Ethnische Segregation in Wien

Stadtsoziologische Analysen und Beobachtungen


Hausarbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung ethnischer Segregation
2.1 Ursachen ethnischer Segregation
2.2 Strukturelle Entstehung ethnischer Segregation

3. Analysen
3.1 Daten aus Wien und Berechnung des Segregationsindexes
3.2 Interpretation der Berechnungen

4. Stadtsoziologische Beobachtungen
4.1 Eine Fahrt mit der Straßenbahn Linie 43 vom Stadtrand in die Innenstadt
4.2 Getrenntes Freizeitverhalten an der „Neuen Donau“ und auf der Donauinsel

5. Probleme und Folgen ethnischer Segregation

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1 Tabellen
8.2 Abbildungen

1. Einleitung

„Gleich und gleich gesellt sich gern“, lautet eine alte Redensart und die Erfahrung zeigt, dass Menschen sich tatsächlich unter Ihresgleichen wohler fühlen als in Gesellschaft von Fremden. Den Wohnraum betreffend begünstigt dieses Phänomen die Konzentration einander ähnlicher Bevölkerungsanteile auf bestimmte Regionen einer Stadt. In der Stadtsoziologie bezeichnet man eine solche Konzentration, verbunden mit getrennten Wohnbereichen und Lebensstilen als „Segregation“. Bezieht sich diese Trennung auf Personen-gruppen bestimmter nationaler Herkunft oder Volkszugehörigkeit, dann spricht man von „ethnischer Segregation“, handelt es sich hingegen um Schichtunter-schiede (z.B. Unterschiede im Einkommen, in der Bildung oder in beruflichen Hierarchien) dann spricht man von „sozialer Segregation“. Obwohl es häufig vorkommt, dass sich Migranten und Bewohner der sozialen Unterschicht ein Wohngebiet teilen, wird in der vorliegenden Hausarbeit ausschließlich das Phänomen der „ethnischen Segregation“ behandelt.

In den meisten europäischen Großstädten können wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten verstärkt Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur bemer-ken. Die Öffnung vieler europäischer Grenzen, die Globalisierung und die Verschärfung der wirtschaftlichen und politischen Lage sowie die Armut vor allem in den afrikanischen, südamerikanischen und einigen asiatischen Ländern, treiben die Menschen nach Europa, mit Vorliebe in den Westen und Norden. Die Städte dieser Länder sind große Anlaufflächen für Zuwanderer und so ist auch Wien eine Stadt mit einem ständig wachsenden Bevölkerungs-anteil an Migranten.

In der vorliegenden Hausarbeit werde ich nach einer allgemeinen Ursachen-forschung, welche die Ausführung von Hartmut Essers Theorie der ethnischen Segmentation an Hand des Stufenmodells von Robert E. Park beinhaltet und der Erklärung über die strukturelle Entstehung ethnischer Segregation mit Hilfe des dynamischen Segregationsmodells von Thomas Schelling, speziell auf die Situation in Wien eingehen.

Dazu werde ich sowohl Daten und Fakten bis auf Bezirksebene liefern als auch zwei Beobachtungen anführen, die einerseits regionale Unterschiede und andererseits getrenntes Freizeitverhalten aufzeigen. Die Ausführungen zu den Beobachtungen sind nur deskriptiv, weiterführende Forschungen sind im Rahmen dieser Hausarbeit nicht enthalten.

Im letzten Kapitel werde ich die Charakterisierung des Großstädters nach Georg Simmel vorstellen und die Abweichungen, die durch die ethnische Segregation entstehen, darlegen. Danach werde ich die Vor- und Nachteile der ethnischen Segregation nach Hartmut Häußermann anführen, unter Bezugnah-me auf Wilhelm Heitmeyer die Krise der Städte im Zusammenhang mit der ethnischen Segregation beleuchten und einen Ausblick auf zukünftige Entwick-lungen wagen.

Zur Vereinfachung wurde bei der Nennung von Personen stets die männ-liche Form verwendet (Migranten, Wiener, Bewohner usw.); selbstverständlich beziehen sich aber diese Formulierungen immer auf beide Geschlechter.

2. Entstehung ethnischer Segregation

2.1 Ursachen ethnischer Segregation

Man unterscheidet zwischen freiwilliger und erzwungener Segregation. Während viele Migranten, aber auch die heimische Unterschicht aus ökono-mischen Gründen dazu gezwungen sind, in Gebieten zu wohnen, in denen die Mietpreise der Wohnungen gering sind, können der heimische Mittelstand und vor allem die heimische Elite ihren Wohnort frei wählen.

Bei manchen Migrantengruppen kommt es, abgesehen von den finanziellen Möglichkeiten, zur Diskriminierung durch die Vermieter, die ihre Wohnungen entweder wegen eigener Vorurteile oder wegen der Befürchtung einer Ableh-nung in der Nachbarschaft nur an österreichische Interessenten vermieten (vgl. Häußermann 2004, S. 173).

