MVZs in Deutschland. Entwicklung einer Typologie unter Unternehmensführungsaspekten

Forschungsvorhaben


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
30 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problembereich

2 Forschungsstand

3 Fragestellung und Zielsetzung

4 Forschungsdesign

5 Literatur

1 Problembereich

Die Erkenntnis, dass Gesundheit und Krankheit für jeden Menschen „Zustände von höchster Bedeutsamkeit“[1] bedeuten, prägt das gesellschaftliche Denken stärker denn je, da Gesundheit als wertvolles Gut und zugleich wichtige Voraussetzung gilt, „um alle Annehmlichkeiten des Lebens genießen zu können“[2].

Medizinische Fragestellungen und Erkenntnisse sowie der medizinisch-technologische Fortschritt erreichen für die Gesellschaft und das Gesundheitssystem maximalen Stellenwert, weshalb es durch verschiedenste Entwicklungen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückt.

Im sechsten Kontradieff-Zyklus,[3] der voraussichtlich 2010 seinen Höhepunkt erreicht hat, steht der gesellschaftliche Bedarf nach Gesundheit im Mittelpunkt, welche sich nicht auf physisches Wohlbefinden beschränkt, sondern vor allem aus holistischer Sicht als soziale, physische, seelische oder ökologische Gesundheit betrachtet wird.[4]

Das System der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland, das die Bereitstellung medizinischer Hilfe koordiniert, dient als Institution, welche die Aktivitäten zur Förderung der Gesundheit bündelt.[5]

Aus Sicht der Bevölkerung besteht die primäre Aufgabe des Gesundheitswesens im Erhalt der individuellen Gesundheit, d.h. dem Ergebnis „Gesund sein“, während die Gesundheitsversorgung an sich als positive Auswirkung auf den eigenen Gesundheitsstatus dient.[6]

Das Bedürfnis nach Gesundheit wird hierbei nicht nur über den Bedarf, sondern durch Gesundheitsleistungen befriedigt.[7]

„Health itself is not tradeable in the sense that it cannot, strictly, be brought or sold in a market: it can be no more than a characteristic of a commodity“[8].

Nach Nefiodow lebt das traditionelle Gesundheitswesen in erster Linie von dem fortwährenden Anstieg an Krankheiten und Kranken, da derzeit lediglich ca. 1 % der zur Verfügung stehenden Mittel in Gesundheitsfürsorge und Prävention investiert werden. Ein System mit einer einseitigen Ausrichtung auf Krankheiten führt demnach zwangsläufig zu der Entstehung neuer Ideen außerhalb dieses Gesundheitswesens, „nämlich dort, wo Spielraum ist und wo (…) neue Unternehmer, Manager und Wissenschaftler ihre Chance haben“[9]. Das MVZ in Deutschland ist eine Konstruktion, die einen solchen Spielraum realisieren kann. Daher ist es sinnvoll dieses MVZ, eingebettet in das Deutsche Gesundheitssystem, näher zu betrachten.

1.1 Gegenstand des Projektes

Medizinische Versorgungszentren (MVZs) sind seit 2004 durch das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen. Sie zählen zu den herausragenden gesetzlichen Veränderungen der medizinischen Leistungserbringung. MVZs zeichnen sich wesentlich dadurch aus, dass die ambulante Versorgung unter einem Dach durch Vertragsärzte[10] sowie angestellte Ärzte angeboten und die enge, fachübergreifende Zusammenarbeit einzelner medizinischer Fachgebiete gefördert wird. Die Motivation des Gesetzgebers lag neben der „Versorgung aus einer Hand“ im Ziel, entsprechende Konkurrenz für niedergelassene[11] Ärzte zu schaffen.[12]

Seit der Einführung der MVZ lässt sich ein dynamischer Gründungszuwachs verzeichnen (vgl. Abb. 1).

