Die Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode


Seminararbeit, 2000
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Geschichte des Stifts
1. Politische Situation
2. Der Stifter Markgraf Gero I. (937-965)
3. Baugeschichte der Stiftskirche

III. Beschreibung des Baues
1. Ostkrypta
2. Ostchor
3. Querhaus
4. Langhaus
5. Ottonischer Westbau
6. Türme

IV. Ergebnisse

V. Abbildungen

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Es kann nicht Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit sein, bei einem Seminarthema, das sich auf die Zeit um die erste Jahrtausendwende konzentriert, die gesamte Geschichte der Stiftskirche zu Gernrode von ihrem Bau bis zur zweiten Jahrtausendwende, die uns mit der Vollendung des Jahres 2000 bevorsteht, ausführlich nachzuzeichnen. Wenn die allgemeinen und näheren Umstände der Entstehung des Stifts und seiner Kirche, die späteren Veränderungen des Bauwerks und seine Restaurierung im 19. Jahrhundert nur gestreift werden können, so wird das Hauptaugenmerk hier auf den ottonischen Urbau gerichtet sein. Insbesondere soll auf die eigentümliche Achsenverschiebung zwischen Chor und Querhaus und dem später errichteten Langhaus eingegangen werden, für die in der Literatur, die bei der Erstellung dieser Arbeit vorlag, keine befriedigende Erklä­rung gegeben werden konnte.

II. Geschichte des Stifts

1. Politische Situation

Der entscheidende Erfolg des Aufbaus der Hausmacht der Liudolfinger, die das von Kaiser Karl dem Großen um die Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert ins fränkische Großreich integrierte Grenzland zum Gebiet der Slawen beherrschten, war die Wahl Herzog Heinrichs I. („Der Vogeler“, 919-936) zum König der ostfränkisch-deutschen Länder im Jahre 919. Sachsen, das von Grenzburgen wie Magdeburg, Nienburg und Merseburg militärisch gegen die Slawen nach Osten gesichert wurde und ausgehend von den mächtigen karolingischen Reichsklöstern wie Hersfeld, Fulda, Corvey und Werden christianisiert worden war, stieg nun zur Kernlandschaft des deutschen Reiches auf. Heinrichs Sohn und Nachfolger Otto I. (936-973) gelang mit dem Sieg gegen die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg im Jahre 955 und mit der Un­terwerfung der slawischen Gaue östlich der Elbe die territoriale Konsolidierung seiner Königsherrschaft. Sie fand ihren kirchlich-organisatorischen Ausdruck in der Gründung der neuen Bistümer Brandenburg, Havelberg, Merseburg, Zeitz-Naumburg und Meißen und von Klöstern wie Quedlinburg und Hamersleben. Nachdem Otto 962 in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Nachfolge Karls des Gro­ßen gekrönt worden war, konnte er 968 in seiner Lieblingsresidenz Magdeburg ein neues deutsches Erzbistum errichten.[1]

Die nachfolgenden Liudolfinger Otto II. (973-983, vermählt mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu), Otto III. (983-1002) und Heinrich II. (1002-1024) widmeten sich der „großen“ Politik, was die eigenständigere Landesherrschaft der sächsischen Bischöfe und Markgrafen begünstigte. Das zeigte sich im Bau von Burgen wie Wester­burg, Falkenstein, Rudelsburg und Neuenburg und in der Stiftung von Familienklöstern wie Klostergröningen, Diesdorf, Hadmersleben und Klostermansfeld. Zu dieser Reihe gehörte auch Gernrode, von dem im folgenden die Rede sein soll.

2. Der Stifter Markgraf Gero I. (937-965)

Als Markgraf Siegfried von Merseburg 937 starb, übertrug König Otto I. an dessen Bruder Gero die Sicherung der Slawengrenze. Dieser schob seine Herrschaftsgrenze in den folgenden Jahren unter ständigen blutigen Kämpfen immer weiter nach Osten vor. Zu seinem ewigen Seelenheil gründete Gero I. nach seiner ersten Romreise um 950 in Frose ein Mönchskloster, während er die am Eingang zu den Wäldern des Südharzes und zum Selketal von ihm errichtete und nach ihm benannte Burg Gernrode zu seinem Familiensitz ausersah. Das Geschlecht des Markgrafen erlosch mit dem frühen Tod sei­ner Söhne Gero und Siegfried († 959) im Mannesstamm, worauf der Markgraf Gern­rode zu einem Kanonissenstift machte und diesem das ebenfalls zum Frauenstift um­gewandelte Kloster Frose unterstellte. Seine verwitwete Schwiegertochter Hathui (959-1014), eine Nichte der Königin Mathilde und Cousine Kaiser Ottos I., setzte er als erste Äbtissin ein. Sie sollte das Stift bis zu ihrem Tode 55 Jahre lang leiten.[2]

