Der Begriff der Freiheit bei Rousseau

Ist Freiheit in einer Gesellschaft möglich?


Zwischenprüfungsarbeit, 2007

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Untersuchungen zu Rousseaus Freiheitsbegriff in ausgewählten Werken
2.1 Über Kunst und Gesellschaft
2.2 Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen
2.2.1 Kurze Definition des Naturzustandes
2.2.2 Diskurs über die Ungleichheit – Erster Teil 2.2.3 Diskurs über die Ungleichheit – Zweiter Teil
2.3 Emile
2.4 Der Gesellschaftsvertrag
2.4.1 Freiheit und Gesellschaft
2.4.2 Freiheit und Gesetze

3. Fazit: Liegt die Freiheit des gesellschaftlichen Menschen in Ketten?

4.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean-Jacques Rousseau war ein Philosoph seiner Zeit, er kritisierte die herrschende Gesellschaft und war vor allem ein großer Idealist bei seiner Bestimmung des menschlichen Ursprungs. Sein wohl bekanntestes Zitat stammt aus seinem Hauptwerk Contract[1] social: „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“[2]

Welches Verständnis von Freiheit hatte Rousseau und worin sah er die Ketten? Für ihn ist die Freiheit ein menschliches Wesensmerkmal, aber wie kann der Mensch noch Mensch sein, wenn dieses Merkmal eingeschränkt ist? Ist der Mensch dann nur in einer begrenzten Art ein Mensch, wäre er dann in Gesellschaft nur ein halbes Wesen, in der wichtigsten seiner Eigenschaften beschnitten? Diese und weitere Fragen sollen die Inhaltspunkte dieser Hausarbeit bilden, wobei an vier ausgewählten Werken[3] die Entwicklung des rousseauschen Freiheitsbegriffs gezeigt werden soll. Im Folgenden werde ich dann noch gesondert auf das Problem von Freiheit und Gesellschaft und Freiheit in der Verbindung mit dem Gesetz eingehen. Der Mensch versteht sich als autonomes Wesen, lebt aber dennoch in einer Form des Miteinanders, die freiheitliche Einschränkungen impliziert. Wie erklärt sich das für Rousseau?

Rousseaus Anknüpfungspunkt im Denken ist die Natur und damit ist auch sein Menschenbild geprägt von der Entwicklung von dessen geschichtlichen Urform (Naturzustand) zum heute auftretenden Menschen (im Gesellschaftszustand). Als Basis für Rousseaus Gesellschaftskritik dienen ihm seine Beobachtungen vom Ancien Regime.

Gemäß Rousseau ist der Mensch von Natur aus gut, doch in der Gesellschaft entwickelt sich seine schlechte Seite. Der Mensch im Naturzustand lebt fern von gut und böse, in seinem solitären Leben spürt er keinen Drang nach sozialer Bindung. Er existiert als asoziales und sprachloses Wesen, das erst durch seine Instinktfreiheit und Fähigkeit zur Vervollkommnung (perfectibilité) die von Rousseau als negativ empfundene Entwicklung zum gesellschaftlichen Menschen durchläuft.

2. Untersuchungen zu Rousseaus Freiheitsbegriff in ausgewählten Werken

2.1 Über Kunst und Gesellschaft

Die Schrift, die den Anfang der Untersuchung bildet, ist die Abhandlung über die Frage: Hat der Wiederaufstieg der Wissenschaft und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen?[4]

Sie ist die Antwort Rousseaus auf die von der Akademie Dijon im Jahre 1750 gestellte Frage: Ob der Fortschritt der Wissenschaft und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe. Rousseau sieht sofort, dass die gestellte Frage negativ zu beantworten ist. Seine Erstlingsschrift ist geprägt von der Kritik an der Kultur und der Geschichtsphilosophie. Die Wissenschaft und die Künste begünstigen den Luxus und die dadurch wachsende Ungleichheit des Menschen. Mit seinem Angriff gegen die vorherrschende Gesellschaft gewann Rousseau die Preisausschreibung und wurde durch die sich daraus entwickelnde Diskussion unter den Gelehrten bekannt[5].

