Vorstellung und Analyse der Dependenzgrammatik von Lucien Tesnière


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definitionen und Grundgedanken der Dependenzgrammatik

3. Valenz
3.1. Valenz des Verbs

4. Die drei syntaktischen Relationstypen :
4.1. Konnexion
4.2. Junktion
4.2.1. vollständige Junktion
4.2.2. unvollständige Junktion
4.3. Translation
4.3.1. Translation ersten Grades
4.3.1.1. Deverbale Translationen
4.3.1.2. Desubstantivische Translationen
4.3.1.3. Deadjektivische Translationen
4.3.1.4. Deadverbiale Translationen
4.3.1.5. Formelle Translation
4.3.1.6. Subkategorielle Translation
4.3.1.7. Transvaluation
4.3.2. Translation zweiten Grades

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit zu dem Thema "Dependenzgrammatik" möchte ich zunächst die Grundzüge der Dependenzgrammatik von Lucien Tesnière präsentieren, um diese dann im Detail näher zu analysieren. Nach der Definition und Erläuterung der zentralen Begriffe werde ich die Charakteristika der Dependenzgrammatik detailliert darstellen. Bei der Lektüre von Tesnières Werken "Eléments de syntaxe structurale" und "Esquisse d'une syntaxe structurale" sowie der Sekundärliteratur fiel mir die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der Autoren auf. Aufgrund dieser Tatsache habe ich versucht, die am Häufigsten genannten Grundzüge in meiner Analyse zu berücksichtigen. Besonders eingehen möchte ich deshalb auf die drei syntaktischen Relationstypen, die Tesnière Konnexion, Junktion und Translation genannt hat, sowie den Valenzbegriff, da er eine elementare Rolle bei dieser Grammatik spielt und richtungsweisend für die Linguistik geworden ist.

2. Definitionen und Grundgedanken der Dependenzgrammatik

"Die Dependenz ist ein wichtiges Prinzip grammatischer Beschreibung, das von der zentralen Stellung des Prädikats im Satz ausgeht und das die Rolle lexikalischer Einheiten im Satzgefüge hervorhebt."[1]

"Die Dependenzgrammatik oder Abhängigkeitsgrammtik untersucht Abhängigkeitsbezie- hungen zwischen Satzteilen. Sie will ermitteln, welche regierenden Elemente verschiedenen Ranges es im Satz gibt und was für untergeordnete Elemente mit ihnen verbunden sind."[2]

Diese beiden Zitate heben deutlich hervor, dass das regierende Element bei Tesnière das Verb ist, denn von ihm und seiner jeweiligen Valenz hängt der mögliche Satzbau ab und die untergeordneten Elemente können aus ganz unterschiedlichen Wortklassen stammen: " Wir nennen die Fähigkeit des Verbums, weitere Stellen im Satz zu fordern mit Tesnière Valenz. Die Stellen selbst, die für weitere Beziehungen offen sind, nennen wir Mitspieler (Tesnière: actant)".[3] Auf den Begriff der Valenz, der Wertigkeit des Verbs, möchte ich später noch genauer eingehen.

Tesnière gilt als Begründer der Dependenzgrammatik, doch viele Linguisten gehen sogar noch weiter und argumentieren, dass er "das syntaktische System indogermanischer Sprachen"[4] entdeckt hat, wonach Tesnières sein Ziel, eine allgemeine Syntax, die anwendbar auf alle Sprachen ist zu entwerfen, in gewisser Hinsicht erreicht hätte, doch bis heute hält man dieses Vorhaben für nicht vollständig realisierbar und auch Tesnière selbst hatte die Schwierigkeiten dabei stets vor Augen, weshalb man die Dependenzgrammatik im Sinne Tesnières als "Theorie der Einzelsprache"[5] betrachtete.

Dennoch geht er in seinem Werk "Eléments de syntaxe strucutrale" häufig auf Verhältnisse in unterschiedlichen Sprachen ein.

Außerdem war es Tesnière als Praktiker stets wichtig eine Grammatik zu entwickeln, die man in der Praxis des fremd- und muttersprachlichen Unterrichts anwenden konnte, weshalb er oft Stemmata zur Veranschaulichung der Satzstrukturen nutzte und diese im Schulalltag erproben ließ, wobei sich diese didaktische Grundhaltung in der Praxis des Sprachunterrichts bewährt hat. Die Formalisierung (welche gar kein primär von Tesnière gewolltes Motiv war) stellt, verglichen mit Grammatiken wie der generativen Grammatik, dabei einen großen Vorteil dar, weil es allein durch die Kenntnis sprachspezifischer Strukturprinzipien nun dem Lernenden möglich wurde, richtige Sätze zu bilden und einen beliebigen Satz zu analysieren. Die Verbesserung des Fremdsprachunterrichts war eines seiner Hauptziele und einer der "Triebfedern seines wissenschaftlichen Arbeitens"[6], weshalb man ihn auch als einen der großen Vertreter der angewandten Sprachwissenschaft bezeichnet.

