Die Entstehung des frühen Christentums - Zur Transformation einer lokalen millenaristischen Bewegung in eine globale kirchliche Institution


Essay, 2012
52 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Universalgeschichtliche Ausgangskonstellation

3. Epochale Kontextbedingungen

4. Historische Ausgangssituation und Lebensverhältnisse in Palästina

5. Lebensverhältnisse in Palästina zu Lebzeiten Jesu

6. Das Leben Jesu: Herkunft, Alltag und Wirken
6.1. Das Coming-out als apokalyptischer Charismatiker
6.2. Komponenten des Deutungssystems der Jesusbewegung
6.3. Strukturelle Merkmale der Jesusbewegung
6.4. Jesu Tod und das scheinbare Ende der Bewegung

7. Die postmortale Phase der Jesusbewegung als Bestandskrise

8. Ursachen der Kontinuierung der frühchristlichen Bewegung
8.1. Zur Funktion autoritativer Referenztexte als Vehikel der Kontinuierung
8.2. Die Evangelien als innovative transzendente Rekonstruktion
8.3. Die Krise der Jesusbewegung als Dissonanzproblem

9. Zur interregionalen Diffusion des Christentums

10. Die Transformation frühchristlicher Gemeinschaften zur institutionalisierten Kirche

11. Literatur

1. EINLEITUNG

Über einen längeren Zeitraum hinweg hat sich der Verfasser dieses Essays als Soziologe mit Phänomenen wissenschaftlich beschäftigt, die eine Gemeinsamkeit aufwiesen: Sie repräsentierten - ganz allgemein gesprochen - kollektive Sozialformen, welche sich zur ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umwelt in eine kulturell abweichende und nonkonforme Relation stellen bzw. gestellt werden, z.B. Protestgruppen, politische Bewegungen oder abweichende Subkulturen (vgl. SEIFERT 1975, 1987, 1988). Thematisiert wurden in diesen Arbeiten Aspekte wie die Variationen, Typen und Verlaufsformen solcher Sozialformen, ihre Entstehungsbedingungen und ihre soziale Auswirkungen.

