Die karolingische Pfalz Ingelheim


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

40 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe


1. Begriffsklarung und geschichtliche Einfuhrung

Eine Pfalz, abgeleitet vom lateinischen palatium (Palast), bezeichnet die temporare Residenz fruh- und hochmittelalterlicher Konige oder Kaiser. Da in diesem Zeitraum keine Hauptstadt existierte, sondern das sogenannte Reisekonigtum ublich war, wurde jeweils zeitlich begrenzt von verschiedenen, uber das gesamte Reichsgebiet verteilten Orten aus regiert.[1]

Pfalzen erfullten hierbei sowohl Wohn-, als auch administrative, sowie representative Zwecke. Zu ihren grundlegenden Bestandteilen gehorten groBe, umliegende Wirtschaftsbereiche zur Versorgung des Herrschers und seines Hofs, ein Empfangs- und Versammlungssaal, hier als „Aula (regia) “ betitelt, sowie eine Pfalzkapelle.[2] Der Pfalzbezirk des nahe Mainz gelegenen Ingelheims am Rhein wurde im ausgehenden 8. Jhd. auf Veranlassung Karls des GroBen gegrundet,[3] sowie von nachfolgenden, karolingischen Herrschern bis in das fruhe 10. Jhd. genutzt (Abb. 1).[4] Auch daruber hinaus wurde die Ingelheimer Pfalz frequentiert (Abb. 1), sowie baulich verandert. In nachkarolingischer Zeit lassen sich zwei weitere Bauperioden, eine ottonische und eine staufische, fassen (Abb. 2).[5] In dieser Arbeit werden jedoch ausschlieBlich die in karolingischer Epoche errichteten, architektonischen Elemente berucksichtigt.

2. Forschungsgeschichte

Kontrar zu zahlreich vorhandenen Schriftquellen uber karolingische Pfalzen ist unsere tatsachliche Kenntnis hieruber relativ begrenzt.[6] Einerseits sind nur selten Bauten im aufgehenden Mauerwerk erhalten, andererseits beschrankt sich deren fundierte, archaologische Erforschung bislang auf recht wenige Beispiele, worunter neben Ingelheim insbesondere Aachen (Abb. 3) und Paderborn (Abb. 4) zu nennen waren.[7] Im Falle Ingelheims wurden im ausgehenden 19. Jhd. umfassendere Bodenoffnungen im Bereich der Aula regia (Abb. 2.1) und des Nordtrakts (Abb. 2.2) durch Paul Clemen initiiert (Abb. 5).[8] Genauere Beobachtungen zu Grundriss und GesamtgroBe des Pfalzbezirks konnten anschlieBend zwischen 1909 und 1914 im Zuge erster groBflachiger Grabungen unter Leitung von Christian Rauch erzielt werden (Abb. 5). Aufgrund des einsetzenden Ersten Weltkriegs muBten die Untersuchungen jedoch eingestellt werden.[9] Aus selbigem Grund blieben Grabungsdokumentationen vorerst unpubliziert und konnten auch in spaterer Zeit nicht vollstandig zuruckerlangt werden.[10]

Nach langer Unterbrechung bot sich erst 1960 die Moglichkeit, die Arbeiten wiederaufzunehmen. Diese fanden in kleinerem AusmaB im Bereich der Aula regia, des Halbkreisbaus (Abb. 2.3) und des Nordtrakts statt, konzentrierten sich aber besonders auf die innere Bebauung (Abb. 5). Geleitet wurden sie von Walter Sage, der nun erstmals nach stratigraphischer Methode vorging.[11] 1970 erfolgte allerdings erneut die Einstellung, da keine freien Ausgrabungsflachen mehr vorhanden waren.[12]

In diesem Kontext sein auf ein allgemeines Problem bezuglich der Erforschung der Ingelheimer Pfalz hingewiesen: Sie befindet sich - bis auf wenige, obertagig erhaltene Reste - in Form von Fundamenten unter der Erde, die sich uber flachendeckend rezent bebautes Wohngebiet erstrecken (Abb. 6). Hierdurch werden archaologische Ausgrabungen erheblich erschwert und sind oft nur in Zusammenhang mit stadtebaulichen MaBnahmen realisierbar.[13]