Rousseau sieht die Kultur als Abstand zur Natur und somit als Weggang von den ursprünglichen Tugenden[6]. Durch die Kultur muss der Mensch eine „gesellschaftliche“ Rolle spielen, er entfernt sich immer mehr von seinem natürlichen Wesen.

„Während die Regierung und die Gesetze für die Sicherheit und das Wohlergehen der zusammenwohnenden Menschen sorgen, breiten die weniger despotischen und vielleicht mächtigeren Wissenschaften, Schriften und Künste Blumengirlanden über die Eisenketten, die sie beschweren. Sie ersticken das Gefühl jener ursprünglichen Freiheit, für die sie geboren zu sein scheinen, lassen sie ihre Knechtschaft lieben und machen aus ihnen, was man zivilisierte Völker nennt.“[7]

In diesem Zitat zeigt sich deutlich die Ablehnung, aber es beinhaltet ebenso schon klare Aussagen zum Menschen in der Gesellschaft und seiner Freiheit. Die Künste und Wissenschaft verdecken die Fesseln, gaukeln dem Volk etwas vor. Die zeitgenössischen Bedingungen verlangen vom Menschen eine Art Selbstverleugnung, da die natürlichen menschlichen Eigenschaften in der Zivilisation untergehen, ohne dabei völlig zerstört zu werden. Die Kultivierung bringt neue Fähigkeiten, wie den Müßiggang, hervor[8]. Rousseau sieht in ihnen mehr Gefahr für die Freiheit als in der Regierung, da diese für ihn mit offenen Karten spielt. Künste und Wissenschaft imaginieren einen Fortschritt, der aber eigentlich nicht ein Fortschritt zur Höherentwicklung ist, sonder eher ein Fort-Schritt vom Naturzustand. So führt Rousseau an einer anderen Stelle an, dass je weiter „unsere Wissenschaften und Künste zur Vervollkommnung fortschritten, (…) unsere Seelen verdorben worden“[9]. Der Mensch lebt durch seine Arbeit in Knechtschaft, aber die Existenz in einer Gesellschaft beinhaltet nun mal eine berufliche Tätigkeit. Ein Leben in Arbeit in ist ein Leben in Abhängigkeit[10] und fern von der natürlichen Freiheit.

Die Wissenschaften „sind aus dem Müßiggang entstanden und leisten ihm ihrerseits Vorschub“[11]. Gerade aus dieser Zeitverschwendung entwickelt sich die Gesellschaft zu ihrem Nachteil, da für Rousseau „jeder müßiggehende Bürger (…) als gefährlicher Mensch angesehen werden“[12] darf. Daraus ergibt sich die Gefahr der Wissenschaften, aber das größte „Übel haben Literatur und Künste im Gefolge. So denn Luxus, der wie sie aus Müßiggang und Eitelkeit stammt“[13]. Der Luxus führt den Menschen in Ungleichheit und favorisiert den Vergleich miteinander. Er entfremdet sie von den Tugenden und lockert die Sittlichkeiten: Der tugendhafte und unschuldige Mensch ist mit Luxus nicht in Einklang zu bringen.

Damit begründet Rousseau seine negative Einstellung, weil durch den Fortschritt der Künste und Wissenschaften nichts zur Glückseligkeit beigetragen wurde, sondern vielmehr die Sitten verdorben, der Luxus gefördert und der Müßiggang begünstigt wurden. Bei der Ausübung der Künste zählt nur das Talent, aber worin besteht ihr Nutzen und welche ist die nützlichere? Indem sie aber alle nicht der menschlichen Bestimmung entsprechen, haben sie auch keinen Sinn für den Menschen. Sie sind sinn- und dadurch nutzlos[14].