Aufgrund ausgeprägter kulturhistorischer Interessen und im Verlauf entsprechender historischer Fortbildungsbemühungen, ist der Verfasser im Rahmen einer Beschäftigung mit der späthellenistischen Epoche auf das Phänomen der Entstehung und Ausbreitung frühchristlicher Gemeinschaften in verschiedenen Regionen des damaligen römischen Reiches gestoßen. Aus der Distanz eines kultursoziologisch neutral denkenden Zeitgenossen und ohne theologisch oder religiös motivierte Anmutung, wurde für den Verfasser schlagartig evident, dass mit dem Phänomen der frühchristlichen Gemeinschaften, der Jesusbewegung, ein besonderer Anwendungsfall des Sachverhalts einer nonkonformen kollektiven Sozialform vorlag und zwar in einer Ausprägung, die, zumindest aus der Perspektive des Verfassers, als faszinierend und außerordentlich erschien. Faszinierend deshalb, weil am Beispiel des Christentums kultursoziologisch rekonstruiert werden kann, wie sich aus einer kleinen, lokalen sektenähnlichen Gemeinschaft eine breite religiöse Bewegung entwickelt, die sich im Verlauf einiger weniger Jahrhunderte, also in einem weltgeschichtlich vergleichsweise kurzen Zeitraum, zu einer hegemonialen, universal-globalen kirchlichen und weltlichen Machtinstitution transformiert und sich zeitlich epochal ultra-stabilisiert. Für den Verfasser erschien und erscheint dieses Phänomen als eine unglaubliche und schwer begreifliche Erfolgsgeschichte, die etwa vergleichbar mit der plötzlichen Ausbreitung des Islam, als historisch so einmaliges Ereignis darstellt, dass man geneigt sein könnte, ihm den Charakter eines sozialinstitutionellen Weltwunders zuzueignen, dem eigentlich der Status eines Weltkulturerbes zugesprochen werden müsste! Diese Haltung eines stupor mundi ist es auch, die den Verfasser motivierte, sich näher mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Das Ziel: Eine Zusammenschau und Gesamtrekonstruktion all jener Aspekte vorzunehmen, die plausibel machen können, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen eine solcher kaum fassbarer, außerordentlicher und komplexer Transformationsprozess stattfinden konnte. Im vorab muss jedoch betont werden: Für einen sowohl theologischen als auch historischen Laien erscheint die gestellte Aufgabe als eine besondere Herausforderung, wenn nicht gar ein Stück Vermessenheit, handelt es sich doch bei dem zu betrachtenden Gegenstand um eines der komplexesten und schwierig zu rekonstruierenden Phänomene der Kulturgeschichte, an dem sich bereits viele Generationen von einschlägigen Fachwissenschaftlern versucht haben. Nach dem Studium ausgewählter Werke der einschlägigen und grundlegenden Forschungsliteratur, aber auch von zusammenfassenden Monografien, die im Literaturverzeichnis dokumentiert sind, war deutlich, dass eine stringente, alle wesentliche Aspekte und Faktoren systematisch verknüpfende ausführliche Gesamtdarstellung überraschenderweise fehlt. Als Ergebnis dieser Einsicht, sollte mit diesem Essay folgender Anspruch verfolgt werden: Eine verständliche und übersichtsartige, zusammenfassende Gesamtinterpretation des Gegenstandes zu liefern, die weniger ins Detail geht, dafür jedoch die großen Linien der Entwicklung sichtbar macht und darüber hinaus nicht gezwungen ist, die fachwissenschaftliche Diskussion bezüglich der Analyse von historisch-theologischen Details und ihrer historiografischen Belege abzubilden. Dieser Versuch begreift sich insofern nicht als wissenschaftlicher Beitrag, sondern eher als publizistischer, der aber in seiner Erkenntnisabsicht deutlich von einem soziologischen Impetus geprägt ist, weil es – allgemein gesprochen - zentralerweise um die Frage der Bedingungen der Entstehung, Verbreitung, des Wandels und der Institutionalisierung von Sozialformen geht und der Verfasser sich als gelernter Soziologe hier angesprochen fühlt. Dies am Beispiel eines historisch außerordentlichen Phänomens. Da sich eine historisch orientierte kultursoziologische Betrachtung ebenfalls mit millenaristischen Bewegungn, apokalyptischen Sekten, transzendenten Subkulturen und anderen religiösen Vergemeinschaftungsformen befasst, wäre es angebracht, die dort verwendeten analytischen Kategorien (vgl. SEIFERT1987) auch für die Gesamtrekonstruktion des frühen Christentums fruchtbar zu machen.. An dieser Stelle erscheint es als ausreichend, diejenigen Faktoren und Prozesse systematisch und stichwortartig aufzulisten, die für ein solches Vorhaben als unverzichtbar bezeichnet werden müssen und die entsprechend in die sich daran anschließende Gesamtrekonstruktion einfließen werden. Die nachfolgende Liste ist schematisch organisiert, insofern sie sich hinsichtlich der Betrachtungsebene von der Mikro- bis zur Makroebene bewegt. Diese Schematik nimmt damit jedoch nicht die Systematik der verstehenden Rekonstruktion vorweg, d.h. sie ist nicht mit der inhaltlichen Systematik der eigentlichen Darstellung identisch, die nach der Maßgabe der Plausibilität und Nachvollziehbarkeit der inhaltlich-sachlichen und historisch korrekten Argumentation entfaltet werden muss.

Zum Zweck einer Gesamtrekonstruktion der o.g. Fragestellung sind also die nachfolgenden Betrachtungsebenen zwingend zu berücksichtigen:

