Wirkungen eines Mindestlohns


Seminararbeit, 2008
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die theoretischen Ausgangsmodelle
2.1 Das neoklassische Arbeitsmarktmodell
2.2 Monopson und thin labour markets

3. Der Differenz-von-Differenzen Ansatz

4. Empirische Studien
4.1 Vereinigte Staaten
4.2 Großbritannien
4.3 Deutschland

5. Die Bedeutung struktureller Unterschiede auf die Wirkung von Mindestlöhnen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit einigen Jahren wird in Deutschland im Rahmen einer lebhaften Umverteilungsdebatte über die Einführung von Mindestlöhnen gestritten. Hintergrund ist der Unmut vieler Arbeitnehmer über Löhne, die sie nicht mehr als Existenz sichernd ansehen. Durch die Einführung von Mindestlöhnen erhoffen sie sich, besonders im Niedriglohnsektor, eine höhere Entlohnung. Viele Ökonomen hingegen befürchten, dass durch die Einführung von Mindestlöhnen Arbeitsplätze verloren gehen. Sie sehen in der Debatte einen Konflikt zwischen einem Umverteilungsziel und einem Beschäftigungs- und Wachstumsziel. Eine Marktwirtschaft führe in der Regel zu effizienten Ergebnissen, die aber nicht unbedingt als gerecht wahrgenommen würden.1

Diese Debatte betrifft auch die Finanzwissenschaft, da exogen induzierte Lohnuntergrenzen Beschäftigungs- und Lohneffekte verursachen können, die wiederum Einfluss auf die staatlichen Transfersysteme haben. Außerdem könnte in Deutschland die bisher gepflegte Tarifautonomie durch Mindestlöhne eingeschränkt werden. Dies soll aber nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Auch die Erörterung der Arbeitsmarkttheorien soll nur in dem Umfang erfolgen, die zur Diskussion der empirischen Befunde notwendig ist. Nach einer kurzen Einführung in die empirische Methodik werden Vorgehensweisen und Ergebnisse empirischer Studien vorgestellt und diskutiert. Die Effekte einer Mindestlohneinführung oder -erhöhung können vielfältig sein. Im Abschnitt zu Großbritannien werden verschiedenste Auswirkungen vorgestellt, ansonsten wird das Hauptaugenmerk auf Lohn- und Beschäftigungseffekten liegen. Aufgrund der unterschiedlichen strukturellen

Arbeitsmarktbedingungen erscheint es zweckmäßig, die Beiträge anhand der von ihnen untersuchten Länderarbeitsmärkte zu gliedern. Dabei werden Schwerpunkte auf die USA, das Vereinigte Königreich und schließlich Deutschland gelegt. Weiterhin werden noch die strukturellen Eigenheiten der Arbeitsmärkte herausgearbeitet. Ihnen wohnt mutmaßlich ein großer Einfluss auf die genauen Wirkungen des Mindestlohnes inne. Im Fazit wird erläutert, welche Erkenntnisse sich aus den empirischen Befunden für die deutsche Mindestlohndebatte gewinnen lassen.

Vielleicht gelingt es den politisch Verantwortlichen auch, ein Existenz sicherndes Grundeinkommen für arbeitende Bürger zu realisieren, das ohne Mindestlöhne auskommt. Dies würde uns die Überprüfung der prognostizierten Effekte am eigenen Leib ersparen.

2. Die theoretischen Ausgangsmodelle

“ An introductory textbook without a discussion of minimum wage laws might not be like a day without sunshine, but would certainly rank with a morning without caffeine. ” 2

Zum Verständnis der Diskussion über die empirischen Befunde ist eine kurze Darstellung der Ausgangstheorien notwendig. Das besondere Augenmerk dieser Debatte gilt insbesondere der Beschäftigungswirkung von Mindestlöhnen. Die positive Auswirkung auf die Entwicklung der Lohnhöhe des einzelnen Betroffenen ist weitgehend anerkannt. Kern des Streits und umstrittener ist die Diskussion über den Effekt auf das Ausmaß der Beschäftigung. Sie bewegt sich im Allgemeinen zwischen zwei theoretischen Polen, die als Ausgangspunkt für Befürworter einerseits und Ablehner andererseits dienen.3 Nachfolgend sollen das neoklassische Arbeitsmarktmodell, das meist von Mindestlohngegnern für ihre Argumentation herangezogen wird, und das Monopsonmodell, das von Befürwortern genutzt wird, dargestellt werden.

