Im Jahre 1689 veröffentlichte John Locke anonym sein politisches Hauptwerk „Zwei Abhandlungen über die Regierung“. Im zweiten Teil dieses für die politische Ideengeschichte bedeutsamen Werkes skizziert John Locke den „wahren Ursprung, die Reichweite und den Zweck der staatlichen Regierung“. Seine Ausführungen geben folglich nicht nur über die Legitimation einer politischen Ordnung Auskunft, vielmehr beschreibt Locke feststehende Grenzen und Aufgaben eines politischen Gemeinwesens und kann dadurch als erster Begründer einer konstitutionellen Ordnung angesehen werden. Dabei bemüht er den für Kontraktualisten typischen Dreischritt: Beschreibung des alsbald mühsamen oder gar gefährlichen Naturzustandes, Überwindung des Naturzustandes durch den Vertragsschluss und schließlich die Darstellung des Gesellschaftszustandes. Gegenstand dieser Seminararbeit sollen die ersten beiden Schritte sein, also die Naturzustandskonzeption und das Zustandekommen des Vertragsabschlusses. Die Charakteristika des Naturzustandes eines Vertragstheoretikers sind für die Ideengeschichte von großer Bedeutung. Denn aus der Gestalt des Naturzustandes lässt sich bereits eine bestimmte Argumentationskette herleiten, aus der sich gewissermaßen Voraussagungen über die Gestalt des Gesellschaftsvertrages treffen lassen. Vereinfacht ausgedrückt: Unterschiedliche Probleme – das Problem ist der Naturzustand – erfordern jeweils problemspezifische Lösungsansätze – die Lösung ist der Gesellschaftsvertrag. Oder, um es mit den Worten des Philosophen Wolfgang Kersting auszudrücken, enthält das „Portrait des Naturzustandes schon das Negativ des Staates“. Der Vertragsschluss ist das Bindeglied in diesem Abhängigkeitsverhältnis.
Die dieser Seminararbeit zugrunde liegende Fragestellung ist also folgende: Wie ist der Lockesche Naturzustand konzipiert und wie kommt der Vertragschluss zustande? Zur Beantwortung der Fragestellung wird in einem ersten Hauptteil eine grundlegende Analyse des Naturzustandes und des Vertragsschlusses in John Lockes „Zwei Abhandlungen“ vorgenommen werden. Bezüglich der Erörterung muss vorweg genommen werden, dass Lockes politische Theorie zuweilen Widersprüchlichkeiten oder sehr abstrakte Darstellungen beinhaltet, die dazu geführt haben, dass auch die Befunde der modernen Forschung zu John Locke zum Teil höchst kontrovers sind. Einige diesbezügliche Forschungsfragen werden daher Gegenstand eines zweiten Hauptteils sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die Vertragstheorie von John Locke
2. Die Gestalt des Naturzustandes und der Vertragsschluss bei John Locke: Eine Analyse
2.1. Das Naturgesetz und die natürlichen Rechte
2.2. Die Lockesche Eigentumstheorie
2.3. Das wachsende Misstrauen und der Kriegszustand
2.4. Der Vertragsschluss
3. Eine detaillierte Erörterung des Naturzustandes und des Vertragsschlusses bei John Locke
3.1. Der Lockesche Naturzustand: Ein Denkmodell ohne zeitlichen Rahmen oder historisch-empirischer Zustand?
3.2. Wann befindet sich ein Mensch im Naturzustand?
3.3. Der Grund für Normativität im Naturzustand: Gott oder abstrakte Vernunft?
4. Schlussbetrachtung: Die Bedeutung der Naturzustandskonstruktion von John Locke
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Naturzustandskonzeption von John Locke und untersucht, wie der Übergang vom Naturzustand zum Gesellschaftsvertrag theoretisch legitimiert wird. Dabei wird insbesondere herausgearbeitet, wie Lockes Verständnis von natürlichen Rechten und Eigentum die Voraussetzungen für die staatliche Ordnung bildet.
- Die Konzeption des Naturzustands als herrschaftsfreier Raum
- Die Rolle des Naturgesetzes und der natürlichen Rechte
- Die Bedeutung von Eigentum und Geldwirtschaft
- Die Entstehung und Legitimation des Gesellschaftsvertrags
- Das Verhältnis von Gott und Vernunft als normative Grundlage
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Naturgesetz und die natürlichen Rechte
John Locke hatte sich schon in den 1660er Jahren explizit mit dem so genannten „Naturrecht“ beschäftigt, wobei er seine Essays nicht veröffentlichte, sondern sie für seine erkenntnistheoretische Betrachtungen über den menschlichen Verstand nutzte. Trotzdem gilt die Naturrechtslehre auch als Grundlage der politischen Philosophie Lockes.