(1) Die personale Ebene der Leitfigur und Charismaträgers einer transzendenten Bewegung (Biografie, Weltbild, Modellhandlungen, Herkunft). (2) Die interpersonale Ebene der Gruppenbildung und –Prozesse, das Zusammengehörigkeitsbewusstsein, Zielbildungen, innere Struktur, Umweltbeziehungen, Deutungsmuster etc. (3) Das unmittelbare sozial-gesellschaftliche Umfeld der Bewegung, ihre sozialen Einbindungen, Herkünfte, die Adressaten ihrer agitativen und rekrutierenden Praxis, auch die Relation zu konkurrierenden Gruppen und kontrollierenden Sanktionsinstanzen. (4) Ideologie, Struktur und Taktik der Diffusions- und Missionierungsbemühungen und deren soziale Voraussetzungen. (5) Der Aufbau des religiösen Weltbildes der Bewegung als sozialer Konstruktionsprozess im Verlauf der zeitlich-epochalen Achse generationeller Diskontinuität. (6) Zirkulierende Perzeptionen und images der abweichenden Gemeinschaften im Kontext der jeweiligen Gastgesellschaften (z. b. verschiedene Regionen des römischen Reiches der frühen Kaiserzeit: Kleinasien, Judäa, Mittelitalien, Griechenland) und deren Veränderungen. (7) Die allgemeine gesellschaftlich-politische Ausgangssituation in Palästina zum Zeitpunkt der Besatzung durch das römische Imperium. (8) Verfasstheit und Zustand des Judentums als zentraler Bezugspunkt der frühchristlichen Bewegung. (9) Das Imperium Romanum der frühen Kaiserzeit als konstitutive Kontextbedingung der Genese des Frühchristentums. Politische Struktur, Infrastruktur, wirtschaftliche Entwicklung, gesellschaftliche Prozesse von Desintegration, Konflikt, Revolution, Unterdrückung. (10) Der Hellenismus als globaler kultureller Kontext der Genese und die Diffusion des Christentums und als vermittelnder universalhistorischer Zusammenhang mit den basalen evolutionären Transformationen im gesamten vorderasiatisch-arabisch-nordafrikanischen Großraum.

Im Hinblick auf eine verstehende Rekonstruktion erscheint es zunächst einmal angebracht, zum Verständnis des Hintergrunds und der historischen Ausgangsbedingungen des zu plausibilisierenden Phänomens, auf den universalhistorischen Rahmen und auf zentrale epochale Kontextmerkmale, wenn auch nur in Form einer Skizze, einzugehen. Da davon ausgegangen werden muss, dass die Entstehung des Frühchristentums in engem Zusammenhang mit den zeitgenössischen kulturellen Ausgangsbedingungen gestanden haben muss, wird in einem ersten Schritt dieser kontextuelle Hintergrund allgemein skizziert, wobei dann nachfolgend an späteren Stellpunkten des Interpretationszusammenhangs wieder auf einzelne epochale Kontextfaktoren detaillierter rekurriert werden muss.

2. Universalgeschichtliche Ausgangskonstellation

In seiner umfangreichen Arbeit zur Geschichte der Macht weist der amerikanische Kulturhistoriker Michael Mann (2001) darauf hin, dass das – universalgeschichtlich und global gesehen - dramatische Hervortreten einer unglaublich geschichtsmächtigen transzendenten Bewegung und Institution wie das Christentum, kein singuläres Ereignis darstellte. Er erinnert daran, dass vor Jahrtausenden in einem Zeitraum von nur wenigen Jahrhunderten diejenigen – heute so bezeichneten – Weltreligionen Verbreitung finden, die noch heute den Erdball dominieren: Konfuzianismus, Hinduismus, Buddhismus, das Judentum, das Christentum und der Islam. Im Unterschied zu der ungeheuren und unüberschaubaren historischen Vielfalt und Vergänglichkeit von lokal und regional begrenzten Kulten , handelt es sich bei diesen 6 Religionen um komplexe, größtenteils schriftlich vermittelte, über Länder und Kontinente ausstrahlende transzendente Vorstellungssysteme. Obwohl deren Entstehung an die Existenz von entwickelten Zivilisationen gebunden scheint, d.h. mit dem Erreichen einer bestimmten historisch-gesellschaftlichen Evolutionsstufe in Zusammenhang gesehen werden müssen (nämlich Gesellschaftsformationen mit krasser sozialer Schichtung, zentraler Macht- und Ressourcenverfügung, hohem Grad der Arbeitsteilung, Sesshaftigkeit, Stadt-Land-Differenzierung), repräsentieren sie jedoch z. T. völlig differente Formen der Religiosität. Lediglich im Falle des Judentums, des Christentums und des Islams handelt es sich um monotheistische Buchreligionen, die in einer identischen Weltregion in einem überschaubaren Zeitraum gemeinsam entstanden sind und zwischen denen entscheidende, historisch bedeutsame Kontaktstellen noch heute vorhanden sind. Darüber hinaus sind sie alle von frühen, aber prägenden religiösen Einflüssen aus den benachbarten, ägyptischen, mesopotamischen, persischen und indischen Kulturräumen durchwirkt.

