Darstellung der männlichen Prostitution im Film


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
27 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

inhalt

I. Die männliche Prostitution – Tabu im Tabu
I.a. Einleitung
I.b. Arten der männlichen Prostitution
I.c. Die Frage der Authentizität – Potenz

II. Filmbeispiele: Die männliche Prostitution im Film – Ein vernachlässigtes Motiv?
II.a. In der Hauptrolle: Beruflich & Privat
II.b. In der Nebenrolle: als Opfer des Milieus

III. „Ich schlage vor, wir kommen jetzt auch zum Geschäft.“ Hans in „My own private Idaho“ – Einzelne Filmanalysen
III.a. Ein Mann für gewisse Stunden (American Gigolo) Paul Schrader, USA, 1979
III. a. 1. Einstieg
III.a.2. Freiheit
III.a.3. Die nicht vorhandenen, erotische Szenen - Frage der Authentizität
III.a.4. Trennung von Privatem und Beruflichem
III.b. Asphalt Cowboy (Midnight Cowboy) John Schlesinger, USA, 1969
III.b.1. Der „Möchtegern“- Call-Boy
III.b.2. Psychische Probleme der Vorgeschichte – Weitere Erinnerungs- und Traumbilder
III.b.3. Road Movie – Weitere Erinnerungs- und Traumbilder
III.b.4 Letzte Road Movie Sequenz ohne Erinnerungsbilder - Leitmotiv Männerfreundschaft – die wahre Liebe?
III.c. Die flambierte Frau; Rober van Ackeren, BRD, 1983
III.c.1 Das Berufsbild männlicher und weiblicher Prostituierter
III.c.2 Prostituierter mit Prostituierte – Trennung von Privatem und Beruflichem
III.c.3 Darstellung des Scheiterns der Liebe – Warum ist eine Rettung nicht möglich?
III.d. My own private Idaho (Das Ende der Unschuld) Gus van Sant, USA 1991
III.d.1 Der Stricher – das Milieu
III.d.2 Die Freier – Frage der Authentizität
III.d 3 Männerfreundschaft und Homosexualität als Leitmotiv
III.d.4 Psychische Probleme der Vorgeschichte – Erinnerungsbilder beim Sex

Literatur und Quellenliste:

Anhang

Filme mit dem Motiv männlicher Prostituierte:

I. Die männliche Prostitution – Tabu im Tabu

I.a. Einleitung

Die Recherche für diese Arbeit war einerseits schwer, weil ich fast vergeblich und lange nach Literatur und Quellen gesucht habe. Andererseits leicht, weil ich dann, im Vergleich zu anderen möglichen Themen, ziemlich wenig lesen musste. Die männliche Prostitution als gesellschaftliches Phänomen und soziologische Kategorie ist, im Gegensatz zur weiblichen Prostitution, nur wenig erforscht. Die Bücher über Homosexualität erwähnen zwar die Prostitution unter Homosexuellen, aber behandeln sie nicht ausführlich. Es scheint, als ob die männliche Prostitution schon immer ein Tabuthema im Tabu war. Das erste Tabu ist die Prostitution selbst, das Zweite sind Männer, die sich prostituieren und Männer, die als Kunde auftreten. Fachleute behaupten[1][2], dass man Themen wie Sexualmoral, männliche Sozialisation, sexuelle Identität, Geschlechterverhalten, Bisexualität, Homosexualität, Gewalt und Macht, Migration, Pedophilie, Suchtverhalten oder Menschenhandel mitbedenken muss, wenn man sich mit männlicher Prostitution befasst. Männliche Prostitution hat in jeder Gesellschaft eine Ventilfunktion, „sie ist eine Art informeller Protest gegen die herrschende (Sexual)Moral und ihre anerkannten Beziehungsmuster (Heterosexualität, Monogamie) und das Geschlechterverhalten.“[3] In der Gesellschaft ist männliche Prostitution noch immer nicht als Beruf anerkannt. Männliche Prostituierte haben immer noch keine Kranken- und Sozialversicherungsmöglichkeit und auch ein gültiger Vertragsabschluss mit den Kunden ist unmöglich, während weibliche Prostituierte diese Rechte, zumindest in Deutschland, bereits inne haben.