3. Baugeschichte der Stiftskirche

In der Literatur gilt das Jahr 961 als Baubeginn, doch spricht nichts dagegen, daß schon 959 die ersten Arbeiten in Angriff genommen wurden. Die Jungfrau Maria und der Apostel Petrus waren die Schutzheiligen bei Gründung des Stifts Gernrode, während Frose dem Hl. Cyriakus geweiht war. In Rom erwarb Gero eine Armreliquie des Heili­gen, die als so bedeutsam angesehen wurde, daß sie in die Stiftskirche zu Gernrode transferiert wurde und nicht in das untergeordnete Stift zu Frose. Cyriakus verdrängte hier nun die beiden älteren Stiftspatrone, was eine merkliche Änderung der Ostung der Stiftskirche nach sich zog, wovon weiter unten noch die Rede sein wird.

Markgraf Gero konnte nach seinem Tod im Jahre 965 bereits vor dem Chor bestattet werden, so weit war der Bau schon gediehen. Über das Datum der Fertigstellung der Kirche ist nichts bekannt, man kann aber annehmen, daß der Bau in den achtziger Jahren des 10. Jahrhunderts als flachgedeckte Basilika mit Langhausemporen vollendet wurde.[3]

In die Zeit vor 1100 fällt der Einbau des Heiligen Grabes in die beiden östlichen Joche des südlichen Seitenschiffes. Heute ist es die älteste erhaltene architektonische Nach­bildung des Grabes Christi in Jerusalem und besteht wie dieses aus einer Vor- und einer Hauptkammer. Der Besuch einer Heiliggrab-Kapelle war nach mittelalterlicher Vor­stellung gleichbedeutend mit einer Pilgerfahrt nach Jerusalem. Zugänglich war es aber nur in der Osterzeit und diente dem Gernröder Osterspiel, das in unseren Tagen wieder­belebt wurde.

Unter der Äbtissin Hedwig II. (1118-1152) wurden weitreichende Umbauten vorge­nommen, die hauptsächlich der Aufnahme der Gebeine des Hl. Metronus in eine neu errichtete Westkrypta gedient haben. Dazu mußte der ursprüngliche Westbau bis auf die Türme niedergelegt werden. Die Westempore der Äbtissin und der Zugang zu den Langhausemporen fiel fort. Anstatt dessen wurde über der neuen Krypta ein westlicher Chor errichtet und Emporen in den beiden Querhausarmen gebaut, in denen die meist adligen Damen des Stifts von nun an dem Gottesdienst beiwohnten.

Im 19. Jahrhundert war der Bau so stark vernachlässigt worden – in den ehemaligen Langhausemporen wurde Getreide gespeichert, die Krypten dienten als Kartoffellager und im Kreuzgang hielt man Vieh – daß eine umfassende Restaurierung nötig gewor­den war. Der erste beamtete Denkmalspfleger, der preußische Konservator Ferdinand von Quast (1807-1877) führte sie mit für die damalige Zeit bemerkenswerter Zurück­haltung durch. Zwar fügte er der Kirche einige nicht belegte Details hinzu,[4] doch ging es ihm hauptsächlich um die Erhaltung des damaligen Bestandes und nicht um die Wiederherstellung des ursprünglichen Baues. Von größeren Veränderungen nahm von Quast also Abstand, wenn man einmal von der Rekonstruktion bzw. Zufügung der Vie­rungslängsbögen absieht.

Was im 19. Jahrhundert versäumt wurde, nämlich die Restaurierung der Rundtürme, mußte zu Beginn des folgenden Jahrhunderts nachgeholt werden. Die vom Einsturz bedrohten Türme wurden abgetragen und neu fundamentiert wieder aufgebaut.[5] So weit wie möglich fanden dabei die alten Steine wieder Verwendung, was das originale Bild des ottonischen Fugenwerks bewahrte. Die Quader dagegen, mit denen die beschädigte Bausubstanz, insbesondere die Außenwand des nördlichen Seitenschiffs, unter von Quasts Leitung ersetzt worden war, waren geradezu peinlich exakt geschnitten.