Diese wirkungsmächtigen religiösen Weltdeutungen enthalten jeweils unterschiedliche, aber auch durchaus vergleichbare Lösungsangebote für existenzielle menschliche Grunderfahrungen wie Identität, Leid, Tod, Schwäche, Unterdrückung und Ungerechtigkeit und im Hinblick auf die normativ-ethische Regelung des sozialen Lebenszusammenhangs. Hierbei bedeutet die Wirkungsmächtigkeit von religiösen Deutungsangeboten nicht nur, dass rein quantitativ gesehen Massen von Anhängern und Gläubigen entstehen, sondern dass – sicher auch damit zusammenhängend – transzendente Deutungssysteme eine besondere ideologische und institutionelle Macht erreicht haben, obschon ursprünglich nicht intendiert. . Gemeinsam ist diesen Religionen, dass sie Manifestationen einer eigendynamischen, transzendent-ideologischen Macht für mehr als zweitausend Jahre menschlicher Geschichte repräsentieren. Das Christentum, um das es hier ausschließlich geht, war und ist – auch heute noch - eine besondere Ausprägung von ideologischer, auf transzendenter Basis entstandener institutioneller Macht, wenn auch gesagt werden kann, dass dieser Einfluss in der westlichen Moderne nachgelassen oder zumindest einen Formwandel erfahren hat (z.B. die Subjektivierung der Religionserfahrung oder die Tendenz zur Zivilreligion).

Was hat aber nun dazu geführt, dass sich das Christentum herausbilden und auf solche beeindruckende Art und Weise verbreiten konnte. Mit dieser scheinbar einfachen Frage konfrontiert, wird einem jedoch sehr bald deren immense Komplexität deutlich, wenn man sich die Mühe macht, allzu naheliegende und einfache Deutungen zu vermeiden. Selbst wenn man sich der Vielzahl von relevanten Deutungs- und Erklärungsaspekten bewusst ist, erhebt sich ja die Frage, auf welcher Ebene und auf welche Weise man den Versuch einer explikativen Zusammenschau ansetzen sollte und wie sich bereits eingefädelte Interpretationswege weiterführen lassen. Ein plausibler Einstieg in diesen schwierigen Darstellungszusammenhang wäre es, die Ausgangskonstellationen, d.h. den allgemeinen kulturell-gesellschaftlichen, räumlich-politischen Kontext zu skizzieren, der vor der Entstehung des frühen Christentums gewissermaßen präexistent ist, in den die Menschen der Epoche, auch Jesus und seine Wanderprediger, gewissermaßen selbstverständlich hineingewachsen sind und entsprechend darin eingebunden und orientiert waren.

3. EPOCHALE KONTEXTBEDINGUNGEN

Von besonderer Bedeutung sind hier vor allem drei global-historische Rahmenbedingungen: Erstens der hellenistische Kulturraum als Produkt der Jahrhunderte währenden Hegemonie der griechischen Antike, zweitens das epochal-politische Römische Imperium der frühen Kaiserzeit und drittens die religiös-soziale Verfasstheit der damaligen jüdischen Gesellschaft und Kultur im palästinensischen Raum. Die beiden ersten globalen sozio-kulturellen Kontexte überformen und beeinflussen gleichzeitig die Vergesellschaftungsform des jüdischen Siedlungsgebietes. Umgekehrt könnte man sagen: Die jüdisch-palästinensische Vergesellschaftung findet ihren Bezugspunkt und reaktiven Fokus in den beiden anderen Globalkontexten.

