Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft in Deutschland 1914

Überzogene Erwartungen an einen Burgfrieden durch Reichsleitung und Sozialdemokratie


Hausarbeit, 2009
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das „Augusterlebnis“ als Auslöser einer nationalen Gemeinschaftseuphorie?

2. Der utopische Glaube der Reichsleitung an eine nationale Gemeinschaft

3. Die „Burgfriedenspolitik“ der Sozialdemokratie und ihr Scheitern

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des „Augusterlebnis“ 1914 in Deutschland und den mit diesem Erlebnis und dem „Burgfrieden“ verbundenen Einheitsutopien und Hoffnungen der deutschen Reichsregierung und Sozialdemokratie. Hierbei wird hauptsächlich das erste Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs den Zeitraum der Untersuchung bilden. Die zentrale Fragestellung bezieht sich auf die Faktoren, wie utopische Vorstellungen an eine nationale Einheit, in der jegliche Individualinteressen hinter die der Gemeinschaft gestellt wurden, entstehen konnten, und warum sich diese letztendlich als Utopien bewahrheiten mussten.

Zunächst wird bei dieser Untersuchung auf das „Augusterlebnis“ 1914 eingegangen und untersucht werden, inwieweit dieses eine nationale Gemeinschaftseuphorie auslösen konnte und warum und wie es den Grundstein zur Desillusionierung der deutschen Bevölkerung legen konnte. Im darauf folgenden Kapitel wird dargestellt, wie der verkündete „Burgfrieden“ von der Regierung genutzt wurde und inwieweit diese den Herausforderungen des neuen politischen Kurses glaubten entsprechen zu können. Im letzten Kapitel wird schließlich die „Burgfriedenspolitik“ der ehemals „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie untersucht, darüber hinaus ihre Motive diese Politik zu verfolgen dargelegt, und herausgestellt werden, warum dieser Kurs zum Scheitern verurteilt war.

Unter der verwendeten Literatur hebe ich folgende fünf Werke besonders hervor: Jeffrey Verheys Buch „Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft“, welches das „Augusterlebnis“ differenziert darzustellen versucht und darlegt, warum der Mythos dieses Erlebnisses ein nachträgliches Konstrukt sei. Des Weiteren das Werk Steffen Bruendels „Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung im Ersten Weltkrieg“ und sein im Internet ersichtlicher Aufsatz „Die Geburt der „Volksgemeinschaft“ aus dem „Geist von 1914“. Entstehung und Wandel eines „sozialistischen“ Gesellschaftsentwurfs“, welche die Ideen während des Ersten Weltkriegs eingängig schildern und sich vor allem auf die Gelehrtenpublizistik beziehen. Ferner das Buch Sven Oliver Müllers „Die Nation als Waffe und Vorstellung. Nationalismus in Deutschland und Großbritannien im Ersten Weltkrieg“, welches sich im dritten Kapitel auf genau die für meine Hausarbeit wichtige Frage beschäftigt, wie eine utopische nationale Gemeinschaft konstruiert und erlebt werden konnte, und letztendlich Susanne Millers „Burgfriede und Klassenkampf“, deren Buch sich einschlägig mit der deutschen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg beschäftigt.

1. Das „Augusterlebnis“ als Auslöser einer nationalen Gemeinschaftseuphorie?

Samstag, 1. August 1914, abends: „Aus tiefem Herzen danke ich Euch für den Ausdruck Eurer Liebe, Eurer Treue. In dem jetzt bevorstehenden Kampfe kenne ich in meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche (brausender Jubel), und welche von den Parteien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen mich gewendet haben sollte [sic!], ich verzeihe ihnen allen. Es handelt sich jetzt nur darum, daß wir alle wie Brüder zusammenstehen, und dann wird dem deutschen Schwert Gott zum Sieg verhelfen.“[1]