2.2. Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen

Mit dieser Schrift beantwortet Rousseau ebenfalls eine Frage der Akademie in Dijon, die da lautete: Welches ist der Grund der ungleichen Bedingungen unter den Menschen, und sind diese durch das Naturgesetz gerechtfertigt.

Im Gegensatz zu seiner Erstlingsschrift erlangt Rousseau mit dieser anthropologischen und staatsphilosophischen Schrift keine Auszeichnung. Die Schwerpunkte dieser Abhandlung liegen in den Ausführungen des menschlichen Übergangs vom natürlichen in den gesellschaftlichen Zustand und die damit verbundene Unterscheidung zwischen dem Natur- und dem Gesellschaftsmensch. Der Mensch ist dementsprechend ein Wesen, welches sich von seinem Ursprung entfernt hat. Wobei der Verfasser im Naturzustand keinen historische Epoche sieht, sondern ihn als Hypothese voraussetzt und damit gleich eine Beantwortung der Frage nach dem Wesen des Menschen beifügt[15]. Die Schrift ist in zweite Teile untergliedert, von denen der erste Teil eine Charakterisierung des ursprünglichen Menschen darstellt, während der zweite den Anfang der Vergesellschaftung zu bestimmen sucht.

2.2.1 Kurze Definition des Naturzustandes

Da Rousseau in seiner Abhandlung und auch in anderen Werken immer wieder vom Naturzustand spricht, möchte ich den Begriff an dieser Stelle einführen und näher erläutern.

[...]


[1] Schreibart des Wortes Contra(c)t nach dem Abdruck des Originaldeckblattes der Erstauflage in der Reclamausgabe.

[2] Rousseau, Gesellschaftsvertrag, 1.Buch, 1.Kap., S. 5

[3] Die vier ausgewählten Werke sind: Abhandlung über die Frage: Hat der Wiederaufstieg der Wissenschaft und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen? Diskurs über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen Emile oder über die Erziehung Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes

[4] Auch wenn diese Abhandlung zum Thema der Hausarbeit inhaltlich wenig bietet, messe ich ihr dennoch eine gewisse Wichtigkeit zu. Rousseau zeigt in seiner Erstlingsschrift seine Anfänge und es finden sich einige Parallelen zu den noch folgenden Werken. Der Begriff „Ketten“ im Zitat (Über Kunst und Wissenschaft, Erster Teil, S. 09) ist gleichbedeutend mit denen im Eingangszitat. Rousseaus Verständnis von einer gefesselten Freiheit hat sich somit in seiner philosophischen Laufbahn kaum geändert.

[5] Vgl.: Diermeier in: Volpi, Lexikon der Philosophischen Werke, S. 184f

[6] Vgl.: Weigand, Kurt in: Rousseau, Schriften zur Kulturkritik, Einleitung S. XI

[7] Rousseau, Über Kunst und Wissenschaft, Erster Teil, S. 09

[8] Vgl.: Menschling, Rousseau zur Einführung, S. 20

[9] ebd., S. 15

[10] Vgl.: Brandt, Rousseaus Philosophie der Gesellschaft, S. 75

[11] Rousseau, Über Kunst und Wissenschaft, Zweiter Teil, S. 33

[12] ebd., S. 33

[13] ebd., S. 35

[14] Vgl.: Weigand in: Rousseau, Schriften zur Kulturkritik, Einleitung S. XXXIV

[15] Vgl. Diermeier in: Volpi, Lexikon der Philosophischen Werke, S. 186f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Freiheit bei Rousseau
Untertitel
Ist Freiheit in einer Gesellschaft möglich?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Philosophie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V199029
ISBN (eBook)
9783656255314
ISBN (Buch)
9783656255963
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, freiheit, rousseau, gesellschaft
Arbeit zitieren
M.A. Miriam Bauer (Autor), 2007, Der Begriff der Freiheit bei Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199029

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