Interpretation eines Auszuges aus „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried Herder


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der Mensch, ein Kunstgeschöpf
2.1. Die Sprache als zentrales Mittel zur Kulturbildung

3. Durch Vernunft und Freiheit zur Humanitätsbildung

4. Abhängigkeit der individuellen Entwicklung und menschlicher Geschichte
4.1. Aufklärung bei Herder
4.2. Qualitative Gleichheit der Kulturen

5. Humanität als Ziel der Menschen

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärtext
7.2. Sekundärtexte

8. Anhang
8.1. Kurzbiografie Johann Gottfried Herders
8.2. Herder und die Gehörlosenpädagogik

1. Einleitung

Das Werk „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried Herder von 1784 – 1791 ist formal in vier Teile gegliedert, welche insgesamt aus zwanzig Büchern bestehen. In meiner Hausarbeit werde ich mich mit den vier Kapiteln beschäftigen, die als Textgrundlage im Seminar dienten. Die Interpretation der vier Kapitel erfolgt in chronologischer Reihenfolge. Innerhalb dieser Hausarbeit werde ich mich mit der Entstehung von Kultur nach Herder auseinandersetzen. Dabei ist von zentraler Bedeutung wichtige Begrifflichkeiten zu klären und in Zusammenhang zur Kultur zu setzen.

Im Anhang werde ich, zusätzlich zu einer Biografie Johann Gottfried Herders, näher auf den fünften Absatz des Kapitels „Der Mensch ist zu feinern Sinnen, zur Kunst und zur Sprache organisieret.“ eingehen und in diesem Zuge mich mit Herders Definition der Sprache und seinem Verständnis der Taubstummenpädagogik beschäftigen. Ich habe diesen zusätzlichen Aspekt auf Grund meines Studienfaches „Sonderpädagogik“ und meines persönlichen Interesses an der Thematik gewählt, konnte ihn jedoch aus Gründen der Seitenbegrenzung und Aufgabenstellung nicht in die eigentliche Hausarbeit mit einbauen.

2. Der Mensch, ein Kunstgeschöpf

Der Mensch besitzt zwei Arten von Sinnen, die niederen und die edleren. In der natürlichen Umgebung überwiegen die niederen Sinne, doch durch die Kultivierung wird dieser natürliche Zustand geändert:

„Natur, die ursprüngliche Anlage des Menschen, und Natur, der ursprüngliche Zustand seiner Umgebung, werden durch Kultur verändert, durch den Zusammenstoß zwischen ihr und den geistigen Kräften des Menschen und durch die erreichen Ergebnisse dieser Beziehung“[1].

Durch das Erheben und den aufrechten Gang konnte der Mensch die edleren Sinne stärken und wurde so zu einem höherem Wesen, denn er verließ das Tierische, Pflanzliche und Natürliche:

„Mit dem aufrichten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf: denn durch ihn, die erste und schwerste Kunst, die ein Mensch lernet, wird er eingeweihet, alle zu lernen und gleichsam eine lebendige Kunst zu werden“[2].

Der aufrechte Gang ist somit als Basis der Kunst zu verstehen, denn nun „... bekam der Mensch freie und künstliche Hände ...“[3]. Diese Hände kann der Mensch nun frei nutzen, Kunstfertigkeiten erschaffen und sie somit als Kunstwerkzeuge gebrauchen:

„In der Naturgeschichte wird der aufrechte Gang zum zentralen Merkmal, das die natürliche Ausstattung des Menschen wesentlich bestimmt: Die freien Hände, die Ausbildung des Gehirns, Vernunft und Sprache werden so erst möglich“[4].

Herder führt in seiner weiteren Argumentation an, dass der Mensch schon oft als wehrlos bezeichnet wurde. Diesem Standpunkt widerspricht er jedoch und führt als Beispiel den Prügel ein, den bereits die Affen gehabt hätten. „Also auch der verwilderte Mensch ist, seiner Organisation nach, nicht ohne Verteidigung; ... Kunst ist das stärkste Gewehr und er ist ganz Kunst, ganz und gar organisierte Waffe“[5]. Doch obwohl, der Mensch nicht ohne Verteidigung ist, so „... sollte [er] ein friedliches sanftmütiges Geschöpf sein ...“[6]. Die Sinne, die dem Menschen zur Verfügung stehen, können ausgebaut werden und sich entwickeln. Als Beispiel dieser Entwicklung führt Herder das Auge und das Ohr an und bezieht sich dabei auf Berklei[7].