Ab 1993 konnten wieder Grabungen durchgefuhrt werden, jetzt unter Leitung von Holger Grewe, der bis heute mit dieser Aufgabe betraut ist.[14] Vorrangige Schwerpunkte und Ziele der aktuellen Forschungen sind, bislang unerforschte Bereiche zu sondieren, sowie einige Schnitte aus alteren Grabungen, insbesondere derjenigen von Christian Rauch, wieder zu offnen, um sie stratigraphisch zu untersuchen und praziser zu datieren.[15] Eine der zentralen Fragen bildet jedoch die Suche nach einem karolingischen Sakralbau innerhalb der Pfalzanlage, der auch in dieser Arbeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Schlussendlich sei jedoch angemerkt, daB sich Ausgrabungen bisher stark auf die representative Kernbebauung der Pfalz konzentrieren. Eine ausfuhrliche Ergrabung der eingangs erwahnten Wirtschaftsbereiche steht noch aus.

3. Die Aula regia

3.1 Architekturbeschreibung

In der Sudwest-Ecke der Kernbebauung befindet sich in nordsudlicher Ausrichtung das Hauptgebaude der Pfalzanlage, die Aula regia (Abb. 2.1). Sie konnte im Verlauf der neueren Ausgrabungen dank einer groBtenteils ungestorten, stratigraphischen Abfolge eindeutig als Grundungsbau Karls des GroBen identifiziert werden. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Entdeckung einer Riemenzunge in einer der Bauzeit zuzuordnenden Grube nahe der Ostfassade (Abb. 7). Das im Tassilokelchstil gehaltene Dekor ist deutlich auf die Ubergangszeit des spaten 8. bis 9. Jhd. einzugrenzen und sichert somit neben weiteren stratigraphischen Beobachtungen die Datierung des Baus.[16] Bei dem Gebaude mit rechteckigem Grundriss und an der sudlichen Schmalseite eingezogenen Apsis, deren Ruinen noch heute im aufgehenden Mauerwerk erhalten sind (Abb. 8), handelt es sich - um in aller Kurze Bezug auf altere Rekonstruktionen zu nehmen[17] - nicht um eine dreischiffige Basilika. Zwar wurde dies von Christian Rauch angenommen und hielt sich bis in die 1970er Jahre hinein als gultiges Modell (Abb. 9).[18] Nach jetzigem Kenntnisstand ist die Aula aber einschiffig als Saal angelegt. Dies wurde bereits unter Walter Sage, insbesondere anhand von statischen Beobachtungen festgestellt.[19] Des Weiteren deutet sich auch im Grabungsbefund keinerlei Gliederung des Gebaudes in Haupt- und Seitenschiffe an.[20] Tatsachlich orientiert sich der Bau formal deutlich an ebenfalls als Apsidensale gestalteten, spatromischen Palastaulen. Das naheliegendste Vergleichsbeispiel durfte hierbei die zum ehemaligen, romischen Kaiserpalastbezirk gehorende „Basilika“ in Trier darstellen (Abb. 10 & 11).[21] Die Lange des Saals der Ingelheimer Aula inklusive Apsis konnte auf 38,3 m im Lichten rekonstruiert werden. Die Langseiten sind in der Mitte von einander gegenuberliegenden, glatt abgemauerten Offnungen mit einer Breite von jeweils 2,25 m durchbrochen, die einst als Seitenportale dienten (Abb. 2.1 & Abb. 12). Wie sich der Haupteingangsbereich gestaltete, der an der nordlichen Schmalseite anzunehmen ist, ist allerdings unklar und durch massive Storungen in diesem Bereich auch nicht mehr nachzuvollziehen.[22] Jedoch entdeckte der Architekt Philip Strigler, der im spaten 19. Jhd. fur den Bau eines Wohnhauses verantwortlich war, 24,5 m nordlich der Aula regia eine 17 m breite Dreibogenstellung (Abb. 13), die sich damit der Gesamtbreite des Saals von 16,5 m in etwa anpasst und somit das Vorhandensein eines Torbaus nahelegt.[23] Die nach Norden fortlaufenden Mauern mit laut Beschreibung Striglers ahnlicher Bearbeitung im Vergleich zu denjenigen des Saals weisen also auf eine Anbindung von Aulawanden und Arkaden hin. Weiterhin stellt eine Fundkonzentration karolingischer Pyramidenstumpfkampfer im naheren Umkreis (Abb. 14) ein Indiz fur eine karolingische Zeitstellung des Befundes Striglers dar.[24]