Unter der hellenistischen Kultur, dem Hellenismus, wird üblicherweise eine historische Epoche der Antike verstanden, die zeitlich von Alexander dem Großen bis zur Spätphase der römischen Kaiserzeit reichte und räumlich-geografisch eine gewaltige Einflusszone umfasste, die von Nordafrika, Süd- und Osteuropa über den arabischen Raum bis in die persisch-asiatische Großregion reichte (vgl. GEHRKE 2008). Das grundlegende Merkmal dieser Epoche besteht darin, dass die expansive griechische Macht- und Kulturentfaltung einerseits den gesamten bezeichneten Raum durchdringt, gleichzeitig aber auch Einflüsse aus dem asiatisch-orientalischen Raum aufgreift. Dies bedeutet, dass in der Folge der antik-griechischen Machentfaltung ein einheitlicher, jedoch Diversität zulassender Kulturraum dadurch geschaffen wurde, dass überall die griechische Sprache, Philosophie, Wissenschaft und Literatur verbreitet und parallel dazu aber auch kulturelle, insbesondere religiöse und kultische Muster aus den orientalisch-arabischen-ägyptischen Regionen in der westlichen Sphäre der griechischen Einflusszone verbreitet wurden. So gesehen beinhaltet die hellenistische Periode der antik-griechischen Geschichte nicht mehr die Harmonie der Welt- und Gottesanschauung der klassischen Zeit. Vielmehr ist das klassisch-antike Weltbild mit der Vorstellung einer prästabilisierten Ordnung des Kosmos, in dem die Götter als Inbegriff und Maß von Schönheit, Sitte und Orientierung galten, in Auflösung begriffen. Charakteristisch ist die Betonung von unpersönlichen, der Reichweite des Menschen weitgehend entzogenen Schicksalsmächten, welche Elementarerfahrungen wie Leid, Tod und Trauer, Schmerz, Freude und Genuss in den Vordergrund rücken (vgl. MÖLLER 2004). In diesen kulturellen Erosionsprozess hinein entsteht eine „alte Unübersichtlichkeit“ von nebeneinander existierenden und sich wechselseitig beeinflussenden Weltbildern, Lebensphilosophien und Religionen, wie der Stoizismus, die Kyniker, die Epikuräer, die Peripathetiker , die Gnosis, die orientalischen Mysterienreligionen und asiatische Kulte, (z. B. Iris, Mithras, Serapis), sowie zahllose primitive religiöse Praktiken aus Dämonenglauben, Zauberwesen und astrologischen Deutungssystemen. Im Hinblick auf die Genese des frühen Christentums ist der Tatbestand von Bedeutung , dass Einflüsse aus nahezu allen der genannten kulturellen Offerten sich im Verlauf der Jahrhunderte dauernden Ausbuchstabierung der christlichen Offenbarungslehre mehr oder weniger eingeschrieben haben, im wesentlichen vermittelt über die in Kleinasien und Griechenland operierenden frühchristlichen Wanderprediger. Angesichts dieser Vielfalt von mehr oder weniger tolerierten Deutungsangeboten im späthellenistischen Kontext der römischen Kaiserzeit entsteht eine fraktionierte transzendentale Supermarkt-Kultur von heterogensten Deutungsmustern und Weltbildern, die MOELLER (2004) euphemistisch als ökumenische Tendenz des Hellenismus bezeichnet: Sie funktioniert jahrhundertelang als eine völkerumspannende kulturelle Klammer, deren kosmopolitische Grundhaltung zumindest eine historisch unglaubliche religiöse Differenzierung erträgt.

Zu diesen im Hellenismus von Seiten der Römer machtpolitisch tolerierten Deutungssystemen, gehört auch der zweite, für die Genese des Christentums sicherlich wichtigste kulturelle Kontext, das Judentum. Bei dem Judentum handelt es sich um eine ethnisch gebundene Religion, aus deren internen Differenzierungsprozessen, gewissermaßen als Spaltungsprodukt, sich das Christentum herauskristallisiert (vgl. GRAF/WIEGANDT 2008, MARKSCHIES 2005, MUSSNER 1999).

Das Judentum, als eine der ältesten monotheistischen Weltreligionen mit einer bereits zu Zeiten von Christi Geburt mehr als tausendjährigen Geschichte, nimmt zentrale Bestandteile des frühen Christentums vorweg. Es handelt sich um eine abrahamitische Offenbarungsreligion mit einem aktiv tätigen Schöpfergott, wobei der auf ihn bezogene Glaube mit einer messianischen Heilserwartung und einer strikten Gesetzesgläubigkeit verknüpft ist. Die Offenbarung wird über den Propheten (Moses) dem eigenen hebräischen Volk vermittelt, das hebräische Volk ist das von Gott ausgewählte Volk, an welches die Heilsbotschaft gerichtet ist. Das entscheidende strukturelle Merkmal der jüdischen Religion scheint nun darin zu liegen, dass es auch in der Epoche der hellenistischen Kultur in Bezug auf unterschiedliche Interpretationen und Glaubensrichtungen intern markant differenziert ist. Die Jesusbewegung und die frühen Christengemeinschaften repräsentieren zunächst lediglich eine weitere Variante unterschiedlicher und im palästinensischen Raum präexistenter Strömungen des Judentums wie die Pharisäer, die Sadduzäer, die Essener, die Zeloten, die Sikarier, die Qumran-Gemeinschafr und die Samaritaner, so dass in der historisch-theologischen Forschung davon ausgegangen wird, dass sich Jesus und seine Jünger als eine mit den übrigen Strömungen konkurrierende jüdische Glaubensreformbewegung begriffen haben müssen, was konkret bedeutet, dass sie gar nicht intendierten eine neue, als Christentum firmierende neue Religionsgemeinschaft zu schaffen (vgl. THEISSEN 1977). All diesen Strömungen ist vielmehr gemeinsam, dass sie mehr oder weniger radikal bzw. moderat als Juden in Opposition sowohl zur jüdisch-religiösen Orthodoxie als auch zur römischen Besatzungsherrschaft standen..

