Nutzen und Wirken des platonischen Eros

Die epistemologische Bedeutung des Eros auf dem Weg zu der Erkenntnis des Guten in den beiden Werken "Symposion" und "Phaidros"


Hausarbeit, 2012

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die epistemologische Bedeutung des Eros-Begriffes
2.1 Eros‘ Bedeutung im Stufenweg der Erkenntnis
2.2 Der Lohn eines philosophischen Lebens
2.3 Eros als göttlicher Wahnsinn im Phaidros
2.3.1 Seelenmythos- Aufschwung der Seele zur Erkenntnis des Seins
2.3.2 Eros als Impulsgeber der Philosophie

3. Fazit und Diskussion
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2 kritische Auseinandersetzung

Literatur

1 Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist der Platonische Liebesbegriff, welcher explizit in zwei Werken Platons, nämlich den Dialogen „Symposion“ und „Phaidros“, behandelt wird. Beide Dialoge dienen als Grundlage, um den Begriff des Eros‘ aus Platonischer Sicht darzulegen. Das Hauptmerk wird dabei auf den, in den Dialogen dargestellten Nutzen des Eros, sowie seiner Funktion und Wirkung auf den Menschen liegen.

Platon versteht Eros als Begierde nach dem Schönen. Im Symposion wird deutlich, dass Eros weder Gott, noch Mensch ist und somit ein Zwischenwesen, welches als Dämon bezeichnet wird, darstellt. Weiterhin ist Eros ein Mangelwesen. Da er anders als die Götter, nach dem Schönen und Guten strebt (denn die Götter sind alle gut, schön und weise und müssen somit nicht danach streben), ist er dessen auch bedürftig.

Eros spielt eine entscheidende Rolle in dem Stufenweg der Erkenntnis des Guten und Schönen. Platons Erkenntnis- und Ideenlehre stehen im engen Zusammenhang. Auf der einen Seite stehen die Abbilder von Ideen, welche durch Sinneswahrnehmungen in der Welt beobachtet werden können, während auf der anderen Seite die Ideen stehen, welche wirklich sind, aber nicht bloß durch sinnliche Wahrnehmung erkannt werden können. Es wird sich zeigen, dass sich die menschliche Seele durch Abbilder der Schönheit in der irdischen Welt an die Urbilder, welche sie (die Seele) in einen vorgeburtlichen Zustand geschaut hat, wiedererinnern kann.

Zunächst wird die Bedeutung des Eros im Stufenweg der Erkenntnis erläutert. Die Darlegung im Symposion dient hierfür als Grundlage. Besonders ist an dieser Stelle, dass nicht Sokrates selbst spricht, sondern von einer Unterhaltung erzählt, welche er einst mit der Priesterin Diotima aus Mantineia geführt habe. Anschließend wird der, im Symposion geschilderte Lohn eines philosophischen Lebens erörtert.

Im Phaidros wird der Zusammenhang von Sokrates’ Seelenmythos und der Erkenntnis des Guten thematisiert. Im Rahmen dieser Hausarbeit wird dabei der Schwerpunkt auf dem Grund liegen, warum gerade die Schönheit besonders dazu geeignet erscheint, eine solche philosophische Erschütterung auszuüben und warum der Mensch überhaupt daran interessiert ist, zur Schau des Schönen selbst zu gelangen. Die Rolle der Vernunft ist dabei immer wieder zu beachten: erst sie kann zu dem Grund führen, weshalb das Streben des Menschen nach vollkommener Erkenntnis überhaupt existiert (Rolle der Vernunft in der Welt der Ideen) und sie führt erst dazu, dass der Mensch nach Erkenntnis streben kann (Rolle der Vernunft in der Welt der Dinge).

Schließlich folgt eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse aus dem Symposion und aus dem Phaidros, sowie eine kritische Auseinandersetzung der Autorin mit dem Dargelegten. Es wird der Standpunkt vertreten, dass der epistemologische Eros mehr Selbstliebe als Liebe zum Anderen darstellt.

2 Die epistemologische Bedeutung des Eros-Begriffes

Platon entsinnlicht Eros in seinen Dialogen „Symposion“ und „Phaidros“. 1 Die sogenannte Knabenliebe stellt eine homoerotische Beziehung zwischen Lehrer und Schüler dar. Sie ist also in Abgrenzung einer gewöhnlichen homoerotischen Beziehung zu sehen, da sie eine erzieherische Komponente beinhaltet. Jugendliche bzw. junge Männer aus gutem Hause suchten sich einen älteren Liebhaber (physische und psychische Überlegenheit), welcher als Mentor fungierte. 2 Erler (2006) spricht von einer „Entkleidung“ des sexuellen Charakters durch Platon: „Platon akzeptiert Erotik als Katalysator geistigen Strebens, lehnt die sexuelle Seite eines derartigen Verhältnisses jedoch als anstößig ab.“ 3 Eros wird entsinnlicht und seine Bedeutung für die Erkenntnislehre Platons steht vor allem im „Symposion“ im Mittelpunkt.

