Johanna von Orleans - Schillers Frauen


Hausarbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Jungfrau von Orleans

3. Sichten auf die Jungfrau von Orleans
3.1. Johannas Umfeld (Familie und Raimond)
3.2 Die politische Perspektive (König Karl und die französischen Soldaten)
3.3 Die feindliche Perspektive (Engländer)
3.4 Johannas Sicht auf sich selbst

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

„Wo die Gefahr ist, muss Johanna sein“

Vers 1519 Die Jungfrau von Orleans

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird das Drama Die Jungfrau von Orleans Untersuchungsgegenstand sein. Es soll darum gehen zu analysieren, welche Sichtweisen es innerdiegetisch auf die Protagonistin gibt, denn sie erscheint als „Projektionsfigur in einem erbittert geführten Krieg, in dem sie von französischer Seite als Retterin, von englischer Seite dagegen als Vernichterin aufgefaßt wird.“[1] Zudem wird die Sicht von Johannas Familie thematisiert sowie ihr Selbstbild erläutert.

Zunächst gehe ich kurz auf die Entstehungsgeschichte ein sowie auf den grundlegenden Inhalt des Dramas.

Die Fragestellung der Arbeit lautet somit: Welche Sichten gibt es innerdiegetisch auf Schillers Jungfrau von Orleans?

2. Die Jungfrau von Orleans

1801 wurde das Stück nach achteinhalb monatiger Arbeit von Schiller beendet. Während dieser Zeit gab es vor allem mit Goethe einen regen Austausch und viele Konsultationen, da das Stück Schiller zunächst nicht recht von der Hand gehen wollte. Zu anderen zeitgenössischen Brieffreunden war Schiller jedoch schweigsam. Schlechte Erfahrungen hatten ihn gelehrt, für sich zu behalten, woran er im Moment arbeitete.[2] Dabei muss es Schiller schwer gefallen sein, so diskret zu bleiben, da er gegenüber Körner kund tut, dass er „selbst von allen Zeiten her, an solchen Stoffen hänge, die das Herz interessieren.“[3] Schillers großes Interesse an dem Stoff der Jeanne D’Arc beruhte wohl auf seinem Gefühl für Publikumswirksamkeit. Dass Die Jungfrau von Orleans zu einem großen Publikumserfolg wurde, zeigt sich bei der Uraufführung in Leipzig[4], der Schiller beiwohnte und bei der man ihn bejubelte und hochleben lies.[5] Der Stoff war für Schiller auch der Anlass mit den klassischen Tragödienformen zu brechen und sein Stück mit „eine romantische Tragödie“[6] zu untertiteln.

Am 26.7.1800 schreib Schiller an Goethe: „Man muß, wie ich bei diesem Stück sehe, sich durch keinen allgemeinen Begriff feßeln, sondern es wagen, bei einem neuen Stoff die Form neu zu erfinden, und sich den Gattungsbegriff immer beweglich erhalten.“[7] Hier wird deutlich, dass Schiller sich nicht an das strickte Dramenschema halten wird, um dem Stoff eine angemessene Form zu geben. Diese Haltung brachte in der Schiller Forschung die These hervor, in der Jungfrau von Orleans stecke eine eigene Dramentheorie, die vor allem von Marie-Christin Wilm herausgearbeitet wurde.[8]

Schiller informierte sich zunächst umfassend über die historische Jeanne D’Arc und zog Literatur zum Umgang mit Hexen im Mittelalter heran. Insbesondere sei auf ein Werk[9] verwiesen, in dem die Protokolle des Ketzerprozesses gegen Jeanne D’Arc zu finden sind und die Protokolle der Revision, die 25 Jahre später erfolgte. Das Ergebnis der Revision war, dass Jeanne D’Arc als von Gott begeisterte Prophetin hervorging. Hier findet sich bereits ein Hinweis auf die verschiedenen Sichtweisen auf Jeanne D’Arc, die also nicht nur in Schillers Drama zu Tage treten, sondern auch historisch belegt sind.[10] Historische Quellen verwarf Schiller jedoch schnell, da er merkte, dass er mit seiner Phantasie weiterkomme, als mit den historischen Angaben zu Hexenprozessen.[11]