2.1 Das neoklassische Arbeitsmarktmodell

Das neoklassische Arbeitsmarktmodell hat einen großen Einfluss auf die Diskussion über die Wirkung von Mindestlöhnen. Es wird oft zur Erklärung der Beschäftigungswirkung herangezogen. Im Folgenden soll das Modell erklärt und die Wirkung von Mindestlöhnen im Rahmen der neoklassischen Theorie erörtert werden4.

Dabei ist vorab von folgenden Annahmen auszugehen: Es existiert vollkommener Wettbewerb. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sind Preisnehmer. Die Arbeitnehmer wählen ihr Arbeitsangebot so, dass sie unter Berücksichtigung des Reallohns ihren Nutzen maximieren. Ihre Arbeitskraft wird von den Arbeitgebern nachgefragt. Arbeit ist der einzige Produktionsfaktor Y=Y(L). Die Produktionsfunktion weist strikt positive Grenzerträge aus, die allerdings abnehmen.

Die Arbeitsangebotskurve beschreibt dabei das jeweilige Arbeitsangebot (S) zum jeweiligen Lohn (w). Die Arbeitsnachfragekurve (D) gibt analog dazu die Arbeitsnachfrage zum jeweiligen Lohn an. Im Gleichgewicht (*) sind Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot zum entsprechenden Lohnsatz w* gleich. Dies bedeutet, dass alle Arbeitnehmer, die zu diesem Lohnsatz w* arbeiten möchten, einen Arbeitsplatz haben. Simultan bestimmen die einzelnen Untenehmen im Markt die Anzahl ihrer Beschäftigten durch ihre Produktionsfunktion. Sie stellen so lange Arbeitnehmer ein, bis deren Grenzprodukt (MPL) gleich dem Lohnsatz w* ist. Im Optimum gilt also MPL=w*.

Außerdem impliziert die Lage der Angebotskurve, dass bei einer Erhöhung des Lohns das Arbeitsangebot steigt, und dass es bei einer Verringerung des Lohns sinkt. Siehe hierzu Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Einführung eines Mindestlohns in diesem Modell ist nun folgendes zu beachten: Nicht die pure Existenz des Mindestlohnes ist wichtig, sondern vor allem seine Höhe ist entscheidend. Liegt der Mindestlohn in einem Arbeitsmarkt mit vollständiger Konkurrenz unterhalb oder genau auf der Höhe des Gleichgewichtslohns w*, ist er wirkungslos. Anders ist die Situation, wenn er höher ist als der Gleichgewichtslohn. Abbildung 2 verdeutlicht diese Wirkung. Wird das Lohnniveau von w* durch einen staatlichen Eingriff auf die Höhe von w verschoben, fragen die Unternehmen nur noch die Beschäftigung im Ausmaß Ē nach.

Gleichzeitig sind mehr Arbeitnehmer bereit für den gestiegenen Lohn w zu arbeiten. Das Arbeitsangebot (S) steigt von E* auf Es. Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage befinden sich somit nicht mehr im Gleichgewicht. Der Abstand auf der Abszisse zwischen den Punkten Ē und Es entspricht der Menge an Arbeitskräften, die zu dem neuen Lohnsatz keine Beschäftigung mehr haben und somit arbeitslos sind. Beeinflusst wird die Höhe der entstehenden Arbeitslosigkeit dabei durch zwei Faktoren. Einerseits durch die schon angesprochene Höhe des Mindestlohns, bzw. dessen Abstand zum Gleichgewichtslohn w* und andererseits durch die Elastizitäten von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Die Arbeitslosigkeit ist dabei umso höher, je höher der Mindestlohn und desto größer die Elastizitäten der Angebots- und Nachfragekurve sind. Insbesondere in empirischen Studien kommt der Ermittlung der Nachfrageelastizität eine große Bedeutung zu. Die neoklassische

Argumentationslinie ist in Deutschland weit verbreitet und wird auch von Mitgliedern des Sachverständigenrats vertreten5.

2.2 Monopson und thin labour markets

Den theoretischen Gegenpol zur neoklassischen Arbeitsmarkttheorie bilden Theorien, die von einer Marktmacht der Arbeitgeber ausgehen6. Diese Theorien basieren meist auf einem monopsonistischen Ansatz. Im Nachfolgenden soll die Beschäftigungsentscheidung der Arbeitgeber in der Monopsonsituation und die Wirkung eines Mindestlohns in einem Arbeitsmarkt dargestellt werden, in dem die Unternehmen als Monopsonisten auftreten können7. Dabei beschränkt sich die Darstellung auf einen nicht diskriminierenden Monopsonisten, der allen Arbeitnehmern den gleichen Lohn zahlt.