2.1. Die Sprache als zentrales Mittel zur Kulturbildung

Neben dem aufrechten Gang und den Sinnen bezeichnet Herder außerdem die Sprache als wesentliches Mittel zur Kultivierung, denn ohne die Sprache hätten die anderen Elemente keinerlei Auswirkungen gehabt:

„Indessen wären alle diese Kunstwerkzeuge, Gehirn, Sinne und Hand auch in der aufrechten Gestalt unwirksam geblieben, wenn uns der Schöpfer nicht eine Triebfeder gegeben hätte, die sie alle in Bewegung setzte; es war das göttliche Geschenk der Rede [8].

So wecke, laut Herder, die Sprache die „... schlummernde Vernunft ...“ [9] und gebe dem Menschen „... Kraft und Wirkung ...“ [10] . Dies verdeutlicht auch Cassirer in Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur in dem er sagt:

„Die Sprache ist kein Objekt, kein physisches Ding, nach dessen natürlicher oder übernatürlicher Ursache wir suchen können. Sie ist ein Prozeß, eine allgemeine Funktion des menschlichen Verstandes“[11].

Herder sieht also die Sprache als Leitung und Führung unseres Verstandes und unserer Vernunft, die sich nicht als ein starres Gebilde beschreiben lässt und auch „... keine künstliche Verstandesschöpfung ...“[12] ist. Vielmehr dient es der Entwicklung und dem Austausch von Gedanken und ist somit Entwicklungs- und Kommunikationsmedium, denn erst nach diesem Schritt kann ein Mensch mit seinen Händen etwas schaffen[13]. Doch wenn die Fähigkeit zur Sprache nicht vorhanden ist, also bei Taubstummen, dann kann laut Herder auch die Vernunft nicht ausgebildet werden. Hier führt er das Beispiel eines Taubstummen an, der seinen Bruder ermordet habe, weil er es bei einem Schwein gesehen habe[14]. Dieser Ansatz ist aus heutiger Sicht, vor allem der Sonder- und Heilpädagogik, nicht mehr vertretbar. Jedoch muss auch angemerkt werden, dass zur Zeit Johann Gottfried Herders die Taubstummenpädagogik nicht besonders entwickelt war und die ersten Entwicklungen erst kommen sollten (siehe 8.2. Herder und die Gehörlosenpädagogik).

Des weiteren ist dieser Absatz auch als pädagogischer Aspekt zu verstehen, denn ohne Sprache kann laut Herder kein Austausch von Informationen stattfinden und somit keine Weiterentwicklung des Verstandes[15]. Hier liegt der erzieherische Kern der Aussagen Herders über die Sprache, der auch in Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache benannt wird. Heise formuliert dies folgendermaßen:

„Herders Sprachtheorie greift über die Sprache hinaus und legt eine Funktion frei, durch die unser Welt- und Selbstverständnis ermöglicht wird: Mittels Reflexion oder Besonnenheit gliedern wir die Realität und machen sie uns zugänglich, und zwar schon vor und jenseits der verbalen Sprache, in der sinnlichen Wahrnehmung zum Beispiel“[16].

So ist denn in diesem ersten Teil der Interpretation festzuhalten, dass die Sprache das wesentliche Mittel ist um zu einem „... Kunstgeschöpf ...“[17] zu werden, denn nur durch die Sprache könne sich der Mensch, so Herder, auch seine Vernunft ausbilden.

3. Durch Vernunft und Freiheit zur Humanitätsbildung

Wenn die Sprache hilft Vernunft auszubilden, so ist zu klären, was diese Vernunft genau beinhaltet. Laut Herder ist Vernunft nicht angeboren, sondern wird erlernt:

„... Vernunft [ist] nichts als etwas Vernommenes , eine gelernte Proportion und Richtung der Ideen und Kräfte, zu welcher der Mensch nach seiner Organisation und Lebensweise geboren worden“[18].