2.1 Eros‘ Bedeutung im Stufenweg der Erkenntnis

Im Symposion gibt Sokrates ein Gespräch wieder, welches er einst mit der Priesterin Diotima führte. Innerhalb dieses Gesprächs wird Eros als ein Dämon; ein Zwischen - bzw. Mangelwesen, welches weder schön, noch hässlich ist, definiert. Unter Dämon ist bei Platon nicht die christliche Vorstellung eines bösen Geschöpfs zu verstehen, sondern ein Adjektiv, wie etwa: Etwas Dämonisches. Ein Adjektiv, welches „das <<eigentliche Bestimmende>> […] der Seele ist […].“ 4

Eros ist immer relational bestimmt, d. h. er steht immer in Beziehung zu etwas. 5 Benardete schließt aus der Tatsache, dass Eros eros (Liebe) zu etwas ist, dass Eros etwas begehrt. 6 Charakteristisch für den Eros ist, dass er nach dem Schönen und Guten strebt. Somit kann er als das allen Menschen zu Grunde liegende Verlangen nach dem Guten betrachtet werden. Bei Sokrates sind „gut“ (αγαθος) und „schön“(καλος) austauschbar, aber nicht synonym. Was gut ist, ist schön und andersherum. 7 An dieser Stelle ist anzumerken, dass ich bei Platon keine Legitimation des Synonyms finden konnte. Auch seine Dialogpartner nehmen diese Behauptung an. Dabei ließe sich leicht einwerfen, dass ein Mensch, wessen Äußeres durchaus als schön bezeichnet wird, durchaus auch schlecht sein kann z. B. indem dieser schlecht handelt. Andersherum müsste man Platons Sokrates vorwerfen (oder hier: Diotima) man fände das Gute nur in schönen Menschen, da hässliche Menschen nicht an dem Guten teilhaben, vielleicht sogar nur Schlechtes inne haben. Eine solche Verzweigung von „gut“ und „schön“ ist mir nur aus der Volksmärchensammlung bekannt. Andererseits wird sich nachher zeigen, dass der, nach Erkenntnis strebende Mensch in einer höheren Stufe der Erkenntnis nicht nur das Äußere Schöne, sondern auch das Schöne in den Seelen erkennen kann. Dies kann jedoch die Vereinigung der Adjektive „schön“ und „gut“ nicht stützen. Da Platon jedoch jene Verzweigung postuliert, fügt er nun eine weitere Tugend hinzu: Die Weisheit. Somit strebt Eros auch nach Wissen, wodurch sich seine philosophische Natur offenbart. „Denn die Weisheit gehört zu dem Schönsten und Eros ist Liebe zu dem Schönen, so daß Eros notwendig weisheitsliebend ist und also als philosophisch zwischen den Weisen und Unverständigen mittinne steht.“(Symposion, 240b) 8. Auch die Philosophie steht als ein „Dazwischen“ dar. Sie beschreibt die Stellung zwischen Weisheit und Unwissenheit, also ein Wissen über die Unwissenheit, ja ein Streben nach Weisheit. 9

Eros‘ Wirken auf den Menschen besteht somit eben genau darin, ihn dazu anzutreiben, nach dem Schönen zu streben. Die erotische, sinnliche Begierde, welche allein auf das Körperliche aus ist, ist niedriger zu werten als eine nicht - sinnliche, geistige Begierde.

Erler (2006) bringt die Stellung der sinnlichen Begierde bei Platon auf den Punkt: sie hat die „Funktion eines Impulsgebers“ 10. Das Sinnliche mithilfe des Sinnlichen überwinden. Dies steht durchaus nicht im Wiederspruch. Betrachtet man den Stufenweg der Erkenntnis, wird schnell deutlich, dass die sinnliche Begierde den Grundfeiler des Stufenweges bildet. Platons Sokrates beschreibt die erste Stufe der Erkenntnis als eine Notwendigkeit in der Jugend „schönen Gestalten nachzugehen“(Symposion, 210a) 11. Zunächst wird man sich dabei auf einen Liebhaber beschränken und eine erotische Beziehung zu ihm führen. Strebt man aber nach der Idee des Schönen, muss diese niedere Form der Begierde schrittweise überwunden werden. So schließt Platons Sokrates in seiner Rede, dass es „großer Unverstand wäre, nicht die Schönheit in allen Leibern für eine und dieselbe zu halten, und[…], sich als Liebhaber aller schönen Leiber darstellen und von der gewaltigen Heftigkeit für einen nachlassen, indem er dies für klein und geringfügig hält.“(Symposion, 210b) 12.