Hartmut Esser liefert zur Ursachenforschung ethnischer Segregation eine individualistische Erklärung, die zeigen soll, dass es sich hierbei um ein sozio-logisches Muster handle, welches zwar nicht geplant werde, aber nach der Stufenfolge des Modells von Robert E. Park zwangsläufig entstehe (vgl. Esser 1985, S. 438ff).

Zum Verständnis des Modells definiert Esser zuerst grob drei Akteurtypen mit jeweils zwei Handlungsoptionen: Der Einheimische mit den Handlungs-optionen „ Akzeptanz“ oder „Distanz“; der Migrant, der zwischen „Assimi-lation“ und „Segmentation“ wählen kann und der (im Herkunftsland) Verblie-bene mit den Optionen „Bleiben“ oder „Nachwandern“. In der Folge geht Esser davon aus, dass die Akteure ihre Handlungen so setzen, dass sie daraus den höchstmöglichen Nutzen ziehen, und zwar in erster Linie in ökonomischer, dann aber auch in sozialer Hinsicht (vgl. ebd. S. 438f).

Mit Hilfe dieser Voraussetzungen geht Esser nun auf drei von fünf Stufenfolgen für Einwanderer von Robert E. Park ein, die im „Race Relations Cycle“ (Park 1950) definiert sind und erklärt damit auch die Interdependenzen der drei Akteurtypen in ihren Handlungen. In der ersten Phase nach Park, der Phase „Kontakt“, kommen die ersten Einwanderer (Pioniere) ins Aufnahme-land. Sie wurden aus Mangel an Arbeitskräften von einheimischen Unter-nehmern gerufen und wollen ihrerseits ihre ökonomische Situation verbessern. Die Einheimischen wählen daher als Handlungsoption „Akzeptanz“, die Migranten „Assimilation“ und die Verbliebenen vorerst noch „Verbleiben“ (vgl. Esser 1985, S. 444).

In einem zweiten Schritt, der Phase „Konflikt“, entschließen sich etliche Verbliebene zum „Nachwandern“, da sie sich ebenfalls ökonomische, aber auch soziale Vorteile, z.B. der Familienzusammenführung, versprechen. Die Gruppe der Migranten wird nun größer als vom Aufnahmeland benötigt. Daher komme es zum Konflikt, die Einstellung der Einheimischen ändere sich, sie wählen nun „Distanz“ statt „Akzeptanz“ (vgl. ebd. S. 445).

In der dritten Phase, der „Akkomodation“, wechseln nun die Migranten ihrerseits ihre Handlungsoption von „Assimilation“ auf „Segmentation“. Dies sei einerseits eine Folge des Verhaltens der Einheimischen, welches bei den Migranten ein stärkeres Nationalbewusstsein schüre. Andererseits ergeben sich durch die größere Gruppe bessere Möglichkeiten des Austausches und damit bessere innerethnische Karrierechancen. Migranten und Einheimische sondern sich also voneinander ab, was auch in ihrer Wahl unterschiedlicher städtischer Wohngebiete zum Tragen komme (vgl. ebd. S. 445f).

Natürlich handelt es sich beim Modell von Esser um ein vereinfachtes Modell, welches andere Einflussfaktoren wie z.B. politische Steuerungsmög-lichkeiten, Konflikte zwischen Migranten verschiedener Kulturen oder auch die Verstärkungen der Konflikte zwischen Einheimischen und Migranten auf Grund unterschiedlicher Kulturen und Religionen nicht berücksichtigt. Den-noch kann man an diesem Modell die gegenseitigen Abhängigkeiten und Ursachen nachvollziehen, die schließlich zur ethnischen Segregation und zur Bildung von Communities unter den Einwanderern führen können.

2.2 Strukturelle Entstehung ethnischer Segregation

Geht man davon aus, dass ein Motiv für die ethnische Segregation vorhanden ist, dass also eine nachbarschaftliche Nähe unter Seinesgleichen erwünscht ist und zwar, sowohl von Seiten der Migranten als auch der ein-heimischen Bevölkerung, so veranschaulicht das Modell von Thomas Schelling „Dynamic Models of Segregation“ (Schelling 1971) die strukturelle Entstehung der ethnischen Segregation in den großen Städten.

Dafür unternahm Schelling folgende Versuche: Grundlage sei ein Quadrat oder Rechteck, welches in mehrere Quadrate aufgeteilt ist (z.B. ein Schach-brett). Darauf werden nach dem Zufallsprinzip zwei verschiedene Symbole, z.B. Kreise und Kreuze verteilt, welche zwei Gruppen von Ethnien darstellen. Dabei sollen ca. 25–30 % der Quadrate leer bleiben, um eine Bewegung der vorhandenen Gruppenmitglieder zu ermöglichen. Als unmittelbare Nachbar-schaft definiert Schelling die maximal 8 Felder, die sich in einem 3x3 Quadrate umfassenden Gebiet rund um ein besetztes Mittelfeld befinden. An den Rän-dern und in den Ecken sind es entsprechend weniger Felder (vgl. ebd. S.154ff).