Der Inhalt des Dramas erzählt die Geschichte der Jeanne D’Arc, die für Frankreich gegen England in den Krieg zog.[12] Die Exposition des Dramas ist ausgelagert in den Prolog. Das Stück beginnt in einer ländlichen Gegend um Domrémy. Thibaut D’Arc verheiratet zwei seiner drei Töchter, die dritte ist Johanna. Sie wohnt der Szenerie bei, agiert jedoch nicht und lässt die Missbilligung des Vaters über sich ergehen, die sie erfährt, weil sie im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern nicht verheiratet werden will, obwohl sie reif dafür wäre.[13] Aufgrund dessen kommt Thibaut in Vers 62 zu der Aussage, Johanna sei eine „schwere Irrung der Natur“. Johanna wird dem Leser zwischen einem Druidenbaum und einer Heiligenstatur präsentiert – ein Hinweis auf den Konflikt zwischen Bodenständigkeit und Tradition sowie der Sendung, der sich Johanna annimmt. Im Schlussmonolog des 4. Auftritts des Prologs bekennt Johanna sich zu ihrer Sendung, die mit dem empfangenen Helm als göttliches Zeichen eingeleitet wurde, legt ein Keuschheitsgelübde ab und will voller Tatendrang in den Kampf ziehen.

Im 8. Aufzug kehrt Offizier La Hire ins Hoflager des französischen König Karls zurück und meldet einen überraschenden Sieg der Franzosen vor Orleans. Wie es zu diesem Sieg kam, ist Inhalt des 9. Auftritts: „Eine Jungfrau mit behelmten Haupt“ wie „eine Kriegsgöttin, schön zugleich“ und „schrecklich anzusehen“[14], habe an der Spitze des Heeres ein Wunder vollbracht.

Der 2. Auftritt spielt in der Gegend vor Orleans und stellt die englischen Heeresführer Talbot und Lionel vor. Der dritte Aufzug beginnt wieder im Hoflager Karls. La Hire und Dunois machen deutlich, dass sie beide in Johanna verliebt sind. Johanna kommt hinzu und ihr werden die Hochzeitsanträge von Dunois und La Hire unterbreitet, die sie beide ablehnt. Sie sieht sich als „reine Jungfrau“ und als „Kriegerin des höchsten Gottes“[15], weshalb sie keinen Mann heiraten könne.

Der Schauplatz wechselt erneut auf ein anderes Schlachtfeld. Es folgt Johannas Begegnung mit dem Schwarzen Ritter im 3. Akt in der 9. Szene, die arge Zweifel in Johanna an ihrer Mission weckt. Er warnt sie schließlich davor, der Krönung Karls beizuwohnen. Der Auftritt des Schwarzen Ritters löst eine Veränderung in Johanna aus, die sich vor allem in der nächsten Szene zeigt, als Johanna Gnade gegenüber Lionel walten lässt und spürt, in ihn verliebt zu sein. Von diesem Moment an, kommt es zu einen Bewusstseinswandel der Protagonistin. Der 4. Aufzug beginnt daran anknüpfend mit einem Monolog Johannas über ihre Schuldgefühle.

La Hire und Dunois erscheinen und huldigen Johannas Taten. Sie reichen ihr ihre Fahne, die sie nur widerwillig annimmt. Die Szenerie wechselt vor die Kathedrale und Johanna trifft auf ihre Familie sowie ihren Verehrer Bertrand. Es folgt ein Krönungszug an dem Johanna wie es heißt, mit unsicherem Gang teilnimmt. Im 8. Aufzug des 4. Auftritts erscheint auch Johannas Vater Thibaut samt Raimond. Er sieht in der Szene seine bösen Vorahnungen bestätigt, die er in seinen Träumen bereits geahnt hatte und beschimpft seine Tochter, von der Hölle gesandt zu sein. Johanna äußert sich nicht zu diesen Vorwürfen und es kommt auch sonst zu keiner Klärung der Situation, weshalb sie der Stadt verwiesen wird und mit Raimond geht.