Die Existenz einer Vorhalle, so z.B. auch im Falle Triers ehemals vorhanden (Abb. 10), kann daher als wahrscheinlich gelten. Dennoch sollte weiterhin nach sicheren Anhaltspunkten zur Datierung und prazisen Gestaltung des Zugangs zur Aula regia gesucht werden. Dies durfte sich aber aufgrund der genannten, baulichen Eingriffe im betreffenden Areal nur sehr schwer durchfuhrbar sein.

3.2 Innenausstattung

Beobachtungen zur Wand- und Bodenverzierung der Aula wurden groBtenteils erst im Verlauf der aktuellen Grabung gemacht. Hierbei wurden direkt auf dem altesten FuBboden aufliegende, fragmentierte Platten aus Marmor und Porphyr festgestellt (Abb. 15).[25] Wie sich das Aussehen des Bodens im Konkreten gestaltete, ob es sich um Uberreste eines groBflachig angelegten opus sectile oder lediglich um einzelne Zierfelder handelt, bleibt aber noch zu klaren.

Daruberhinaus kam zwischen dem genanntem Befund und einem jungeren FuBboden aus dem 10. Jhd. in Nahe zu den Innenwanden eine Fundkonzentration von Wandverputz zutage (Abb. 16), der offenbar im Zuge einer Renovierung in ottonischer Zeit abgeschlagen wurde.[26] Dennoch lasst dieser darauf schlieBen, daB die Aula ursprunglich farbig ausgemalt war. Das Farbspektrum ist mit einer Palette, die von rot uber gelb, orange und rosa bis hin zu grau, schwarz und weiB reicht, recht breit gefachert. Neben monochromen Fragmenten wurden ebenfalls bi- und polychrome Uberreste mit Linien- oder Rankenverzierungen, daneben auch gesprenkelten Farbflachen geborgen.[27] Unter diesem Aspekt wird haufig eine zeitgenossische Beschreibung des Monchs Ermoldus

Nigellus herangezogen (1. Drittel 9. Jhd.). Er berichtet von einem Freskenzyklus in einem Palast („regia domus“), der mit Darstellungen von altorientalischen Konigen uber Kaiser der klassischen Antike bis hin zu frankischen Herrschern bis zu Karl d. Gr. den Topos der Einreihung des karolingischen Reichs in die Nachfolge groBer, antiker Weltreiche aufgreift. Dies verweist also auf eine figurliche Gestaltung der Aula-Wande.[28] Allerdings gehen mit einer solchen Bezugnahme mehrere Probleme einher: Zwar deutet die Schilderung mit Nennung Karls des GroBen als letztem Herrscher des Zyklus auf die Innenraumgestaltung der fruhesten Bauphase hin; Dennoch muB im Hinterkopf behalten werden, daB die Quelle mit einer Datierung um 826 erst aus der Zeit Ludwigs des Frommen, dem Nachfolger Karls, stammt. Daruberhinaus handelt es sich um eine panegyrische Schrift, ein Lobgedicht, in dem mit Ausschmuckungen und Ubertreibungen zu rechnen ist. Oft wird daher bezweifelt, daB es sich um ein verlassliches Zeugnis handelt.[29]

So bestatigen sich die Ausfuhrungen des Monchs zur Ausmalung der Aula regia bislang weniger im Befund. Ganz im Gegenteil zeichnet sich dieser eher durch geometrische Verzierungen aus. Dennoch sollten sie nicht von vornherein ausgeschlossen werden: Einerseits sind die bisher geborgenen Verputzreste zu kleinteilig, um einen umfassenden Eindruck des ehemals vorherrschenden Gesamtbildes liefern zu konnen.[30] Andererseits rucken kurzlich entdeckte Fragmentfunde mit Darstellung menschlicher Augen Uberlegungen zum Thema wiederum in ein neues Licht.[31] Angesichts der noch sehr jungen Forschungen zur Aula-Innenausstattung gilt wohl auch an dieser Stelle, kunftige Auswertungen abzuwarten, die diesbezuglich weitere Erkenntnisse liefern konnten.