Man kritisierte jedoch zunächst diese Analysemethode Tesnières, da seine Gedanken einem systematischen Ansatz entsprangen, die aber mit den Ansätzen der strukturalistisch orientierten Sprachwissenschaftlern seiner Zeit verglichen wurden. Man maß sein Werk einfach mit der Elle der Zeit, ohne dabei seine fortschrittlichen Erkenntnisse zu honorieren.[7] Somit verkannten die meisten Linguisten, dass Tesnière bereits den systematischen Charakter der Translation erkannt hatte und über die Traditionen hinausgewachsen ist. Denn durch seine Translationstheorie gelang es ihm, im Bereich der Syntax zu erklären, in welcher Weise die Sprache von begrenzten Mitteln einen unbegrenzten Gebrauch machen kann, was so ähnlich war wie die Erkenntnisse der Prager hinsichtlich der der lautlichen Phänomene in der Phonologie[8].

Die Wortklassen unterteilt Tesnière in Voll- und Leer-Wörter, wobei Leer-Wörter die Junktoren, Translatoren und Indikatoren sind.

Die vier sognnannten Voll-Wörter bzw. Lexeme (nach Martinet), von denen er spricht, sind Verb (als I dargestellt), Substantiv (O), Adjektiv (A) und Adverb (E). Diese Abkürzungen sind dem Esperanto entlehnt, bei dem die vier Wortklassen durch entsprechende Auslaute markiert sind. Voll-Wörter drücken eine Vorstellung aus, haben eine semantische und eine syntaktische Funktion und bilden Nuclei, wohingegen die Leer-Wörter allein keine Vorstellung ausdrücken und nicht als Nuclei dargestellt werden, denn sie dienen als grammatische Hilfseinheiten.[9]

Der funktionale Zusammenhang der vier semantischen Grundkategorien wird von Baum folgendermaßen dargestellt:[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei haben die Adjektive zu den Substantiven ein vergleichbares Verhältnis zueinander wie die Adverbien zu den Verben, was sich durch Beispiele zeigen lässt, bei dem man ein Substantiv durch ein Verb gleicher Bedeutung ersetzt: "una comida ligera" (O/A) wird verändert in "come ligeramente" (I/E).

Tesnière geht in seiner Grammatik von drei syntaktischen Relationstypen aus, die er als Konnexion, Junktion und Translation bezeichnet und nach denen er auch sein Werk "Eléments de syntaxe structurale" gegliedert hat. Die Konnexion definiert einfache sprachliche Äußerungen, wohingegen komplexe sprachliche Äußerungen mit Hilfe der Junktion und Translation definiert werden.

Grundsätzlich unterscheidet Tesnière außerdem zwischen Aktanten und Zirkumstanten, denn zu einem Vorgang gehören Beteiligte und Begleitumstände und somit wählte er in Anlehnung an die Bezeichnungen bei einem Drama "actants et circonstants". Es handelt sich hierbei um die dem Verb direkt untergeordneten Nuclei. Die Aktanten sind entweder Substantive oder Elemente, die nach Translation die "syntaktische Funktion eines Elements der syntaktischen Grundkategorie Substantiv erfüllen"[11] und an der Handlung teilhaben. Somit heißt eine Handlung zu benennen die Zahl und Art der Aktanten mitzubestimmen, weshalb Aktanten als die Leerstellen aufzufassen sind, die von einem Verb eröffnet werden. Tesnière spricht von drei Arten von Aktanten: dem ersten Aktant, der meistens als Subjekt bezeichnet wird, dem zweiten Aktant, der das Akkusativobjekt ist und dem dritten Aktant, der durch andere Objekte wie Genitiv und Dativ repräsentiert werden kann. Außerdem kann man bei Aktanten zwischen obligatorischen (nicht weglassbaren) und fakultativen (unter bestimmten Umständen weglassbaren) Aktanten unterscheiden.

Dahingegen sind Zirkumstanten entweder Adverbien oder aber Elemente, die nach Translation "in syntaktischer Hinsicht wie Elemente der syntaktischen Grundkategorie Adverb fungieren"[12]. Zirkumstanten werden jene Nuclei genannt, die dem Verb direkt untergeordnet sind, und die näheren Umstände eines Zustandes oder Ereignisses benennen.

[...]


[1] Weber, S. 9

[2] Tarvainen, S. 1

[3] Brinkmann, H.: 1962, zitiert von Baum, S. 33

[4] Baum, S. 10

[5] Baum, S. 137

[6] Baum, S. 134

[7] vgl. Baum, S. 20

[8] vgl. Baum, S.112

[9] vgl. Weber, S. 23

[10] Schema entnommen aus: Baum, S. 79

[11] Baum, S. 83

[12] Baum, S. 83

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Vorstellung und Analyse der Dependenzgrammatik von Lucien Tesnière
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Estructuras del léxico verbal español
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V199039
ISBN (eBook)
9783656254409
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dependenzgrammatik, Lucien Tesniere, Abhängigkeitsgrammatik
Arbeit zitieren
Christina Müller (Autor), 2006, Vorstellung und Analyse der Dependenzgrammatik von Lucien Tesnière, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199039

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