Diese berühmten Worte sprach der deutsche Kaiser und König von Preußen Wilhelm II. in einer Ansprache vom Balkon seines Berliner Schlosses anlässlich des Beginns der deutschen Mobilmachung und propagierte den Anfang einer innergesellschaftlichen Geschlossenheit des Deutschen Kaiserreichs. Diese Worte griff er drei Tage später zur Eröffnung der Reichstagssitzung wieder auf und brachte mit ihnen zum Ausdruck, dass die Parteien eine Art Vertrag mit ihm geschlossen hätten, dem der historisch klingende Name „Burgfrieden“ verliehen wurde.[2] Dieser zeitgenössische Begriff beinhaltete die Annahme, dass Deutschland sich in der Situation befand, sich in „[...] einer von allen Seiten eingekreisten, umlagerten Burg zu befinden [...]“[3], was ein zukünftiges gemeinsames inneres Handeln voraussetzen würde.[4] In diesem Bewusstsein stimmten alle Fraktionen den Kriegskreditvorlagen ohne Gegenstimme zu. Insbesondere die Zustimmung der SPD-Fraktion löste Verwunderung und Begeisterung aus, da diese aufgrund der vielen Konflikte zwischen Monarchie und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung nicht erwartet wurde.[5]

Nach der Bekanntgabe der deutschen Mobilmachung kam es zu überschwänglicher Begeisterung auf den Straßen im Zentrum Berlins. Patriotische Lieder wurden gesungen, Reden gehalten und Umzüge veranstaltet. Auch in anderen Teilen des Landes war diese Kriegseuphorie der Menschen zu spüren. Dieses Phänomen der patriotischen Begeisterung der deutschen Bevölkerung wird mit dem zeitgenössischen Begriff des „Augusterlebnisses“ beschrieben.[6] Den Eindruck, dass alle Deutschen den Krieg mit euphorischen Einverständnis begrüßten, verstärkten eine große Anzahl von Quellen vom Sommer 1914 wie Zeitungsartikel, Briefe, Reden und Tagebucheinträge, die ein spontanes und außergewöhnliches Gefühl von nationaler Einheit und Einigkeit über die Bedeutsamkeit des bevorstehenden Krieges vermittelten.[7] Der „Geist von 1914“ symbolisierte ein gesellschaftliches Einverständnis und das Zurückdrängen jeglicher Individualinteressen hinter das Kollektiv und wurde zur Grundlage einer neuen deutschen „Volksgemeinschaft“ stilisiert.[8]

Bedeutend hierbei war die vom deutschen Kaiser proklamierte Überwindung aller sozialen, politischen und konfessionellen Konflikte als Ende des „inneren Feindes“.[9]

In diesen berauschenden Augusttagen waren viele Zeitzeugen der Ansicht, eine neue geschichtliche Ära habe begonnen. „Ein großes einmütiges Gefühl der sittlichen Erhebung, ein Emporsteigen der religiösen Empfindungen, kurzum der Aufstieg eines ganzen Volkes in die Höhe“[10], so ein Leipziger Historiker. „Ich habe einen solchen körperlichen-seelischen Zustand von Überhellung und Euphorie noch zwei- oder dreimal, sonst niemals in dieser Kraßheit [sic!] und Intensität, wieder erlebt“[11], erinnert sich der Schriftsteller Carl Zuckmayer an die Tage in Berlin.

Das durch diese Aussagen widergespiegelte öffentliche Bild vom Krieg zeigte die Dramatik und die großen Erwartungen an diesen auf und verlieh dem „Geist von 1914“ einen „mystischen Glanz“[12].[13] In Wahrheit jedoch gab es keine alle Bevölkerungsschichten umfassende Kriegsbegeisterung. Ganz unterschiedliche Reaktionen, von Ratlosigkeit über eine verweigernde Haltung und Bestürzung, bis hin zu patriotischer Begeisterung und Hysterie waren die emotionalen Haltungen der deutschen Bevölkerung bei Kriegsausbruch. Es gab somit kein einheitliches „Augusterlebnis“, sondern ein breites Spektrum an verschiedenen „Augusterlebnissen“. Die Quellen in denen der Eindruck der allgemeinen Kriegsbegeisterung entsteht, beschreiben überwiegend die Situation in den Städten. Die Haltung der Bewohner von kleineren Orten oder vom Land verdient jedoch mehr Aufmerksamkeit, da insbesondere in ländlichen Regionen nur wenig von einer Kriegseuphorie zu spüren war. Des Weiteren herrschten zu Kriegsbeginn erhebliche soziale Unterschiede. Die Masse der Arbeiterschaft ließ überwiegend bedrückte Stimmung erkennen, während Angehörige des Bildungsbürgertums ein hohes Maß an patriotischer Begeisterung aufwiesen.