Im 5. Auftritt des 5. Aufzugs befindet sich Johanna in englischer Gefangenschaft und bittet um den Tod. Diesem Flehen kommen die englischen Soldaten jedoch nicht nach. Der Schauplatz wechselt noch einmal in das französische Lager. Dort herrscht bedrückte, reumütige Stimmung angesichts des Verlustes von Johanna als Anführerin. Als Raimond jedoch im Lager erscheint und von Johannas Unschuld und ihrer Gefangennahme berichtet, wollen die französischen Soldaten losziehen, um Johanna zu befreien.

Es wird den Engländern gemeldet, dass die Franzosen angreifen, worauf hin Königin Isabeau Johanna in schwere Fesseln legen lässt, derer sie sich nach einem innigen Gebet entreißt. Johanna zieht erneut in den Kampf. Am Ende gewinnt Frankreich die Schlacht. Johanna wird auf dem Schlachtfeld verwundet und stirbt mit visionären letzten Worten auf den Lippen. Das Stück endet mit der toten Johanna, die von Fahnen zugedeckt auf dem Schlachtfeld liegt.

Nachdem nun der Inhalt des Stückes vorgestellt wurde, werden die Perspektiven, die es auf Johanna gibt, näher betrachtet.

3. Sichten auf die Jungfrau von Orleans

Die Methode, mit der die Jungfrau von Orleans analysiert wird, ist das Close-Reading. Im Falle dieses Stückes bietet sie sich besonders an, da Schiller „die eigentümliche Ambivalenz der Titelheldin, die zwischen Pflichterfüllung und Emotion schwankt, durch szenische Bilder von hoher Verdichtung veranschaulichen“ wollte.[16]

3.1. Johannas Umfeld (Familie und Raimond)

Thibaut: Du, meine Jüngste, machst mir Gram und Schmerz.

(Vers 45)

Die Zusammenfassung von Johannas Familie und Raimond wird deshalb als legitim betrachtet, weil Raimond Johannas Gatte werden soll.

Es ist ein Dialog aus Sichten auf Johanna zwischen Thibaut und Raimond, den Männern, die einen Platz in Johannas Leben einnehmen (wollen). Thibaut als Vater kennt Johannas Vergangenheit, prophezeit jedoch ihre Zukunft. Raimond als ihr zugedachter Ehegatte soll die Zukunft mit Johanna verbringen, verweist aber immer wieder auf ihre Vergangenheit.

Thibaut D’Arc will seine Töchter verheiraten, „das Weib / Bedarf in Kriegesnöten des Beschützers“.[17] Johanna, die Jüngste der drei Schwestern[18], will sich diesem Plan jedoch nicht fügen. Dies veranlasst Thibaut zu Sorge, was in Vers 52 bis 62 zum Ausdruck kommt und Johanna als „verschlossen, kalt“ darstellt. Thibaut schließt seine Beschreibung mit dem Ausruf: „O das gefällt mir nimmermehr und deutet / Auf eine schwere Irrung der Natur!“[19] Raimond hingegen ist anderer Ansicht und beschreibt Johannas Liebe – die er nicht bekommt, derer er sich aber sicher scheint – als „eine edle zarte Himmelsfrucht“.[20] Wenn Raimond Johanna beobachtet, dann „scheint sie mir was Höh’res zu bedeuten, / Und dünkt mir’s oft, sie stamm aus andern Zeiten.“[21] Raimond gibt einen ersten Hinweis darauf, dass Johanna anders ist und nicht dem Verhalten der Zeit entspricht, wenn sie in den Bergen mit den Ziegen allein ist und sich nicht in die Gesellschaft einfügt. Jedoch hat es hier eine positive Konnotation.