Nach Foucault[4] hat die männliche Prostitution für den sich prostituierenden Mann schon im alten Griechenland gesellschaftliche Nachteile mit sich gebracht. Männern, die sich prostituierten, wurden mehrere bürgerliche Rechte versagt und auch das Ausüben verschiedener Ämter war für sie gesetzlich verboten. Währenddessen galt die von Frauen ausgeübte Prostitution im klassischen Griechenland als natürlichste Sache der Welt. Die Bordelle, im heutigen Sinn, lassen sich auf die griechischen, öffentlichen Häuser zurückzuführen. Das Besuchen solcher Häuser galt als normal. Die homosexuelle und hauptsächlich bisexuelle Liebe hatte einen gesellschaftlich hochangesehenen Status. Bedenkt man das, scheint die doppelte Tabuisierung der männlichen Prostitution heute normal zu sein.

Nach Freud[5] bestrafen und/oder verachten die „normalen Männer“ die männlichen Prostituierten - stellvertretend für das eigene Verlangen nach gleichgeschlechtlicher Sexualität, weil sie sich schuldig, unreif und pervers fühlen. Nach Kinsey[6] sind es 50% aller Männer, die sich vom eigenen Geschlecht angezogen fühlen. Wenn es so ist, dann ist es verständlich, warum die männliche Prostitution so sehr tabuisiert ist.

I.b. Arten der männlichen Prostitution

Bornemann[7] unterscheidet grundsätzlich zwischen homosexueller und heterosexueller Prostitution bei Männern. Er bezeichnet in der Kategorie von heterosexueller Prostitution den nebenberuflichen Halbprostituierten, der sich aushalten lässt. Von den Call-Boys, die „Begleitdienste“ anbieten bis zu den sogenannten „Gammlern“, die sich prostituieren, um für eine Nacht im Bett schlafen zu können. Die homosexuelle Prostitution bei Männern bildet seiner Ansicht nach eine andere Kategorie.

Fachkundige Sozialarbeiter[8] unterscheiden vier Kategorien: Professionelle Sexworker (Call-boys/Escort Service), Sexworker ohne professionelles Verständnis (mit schwuler oder heterosexueller Identität), ausländische Sexworker (mit legalem oder illegalem Aufenthaltsstatus und daraus resultierenden, speziellen Problemen und Verständigungsschwierigkeiten), suchtmittelabhängige Sexworker (Beschaffungsprostitution).

Die männlichen Prostituierten lassen sich auch anders kategorisieren:

Gigolos: Männer für heterosexuelle Dienste; Begleitservice und sexuelle Dienstleistungen für ein sehr exklusives Klientel; meistens Vollzeit; keine sozialen Probleme; sie werden angerufen, suchen aber auch in exklusiven Bars nach neuer Bekanntschaft/ Kundschaft, und sie werden natürlich weiter empfohlen

Call-boys: Männer für homo- und heterosexuelle Dienste für ein exklusiveres Klientel; werden in der Regel angerufen; investieren viel in Werbung; sind gut organisiert, oft über Agenturen oder Zuhälter.

Hustler: nur homosexuelles Klientel; die meisten üben dies nur als Nebenbeschäftigung aus; sie arbeiten in szenetypischen Lokalen und auf dem Männerstrich; die meisten haben einen anderen Job und prostituieren sich nur, um Geld für eventuelle Extrawünsche zu haben.

Stricher: prostituieren sich aus sozialen Gründen; fast immer in Vollzeit; auf der Strasse oder Männerklos; überwiegend homosexuelles Klientel.

kriminelle oder drogenabhängige Prostituierte: Vollzeit - Prostitution als Ausweitung ihrer kriminellen Aktivitäten genutzt oder um das Geld für die Drogensucht zu bekommen

Soldaten: Prostituieren sich nach Warren Farrell[9] Männer für den Staat in Uniform. Eine interessante Sichtweise. Farell hat 25 Jahre lang für die Gleichberechtigung der Frauen gekämpft, in diesem Buch kämpft er für die Männer. Er ist der Meinung, dass der Staat den Körper und das Leben der Männer im Falle einer Einberufung in den Krieg so benutzt und ausnutzt, wie Zuhälter und Freier den Körper und das Leben von einer Prostituierten benutzen.

Es gibt darüber hinaus noch andere, kulturbedingte Phänomene wie zum Beispiel das „Knabenspiel“ in Afghanistan[10]. Das Spiel ermöglicht jungen Knaben durch vorübergehende sexuelle Beziehungen, finanzielle Vorteile für die Familie zu erlangen und später gesellschaftliche Vorteile für sich erzielen zu können.