4. Der Halbkreisbau

4.1 Architekturbeschreibung

Im Osten der Anlage befindet sich ein mit einem Durchmesser von 89 m monumentaler Halbrundbau (Abb. 2.3, Abb. 12). In dessen Scheitelpunkt darf das Haupttor der Pfalz angenommen werden. Ein Nachweis hieruber ist aber, da diese Stelle durch eine staufische Umwehrung uberbaut ist (Abb. 2.3, grun markiert), erschwert zu erbringen.[32]

Dennoch fanden sich am Halbkreisbau die meisten Befunde zum Aussehen der Fassade: um das gesamte Bauwerk herum sind in regelmaBigen Abstanden Rundturme vorgelagert (Abb. 12), deren Mauerwerk mit dem des Halbrunds verzahnt ist. Sie wurden also nicht, wie von Rauch angenommen (Abb. 9), nachtraglich angefugt, sondern sind bereits der Planung des ursprunglichen Baus zuzurechnen. Die Turme sind durch ein Kanalsystem miteinander verbunden (Abb. 12),[33] das teilweise im Turm-Inneren als offen zuganglich angelegt ist.[34]

Der Westseite des Halbkreisbaus ist ein Saulengang vorgelagert.[35] Dieser manifestiert sich in erster Linie durch eine Spannmauer (Abb. 2.3), die unter anderem durch eine in situ aufliegende Saulenbasis als solche identifiziert werden konnte (Abb. 17). Durch zusatzliche Streufunde von Basen-, Saulen-, Kapitell- und Gebalk-Fragmenten, darunter vermutlich auch romische Spolien, konnte der halbrunde Portikus schlieBlich rekonstruiert und der korinthischen Ordnung zugewiesen werden (Abb. 18).[36]

Vom Portikus aus erfolgte der Zugang zum Inneren des Baus, das sich in mehrere Abteile gliedert (Abb. 12). Deren Anzahl ist allerdings noch nicht abschlieBend geklart.[37] Im Verlauf der Grabungen Walter Sages wurde auBerdem an der Sudseite des Halbkreisbaus ein in westlicher Richtung verlaufender, baulicher Anschluss beobachtet, der ebenfalls mit vorgelagertem Turm versehen ist (Abb. 12). Dessen Mauerwerk unterscheidet sich technisch jedoch von dem des Hauptbaus. Wahrend letzter sich - ebenso wie die Aula regia - durch die Verwendung von weiBem Mortel auszeichnet, der als Baumaterial der Grundungszeit betrachtet wird,[38] ist in der Verlangerung des Halbrunds ein braunlicher Mortel charakteristisch. Auch bindet der westlichste Turm nicht an das Kanalsystem an.[39] Des Weiteren wurde festgestellt, daB die Fundamente des Anbaus im Gegensatz zu denen des halbkreisformigen Gebauderiegels an keiner Stelle den gewachsenen Boden erreichen, sondern immer in Kulturschichten abschlieBen. Darunter wurde Badorfer Keramik gefunden,[40] die ins 8. und 9. Jhd. datiert.[41] Da sich die Fundamentstrukturen aber bereits mit denjenigen der ottonischen Saalkirche[42] (Abb. 2, blau markiert) uberschneiden, kann die Nutzung des Annexbaus allerdings nur von recht kurzer Dauer gewesen sein.[43]

Aus aufgefuhrten Grunden geht Sage von verschiedenen Bauphasen aus, wobei der Halbkreisbau der ersten unter Karl dem GroBen angerechnet wird, der Anbau einer zweiten, die lediglich vermutungshalber Ludwig dem Frommen aufgrund seiner haufigen Aufenthalte in Ingelheim (Abb. 1) zugeschrieben wird.[44] Stichhaltige archaologische Belege, die diese feinchronologische Einordnung stutzen wurden, existieren hingegen nicht.