Demnach kann der Mensch durch Erfahrungen und Eindrücke zur Vernunft gelangen, denn er ist eine Art ‚homo pädagogicus’. Eindrücke prägen den Menschen und er lernt durch diese, denn Vernunft kann „... nur durch den Rückgriff auf Erfahrung verstanden werden ...“[19]. Diese Eindrücke können in ihrer Intensität variieren und somit auch unterschiedliche Ausmaße von Vernunft hervorrufen[20]. Falsche Eindrücke und Scheitern treiben den Menschen voran:

„Eben weil der Mensch alles lernen muß, ja weil es sein Instinkt und Beruf ist, alles, wie seinen geraden Gang zu lernen: so lernt er nur durch Fallen gehen und kömmt oft nur durch Irren zur Wahrheit ...“[21].

Genau hier sieht Herder den Unterschied zwischen Mensch und Tier und vergleicht beide. Während sich das Tier sich nur nach Freiheit sehnt, ist es der Mensch, der diese Freiheit habe, denn er „... ist der erste Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht“[22]. Somit ist allein der Mensch auf Grund „... seiner hohen Verstandesbestimmung ... ein Göttersohn, ein König der Erde ...“[23].

[...]


[1] Taylor, I. 1938, S. 27.

[2] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 48.

[3] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 48.

[4] Heise, J. 1998, S. 75

[5] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 48.

[6] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 48.

[7] vgl. Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49: „Zu welchen Feinheiten ist der Mensch schon durch sie gelangt und wird in einem höhern Zustande gewiß weiter gelangen, da wie Berklei sagt, das Licht eine Sprache Gottes ist, die unser feinster Sinn in tausend Gestalten und Farben unablässig nur buchstabieret.“.

[8] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49.

[9] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49.

[10] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49.

[11] Cassirer, E. 1990, S. 69.

[12] Cassirer, E. 1990, S. 69.

[13] vgl. Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49: „Nur durch die Rede wird Auge und Ohr, ja das Gefühl aller Sinne eins und vereinigt sich durch sie zum schaffenden Gedanken, dem das Kunstwerk der Hände und andrer Glieder nur gehorchet.“.

[14] vgl. Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49 f: „Das Beispiel der Taub- und Stummgebornen zeigt, wie wenig der Mensch auch mitten unter Menschen ohne Sprache zu Ideen der Vernunft gelange und in welcher tierischen Wildheit alle seine Triebe bleiben. Er ahmt nach was sein Auge sieht, Gutes und Böses; und er ahmt es schlechter als der Affe nach, weil das innere Kriterium der Unterscheidung, ja selbst die Sympathie mit seinem Geschlecht ihm fehlet. Man hat Beispiele, daß ein Taub- und Stummgeborner seinen Bruder mordete, da er ein Schwein morden sah und wühlte, bloß der Nachahmung wegen, mit kalter Freude in den Eingeweiden desselben: schrecklicher Beweis, wie wenig die gepriesne menschliche Vernunft und das Gefühl unsrer Gattung durch sich selbst vermöge.“.

[15] vgl. Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 49: „Nur durch die Rede wird die schlummernde Vernunft erweckt oder vielmehr die nackte Fähigkeit, die durch sich selbst ewig tot geblieben wäre, wird durch die Sprache lebendige Kraft und Wirkung.“.

[16] Heise, J. 1998, S. 23.

[17] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 48.

[18] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 50.

[19] Heise, J. 1998, S. 98.

[20] vgl. Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 50: „Sie ist ihm (dem Menschen, d. Verf.) nicht angeboren; sondern er hat sie erlangt und nachdem die Eindrücke waren, die er erlangte, die Vorbilder, denen er folgt; nachdem die innere Kraft und Energie war, mit der er diese mancherlei Eindrücke zur Proportion seines Innersten verband, nachdem ist auch seine Vernunft reich oder arm, krank oder gesund, verwachsen oder wohlerzogen, wie sein Körper.“.

[21] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 51.

[22] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 51.

[23] Herder, J. G. 1784-1791 In: Burkhard, F.-P. 2000, S. 51.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Interpretation eines Auszuges aus „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried Herder
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Kulturphilosophie
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V199134
ISBN (eBook)
9783656254782
ISBN (Buch)
9783656254973
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
interpretation, auszuges, ideen, philosophie, geschichte, menschheit, johann, gottfried, herder
Arbeit zitieren
Marijke Eggert (Autor), 2007, Interpretation eines Auszuges aus „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ von Johann Gottfried Herder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199134

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