfer war, welches dem Unterweltgott dargebracht wurde, um das Gemeinschaftswesen dadurch aufrechtzuerhalten, dass der Zorn des Gottes nicht länger bestehe. Der Sündenbock, als Heilmittel. Die Gemeinschaft stand so unter dem Schutz Gottes, religiöse Rituale sollten die Gemeinschaft stärken. Der Wunsch Krisen und Katastrophen abzuwenden existiert weltweit, das bildet auch die Grundlage religiöser Rituale (vgl. ebd. 1987, 10).

Die tiefere Bedeutung von Sündenbockmechanismen wurde aufgegeben, die Gesellschaft nimmt an, dass die Menschheit und/oder der Teufel das Böse verkörpert und in die Welt projiziert, da Gott ja nur die positive Seite der Gesellschaft verkörpert. Die Folge davon, Menschen halten sich für fast allmächtig, da sie so fähig sind, das Böse zu vermeiden.

Wir machen jemanden zum Sündenbock, indem wir ihn mit dem Bösen identifizieren, ihn beschuldigen und aus der Gemeinschaft ausschließen, um den übrigen Mitgliedern der Gemeinschaft zu einem Gefühl der Unschuld zu verhelfen und sie mit den kollektiven Maßstäben des Verhaltens zu versöhnen. Wir weisen die Schuld jemandem zu und machen uns `gegen künftiges Unheil und Versagen immun`, indem wir die angenommene Ursache des Unglücks vertreiben (Perera, 1987, 10).

Das Sündenbockverhalten (scapegoat) ist eine Tendenz von Individuen, wenn sie frustriert oder unglücklich sind, ihre Aggressionen auf Gruppen zu schieben, die nicht gemocht, sichtbar und relativ machtlos sind. Einem Sündenbock gibt man quasi die Schuld für Fehler, oder Konfliktpotenzial, wobei die tatsächliche Schuld kaum eine Rolle spielt. Es findet eine Verschiebung der Aggression auf eine andere Zielperson oder einer anderen Gruppe statt, insbesondere wenn eine direkte Vergeltung gegen die frustrierende Person oder Gruppe nicht möglich ist. Sündenböcke übernehmen die Ersatzfunktion für jene Instanzen, gegen die der Hass eigentlich gerichtet ist (vgl. Wiswede, 2004, 549).

Bestimmte Gruppierungen wie soziale Minderheiten werden häufig mit Vorurteilen belegt, werden Opfer dieser Projektionen. Ihnen wird die Schuld für eigene Fehler, Schwierigkeiten und Enttäuschungen angelastet. Die Verantwortung für Probleme wird anderen zugeschoben. So sind gängige Stereotype, dass die Juden Schuld an der Wirtschaftskrise waren, oder eben in der heutigen Zeit, dass uns die Ausländer die Arbeitsplätze wegnehmen.

Vor allem die Politik kann damit gut ihre Vorteile ausspielen, denn wenn die Unzufriedenheit auf andere Personen gelenkt wird, entsteht ein gewisses Maß an Solidarität in Hinblick auf den „vermeintlichen Gegner“, zugleich wird dadurch eine Kohäsion der Eigengruppe erreicht (vgl. ebd. 2004).

2.2 Die Rolle des Sündenbocks

Die Theorie des Sündenbocks gilt in der Psychologie als ein besonderer Fall der Konflikt- und Wettbewerbstheorie. Individuen haben in harten Zeiten, wenn die Dinge schlecht gehen die Neigung, Mitgliedern von Fremdgruppen feindlich zu begegnen. Sie sehen sich im direkten Wettbewerb um knappe Ressourcen, manchmal scheint dieser Rivale aber nur in den Köpfen der Menschen zu sein. In Deutschland, nach dem ersten Weltkrieg war die Inflation außer Kontrolle geraten, die Menschen waren arm und frustriert (vgl. Aronson, Wilson & Akert, 2004, 511-512).

Die Nazis ergriffen in den 1930ern die Macht, und all ihre Frustration konzentrierte sich auf eine Bevölkerungsgruppe, die Juden. Die Juden galten als eine leicht zu identifizierende machtlose Fremd-Gruppe. Die Juden waren sicherlich nicht die Schuld an der Wirtschaftskrise, warum wurden aber sie für alles verantwortlich gemacht?