I.c. Die Frage der Authentizität – Potenz

Der größte Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Prostituierten ist der Gleiche wie zwischen Männern und Frauen generell: die Funktion und Aufbau der Geschlechtsteile. Im Bezug auf die Prostitution verleiht dieser Unterschied eine vollkommen andere Rolle: Die weiblichen Prostituierten können sich passiv hingeben, die männlichen Prostituierten aber müssen aktiv sein (ausgenommen passive homosexuelle Handlungen). Die Aktivität des männlichen Prostituierten muss mit einer gelungenen Errektion möglich werden, und wenn die Kundin oder der Kunde es wünscht, mit einer Ejakulation als Bestätigung für den Partner sichtbar gemacht werden. Ein schweres Brot. Nach Borneman[11] lässt sich die sexuelle Potenz, wie alle Fähigkeiten des Menschen, trainieren. Wenn das so ist, dann bedeutet eine gelungene Errektion bei einem männlichen Prostituierten nicht unbedingt authentischen Sex. Oder muss ein männlicher Prostituierter den Sex, also seine Arbeit, wegen dem anatomischen Aufbau seines Gliedes und dessen Aktivität während der Dienstleistung zwangsläufig genießen?

Der Leistungsdruck kann bei männlichen Prostituierten zu Errektionsstörungen führen, wie in dem Film: „Die flambierte Frau“[12].

Dr. Porst[13] bezeichnet als eine mögliche Ursache für Errektionsstörungen die „Sexualität als Leistungsprinzip“. Seiner Ansicht nach sehen viele Männer den „Beischlaf“ eher als einen Konsumartikel an. Sie fühlen sich in ihrer Männlichkeit geschwächt, wenn sie denken, sie können nicht so oft Geschlechtsverkehr haben, wie andere es in Männerrunden behaupten zu können. Dadurch können möglicherweise Errektionsstörungen hervorgerufen werden. Bei einem männlichen Prostituierten wandelt sich dieser Leistungsdruck und führt dazu, nicht immer zu können, wenn es bezahlt wird.

II. Filmbeispiele: Die männliche Prostitution im Film – Ein vernachlässigtes Motiv?

Im Vergleich zur weiblichen Prostitution wird die männliche Prostitution auf jeden Fall vernachlässigt, obwohl die Kriminalisierung des Milieus und der Reiz des Thema Sex‘ genug Material für die Drehbuchautoren liefern könnte. In der von mir ergänzten Filmliste[14] im Anhang sind Filme aufgezählt, in denen es um männliche Prostitution geht oder in denen männliche Prostitution vorkommt.

II.a. In der Hauptrolle: Beruflich & Privat

In Filmen, in denen die männliche Prostitution als Leitmotiv vorkommt, geht es um die Errettung. Denn sich zu prostituieren ist für einen Mann gesellschaftlich noch unerträglicher. Es geht fast immer um das Thema, was nach der Prostitution noch kommen kann. Es wird nach irgendwas Wahrem gesucht, ob nach Liebe oder Hilfe für die Verarbeitung psychischer Probleme. Die Gründe der Männer für ihre Prostitution sind unterschiedlich: Aus Spass am Job und der Suche nach Verarbeitungshilfe für die Probleme der Vergangenheit in Asphalt Cowboy[15]. In American Gigolo[16] geht es darum, besser leben zu können und nach dem zu suchen, was vielleicht die Liebe ist, weil dem Protagonisten sehr viel daran liegt sein Privatleben vom Geschäftlichen trennen zu können. In My own private Idaho[17] geht es ums pure Überleben und die Prostitution ist eigentlich ein Hilfeschrei nach Errettung sowohl im psychischen als auch im sozialen Sinne. Dort, wo es ums Überleben geht, vermischen sich die Grenzen zwischen Privatem und Geschäftlichem.