Wenngleich man bei der überwiegenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht von einem kriegsbegeisterten Zustand sprechen konnte, so vereinte sie jedoch die Einigkeit darüber, dass das Deutsche Reich einen „gerechten Krieg“ führen und sich verteidigen müsse. Es handelte sich nicht um den Begriff „Kriegsbegeisterung“ im wörtlichen Sinne, sondern um einen „[...] akklamativen, situationsbezogenen Hurrapatriotismus, der nicht zuletzt auch der Vergewisserung eigener Stärke diente.“[14] [15] Doch bereits während des Krieges entstand der Mythos der „Ideen von 1914“. Dieser vermittelte das Bild, dass das „Augusterlebnis“ein Erlebnis war, eine Welle der Begeisterung, welche die deutsche Gesellschaft zu einer „Volksgemeinschaft“ umgestaltete. Insbesondere die deutschen Intellektuellen deuteten die Ausnahmesituation im August in zahlreichen Schriften und fühlten sich zum „Kriegsdienst mit der Feder“ (Theodor Birt) berufen. Sie entwarfen ein idealisiertes „Augusterlebnis“, welches die deutsche Einheit und einen neuen Gemeinschaftsgeist der deutschen Bevölkerung, unabhängig von Partei, Stand und Konfession, zum Ausdruck brachte. Durch das breite Spektrum an unterschiedlichen „Augusterlebnissen“ wurde eine einheitliche Deutung begünstigt, denn ohne die reale Erfahrung gemeinschaftlicher Erregtheit und ohne wechselnder Emotionen hätte der Mythos einer gemeinschaftlichen Euphorie nicht entworfen werden können.[16]

[...]


[1] Verhey, Jeffrey, Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volksgemeinschaft, Hamburg 2000, S. 118, zit. nach: Eine Ansprache des Kaisers, in: Vorwärts, 2. August 1914, Nr. 208.

[2] Hirschfeld, Gerhard/ Krumeich, Gerd/ Renz, Irina (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2004, S. 401.

[3] Dann, Otto, Nation und Nationalismus in Deutschland. 1770-1990, München 1993, S. 210.

[4] Ebd., S. 210.

[5] Hirschfeld/Krumreich/Renz, Enzyklopädie, S. 401.

[6] Verhey, Der „Geist von 1914", S. 122.

[7] Chickering, Roger, Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München ² 2005, S. 27.

[8] Bruendel, Steffen, Die Geburt der „Volksgemeinschaft“ aus dem „Geist von 1914“. Entstehung und Wandel eines „sozialistischen Gesellschaftsentwurf“, in: Zeitgeschichte-online, Thema: Fronterlebnis und Nachkriegsordnung. Wirkung und Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs, Mai 2004, URL: <http://www.zeitgeschichte-online/md=EWK-Bruendel>, S. 27.

[9] Bruendel, Steffen, Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg, Berlin 2003, S. 69.

[10] Chickering, Das Deutsche Reich, S. 25, zit. nach: Chickering, Roger, A German Academic Life (1856-1915), Atlantic Heighs, NJ 1993, S. 433.

[11] Ebd., S. 25, zit. nach: Leed, Eric, No Man’s Land. Combat and Identity in World War I, Cambridge, New York 1979, S. 39.

[12] Ebd., S. 27.

[13] Ebd., S. 25 ff.

[14] Freytag, Nils/ Petzold, Dominik (Hrsg.), Das „lange“ 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven. München 2007, S. 249.

[15] Ebd., S. 249 ff.; Hirschfeld/Krumreich/Renz, Enzyklopädie, S. 357 ff.

[16] Bruendel, Die Geburt der „Volksgemeinschaft“, S. 4.; Hirschfeld/Krumreich/Renz, Enzyklopädie, S. 359.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft in Deutschland 1914
Untertitel
Überzogene Erwartungen an einen Burgfrieden durch Reichsleitung und Sozialdemokratie
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V199177
ISBN (eBook)
9783656254744
ISBN (Buch)
9783656255017
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialdemokratie, Burgfrieden, Erster Weltkrieg, Nationalismus, 1914, Gemeinschaft, Augusterlebnis, Burgfriedenspolitik, Scheitern, SPD
Arbeit zitieren
Kristina Krug (Autor), 2009, Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft in Deutschland 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199177

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