Ohnehin ist eine solche zeitliche Untergliederung nicht vorbehaltlos zu betrachten. Zwar scheinen sich durch die Verwendung verschiedener Materialien tatsachlich zwei verschiedene, karolingische Bauphasen anzudeuten, jedoch ohne genau definiert werden zu konnen. Auch ob eine zeitgleiche Datierung des Halbrunds zur Aula allein aufgrund optischer Gleichstellungsmerkmale des Baumaterials moglich ist, oder ob ahnliche Baustoffe im Gesamtverlauf der karolingischen Periode wiederkehrend verwendet worden sein konnten, ist unklar. Detaillierte Analysen von Mortel und Mauerwerk sind derzeit noch in Arbeit.[45]

Abgesehen davon wurden unter Holger Grewe neue stratigraphische Untersuchungen des Gesamtgelandes der Pfalz angestellt. Hierbei wurden Abschussigkeiten aufgezeichnet, die schon zu karolingischer Zeit durch partielle Aufschuttungen und Abtragungen nivelliert wurden. Bisher konzentrieren sich diese Beobachtungen jedoch stark auf das Areal zwischen Nordtrakt und Aula regia.[46] Inwieweit eine ahnliche Situation im Bereich des Halbkreisbaus und seiner Anschlusse gelten konnte, die die Stratigraphie Walter Sages erganzen wurde, ist den bis heute allein in Form von Vorberichten erschienenen Publikationen kaum zu entnehmen. Messungen und ausfuhrliche Beschreibungen unterschiedlicher Niveaus sind bislang nicht veroffentlicht. Der in den Altgrabungen vorgenommenen, chronologischen Untergliederung der beiden Gebaudeteile sollte daher zukunftig unbedingt weiter nachgegangen werden. Ebenfalls die von samtlichen Ausgrabern angenommene Einordnung des halbrunden Hauptbaus in die Zeit Karls des GroBen bedarf weiterer Absicherung. Zwar steht anhand von Beobachtungen bezuglich des Keramikvorkommens in der Schichtenabfolge,[47] und insbesondere aus stilistischer Sicht (siehe Kap. 4.2) einer karolingischen Datierung grundsatzlich nichts im Wege. Dennoch steht die Bestimmung der genauen Bauphase nach wie vor aus. Auch wenn eine Zuschreibung des hochst reprasentativen Baus zur Grundungsanlage sicherlich gerechtfertigt sein mag, fehlt hierfur ein unumstoBlicher, archaologischer Nachweis.

4.2 Mogliche Vorbilder des Halbkreisbaus

Auf der Suche nach Vorbildern fur den Halbkreisbau finden sich im Fruhmittelalter nahezu keine Beispiele. Einzig die Pfalz Samoussy - der historischen Uberlieferung nach in weiten Teilen der karolingischen Epoche genutzt, ansonsten aber bezuglich ihrer Bauphasen nicht genauer datiert und kaum ausreichend erforscht - weist einen entfernt verwandten Grundriss auf (Abb. 19).[48]

Wesentlich ergiebiger zeigt sich hingegen ein Vergleich mit antiken Bauwerken: Vorerst lasst das Ingelheimer Halbrund Assoziationen an die Konchen der Kaiserforen in Rom aufkommen (Abb. 20), die als Vorbild fur viele weitere romische Foren zu sehen sind.[49] In der Tat zeigt eine Gegenuberstellung zu spatantiken Exemplaren ab dem ausgehenden 3. Jhd. noch deutlichere Parallelen. Beispielhaft sei das Forum in Koln - auch geographisch naherliegend - genannt (Abb. 21 und 22), das hohe Ubereinstimmungen aufweist, besonders auch bei einem Abgleich der Gesamtgrundrisse beider Anlagen.