Abb. 1: Aktuelle Entwicklung der MVZs 2004-2010

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.kbv.de/koop/8791.html, (Stand: 08.02.2011), in Anlehnung an Distler, B., (2010), S. 5

1.2 Definition und Abgrenzung des Untersuchungsobjektes

Untersuchungsobjekt sind MVZs in der Bundesrepublik Deutschland. Aus diesen MVZs werden die verschiedenen Typen entwickelt. Aus der entstehenden Typologie sollen Schlüsse für die Unternehmensführung in MVZs und besonders am Beispiel MVZ Dr. Renger, Dr. Becker gezogen werden. Dies durch den Vergleich der verschiedenen Typen mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Die Typologie konzentriert sich hierbei speziell auf Aspekte der Unternehmensführung. Hierbei werden die einzelnen Unternehmensführungsbereiche Marketing, Beschaffungswesen, Personalführung und Finanzierung / Investition herausgegriffen und in Bezug auf die MVZs untersucht.

Durch diese Typologie lassen sich bestimmte Fragen beantworten, beispielsweise wie das für ein MVZ geeignete Marketing aussehen sollte, was bei Beschaffung und Personalführung hinsichtlich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu beachten ist oder wie am geeignetsten finanziert und investiert werden sollte. Auch andere Fragen, wie beispielsweise nach der Zukunftsfähigkeit des Modells MVZ lassen sich anhand einer derartigen Typologie beantworten.

Untersucht werden 3 Grundtypen: Freiberufler-MVZ, Krankenhaus-MVZ, Konzern-MVZ und die Mischtypen Freiberufler-und-Krankenhaus-MVZ sowie Konzern-und-Freiberufler-MVZ.

Damit betrifft die Typologie nicht alle Akteure im Gesundheitswesen, also auch nicht niedergelassene Arztpraxen, Krankenhäuser oder Privatkliniken, sondern nur MVZs, die alle in einer bestimmten Form organisiert sind und einem bestimmten Typus zugeordnet werden können.

Im Hauptinteresse der aktuellen Diskussion stehen MVZs und ihre Auswirkungen auf das Gesundheitssystem in Deutschland. Gerade für diese gilt es, eine Typologie zu entwickeln und aus ihr differenzierte typische Aspekte herauszuarbeiten.

Hauptunterscheidungsmerkmal für die im Gang der Untersuchung zu beleuchtenden Akteure im Gesundheitswesen ist das Kriterium MVZ mit seinen unterschiedlichen rechtlichen Ausprägungen, die im Rahmen der Typologie bezüglich ihrer Ausgestaltung und ihrer Vor- und Nachteile betrachtet werden.

Die typologischen Definitionen, die erarbeitet werden, evaluieren die Unternehmensführungsaufgaben im MVZ und sollen zu einem Erkenntnis- und Theoriebeitrag führen (Vgl. Abb. 2 auf folgender Seite).

Abb. 2: Definition des Untersuchungsobjektes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

1.3 Relevanz des Projektes

Nach Herder-Dorneich beschäftigt sich Gesundheitsökonomie mit Gesundheit, und er betrachtet diese unter dem Aspekt der Knappheit.[13] Der Schwerpunkt der Gesundheitsökonomie liegt bei ihm vor allem auf dem optimalen Einsatz, der Verteilung und dem Konsum knapper Gesundheitsgüter, wobei die verschiedenen Teilziele Kosteneffizienz, Effektivität, Qualität und Gerechtigkeit zugleich realisiert werden sollen.[14] In der wissenschaftlichen Literatur ist der Begriff nicht einheitlich definiert, jedoch werden zwei zentrale Sichtweisen vertreten. Aus normativer Perspektive wird die monetäre Bewertung von Gesundheit, die lebensverlängernde Wirkungen impliziert, hinterfragt.