Die Idee des Monopson geht auf den Nobelpreisträger George Stigler zurück.8 Darunter versteht man ein Nachfragemonopol. Als Beispiel für eine Situation wird in der Literatur gerne eine einsam gelegene Minenstadt gewählt, in der ein Bergwerkbetreiber der einzige Arbeitgeber ist.9 Allerdings gibt es noch weitere Erklärungen für Monopsone auf Arbeitsmärkten. Darauf soll an späterer Stelle gesondert eingegangen werden. Der Monopsonist hat im Gegensatz zum Arbeitgeber auf dem Konkurrenzmarkt Einfluss auf die Lohnhöhe, die er zahlen muss. Dies verändert seine Entscheidung. Er trifft seine Beschäftigungsentscheidung nicht mehr in dem Punkt, in dem gilt VMP=w*. Stattdessen wählt das Unternehmen eine profitmaximierende Lohn und Beschäftigungssituation. Dabei steht es einer mit zunehmendem Lohnsatz ansteigenden Arbeitsangebotskurve gegenüber. Da der nicht diskriminierende Monopsonist annahmegemäß allen Arbeitnehmern den gleichen Lohn zahlt, muss er den Lohn solange erhöhen bis genug Arbeitnehmer bereit sind, für ihn zu arbeiten. Dabei wird er so lange Arbeitnehmer einstellen bis die Grenzkosten gleich den Grenzerträgen sind. Im Optimum gilt also für ein Unternehmen mit Monopsonmacht auf dem Arbeitsmarkt MC=VMP.

Im Unterschied zum neoklassischen Konkurrenzmarkt fallen sowohl der Lohn als auch das Ausmaß an Beschäftigung von Arbeitnehmern durch das Unternehmen geringer aus. Die Ressourcenallokation in einem nicht diskriminierenden Monopson ist folglich nicht effizient.10 Abbildung 3 illustriert dies.

Die Einführung eines Mindestlohns kann nun zu einem Anstieg von Beschäftigung und Löhnen führen. Wird das Monopson-Unternehmen durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns gezwungen, allen Angestellten den Lohn w zu bezahlen, wird es seine Beschäftigung bis zum Punkt Ē ausweiten. In dem Punkt w /Ē stimmen die Grenzkosten wieder mit den Grenzerträgen überein. Weiterhin kann man der Abbildung 4 entnehmen, dass es dem Staat sogar gelingen kann, ein Beschäftigungsniveau wie auf einem Konkurrenzmarkt zu etablieren, wenn er den Mindestlohn so positioniert, dass er dem fiktiven Wettbewerbslohn entspricht.

Um die Relevanz dieses Modells für die Mindestlohndebatte einschätzen zu können, ist die Vorstellung der einsamen Mine in der Bergwerksstadt allerdings nicht ausreichend. Sehr selten wird man eine solche Situation tatsächlich vorfinden.

Manning11 hat das klassische Verständnis des Monopsons erweitert. Er geht davon aus, dass die Komplexität der heutigen Arbeitsmärkte zu Segmentierung, Differenzierung und Intransparenzen führt, die die Arbeitsnachfrage, dem ein Arbeitnehmer gegenübersteht, ausdünnen. Daher auch der englische Begriff des thin labour markets. Dies kann man laut Manning mit zwei theoretischen Ansätzen erklären. Zum einen gäbe es nicht für jedes Arbeitnehmerprofil ein genau passendes Arbeitgeberprofil, da die Anzahl der Firmen durch Gründungskosten beschränkt sei. Letztlich hänge die Marktmacht der Unternehmen von der Unternehmensanzahl in dem jeweiligen Arbeitgeberprofil ab. Der Andere Ansatz ist ein Suchansatz. Diese Modelle gehen von gleichartigen Jobs aus. Sie nehmen aber an, dass es Zeit und Geld kostet, sich einen anderen Job zu suchen.12 Alle diese Annahmen vernetzen die Bedingungen des Konkurrenzmarktes.