AuBerdem konnte sich eine Bezugnahme auf halbrunde Portiken konstruieren lassen, die aufgrund ihrer charakteristischen Form in spatantiken Schriftquellen haufig nach dem griechischen Buchstaben „Sigma“, in einer seiner Varianten c-formig, benannt wurden.[50] Im Kontext spatantiker, kaiserlicher Architektur ist ein solches Sigma fur den GroBen Palast in Konstantinopel, den Sitz byzantinischer Herrscher, anzunehmen (Abb. 23). Jedoch ist eine vergleichende Betrachtung nicht moglich, da der Istanbuler Bau im archaologischen Befund nicht nachgewiesen ist. Ausgrabungen sind durch osmanische und rezente Uberbauung im betreffenden Gebiet in der Regel nicht durchfuhrbar; das Wissen uber das Vorhandensein einzelner Gebaude des GroBen Palastes ist oft nur durch Schriftquellen ubermittelt. Eine genaue Bauzeit lasst sich hieraus jedoch nicht erschlieBen.[51] Auch wenn das Sigma der schriftlichen Uberlieferung nach bereits um 800 bestanden haben durfte,[52] bleiben prazise Datierung, Aussehen und Lage (Vgl. Abb. 23 und 24) durch die fehlende archaologische Absicherung sehr strittig. Ob und uber welchen Weg Kenntnis hieruber im karolingischen Kulturraum verbreitet gewesen sein konnte, bliebe zu hinterfragen.

Weiterhin kommt die Uberlegung auf, inwiefern Halbrundbauten im naheren Umkreis des Palastbezirks von Konstantinopel zum Vergleich fur das Aussehen desjenigen des GroBen Palastes dienen konnten, darunter der tatsachlich im Befund vorhandene Antiochos-Palast aus der ersten Halfte des 5. Jhd.[53] mit seinen zumindest annahernd in Rundform vorgelagerten Raumlichkeiten (Abb. 23).[54] Dies bleibt bis zu einer Freigabe von Grabungsflachen letztendlich nicht zu beurteilen.

Vorgelagerte Rundturme, wie sie in Ingelheim vorherrschen, weist bisher allerdings keiner der genannten, spatantiken Bauten auf. Diesbezuglich erinnert die Fassadengestaltung der Pfalz eher an romische Wehrarchitektur, insbesondere Stadtmauern (Abb. 25), entfernter moglicherweise auch an Umfassungsmauern einiger spatantiker Kaiserpalaste (Abb. 26).[55] Bei den Ingelheimer Turmen durfte es sich jedoch nicht um eine Befestigung handeln, da durch die rundherum verlaufenden, wasserfuhrenden Einrichtungen ein Einnehmen zu leicht moglich gewesen ware.[56] Abgesehen davon hatte eine Umwehrung, da die Anlage allem Anschein nach nicht komplett geschlossen war, wie an spaterer Stelle diskutiert werden soll (siehe Kap. 5), nur wenig Sinn gemacht.

Zusammenfassend ist festzustellen, daB sich die „auBere“ Funktion des Halbkreisbaus verhaltnismaBig deutlich erschlieBen lasst, auch wenn ein konkretes Vorbild kaum zu ermitteln ist und sie sich offenbar aus mehreren Komponenten zusammensetzt. So durften eine Bezugnahme auf romische Foren als Zentren des offentlichen Lebens, eine ebenfalls mogliche, bislang jedoch nicht ausreichend zu belegende Anspielung auf das im Kontext kaiserlicher Palastarchitektur relevante „Sigma“, sowie die unabhangig davon angefugten Turme, die Assoziationen an Stadtmauern, daneben aber auch an kaiserliche Palastanlagen spatromischer Zeit wecken, den Zweck erfullt haben, der Ingelheimer Pfalz ein stadtisches, representatives und allem voran moglichst „spatantikes“ Aussehen zu verleihen.

An dieser Stelle manifestiert sich also besonders gut das haufig, aber nicht ganz zutreffend als „karolingische Renaissance“ betitelte Charakteristikum der Architektur dieser Zeitstellung: auch wenn eine Bezugnahme auf spatantike Vorbilder durchaus deutlich wird, zeichnen sich karolingische Bauten eher dadurch aus, daB sie nicht als unmittelbare Architekturzitate dieser zu sehen sind, sondern sich - wie in vorliegendem Fall - in Form eigenwilliger, architektonischer Experimente niederschlagen.[57]

[...]