Dem entgegengesetzt wird aus positiver Sicht das tatsächliche Gesundheitsverhalten der Menschen unter dem Aspekt des Prinzips der Nutzenmaximierung als Grundlage für Verhaltensweisen der Individuen bei der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen untersucht. Grundsätzlich existiert dabei ein positiver Zusammenhang zwischen Gesundheit und dem Konsum von Gesundheitsleistungen.[15]

Das Gesundheitswesen weist eine Reihe von Besonderheiten auf, vor allem weil die umfangreiche Gesetzgebung die Akteure in ihrem Handlungsradius erheblich einschränkt und zugleich eine spezielle Marktordnung für Gesundheitsdienstleistungen bereithält. Eben wegen der von anderen Sektoren der Volkswirtschaft abweichenden Restriktionen des Gesundheitswesens sind Fragestellungen aus der Gesundheitsökonomie gerechtfertigt.[16] Bei Schulenburg und Greiner wird beispielsweise thematisiert, wie bestimmte institutionelle Rahmenbedingungen das Verhalten von Anbietern und Nachfragern von Gesundheitsleistungen und Bürokraten beeinflussen. Dabei ist insbesondere die ungleiche Informationsverteilung zwischen unterschiedlichen Akteursgruppen, wie Versicherung, Versicherten und medizinischen Leistungserbringern zu berücksichtigen, die den Gesundheitsmarkt wesentlich prägt.[17]

2 Forschungsstand

2.1 Vorhandene Forschungsergebnisse

Die bisher skizzierten Überlegungen bilden bereits die Grundlage von Untersuchungen, die einerseits prognostisch über die zukünftige Ausgestaltung des Gesundheitswesens Auskunft geben und andererseits auch anhand von Meinungsumfragen in der Bevölkerung normative Sichtweisen aufzeigen. Um den Untersuchungsschwerpunkt der Arbeit zu spezifizieren, wird daher ein Überblick über bereits durchgeführte Forschungsarbeiten mit thematischem Bezug gegeben. Dadurch lassen sich verschiedene Schwerpunkte in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Fragen aus dem Gesundheitswesen erkennen.

Die Krise des Gesundheitswesens ist nicht neu – und wurde daher angesichts drohender Ausweitung von zahlreichen Forschungsinstituten zügig aufgegriffen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) betrieb Ende der 90er Jahre als pragmatischen Lösungsansatz eine Ausweitung der ambulanten Versorgung. Nachdem die Art der Problematik nicht einheitlicher Natur war, sondern als ökonomische, soziale oder auch kulturelle bezeichnet wurde,[18] wurden in einer Erhebung über die Versorgung im ambulanten Sektor, der EVaS-Studie (die als Fortsetzung von vorangegangenen Untersuchungen zu betrachten ist), vorwiegend auf Basis von Arzt-Patienten-Kontakten Fachgebiet, Praxisform und –ausstattung von ambulant tätigen Ärzten erfasst. Die Untersuchung war zu dem Zweck, den „innerärztlichen Kenntnisstand über die Morbiditätsrisiken in der Praxis nach Inhalt, Verteilung und Schweregrad zu verbessern“[19]. Die erhobenen Daten lieferten eine Reihe von weiteren Informationen, die aber für die Definition der Forschungslücke dieser Arbeit weniger von Bedeutung sind. Der lange beobachtete Trend der Direktkonsultation von Fachärzten setzt sich den Ergebnissen zufolge weiter fort, wobei Nebeneffekte zu berücksichtigen sind: Durch die daraus resultierende Unkenntnis des Hausarztes über diagnostische und behandelnde Maßnahmen des Facharztes ist der Hausarzt in seiner Leistungserbringung beeinträchtigt. Die Leistung des Facharztes ist zudem eher auf fachspezifische Situationen ausgerichtet, während der Hausarzt größere Einsicht in das Lebensbild des zu Behandelnden hat.[20] Angemerkt sei, dass eine derartige Untersuchung bis zu diesem Zeitpunkt erstmalig auf repräsentativer Grundlage stattfand.[21]

[...]


[1] Bourmer, H., (1985), S. 10, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

[2] List, R., (1999), S. 1; Definitionen von Gesundheit finden sich z.B. bei der WHO, wonach Gesundheit als „ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ betrachtet wird (WHO (1946), S. 2). Der Medizinsoziologe Parsons definiert sie als „Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert (Sozialisation = Einordnungsprozess in die Gesellschaft, Normen- und Werteübernahme) worden ist“; Parsons, T., (1972), S. 71, Distler, B., (2010), S. 1

[3] Unter den Kontradieff-Zyklen werden Wirtschaftsschwankungen verstanden, denen richtungsweisende und revolutionäre Innovationen zugrunde liegen. Der letzte Zyklus etwa bis Anfang des Jahres 2000 zeichnete sich durch Innovationstechnik aus und prägte dadurch den technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel in allen entwickelten Nationen. Das Phänomen langer Wirtschaftszyklen wurde zwar nicht auf den russischen Wissenschaftler Kontradieff zurückgeführt, ist jedoch nach seiner Abhandlung über lange Konjunkturwellen benannt. Nach der Theorie der langen Wellen kennzeichnet die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur kurze Schwankungen, sondern vor allem in kapitalistischen Ländern lange Phasen von Aufschwung und Rezession., zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

[4] Vgl. Nefiodow, L. A., (2006), S. 64, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 1

[5] Vgl. Wendt, C., Wolf, C., (2006), S. 20, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

[6] Vgl. Schwartz, F. W., Janus, K., (2006), S. 72, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

[7] Vgl. Musil, A., (2003), S. 32, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

[8] McGuire, A., u.a., (1987), S. 32, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

[9] Nefiodow, L. A., (2006), S. 55, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 2

[10] Als Vertragsarzt wird jeder im Rahmen der GKV zur Behandlung von sozialversicherten Patienten zugelassene oder ermächtigte Arzt bezeichnet, der in vollem Zulassungsstatus oder mit Teilzulassung (hälftiger Versorgungsauftrag nach § 19a Ärzte-ZV) tätig wird; vgl. § 1a BMV-Ä.

[11] Unter der ärztlichen Niederlassung wird die Tätigkeit in eigener Praxis für Kassen- und Privatpatienten bezeichnet, vgl. Bedei, B., (2005), S. 32, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 4

[12] Vgl. Deutscher Bundestag, (2003), S. 74, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 4

[13] Vgl. Herder-Dorneich, P., (1980), S. 1, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 30

[14] Dieses Konzept zeigt eine gewisse Verwandtschaft zum wirtschaftspolitischen „Magischen Viereck“ auf, nach dem sich einzelne Stabilitätsziele bisher jedoch schwer gleichzeitig realisieren ließen: Weil sich Konflikte und Wechselwirkungen zwischen den Zielen entwickeln können, wirken sich entsprechende Maßnahmen zur Erreichung eines Ziels gegebenenfalls negativ auf die Realisierung anderer Ziele aus, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 30-31

[15] Vgl. Breyer, F. u.a. (2005), S. 12, sowie grundlegend für eine weitere genaue Darstellung zur Ökonomie des Gesundheitswesens, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 31

[16] Vgl. Schulenburg, J.-M. von der, Greiner, W., (2000), S.3-4. Unterstrichen wird jedoch, dass die gleichen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten wie in anderen Volkswirtschaften gelten; vgl. S. 10, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 31

[17] Vgl. Schulenburg, J.-M. von der, Greiner, W., (2000), S. 4-5, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 31

[18] Vgl. Schach, E. u.a. (1989), S. 7-8, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 32

[19] Schach, E. (1989), S. 311, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 32

[20] Vgl. Antonovsky, A., (1997), S. 24, zit. nach: Distler, B., (2010), S. 33

[21] Als Vorbild diente hierbei der National Ambulatory Medical Care Survey (NAMCS), der in den USA seit 1973 regelmäßig und seit 1989 jährlich wiederholt wird. Für weiterführende Informationen vergleiche man die Homepage des National Center of Health Statistics unter URL: http://www.cdc.gov/nchs/about/major/ahcd1.htm, (Stand: 09.02.2011), zit. nach: Distler, B., (2010), S. 33

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
MVZs in Deutschland. Entwicklung einer Typologie unter Unternehmensführungsaspekten
Untertitel
Forschungsvorhaben
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V199412
ISBN (eBook)
9783656267287
ISBN (Buch)
9783656928355
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mvzs, deutschland, entwicklung, typologie, unternehmensführungsaspekten
Arbeit zitieren
M.A. Fabian Renger (Autor), 2012, MVZs in Deutschland. Entwicklung einer Typologie unter Unternehmensführungsaspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199412

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