II.b. In der Nebenrolle: als Opfer des Milieus

In den meisten Filmen erscheint der männliche Prostituierte als eine abartige oder pikante Erwähnung. Hier eine kleine Aufzählung:

- L.A.confidential (Curis Hanson, USA 1997): In dem Film prostituiert sich ein „Möchtegern“- Schauspieler, um vielleicht eine Rolle zu bekommen. Sein Kunde ist der Bundesstaatsanwalt. Das Ziel ist es, Fotos zu schiessen, um den Staatsanwalt später erpressen zu können. Bevor die Fotos entstehen können, wird der Schauspieler umgebracht. Bei der Autopsie findet man Samen in seinem Magen.
- Boogie nights (Paul T. Anderson, USA, 1997): Der Film zeigt eine Karriere als Pornodarsteller. Der Protagonist prostituiert sich zu Beginn seiner Karriere und am Ende, als er drogenabhängig ist. Frage: Prostituiert er sich auch wenn er, gegen Gage, in Pornos mitspielt?
- Happy together (Wong Kar-Wai, Hong-Kong, 1997): Dieser Film ist eine homosexuelle Liebesgeschichte. Der jüngere Protagonist prostituiert sich während die Beziehung in einer Krise steckt. Die Beziehung scheitert.
- J.F.K. (Oliver Stone, USA, 1991): Ein Nebendarsteller prostituiert sich mit den Verdächtigen. Er wird als Zeuge berufen. Die mögliche Bezihung zwischen dem Prostituierten und dem Freier im Untergrund und im Licht der Öffentlichkeit wird schön dargestellt.
- Naked Lunch (David Cronenberg, USA, 1997): Ein Nebendarsteller prostituiert sich. Er verliebt sich in den Protagonisten, welcher allerdings heterosexuell ist. Sie verbringen trotzdem eine Liebesnacht zusammen.
- Olivier, Olivier (Agnieszka Holland, Frankreich, 1991): Ein Straßenjunge, der sich auf Männerklos prostituiert, und nicht mal 15 Jahre alt ist, gibt sich als der seit sechs Jahren vermisste Olivier aus.
- Six degrees of seperation (Fred Schepisi, USA, 1993): Der Hauptdarsteller ist eigentlich ein männlicher Prostituierter, aber sobald er es sich leisten kann, tritt er als Freier auf.

[...]


[1] www.malesexwork.ch

[2] www.malesexwork.ch

[3] www.malesexwork.ch

[4] In Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, Sexualität und Wahrheit 2, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1986 Seite 276

[5] Freud: Identifikation mit dem Agressor, erwähnt bei www.malesexwork.ch

[6] erwähnt bei www.malesexwork.ch

[7] Ernest Borneman: ULLSTEIN Enzyklopädie der Sexualität, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main, Berlin 1990 unter Prostitution

[8] bei www.malesexwork.ch

[9] Warren Farrell: Mythos, Männer, Macht; Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main, 1995, ab Seite 150

[10] Battina Natalie Brincks: Das Knabenspiel in Nordwest-Afghanistan: Gleichgeschlechtliche Beziehungen – Facetten eines sozialen Phänomens, in „Bezahlt, geliebt, verstoßen: Prostitution und andere Sonderformen institutionalisierter Sexualität in verschiedene Kulturen. Hg. Von Uta Holter, Holos Verlag, Bonn 1994

[11] Ernest Borneman: ULLSTEIN Enzyklopädie der Sexualität, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main, Berlin 1990 unter Potenz

[12] Rober van Ackeren: Die flambiere Frau, BRD, 1983

[13] Prof. Dr. med. Hartmut Porst: Was jedermann über Sexualität und Potenz wissen sollte; Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1993

[14] Quelle: http://anth.ucalgary.ca/bfreeman/male_prost_films.htm

[15] Originaltitel: Midnight Cowboy, von John Schlesinger, USA, 1969

[16] Deutscher Titel: Ein Mann für gewisse Stunden , von Paul Schrader, USA, 1979

[17] Deutscher Titel: Das Ende der Unschuld, von Gus van Sant, USA 1991

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Darstellung der männlichen Prostitution im Film
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Kino und Bordell
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V19889
ISBN (eBook)
9783638239189
ISBN (Buch)
9783656898894
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung der männlichen Prostitution im Film am Beispiel der Filme: Ein Mann für gewisse Stunden (American Gigolo) Paul Schrader, USA, 1979, Asphalt Cowboy (Midnight Cowboy) John Schlesinger, USA, 1969, Die flambierte Frau, Rober van Ackeren, BRD, 1983, My own private Idaho (Das Ende der Unschuld) Gus van Sant, USA 1991.
Schlagworte
Darstellung, Prostitution, Film, Kino, Bordell
Arbeit zitieren
Gertrud Czinki (Autor), 2003, Darstellung der männlichen Prostitution im Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19889

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Titel: Darstellung der männlichen Prostitution im Film


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