Die Lehre vom Naturrecht lässt sich bis auf die griechische Antike zurückverfolgen und fand besonders in der christlichen Naturrechtslehre der Scholastiker seine Anerkennung. Im Kern beinhaltet die christliche Naturrechtslehre, dass der Mensch seit Anbeginn der Schöpfung Teil einer von Gott geschaffenen Ordnung ist, die bestimmten göttlichen Regeln folgt. Diese Regeln werden auch als natürliche Gesetze bezeichnet. In der traditionellen Naturrechtslehre sind diese göttlichen Regeln, diese natürlichen Normen, dem Menschen quasi in die Natur eingeschrieben, oder anders ausgedrückt: wohnen der menschlichen Seele inne. Die Angeborenheit dieser natürlichen Normen werden von Locke zwar bezweifelt, er behauptet aber, Gott habe dem Menschen die Vernunft verliehen, diese gottgegebenen Regeln, soweit sie ihn betreffen, zu erkennen.
Im sechsten Paragraf seiner zweiten Abhandlungen schreibt Locke sogar, die Vernunft würde dem natürlichen Gesetz entsprechen. Das gottgegebene Naturgesetz bietet den Menschen im Naturzustand folglich eine Art „Richtschnur für den gerechten Umgang miteinander“. Jeder Mensch ist diesem gottgegeben natürlichen Gesetz verpflichtet, so zum Beispiel dem göttlichen Gebot, niemandem Schaden zuzufügen. Auch die Eigenliebe, die Locke dem Menschen zuschreibt, fördert dabei eher Gerechtigkeit, denn der Mensch handelt vernunftbegabt nach der biblischen Maxime: „Was du nicht willst, dass man dir tue, das füg auch anderen nicht zu“. Dieses natürliche Gesetz setzt folglich eine klare Grenze: Die Freiheit, beziehungsweise die natürlichen Rechte eines Individuums enden dort, wo sie die natürlichen Rechte eines anderen tangieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Vertragstheorie von John Locke: Diese Einleitung führt in das Werk von John Locke ein und legt die methodische Vorgehensweise zur Analyse der Naturzustandskonzeption und des Vertragsschlusses dar.
2. Die Gestalt des Naturzustandes und der Vertragsschluss bei John Locke: Eine Analyse: Dieses Kapitel erläutert die Grundbausteine von Lockes Naturzustand, insbesondere das Naturrecht, die Eigentumstheorie und die Entstehung des Kriegszustandes als Auslöser für den Vertragsschluss.
3. Eine detaillierte Erörterung des Naturzustandes und des Vertragsschlusses bei John Locke: Hier werden wissenschaftliche Debatten über den Charakter des Naturzustandes als Denkmodell oder historische Realität sowie die Rolle der Religion und Vernunft vertieft diskutiert.
4. Schlussbetrachtung: Die Bedeutung der Naturzustandskonstruktion von John Locke: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die Bedeutung von Lockes Theorie für den Schutz unveräußerlicher Menschenrechte hervor.
Schlüsselwörter
John Locke, Naturzustand, Vertragsschluss, Gesellschaftsvertrag, Naturrecht, Eigentum, Vernunft, politische Philosophie, Regierung, Freiheit, Gleichheit, Kriegszustand, Rechtsstaat, politische Legitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert John Lockes politische Theorie, insbesondere seine Konzeption des Naturzustandes und die Entstehung des staatlichen Gesellschaftsvertrages.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Begründung natürlicher Rechte, die Eigentumstheorie, das Verhältnis von Naturzustand und Kriegszustand sowie die Rolle der Vernunft und Religion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Locke den Übergang von einer vorstaatlichen Freiheit zu einer durch Vertrag legitimierten politischen Ordnung konzipiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politiktheoretische Textanalyse unter Heranziehung von Lockes „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ sowie aktueller wissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur des Naturzustandes, das Eigentumsrecht als Kernpunkt sowie die Frage, warum Menschen sich zur Aufgabe ihrer natürlichen Freiheit entschließen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Naturrecht, Gesellschaftsvertrag, Eigentum, unparteiische Gerichtsbarkeit und die normative Kraft der Vernunft.
Wie unterscheidet Locke den Naturzustand vom Kriegszustand?
Locke definiert den Naturzustand als Zustand relativer Freiheit und Stabilität, während der Kriegszustand eine gefährliche Störung darstellt, die durch unvernünftiges Handeln oder Angriffe entsteht.
Welche Rolle spielt Privateigentum bei Locke?
Für Locke ist Eigentum eine notwendige Voraussetzung für das Überleben und ein natürliches Recht, das durch die Vermischung von Arbeit mit Naturgegenständen entsteht.
Warum spielt Gott eine Rolle in Lockes Argumentation?
Gott dient als Stifter des natürlichen Gesetzes, dessen Gebote der Mensch durch seine von Gott verliehene Vernunft erkennen kann, was die normative Basis der Theorie bildet.
Kann man den Gesellschaftszustand wieder verlassen?
Ja, bei einem Vertrauensbruch durch die Regierung oder im Fall der Auflösung der politischen Ordnung können Menschen wieder in den Naturzustand zurückfallen oder neue Gemeinschaften bilden.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2010, Die Naturzustandskonzeption und der Vertragsschluss bei John Locke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199340