Im Anhang (Abbildung 1) befindet sich das Abbild eines Versuchs nach dem Modell von Schelling, welchen Hartmut Esser (Esser 2000, S. 180) unter-nahm. Grundlage war in diesem Fall ein Schachbrett mit 45 besetzten Feldern, wobei 22 Kreuze und 23 Kreise zufällig auf dem Brett verteilt wurden, die restlichen 19 Felder blieben frei. Als Voraussetzung für die Zufriedenheit mit ihrem Platz definierte Esser jene Personen, in deren Nachbarschaft sich mehr als ein Drittel Personen der gleichen Ethnie befinden. Alle anderen Personen wollen ihren Platz verändern, seien also bereit, auf freie Plätze zu wandern. Esser ließ die unzufriedenen Personen von links oben nach rechts unten wandern. Das Ergebnis war ein Muster, welches ein segregiertes Bild der Kreuze und Kreise ergab.

Thomas Schelling unternahm zur Untermauerung seines Modells viele derartige Versuche, wobei er die Gruppengrößen, die Feldanzahl, die Reihen-folge und Anfangsgebiete der Wanderungen immer wieder variierte. Sein Ergebnis lautet: „The particular outcome will depend very much on the order in which discontented stars und zeros are moved, the character of the outcome not very much“. (Schelling 1971, S. 156, Hervorh. im Orig.). Das bedeutet, egal wie oft und in welcher Variation ein derartiger Versuch unternommen wird, das Ergebnis ist immer die Struktur einer Segregation.

3. Analysen

In diesem Kapitel wird zuerst der Aufbau der Stadt Wien in ihre Gemeinde-bezirke dargestellt und dann auf die darauf verteilte Bevölkerung eingegangen.

3.1 Daten aus Wien und Berechnung des Segregationsindexes

Die für die folgenden Analysen verwendeten Daten stammen aus der Daten-quelle: Stadt Wien - data.wien.gv.at und beziehen sie sich auf das Referenzjahr 2011. Die Daten sind entweder direkt der Quelle entnommen oder wurden aus den vorhandenen Daten von mir ermittelt und auch als solche mit dem Hinweis auf die Originaldaten gekennzeichnet.

Die Stadt Wien ist in 23 Wiener Gemeindebezirke aufgeteilt. Rund um den ersten Bezirk, der vom „Ring“, der Straße mit Wiens Prachtbauten umschlos-sen wird, sind die inneren Bezirke 2 bis 9 angesiedelt. Diese inneren Bezirke sind von den äußeren Bezirken durch den Gürtel getrennt, eine in beiden Richtungen befahrbare Straße, bestehend aus dem inneren und dem äußeren Gürtel. Die äußeren Bezirke sind die Bezirke 10 bis 23. Eine Besonderheit bilden die Bezirke 2 und 20, welche zwischen dem Donaukanal und der Donau eingebettet sind und die Bezirke 21 und 22, welche sich in den durch die Donau getrennten nordöstlichen Teil Wiens befinden. Abbildung 2 im Anhang bietet eine Veranschaulichung der Bezirksaufteilung.

Im Jahr 2011 lebten in Wien 1.723.798 Menschen. Sie gehören vielen ver-schiedenen Nationalitäten an, 35,65 Prozent davon sind Migranten. Unter „Migranten“ werden in den Statistiken der Stadt Wien Personen verstanden, die keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen und/oder aus dem Aus-land nach Wien zugezogen sind. Nicht beinhaltet sind Migranten der zweiten und dritten Generation. Der Bezirk mit dem niedrigsten Anteil an Migranten ist der 23. Bezirk (Liesing) mit 21,18 Prozent, der höchste Anteil ist im 15. Bezirk (Rudolfsheim-Fünfhaus) mit 47,56 Prozent zu finden (siehe Anhang Tabelle 1: Anteil Migranten auf Bezirksebene).

In den 60er Jahren kamen auf Wunsch der einheimischen Unternehmer vor allem Menschen aus Exjugoslawien als billige Arbeitskräfte nach Wien, sodass nun schon mehrere Generationen dieser damaligen Einwanderer in Wien behei-matet sind. Viele von ihnen haben sich auf Dauer eingebürgert, sie leben hier friedlich mit ihren Familien und gehören größtenteils noch immer der Arbeiterschicht an. Die meisten Wiener haben sich nach anfänglicher Skepsis an sie gewöhnt, verbindet sie doch eine ähnliche Kultur und Religion.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Ethnische Segregation in Wien
Untertitel
Stadtsoziologische Analysen und Beobachtungen
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V199420
ISBN (eBook)
9783656259190
Dateigröße
958 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
ethnische, segregation, wien, stadtsoziologische, analysen, beobachtungen
Arbeit zitieren
Andrea Dellitsch (Autor), 2012, Ethnische Segregation in Wien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199420

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