[...]


[1] Immer, Nikolas (2008): Zwischen Himmel und Hölle. Die Amazone von Orleans. In: Der inszenierte Held. Schillers dramenpoetische Anthropologie. Jenaer Germanistische Forschungen, N.F. Bd. 26. Heidelberg, S. 386.

[2] Vgl.: Martin, Ariane (2005): Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie (1801). In: Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Luserke-Jaquis, Matthias (Hrsg.). Verlag Metzler. Stuttgart, Weimar, S. 169.

[3] Nationalausgabe Brief an Körner vom 13.7.1800.

[4] Trotz des Erfolgs der Jungfrau von Orleans muss angemerkt werden, dass zuvor Skepzis herrschte, ob das Stück nicht anstößig sei. Deshalb wurde es zensiert auf blasphemische Inhalte und Kriegserinnerungen, die beim Publikum nicht geweckt werden sollten (vgl. Alt, Peter-André 2004: Die Jungfrau von Orleans (1801). In: ders.: Schiller. Leben – Werk – Zeit. Zweiter Band, Verlag C.H. Beck, S. 512f.).

[5] Vgl.: Martin 2005, S. 181.

[6] Reclam (2010): Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie, Band 47, (im Folgenden: Die Jungfrau von Orleans) Vers 21, 22.

[7] Nationalausgabe 30, 176.

[8] Weiterführend sei hier auf folgenden Artikel verwiesen: Wilm, Marie-Christin (2003): Die Jungfrau von Orleans’, tragödientheoretisch gelesen. Schillers „Romantische Tragödie“ und ihre praktische Theorie. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, Bd. XLVII, S. 141-170.

[9] De l’Averdy: Charles Clément Francios: Les extraits raisoneé de tout ce que le manuscrits de la Bibliothèque du Roi contiennent de relatif au procès de Jeanne D’Arc, comme sous le nom de Pucèlle d’Orleans. Paris 1790.

[10] Vgl.: Martin, 2005, S. 171.

[11] Vgl.: ebd..

[12] So in sich stimmig Schillers Drama um die Jungfrau von Orleans auch ist, so historisch inkorrekt ist es. Johannas Familienverhältnisse sind bei Schiller so ausgestaltet, dass sie eine von drei Töchtern ist. Die historischen Jeanne D’Arc hatte jedoch drei Brüder und nur eine Schwester. Auch Johannas vermögende, ländliche Situierung entspricht nicht der historischen Realität, da Jeanne D’Arc aus ärmlichen Verhältnissen kam. „Das Johanna auferlegt Liebesverbot ist ebenso fiktiv, wie die Gewalttätigkeit der zur Amazone verwandelten Heldin“(Alt 2004, S. 514). Johannas Truppen erlegen im Drama den englischen Heeresführer Talbot. Die historische Person des Talbot stirbt jedoch vier Jahre nach Jeanne D’Arc. Weitre „erfundene Details“ sind „die Erscheinung des Schwarzen Ritters und die Donnerschläge bei der Krönungszeremonie, Johannas prophetischen Talente, ihre wundersame Flucht aus dem Lager der Engländer und der verklärte Tod der mit sich versöhnten Heldin.“ (Alt 2004, S. 515).

[13] Vgl.: Die Jungfrau von Orleans, Vers 57.

[14] Ebd. Vers 955ff.

[15] Ebd. Vers 2202-2204.

[16] Alt 2004, S. 511.

[17] Die Jungfrau von Orleans, Vers 21, 22.

[18] Ebd. Vers 45.

[19] Ebd. Vers 61, 62.

[20] Ebd. Vers 67.

[21] Ebd. Vers 78, 79.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Johanna von Orleans - Schillers Frauen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V199161
ISBN (eBook)
9783656256243
ISBN (Buch)
9783656257080
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Orleans, Johanna, Drama, Klassik
Arbeit zitieren
Wiebke Sausner-Dobe (Autor), 2011, Johanna von Orleans - Schillers Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199161

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