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Heinrich Manns Novelle "Pippo Spano" - Eine Untersuchung der Künstlerproblematik eines "steckengebliebenen Komödianten"

Title: Heinrich Manns Novelle "Pippo Spano" - Eine Untersuchung der Künstlerproblematik eines "steckengebliebenen Komödianten"

Essay , 2002 , 19 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Anne Thoma (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

„Nimm meinen brüderlichen Rat, und gib den Vorsatz ja auf, vom Schreiben zu leben [...]
Freilich hättest du [...] Dich einer ernsthafteren bürgerlichen Beschäftigung widmen sollen.
Auch die glücklichste Autorschaft ist das armseligste Handwerk“1. Diese wohlgemeinten
Zeilen schrieb Lessing 1768 und 1770 seinem Bruder in einem Brief. Selbst mit den
Sorgen und Nöten eines neuen Berufsstands bekannt, der als „freier Schriftsteller“ um die
Existenz kämpfte, wusste Lessing nur zu gut, wovo n er sprach. Das Zitat beleuchtet nicht
nur ein Einzelschicksal, sondern es gibt Aufschluss über Entwicklungen im späten 18.
Jahrhundert, die das Künstlertum und die Kunst dieser Epoche generell betreffen. Es ist
auffallend, dass in dieser Zeit viele Novellen geschrieben wurden, welche die Thematik
„Künstlerproblematik“ aufgreifen. Diese Tatsache hat verschiedene Gründe, deren
Wurzeln in den sozialgeschichtlichen Ereignissen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts
liegen. Das Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft ist zu nennen, mit welcher die
Entstehung des literarischen Marktes einhergeht. Hatten die Schriftsteller früher noch
einen Fürsten oder sonstigen Mäzenen, der für ihre materielle Sicherheit garantieren
konnte, so fiel diese wichtige Stütze mit dem Aufkommen des freien Schriftstellers weg.
Hieraus ergab sich das erste Problem: Für wen schrieben die Dichter von nun an? Welche
Funktion hatte die Kunst, jetzt, wo sie nicht mehr dem Lob des Fürsten oder der religiösen
Erbauung einer Gemeinde diente? Eine andere Schwierigkeit entstand durch
entgegengesetzte Wertvorstellungen des Künstlers im Vergleich zum gemeinen Bürger.
Ersterer brachte nur ein geistiges Produkt hervor, dessen Legitimation inspiriertes
Orginalgenie angesichts der Vorwürfe, er betreibe eine brotlose Kunst und lebe in einer
Scheinwelt, schwer fiel. Hierbei konnte sich der Dichter nach den Säkularisationsprozessen
auch nicht mehr auf ein gottgewolltes Schicksal berufen. Genauso wenig, wie die
Gesellschaftsordnung von Gottes Gnaden war, konnte nach Ansicht der Bürger Gott als
Instanz für die Rechtfertigung der Schriftstellerei angerufen werden. [...]

1 Helmuth Kiesel und Paul Münch: Gesellschaft und Literatur im 18. Jh., S. 78 f.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Die Künstlerproblematik im sozialgeschichtlichen Kontext

2 Hauptteil – Interpretation der Novelle „Pippo Spano“ von Heinrich Mann

2.1 Die Schlüsselnovelle

2.2 Die Künstlerproblematik und ihre erzähltechnische Realisierung

2.3 Der künstlerische Vampirismus

2.4 Annäherungen an die Figur Gemma

2.5 Gemmas Tod

2.6 Das satirische Moment

2.7 Von Kunst zu Künstlichkeit

2.8 „Pippo Spano“ im sozialgeschichtlichen Kontext

3 Schluss – Mario Malvoltos Schicksal als Beispiel einer „unerhörten Begebenheit“

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die in Heinrich Manns Novelle „Pippo Spano“ dargestellte Künstlerproblematik unter Berücksichtigung des sozialgeschichtlichen Kontexts, wobei insbesondere das angespannte Verhältnis zwischen Kunst und Leben sowie die Instrumentalisierung der Wirklichkeit durch den schaffenden Künstler analysiert wird.

  • Die Darstellung der Künstlerproblematik im frühen 20. Jahrhundert
  • Erzähltechnische Analyse der Novelle und ihre Auswirkungen auf die Handlungsdeutung
  • Intertextuelle Verweise auf literarische Traditionslinien und deren satirische Brechung
  • Die Rolle der Weiblichkeit als "Kunstprodukt" oder Allegorie des Lebens
  • Sozialgeschichtliche Rahmenbedingungen und der Einfluss des literarischen Marktes

Auszug aus dem Buch

2.3 Der künstlerische Vampirismus

Warum kann Mario Malvolto durch seine ästhetizistischen Lebensideale keinen Zugang zum Leben finden? Warum scheitert dieser Lebensentwurf, wo er doch das Vor-Bild mit dem Türkenbezwinger Pippo Spano immer im Blickfeld hat? Die Antwort ist in der Beschaffenheit von Mario Malvoltos Kunst zu finden, in der Art, wie er sie betreibt. Friedrich Nietzsche hat einmal formuliert, was den Künstler vom wahren Leben fernhält:

„Künstler sind nicht die Menschen der großen Leidenschaft, [...] und es fehlt ihnen auch die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. – Mit seinem Talent ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines Talents.“

Diese Beschreibung des Künstlers als blutleeres Wesen, das andere aussaugt, um selbst existieren und seine Kunst am Leben erhalten zu können, trifft auch für Mario Malvolto zu. Wenn Gemma als Allegorie für das Leben angesehen wird, erhält diese Behauptung sogar noch an Tiefe durch folgende Textstelle: „Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich dennoch aus der Geschichte.“ Obwohl Gemma seine literarische Produktion einschränkt, ist die Beziehung zu ihr doch kein Nachteil, da er von ihr Leben erhält. Aber: Er „zieht“ es aus ihr, gleich einem Vampir, der ein Opfer anfällt und schließlich tötet. Dies muss er tun, da er von sich aus zu arm an Leben ist und „unfähig bleibt auf immer zu einem echten Gefühl, zu einer redlichen Hingabe“.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung – Die Künstlerproblematik im sozialgeschichtlichen Kontext: Beleuchtet die historischen Ursprünge der Künstlerproblematik im 18. und 19. Jahrhundert sowie die wirtschaftliche Situation des freien Schriftstellers.

2 Hauptteil – Interpretation der Novelle „Pippo Spano“ von Heinrich Mann: Analysiert zentral die Novelle als Schlüsselwerk, das die Dekadenz kritisch hinterfragt und das Scheitern eines ästhetizistischen Lebensentwurfs darstellt.

2.1 Die Schlüsselnovelle: Ordnet das Werk literaturhistorisch ein und identifiziert Bezüge zu Gabriele D’Annunzio und dem Ästhetizismus.

2.2 Die Künstlerproblematik und ihre erzähltechnische Realisierung: Untersucht die Rolle des Erzählers und die Verwendung von Techniken wie erlebter Rede, um die Entfremdung des Künstlers zu verdeutlichen.

2.3 Der künstlerische Vampirismus: Erklärt den zerstörerischen Prozess, in dem der Künstler die Realität zur reinen "Nahrung" für sein Werk degradiert.

2.4 Annäherungen an die Figur Gemma: Erörtert Gemmas Status zwischen symbolischer Allegorie und realer Person.

2.5 Gemmas Tod: Interpretiert den Tod der Protagonistin als Metapher für den Tötungsprozess der literarischen Fixierung auf das Leben.

2.6 Das satirische Moment: Zeigt auf, wie traditionelle Motive wie der Liebestod durch groteske Elemente verfremdet werden.

2.7 Von Kunst zu Künstlichkeit: Arbeitet heraus, dass nicht nur der Protagonist, sondern auch Gemma selbst in einer inszenierten, unnatürlichen Welt gefangen ist.

2.8 „Pippo Spano“ im sozialgeschichtlichen Kontext: Diskutiert die Problematik des Originalgenies unter den Bedingungen eines kommerzialisierten literarischen Marktes.

3 Schluss – Mario Malvoltos Schicksal als Beispiel einer „unerhörten Begebenheit“: Fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet das Werk in die Novellentheorie ein, wobei auf die Unvereinbarkeit von Kunst und Leben verwiesen wird.

Schlüsselwörter

Heinrich Mann, Pippo Spano, Künstlerproblematik, Ästhetizismus, Dekadenz, Novelle, Literaturgeschichte, Künstlertum, Vampirismus, Erzähltechnik, literarischer Markt, Rollenspiel, Lebensentwurf, Gattungstheorie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Künstlerproblematik in Heinrich Manns Novelle „Pippo Spano“ und untersucht, wie der Protagonist Mario Malvolto an seinem Versuch scheitert, Kunst und Leben miteinander zu versöhnen.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Zentrum stehen die Dekadenzliteratur, der Ästhetizismus, das soziale Schicksal des Schriftstellers um 1900 sowie die Spannung zwischen literarischer Inszenierung und gelebter Realität.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist die Untersuchung der Frage, wie Kunst und Leben in der Novelle zueinander in Beziehung stehen und welcher Art die spezifische Problematik des Künstlers und seines Produkts ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Interpretation der Novelle, ergänzt durch sozialgeschichtliche Analysen und den Vergleich mit zeitgenössischen literarischen Diskursen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Interpretation der verschiedenen Aspekte der Novelle: die Rolle als Schlüsselnovelle, erzähltechnische Realisierungen, das Motiv des künstlerischen Vampirismus und die Analyse von Figuren und Symbolen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Künstlerproblematik, Ästhetizismus, Dekadenz, literarischer Vampirismus und die Novellenform.

Wie wird das Ende der Novelle in Bezug auf die Figur Gemma interpretiert?

Gemma wird als eine Art "Kunstprodukt" gedeutet, deren Zerstückelung durch Mario Malvolto den Akt der Literarisierung bzw. den Tötungsprozess des Lebendigen durch das Buch symbolisiert.

Welche Bedeutung hat das Motiv der „Maske“ in der Analyse?

Die Maske dient als zentrale Metapher für die künstliche Identität des Künstlers, die sich wie eine Totenmaske über das Lebendige legt und dieses somit seiner eigentlichen Lebendigkeit beraubt.

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Details

Title
Heinrich Manns Novelle "Pippo Spano" - Eine Untersuchung der Künstlerproblematik eines "steckengebliebenen Komödianten"
College
University of Tubingen  (Deutsches Seminar)
Course
PS II Die deutsche Künstlernovelle von Wackenroder bis Kafka
Grade
1,3
Author
Anne Thoma (Author)
Publication Year
2002
Pages
19
Catalog Number
V19917
ISBN (eBook)
9783638239448
Language
German
Tags
Heinrich Manns Novelle Pippo Spano Eine Untersuchung Künstlerproblematik Komödianten Künstlernovelle Wackenroder Kafka
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anne Thoma (Author), 2002, Heinrich Manns Novelle "Pippo Spano" - Eine Untersuchung der Künstlerproblematik eines "steckengebliebenen Komödianten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19917
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