[1]JAHN / HAUBENREISSER 1995, S. 651 f.

[2]Ebd.

[3]GREWE, ZWISCHENBERICHT 2005, S. 56.

[4]SAGE 1977, S. 159.

[5]GREWE, ZWISCHENBERICHT 2005, S. 56.

[6]SAGE 1964, S. 65.

[7]Vgl. UNTERMANN 2006, S. 116-119, S. 153.

[8]GREWE 2001, S. 155.

[9]GREWE / SAGE 2001, S. 51.

[10]Ebd.

[11]GREWE 2001, S. 157.

[12]GREWE / SAGE 2001, S. 51.

[13]GREWE 1998, S. 178.

[14]GREWE, ZWISCHENBERICHT 2005, S. 56.

[15]GREWE 1998, S. 181.

[16]GREWE 1998, S. 182 f.

[17]Eine ausfuhrliche Besprechung vergangener Modelle soll in dieser Arbeit jedoch groBtenteils vermieden werden, um das Bild der Ingelheimer Pfalz nach jungsten Erkenntnissen moglichst wenig zu verfalschen.

[18]GREWE / SAGE 2001, S. 51.

[19]SAGE 1964, S. 80.

[20]GREWE 2001, S. 158.

[21]SAGE 1964, S. 72.

[22]GREWE 2001, S. 159.

[23]GREWE 1998, S. 179.

[24]GREWE 2001, S. 159.

[25]Ebd., S. 158.

[26]GREWE 2007, S. 107.

[27]GREWE 2001, S. 158.

[28]GREWE 2001, S. 158.

[29]SAGE 1964, S. 71.

[30]GREWE 2001, S. 158.

[31]www.kaiserpfalz-ingelheim.de/forschungsstelle_personen_01_wissenschaftlicheveroeffentlichungen.php

[32]GREWE 2001, S. 159 f.

[33]Dieses wurde in den aktuellen Grabungen auch weiter in Richtung Norden verfolgt.

[34]GREWE 2001, S. 160.

[35]In Publikationen bisweilen als „Peristyl“ bezeichnet, tatsachlich aber als Portikus anzusprechen.

[36]GREWE 2001, S. 160.

[37]Ebd., S. 159 f.

[38]SAGE 1977, S. 151.

[39]Ebd., S. 157 f.

[40]Ebd.

[41]MARTINI 2002, S. 232.

[42]Sie tragt ihren Namen wohlgemerkt nicht aufgrund ihrer architektonischen Auspragung - es handelt sich um eine Kreuzkirche - sondern aufgrund ihrer Lage im „Saal“ genannten Ortsteil von Ingelheim.

[43]SAGE 1977, S. 157 f.

[44]Ebd.

[45]www.kaiserpfalz-ingelheim.de/forschungsstelle_personen_01_wissenschaftlicheveroeffentlichungen.php

[46]GREWE / SAGE 2001, S. 51.

[47]SAGE 1977, S. 155.

[48]GREWE 1998, S. 180.

[49]SAGE 1977, S. 155.

[50]Vgl. MULLER-WIENER 1987.

[51]RIEMER 2003, S. 20.

[52]FRANCESCHINI 2003, S. 127.

[53]Als Sitz eines hohen Beamten ist dieser allerdings nicht als Kaiserpalast anzusprechen.

[54]MULLER-WIENER 1987, S. 125, S. 127.

[55]Im aufgefuhrten Beispiel sind die nur annahernd runden Turme jedoch deutlich monumentaler angelegt und ubersteigen die GroBe der Ingelheimer Exemplare um mehr als das Vierfache.

[56]GREWE 2001, S. 160.

[57] UNTERMANN 2006, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die karolingische Pfalz Ingelheim
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
40
Katalognummer
V198954
ISBN (eBook)
9783656253952
ISBN (Buch)
9783656255574
Dateigröße
4313 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pfalz, ingelheim
Arbeit zitieren
Anna Gosslar (Autor:in), 2012, Die karolingische Pfalz Ingelheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198954

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Blick ins Buch
Titel: Die karolingische Pfalz Ingelheim



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden