Mit der Erfindung des elektrischen Lichts ergab sich Anfang des 20. Jahrhunderts für die Künstler die Möglichkeit, sich eines vollkommen neuen Mediums zu bedienen, welches es erlaubte, die reine Lichtfarbe frei im Raum darzustellen. Der Untersuchungschwerpunkt dieser Arbeit richtet sich auf ausgewählte künstliche Lichtinstallationen von James Turrell, der das Medium Licht als einer der ersten Künstler seit den 1960er Jahren ohne sichtbare Anbindung an den Leuchtkörper inszeniert und so immaterielles Licht zum Werkstoff macht. Es erhält dabei in der Wahrnehmung materielle Eigenschaften und doch handelt es sich bei den Werken am Ende nur um Licht, welches nie greifbar, aber dafür um so mehr erlebbar und erfahrbar ist. Turrell distanziert sich somit von einem funktionalen Ansatz des Mediums und nutzt es als autonomes Gestaltungsmittel. Beim erstmaligen Besuch einer Lichtinstallation von James Turrell wird der Besucher dabei oft von einer Abfolge von Wahrnehmungsereignissen konfrontiert, die jeden konventionellen Erfahrungen in der Umwelt, aber auch der Kunstbetrachtung widersprechen. Turrell formuliert diesbezüglich für seine Installationen den Anspruch eines Wahrnehmungserlebnisses für den Betrachter, der so sein eigenes Sehen sehen, die Wahrnehmung wahrnehmen soll - „Sensing sensual“ - und so Kunst statt nur visuell auch psychisch erlebt.
Für die Analyse der Lichtinstallationen erfolgt zunächst eine notwendige Voruntersuchung zu den wesentlichsten Merkmalen des Lichtes und der Wahrnehmung von Farbe und Licht.
Die besondere Fokussierung Turrells auf das Wahrnehmungsempfinden und -erleben des Betrachters soll im Hauptteil der Arbeit
näher untersucht werden. Dabei ist sowohl zu klären, wie etwas als ein Bild oder Raum erscheinen kann, das auf Grund seiner materiellen Beschaffenheit nichts außer Licht ist, als auch welche wahrnehmungspsychologischen Effekte Turrell in seinen Installationen einsetzt. Die Auseinandersetzung erfolgt emplarisch anhand vier übergeordneter künstlicher Lichtinstallationsarten Turrells. Diesen sind konkrete Werkbeispiele zugeordnet, an denen nachgewiesen werden soll, welche Funktion die Wahrnehmungspsychologie in der jeweiligen Werkserie erfüllt und inwieweit dieser Einsatz bewusst durch den Künstler provoziert wird sowie den Betrachter gezielt beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Turrell im Blickpunkt der Forschung
3 Licht und Wahrnehmung
3.1 Licht
3.2 Physiologische Voraussetzungen für die visuelle Wahrnehmung
3.3 Wahrnehmung von Licht
3.4 Wahrnehmung von Farbe
4 Ausgangspunkte für Turrells Lichtinstallationen – Untersuchungen im Ganzfeld und das Mendota Hotel
4.1 Wahrnehmungspsychologische Besonderheiten im Ganzfeld
4.2 Mendota Hotel - Erste Experimente > Mendota Stoppages<
5 Eine Auswahl Turrells künstlicher Lichtinstallationen und der Einfluss wahrnehmungspsychologischer Effekte auf den Betrachter
5.1 Ganzfeldinstallationen
5.1.1 >>Ganzfeld Pieces<<
5.1.2 >>Space Division Constructions<<
5.1.3 >>Perceptual Cells<<
5.2 Projizierte Bilder aus Licht – >>Projection Pieces<<
5.2.1 >>Cross Corner Projections<<
5.2.2 >>Single Wall Projections<<
5.3 >>Shallow Space Constructions<<
5.4 >>Dark Spaces<<
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die künstlerischen Lichtinstallationen von James Turrell mit dem primären Ziel, die Wechselwirkung zwischen seinen immateriellen Lichtwerken und der menschlichen Wahrnehmungspsychologie zu analysieren und zu klären, wie der Betrachter durch diese Inszenierungen in seinem Sehen beeinflusst wird.
- Wahrnehmungstheoretische Grundlagen von Licht und Farbe
- Die psychologische Bedeutung des "Ganzfeldes" in der Kunst
- Analyse der Werkgruppen (Ganzfeld Pieces, Projection Pieces, Space Division Constructions, etc.)
- Untersuchung der Rolle des aktiven Betrachters ("Sensing sensual")
Auszug aus dem Buch
>>Ganzfeld Pieces<<
Die anschließende Betrachtung erfolgt anhand >>Ganzfeld Pieces<< >Briget's Bardo<, welches vom Oktober 2009 bis März 2010 in Wolfsburger Kunstmuseum präsentiert wurde. Auf einer Grundfläche von 700 m² erhebt sich elf Meter hoch bis unter die Museumsdecke eine Raum-in-Raum-Konstruktion, die in ihrer Dimension bis heute die größte begehbare Innenrauminstallation darstellt, die James Turrell jemals realisierte (Abbildung 11). Es handelt sich dabei um einen zweigliedrigen Hohlraum, der sich in einem viewing space, dem Betrachterraum, und einem sensing space, dem Erfahrungsraum, unterteilt. Diese beiden sind vollkommen leer und mit sich von einander änderndem Farblicht ausgeleuchtet. Den ersten Raum betritt der Betrachter zweiten Obergeschoss aus über eine steile, leuchtende Rampe, die sich herab ins Licht neigt. Alle Oberflächen des restlichen Raumes sind dabei geglättet, die Ecken abgerundet, sämtliche Übergänge glatt verfugt, so dass durch die Raumarchitektur keine räumliche Orientierung möglich ist und ein Grundsystem der Wahrnehmung bewusst ausgeschaltet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in James Turrells Werk und die Zielsetzung der Untersuchung der Lichtwahrnehmung als künstlerischem Medium.
2 Turrell im Blickpunkt der Forschung: Überblick über die bestehende wissenschaftliche Literatur und Monographien zu Turrells Lichtkunst.
3 Licht und Wahrnehmung: Erläuterung der physikalischen Grundlagen von Licht sowie der physiologischen Prozesse der visuellen Wahrnehmung im menschlichen Auge.
4 Ausgangspunkte für Turrells Lichtinstallationen – Untersuchungen im Ganzfeld und das Mendota Hotel: Analyse der grundlegenden Experimente mit dem Ganzfeld-Phänomen und Turrells frühen Arbeiten im Mendota Hotel.
5 Eine Auswahl Turrells künstlicher Lichtinstallationen und der Einfluss wahrnehmungspsychologischer Effekte auf den Betrachter: Detaillierte Untersuchung verschiedener Werkgruppen und deren spezifische Wirkung auf die Wahrnehmung des Betrachters.
6 Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse, welche die aktive Rolle des Betrachters bei der Konstruktion seiner Wahrnehmung in Turrells Werken hervorhebt.
Schlüsselwörter
James Turrell, Lichtkunst, Wahrnehmungspsychologie, Ganzfeld, Sensing sensual, Lichtinstallation, Raumwahrnehmung, Farbwahrnehmung, Immersion, Phänomenologie, Projection Pieces, Space Division Constructions, Sehen, Wahrnehmungserfahrung, Kunstgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Lichtinstallationen von James Turrell unter dem Aspekt der Wahrnehmungspsychologie und untersucht, wie der Künstler das Medium Licht einsetzt, um die menschliche Wahrnehmung zu beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den physikalischen Grundlagen von Licht, den physiologischen Prozessen beim Sehen sowie der gezielten Irritation und Steuerung dieser Prozesse durch Turrells Installationen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Turrell den Betrachter durch seine Lichtwerke dazu bringt, sein eigenes Sehen zu reflektieren und dabei konventionelle Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine exemplarische Analyse anhand ausgewählter Werkgruppen sowie eine Auswertung wahrnehmungspsychologischer Fachliteratur und Turrell-spezifischer Ausstellungskataloge.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Kategorien von Installationen, wie Ganzfeld-Räume, Projektionen und "Dark Spaces", auf ihren Aufbau und ihre spezifische psychologische Wirkung hin untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind James Turrell, Lichtkunst, Ganzfeld, Immersion, Raumwahrnehmung und die aktive Konstruktion von Wirklichkeit durch den Betrachter.
Was unterscheidet Turrells Licht von konventioneller Malerei?
Während Malerei auf Oberflächen basiert, nutzt Turrell Licht als immaterielles Medium, das keine feste Oberfläche besitzt und somit die gewohnten räumlichen Orientierungspunkte außer Kraft setzt.
Welche Rolle spielt die "Dunkelheit" in den "Dark Spaces"?
In diesen Räumen wird die visuelle Reizaufnahme minimiert, wodurch der Betrachter gezwungen wird, sich auf interne Wahrnehmungsphänomene und die langsame Anpassung des Auges zu konzentrieren.
Wie reagieren Besucher auf die Ganzfeldinstallationen?
Besucher berichten häufig von Gefühlen der Immersion, räumlicher Orientierungslosigkeit oder sogar haptischen Empfindungen gegenüber dem Licht, was Turrells Ziel einer direkten körperlichen Erfahrung unterstützt.
- Arbeit zitieren
- Clemens Hoffmann (Autor:in), 2012, Das Wahrnehmen der Wahrnehmung - Eine Untersuchung von James Turrells Lichtinstallationen und ihrer Wirkung auf den Betrachter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198966