Aufgrund dieser Arbeitsmarktsituationen kann der Arbeitgeber zu mehr Marktmacht gelangen, als in der „erstbesten“ Welt der vollständigen Konkurrenz vorgesehen ist. Deshalb, so der monopsonistische Ansatz weiter, können Eingriffe in Form von Mindestlöhnen in die tatsächliche „zweitbeste“ Welt zu einem relativ besseren Ergebnis führen.13

3. Der Differenz-von-Differenzen Ansatz

Die Differenz-von-Differenzen Methode (difference in differences) ist ein Verfahren zum Vergleich verschiedener Datengruppen. Viele empirische Studien zur Wirkung von Mindestlöhnen bedienen sich dieses Ansatzes.14

Das Grundproblem einer empirischen Studie lässt sich am Beispiel der Mindestlohnstudien etwa wie folgt skizzieren: Beschränkt man sich bei der Bemessung eines möglichen Beschäftigungseffekts auf einen Vorher-/Nachher-Vergleich, kann man eventuell eine Veränderung feststellen. Allein eine reine Veränderung in der betroffenen Beobachtungsgruppe erlaubt keine Rückschlüsse auf die Ursache. Eine Veränderung des Beschäftigungsausmaßes nach Einführung eines Mindestlohns etwa kann ihre Ursache auch in der allgemeinen konjunkturellen Entwicklung haben, ohne dass der Mindestlohn einen Einfluss gehabt hätte. Der Differenz-von-Differenzen Ansatz löst dieses Problem durch das Heranziehen einer Vergleichsgruppe, die nicht durch den zu untersuchenden Effekt betroffen ist15.

Einerseits muss man eine Gruppe von Merkmalsträgern identifizieren, die von dem zu untersuchenden Effekt betroffen sind (Treatment Gruppe). Zum Vergleich zieht man eine andere Gruppe heran, für die möglichst ähnliche Bedingungen gelten, die allerdings von dem Effekt nicht betroffen ist (Kontroll-Gruppe). Um ein belastbares Ergebnis zu erlangen, ist es wichtig, dass hierbei die so genannten Spillover-Effekte ausgeschlossen werden können. Beide Gruppen werden nun zu verschiedenen Zeitpunkten untersucht. Einmal vor auftreten des Effekts, und einmal danach. Ein solches Vorgehen ist typisch für so genannte Panelstudien. Dabei werden Erhebungen bei identischen Merkmalsträgern wiederholt durchgeführt. Durch Herausrechnung der Veränderung innerhalb der Kontroll-Gruppe kann man den Einfluss des zu untersuchenden Effekts messen. Formal dargestellt, kann ein Ansatz etwa so aussehen:

[...]


1 Vgl. etwa Franz, W., Weder di Mauro, B. und Wiegard, W. (2008), S. 8

2 Brown, C. (1988) S. 134

3 Vgl. Neumark, D. und Wascher, W. (2007) S. 1362-1396

4 Eigene Darstellung in Anlehnung an Borjas, G. (2005) und Ragacs, C. (2002)

5 Vgl. etwa Franz, W. , Weder di Mauro, B. und Wiegard W. (2008)

6 Vgl. König, M. und Möller, J. (2007) S.1

7 Eigene Darstellung in Anlehnung an Borjas, G. (2002), Metcalf, D. (2007), Ragacs, C (2002)

8 Vgl. Stigler, G. (1946)

9 Vgl. etwa Borjas, G. (2002)

10 Vgl. Ebenda, S. 196

11 Vgl. Manning, A. (2003) S. 1

12 Vgl. Ebenda, S. 3

13 Vgl. Ragacs (2002) S. 21

14 Vgl. etwa Card, D. und Krueger A.B. (1994) sowie Koenig, M. und Moeller, J. (2007)

15 Vgl. Heckman, J., LaLonde, R. und Smith,J. (1999) S.32/33

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Wirkungen eines Mindestlohns
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Öffentliche Finanzen)
Veranstaltung
Empirische Finanzwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V199366
ISBN (eBook)
9783656256571
ISBN (Buch)
9783656259282
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Seminararbeit über die statistischen Beschäftigungs- und Einkommenseffekte von Mindestlöhnen. Darstellung und Auseinandersetzung von Studien zu Mindestlöhnen in den USA, UK und Deutschland.
Schlagworte
Mindestlohn, David Card und Alan Krueger, Differenz-von-Differenzen Ansatz, Arbeitsmarkt, thin labour markets
Arbeit zitieren
Jan Laude (Autor), 2008, Wirkungen eines Mindestlohns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199366

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