In den sechziger Jahren wurden die Blei- und Schieferdächer der Kirche unsinniger­weise mit Kupferblech neu eingedeckt, was unter den Kegeldächern der Türme Grün­spanablagerungen hervorrief, die heute den hellen Gernröder Kalkstein verunzieren.

III. Beschreibung des Baues

1. Ostkrypta

Der älteste Teil der Stiftskirche ist die möglicherweise schon ab 959 gebaute Ostkrypta. Etwas später als die vergleichbare Krypta der Klosterkirche zu Rohr entstanden, schließt sie wie jene innen nach Osten im Halbrund ab, was noch das Merkmal einer Umgangskrypta ist. Allerdings gibt es in Gernrode schon ein unsicher ausgeführtes Gewölbe aus drei Längstonnen, die von drei Quertonnen angeschnitten werden, so daß Stichkappen entstehen. In Rohr gibt es dagegen eine Gewölbeausbildung nur zwischen den vier Freipfeilern. Deswegen gilt die Krypta zu Gernrode als frühestes Beispiel einer Hallenkrypta in Deutschland, doch muß zugestanden werden, daß im frühen 10. Jahr­hundert zumindest Übergangsformen oder Vorläufer dieses Kryptentyps vorkommen.[6]

Das Mauerwerk, auf dem das Halbrund der Apsis ruht, ist mit maximal 2,5 m von be­sonderer Stärke. Durch die drei eingeschnittenen Nischen mit Fensteröffnungen wird es wieder geschwächt, was für die Stabilität des Chores mit seiner Apsis an dieser Stelle aber nicht von Belang ist.

2. Ostchor

Die Außenmauern der Ostteile des Baues bestehen im Gegensatz zu den Seitenschiffen aus Bruchsteinmauerwerk, das, ohne daß es einen Sockel gäbe, unmittelbar aus dem Erdboden emporwächst. Die einzigen Gliederungselemente, die sich auch an den Tür­men befinden, sind zwei vorgelegte schmale Lisenen an der Hauptapsis, die ober­halb des Gesimses, das an ihrem oberen Viertel umläuft, von kleinen Halbsäulen abgelöst werden. Während alle Außenwände von Chor und Querhaus drei im Dreieck ange­ord­nete Fensteröffnungen besitzen, ist die etwas niedrigere Ostapsis fensterlos, abgesehen vom Altarfenster der Krypta. Die relativ kleinen Nebenapsiden an den Querhausarmen haben dagegen Fenster.

[...]


[1] Nach Christian Antz und Knut Müller, Straße der Romanik. Entdeckungsreise ins Mittelalter, Hamburg 1997, S.7-8.

[2] Hans K. Schulze, Das Stift Gernrode (= Mitteldeutsche Forschungen, hrsg. von Reinhold Olesch, Walter Schlesinger, Ludwig Erich Schmitt, Bd. 38), Köln 1965, S. 1-4.

[3] Günther W. Vorbrodt, Die Stiftskirche in Gernrode. Ein kunstgeschichtlicher Beitrag, in: Hans K. Schulze, Das Stift Gernrode (= Mitteldeutsche Forschungen, hrsg. von Reinhold Olesch, Walter Schlesinger, Ludwig Erich Schmitt, Bd. 38), Köln 1965, S. 91-92.

[4] Von Quast fügte u. a. hinzu: Blendgalerie an der Westapsis, Blendarkaden an den Außenwänden der Seiten­schiffe, Dachreiter. Klaus Voigtländer, Die Stiftskirche zu Gernrode und ihre Restaurierung 1858-1872, mit Beiträgen von Hans Berger und Edgar Lehmann, Berlin 1980, S. 15, Anm. 5.

[5] Dietrich Conrad, Kirchenbau im Mittelalter. Bauplanung und Bauausführung, unter beratender Mitarbeit von Klaus Merrens, Leipzig 21990, S. 149.

[6] Fritz Bellmann, Die Krypta der Königin Mathilde in der Stiftskirche zu Quedlinburg, in: Kunst des Mittelal­ters in Sachsen, 1967, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Kunst und Architektur um 1000
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V19908
ISBN (eBook)
9783638239370
Dateigröße
1157 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stiftskirche, Cyriakus, Gernrode, Kunst, Architektur
Arbeit zitieren
Julian Redlin (Autor), 2000, Die Stiftskirche St. Cyriakus zu Gernrode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19908

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