In Zeiten der Krise orientieren sich Menschen an einen starken Führer, eine Person, die ihnen aus der Krise helfen würde. Die starke Führung des Naziregimes war ein solch führendes System, welches die Illusion schaffen konnte, dass alle Probleme in Deutschland verschwinden würden, wenn die Juden bestraft würden. Sie wurden dann auch sogleich ihrer bürgerlichen Rechte beraubt und schließlich getötet. Juden waren zur Zeit des Nationalsozialismus wirklich ein gut geeigneter Sündenbock, schließlich waren sie eine kleine Gruppe, die nicht in der Lage war sich gegen das starke NS Regime zu wehren (vgl. ebd.). Genauere Aussage lassen sich auf Theodor Adorno zurückführen, der Autoritarismus als Auslöser für die Judenverfolgung sah. Dies wird in einem späteren Kapitel noch genauer erläutert.

3. René Girard –Der Mythos und die Theorie des Sündenbocks

3.1 Allgemeines zum Werk „Ausstoßung und Verfolgung - Eine historische

Theorie des Sündenbocks“

Soziale Krisen, Hungersnöte, Seuchen, Krankheiten wie die Pest, die sich wie ein Lauffeuer innerhalb kürzester Zeit verbreitet haben, haben einen kollektiven Hass gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen entstehen lassen. Wenn mehr und mehr Menschen von dieser Krise betroffen waren, wird die Schuldfrage auch immer lauter. Die Gründungsgewalt bewegt sich in einem Klima äußerster Erregung in Richtung Sündenbock. Es kommt zur Bildung von Majoritäten und Minoritäten, die Situation schaukelt sich bis zu einem kritischen Punkt empor. Was anfangs noch wie ein „Jeder gegen Jeden Prinzip“ wirkt, weicht einer merkwürdigen Vereinigung. Die Menge wird zu einer undifferenzierten Masse, wo im idealtypischen Fall nur einer als Schuldiger übrig, oder eine kleine Gruppe von Menschen übrig bleibt. Gegen diese kleine Gruppe von Personen können alle Angehörigen einer Gemeinschaft ihre Wut richten, ohne Vergeltung befürchten zu müssen (vgl. Girard, 1992, 23ff.).

Die Gemeinschaft glaubt in dem Falle, die Quelle des Unheils gefunden zu haben, was unsererseits aber zu denken gibt, dass hier einfach über die Willkür der Opferwahl hinweggetäuscht werden soll. Anders als Andere zu sein, stellt die Ordnung der Bevölkerung in Frage. Leidtragende waren vor allem Juden, Frauen, die als Hexen bezeichnet wurden oder Menschen mit Behinderung. Diese Beispiele werden im Laufe der Seminararbeit näher behandelt (vgl. Girard, 1992, 10ff.).

Diesen Menschen wurden Verbrechen unterstellt, sie wurden Opfer von Verfolgungen, wurden getötet, um den Glauben an einer intakten Gesellschaft wieder her zu stellen. Diese Opferfindung leitet dann wiederum einen Frieden herstellenden Prozess ein, so Girard.

Sobald das Ärgernis lokalisiert wurde, und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, kehrt die Ordnung ein. Das kann ganz plötzlich geschehen, als ob es von einer höheren Macht bestimmt würde. Girard verbindet diese höhere Macht mit dem Begriff des Heiligen. Das Heilig tritt zunächst in seiner bösartigen Form auf, dem Sündenbock. Von ihm wird angenommen, er habe das Gemeinwesen verhext, verflucht, in jedem Falle die Ordnung der Gesellschaft gestört (vgl. Haas, 2009, 32).

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Sündenbock – Zeitlose Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Phänomens
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Behinderung, Historische und inklusionspädagogische Perspektiven
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V198765
ISBN (eBook)
9783656253563
ISBN (Buch)
9783656253648
Dateigröße
2887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behinderung, Sündenbock, René Girard, Vorurteil, Adorno Theodor, Stereotyp
Arbeit zitieren
Marcia Rainer (Autor), 2010, Der Sündenbock – Zeitlose Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Phänomens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198765

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