Somit ist die zweite Stufe der Erkenntnis dadurch gekennzeichnet, dass die Schönheit in allen schönen Körpern gesehen wird und nicht länger nur mit einem Körper assoziiert wird. Um nun aber die nächst höhere Stufe zu erreichen, muss sich die Begierde der schönen Körper in die Begierde nach schönen Seelen wandeln. Wenn erkannt wird, dass die Schönheit in den Seelen höher zu werten ist, als diejenige in den Körpern, ist die dritte Stufe der Erkenntnis erreicht. Die Liebe zu dem Anderen wird somit nicht geringer, wenn er altert und seine Blüte verliert 13.

Die Vorstellung von Schönheit wird allgemeiner, je weiter man in dem Erkenntnisprozess voranschreitet. Es zeigt sich nun eine erzieherische Komponente, wenn die nächste Stufe der Erkenntnis erreicht werden soll. Die Rede ist von der Schönheit im gesellschaftlichen Kontext; sie soll „in den Bestrebungen und in den Sitten“ (Symposion, 210c) 14 erkannt werden. In einem letzten Schritt nun aber soll die Schönheit vollkommen losgelöst von irdischen, sinnlichen Eindrücken gesehen werden. Strebt man nach Weisheit und ist darum bemüht, soviele schöne Reden, wie möglich zu hören und zu erzeugen, vervollkommnet man in der Liebeskunst und kann letztlich die Schönheit selber erkennen. 15 Denn dies ist „the final goal of all desire“ 16. Der Liebende wählt den Weg des Philosophen und richtet sein Begehren innerhalb des Erkenntnisprozesses immer mehr an allgemein werdendere Objekte. Am Ende des Weges trifft der Liebende auf die Schönheit selbst und gelangt somit zu dem vollkommenen Vollzug seines Begehrens.

Mit der Schönheit selbst ist die Idee des Schönen gemeint. Mit dem Begriff „Idee“ ist keineswegs unsere heutige Vorstellung zu verwechseln, welche unter „Idee“ einen Einfall oder einen Gedankenblitz meint. „Idee“ stammt von dem griechischen Wort [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]ab und bedeutet „sehen“. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes kann also mit „Bild“, „Aussehen“ oder „Gestalt“ assoziiert werden. 17

Platon unterscheidet generell zwischen der Ideen - und der Sinnwelt. Charakteristisch für die Ideen nach Platon ist folgendes: sie sind weder entstanden, noch werden sie vergehen, sie sind nicht endlich und sie sind vollkommen. Ideen stellen die Urbilder dar, dessen Abbilder sich in der Sinnwelt befinden. So hat alles Schöne, welches mittels der Sinne wahrgenommen werden kann, einen Anteil an der Idee des Schönen. 18 In Abbildung 2. 1 ist eine schematische Gegenüberstellung des Verhältnisses zwischen den zwei Welten nach Platon zu finden.

[...]


1 Erler, M. Platon. Verlag C.H. Beck oHG: München. 2006, S. 119

2 Vgl. Ebd. S. 120

3 Ebd. S. 120

4 Faden, G. Platons dialektische Phänomenologie. Königshausen & Neumann Verlag: Würzburg. 2005 S. 116

5 Benardete, S. On Plato’s Symposium. Vortrag gehalten in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. 1993. H. Meyer (Hrsg.). S. 68

6 Ebd.

7 Price, A.-W.Love and Friendship in Plato and Aristotle. Clarendon Press: Oxford. 1989. S. 16

8 Platon. Symposion. In U. Wolf (Hrsg.) Platon- sämtliche Werke Bd. 2. Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek bei Hamburg. 2008. S. 78

9 Benardete. On Platon’s Symposium. a.a.O. S. 79

10 Erler, M. Platon. Verlag C.H. Beck oHG: München. 2006. S. 122 11 Platon.Symposion.a.a.O., S. 85

12 Ebd.

13 vgl. ebd.

14 Ebd.

15 vgl. ebd. S. 86

16 Price, A.-W.Love and Friendship in Plato and Aristotle.a.a.O. S. 15

17 Helferich, C. Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und östliches Denken. 6. Auflg. Deutscher Taschenbuch Verlag: München. 2005. S. 30

18 vgl. ebd. S. 86

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Nutzen und Wirken des platonischen Eros
Untertitel
Die epistemologische Bedeutung des Eros auf dem Weg zu der Erkenntnis des Guten in den beiden Werken "Symposion" und "Phaidros"
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V198778
ISBN (eBook)
9783656252191
ISBN (Buch)
9783656253099
Dateigröße
1004 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Symposion, Platon, Phaidros, Platonische Liebe, Stufenweg der Erkenntnis
Arbeit zitieren
Mendina Morgenthal (Autor), 2012, Nutzen und Wirken des platonischen Eros, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198778

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Nutzen und Wirken des platonischen Eros



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden