Zum Vertrauen in Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
20 Seiten

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Aspekte des Vertrauens
1. Zur Semantik des Vertrauensbegriffs
2. Bestehende Vertrauensverhältnisse
3. Die Treue

III. Die Handhabung des Vertrauens
1. Vertrauensbildende Maßnahmen
2. Das missbrauchte Vertrauen

IV. Misstrauen und Vertrauensverlust
1. Der Vertrauensbruch und der Betrug im ,,Wallenstein“
2. Die Gründe für das Misstrauen

V. Der Umfang des Vertrauens
1. Zuviel Vertrauen
2 Zu geringes Vertrauen

VI. Ergebnisse

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In den letzten Jahren wurde sich aus philosophischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Seite umfangreich mit dem Thema Vertrauen beschäftigt, was zu einer erstaunlichen Dynamik sorgte.[1] Dabei spielen z. B. das Verhalten und die Einstellung von Personen, Misstrauen in Personen oder poltische Institutionen sowie Interaktionen zwischen Individuen eine bedeutende Rolle. Gibt es einen Ausgleich an Machtressourcen bzw. gegenseitige Gewinnerwartungen, wenn Partner in Kontakt treten, dies wäre eine weitere Frage zum Phänomen des Vertrauens. Dabei ist Vertrauen ein alltäglich geforderte Einstellung: wir vertrauen Ärzten, Flugkapitänen, Fahren, wir schicken unsere Kinder in Kindertagesstätten und verlassen uns darauf, dass ihnen dort kein Leid zustößt und all dies ohne uns deshalb verwegen oder besonders risikofreudig sein zu müssen. Diese Vorgänge ließen sich fast endlos weiterschildern, denn unser Leben in Gesellschaften bringt das umfangreiche Geflecht von Vertrauensketten mit sich.

Bereits 1791 hatte Friedrich Schiller den Entschluss gefasst ein Wallenstein-Drama zu verfassen, wozu ihm aber wohl zunächst das Vertrauen zu sich selber fehlte.[2] Erst 1799 wurde die Trilogie fertig, nachdem er das Selbstvertrauen zurückgewonnen hatte und sich an die intensive Arbeit machte. An diesem Beispiel sieht man bereits, wie schwierig die Situation ist, wenn es um Vertrauen zu sich selbst geht. Diese Umstände erweitern sich aber wesentlich im Bereich zwischenmenschlicher Konstellationen. Im Verlauf des schillerschen Geschichtsdramas Wallenstein entstehen vielfältige Vertrauensbindungen zwischen den verschiedenen Figuren, teils aus Kalkül, aber auch als eine Art von Sicherheit, auf die man sich verlassen kann. Passend dazu sagt Niklas Luhmann:

Vertrauen ist eine Lösung für spezifische Risikoprobleme. Jedoch muss Vertrauen in einer vertrauten Welt erlangt werden, und in den vertrauten Zügen der Welt können sich Veränderungen ergeben, die sich auf die Möglichkeit auswirken, Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen zu entwickeln.[3]

Es werden aber auch bereits bestehende Vertrauensverhältnisse angeführt, die aus der Zeit vor Beginn der Handlung stammen und erst im Nachhinein analysiert und dem Leser bzw. dem Theaterbesucher bekannt gemacht werden. In dieser Untersuchung sind die Vertrauensverhältnisse im positiven wie im negativen Sinn und die Resultate dieser zwischenmenschlichen Bindungen von Interesse. Wie entstehen sie, welchen Nutzen bringen sie den beteiligten Figuren und wie wird auf Misstrauen und Vertrauensbruch reagiert? Doch zuvor, im Abschnitt II. erfolgt eine Explikation des Vertrauensbegriffs, ferner werden Vertauensbindungen dargelegt, die aus der Vorgeschichte des Dramas entstanden sind. Des Weiteren werden in diesem Absatz Treuebündnisse zwischen den einzelnen Protagonisten aufgezeigt. Das Kapitel III. hat vertrauensbildende Maßnahmen und Gründe für den Missbrauch von Vertrauen zum Thema. Im IV. Teil werden die Formen des Betruges und des Misstrauens näher betrachtet, da Vertrauensbrüche auch in Form des Betruges im Drama vorliegen. Der V. Teil der Abhandlung beschäftigt sich mit den Folgen von zuviel und zuwenig Vertrauen. Das letzte Kapitel macht den Versuch, die Ergebnisse der einzelnen Kapitel in der ganzen Tragweite des Vertrauensbegriffs im ,,Wallenstein“ insgesamt aufzuzeigen. Danach erfolgt ein Versuch die gezeigten Strukturen von gegenseitigem Vertrauen in der Wirklichkeit anzudeuten.

II. Die Aspekte des Vertrauens

Welche Bedeutung der Begriff Vertrauen im Einzelnen hat, gilt es an dieser Stelle genauer zu erläutern. Vertrauen im Wallenstein bedeutet auch Vertrauen in verschiedenen Nuancen – wie beispielsweise die Treue, die zwischen einzelnen Figuren bestehen – sie gilt es im Folgenden näher aufzuschlüsseln.

1. Zur Semantik des Vertrauensbegriffs

Kann ich mich nicht um meine eigenen Dinge kümmern wie z. B. meine Tiere oder Pflanzen, so brauche ich jemand, der sie beaufsichtigen kann, während ich abwesend bin und dieser Person muss ich Vertrauen können. Fehlt das Vertrauen, so wäre das, was mir wichtig ist, ungeschützt.[4]

Vertrauen im Sinne eines vertragsförmigen Verhältnisses, so könnte man meinen, findet immer zwischen Personen in reziprokem Verhältnis statt, aber dies ist gerade dann der Fall, wenn ungleiche Machtreserven oder ungleiche Gewinnerwartungen vorliegen. Eltern erwarten wohl kaum, dass ihre Kinder die ihnen geleistet Zuneigung zu einem späteren Zeitpunkt also offene Rechnung begleichen.[5] Derjenige, der vertraut geht ein Risiko ein, er unterwirft sich damit quasi einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ein Vertrauensempfänger aus Wohlwollen muss sich keineswegs als vertrauenswürdig erweisen, tut er es, so kann es auch sein, dass er aus Furcht vor Sanktionen einen Vertrag oder ein Versprechen hält. Die Motive aus denen eine Person handelt sind also selbst nicht von Bedeutung. Es ist daher schwierig zu entscheiden ob altruistisch oder egozentrisch vertraut wurde bzw. Vertrauen gewährt wurde.[6]

Der Begriff Vertrauen wird ‒ und damit komme ich der Epoche Schillers näher ‒ im ,,Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm folgendermaßen erklärt: ,,man traut einem Menschen, wenn man ihm nicht böses zutraut–man vertraut ihm, wenn man mit Sicherheit gutes von ihm erwartet.“[7] Wie die Erklärung des ,,Deutschen Wörterbuchs“ zeigt, soll Vertrauen auch Sicherheit geben. In einem Brief an Cotta vom 29. Mai 1798 definiert Schiller beiläufig den Begriff Vertrauen:

Wir kennen einander nun beide gegenseitig, jeder weiß daß es der eine herzlich und schwäbisch - bieder mit dem anderen meint und unser Vertrauen ist auf eine wechselseitige Hochschätzung gegründet; die höchste Sicherheit, deren ein menschliches Verhältniß bedarf.[8]

Der Vertrauensbegriff wird im ,,Wallenstein“ genau so angewandt, wie oben ermittelt. Außerdem ist die im ,,Deutschen Wörterbuch“ verwendete Bedeutung bis in die Gegenwart unverändert geblieben. Somit ist das Verständnis der Vertrauensverhältnisse im ,,Wallenstein“ gewährleistet.

2. Bestehende Vertrauensverhältnisse

Einige Vertrauensverhältnisse zwischen einzelnen Figuren des ,,Wallenstein“ bestehen schon vor Beginn der Handlung und spielen bereits zu Anfang der Trilogie eine wichtige Rolle. Das Bündnis zwischen Wallenstein und seinem Kaiser ist schon sehr früh belastet und wirft seine Schatten voraus:

Wallenstein strebt nach Autonomie um seine Herrschaft frei entfalten zu können, aber der Kaiser Ferdinand will ihm diese nicht gewähren. Bereits im ersten Teil der Trilogie wird dies bekannt: ,,Merkst du wohl?“, entgegnet der Wachtmeister, in ,,Wallensteins Lager,“ dem Trompeter, der auf einen ,,Spürhund“ des Kaisers aufmerksam macht, ,,sie trauen uns nicht, / Fürchten des Friedländers heimlich Gesicht.“[9] Die Soldateska vertraut auf Wallenstein, eine Ausnahme bildet nur der erste Arkebusier, ,,dessen Gesinnung nicht von ungefähr auf den späteren Überläufer Tiefenbach verweist.“[10] Er erinnert die Kameraden, dass sie alle in des ,,Kaisers Pflicht“[11] stehen, aber der Lohn für die kaiserlichen Truppen ist nicht mehr gezahlt worden.[12] Vertraut wird jedoch nur demjenigen, der den Wehrsold an die Soldaten zahlt, also dem Herzog Albrecht Wallenstein.[13] Auf diese Weise verschafft sich Wallenstein die Sicherheit der Söldnertruppen. In diesem Fall kann man auch vom Vertrauen in ökonomischen Kontext also von ,,gekauftem“ Vertrauen sprechen. Darüber hinaus ist Wallenstein ,,ein Garant der Fortuna.“[14] Belege dafür finden sich im Lager: „Ihm schlägt das Kriegsglück nimmer um“, sagt der zweite Jäger, ,,Er bannet das Glück, es muß ihm stehen.“[15] Das Vertrauen seiner Truppen zu gewinnen, ist für Wallenstein also ein leichtes Spiel und er genießt ‒ wie an dieser Szene sichtbar ‒ einen großen Vertrauensvorschuss.

[...]


[1] Vgl. Hartmann, Martin (Hg.): Vertrauen. Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt am Main 2001. S. 7.

[2] Vgl. Safranski, Rüdiger: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. 12. Aufl.

München 2004. S. 446. Hier zeigt sich, dass Schiller sich zunächst nicht einmal selber vertraute um dieses Stück überhaupt schreiben zu können.

[3] Luhmann, Niklas: Vertrautheit, Zuversicht, Vertrauen: Probleme und Alternativen. In: Hartmann, Martin (Hg.): Vertrauen. Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt am Main 2001. S. 144.

[4] Vgl. Baier, Annette: Vertrauen und seine Grenzen. In: Hartmann, Martin (Hg.): Vertrauen. Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt am Main 2001. S. 37f.

[5] Vgl. Hartmann, Martin (Hg.): Vertrauen. Grundlage des sozialen Zusammenhalts. Frankfurt am Main 2001. S. 12f.

[6] Vgl. ebd. S. 28.

[7] Grimm Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. Hg. v. der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bearbeitet v. E. Wülcher, R. Meiszner, M. Leopold, C. Wesle und der Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuchs zu Berlin. 16 Bde. Leipzig 1956. Bd. 12 I. Abt. Spalte 1946.

[8] Schiller, Friedrich: Nationalausgabe, im Auftrag des Goethe-Schiller-Archivs, des Schiller-Nationalmuseum und der Deutschen Akademie. Hg. v. Julius Petersen u. Gerhard Fricke, (seit 1948) Julius Petersen u. Hermann Schneider, (seit 1961) Lieselotte Blumenthal u. Benno von Wiese, (seit 1981) Norbert Oellers u. Siegfried Seidel. Weimar 1943ff. Wallenstein II. Wallensteins Tod. Stuttgart 1987. Bd. 29 S. 240.

[9] Der Dramentext wird zitiert nach: Schiller, Friedrich: Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht I: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. Stuttgart 1974. II: Wallensteins Tod. Stuttgart 1987. Die Belegstellen sind in den Fußnoten nachgewiesen. Dabei werden folgende Abkürzungen verwendet: WL = Wallensteins Lager; P = Die Piccolomini; WT = Wallensteins Tod. WL 77-78.

[10] Hinderer, Walter: Wallenstein in: Interpretationen Schillers Dramen. Hg. v. ders.: Stuttgart 1997. S. 219.

[11] WL 880.

[12] Vgl. ebd. 882-884.

[13] Vgl. ebd. 824-825.

[14] Siehe Anm. 3 oben S. 227.

[15] WL 344 u. 349.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zum Vertrauen in Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V198933
ISBN (eBook)
9783656257660
ISBN (Buch)
9783656259985
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vertrauen, Schiller, Wallenstein, Misstrauen
Arbeit zitieren
Dr. Manfred Klein (Autor), 2012, Zum Vertrauen in Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198933

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