Die beiden spannenden Fragen, die sich aus diesen kulturellen Kontextbedingungen ergeben, bestehen darin: Wieso erwuchs angesichts der kulturellen Supermarkt-Situation des Hellenismus mit dem Christentum noch ein weiterer Wettbewerber mit dem Ziel der transzendenten Sinnstiftung und Weltdeutung ? Und wieso kam es dazu, dass ausgerechnet die frühchristliche Bewegung in dem Sinne erfolgreich war, dass sie sich zügig zu einer der geschichtsmächtigsten Institutionen aufschwingen konnte ?

Um die Beantwortung dieser Fragen etwas weiter zu bringen, muss neben den kulturellen Ausgangsbedingungen des Hellenismus und des Judentums als dritte epochale Kontextbedingung die globale politische Herrschaftsstruktur des Römischen Reiches berücksichtigt werden. Die hegemoniale Stellung der hellenistischen Kultur blieb seitens der römischen Herrschaft unangetastet, letztere fand darin selbst ihr Vorbild.

Zwischen dem römischen Imperium und der Entstehung bzw. der Ausbreitung des Frühchristentums besteht ein entscheidender, vielfältiger und schicksalshafter Zusammenhang, ohne den das Christentum nicht hätte entstehen können (vgl. MOELLER 2004). In der Epoche um Christi Geburt verfügt das Imperium Romanum über eine nie dagewesene Machtentfaltung und geografische Ausdehnung, im Jahre 63 v. C. erobern die übermächtigen Römer das historische Palästina gegen den Widerstand der Juden. Das Herrschaftsgebiet des hasmonäischen Königreichs wird zur tributpflichtigen Provinz des Römischen Imperiums. In der wechselhaften Geschichte des jüdischen Herrschaftsgebiets bis zu Christi Geburt agieren die Römer auch hier nach der bewährten Maxime divide et impera und kooperieren einerseits mit dem Herrschergeschlecht des Herodes als Statthalter und sind andererseits mit dem Widerstand bestimmter Gruppen der jüdischen Bevölkerung gegen die Besatzung konfrontiert. Es gibt kein anderes Volk im römischen Hegemoniebereich, das der Besetzung durch das Imperium einen vergleichbar energischen Widerstand entgegengesetzt hätte wie die Juden (vgl. STEGEMANN 2000).

In seiner berühmten soziologischen Untersuchung der Jesusbewegung weist THEISSEN auf einen Sachverhalt hin, der diese spezifische Widerstandsbereitschaft der Juden plausibilisiert: In seinem religiösen Selbstverständnis ist das jüdische Volk einerseits von Gott privilegiert, gleichzeitig jedoch der erniedrigenden und ohnmächtigen Erfahrung der Besetzung durch eine ihr überlegene Macht, der römischen, ausgesetzt und gerät hierdurch in eine schwere Identitätskrise, die sich u. a. darin äußert, dass sich das Judentum in verschiedene Strömungen ausdifferenziert, d.h. aufspaltet und radikalisiert – ein solches Spaltungsprodukt wird auch die von dem historischen Jesus geführte Bewegung sein. Auf der anderen Seite ist für die Römer die Beherrschung Palästinas unverzichtbar, weil sie die Kontrolle über einen geostrategisch äußerst bedeutsamen Knotenpunkt ermöglicht, ein Durchgangsraum zwischen den drei Kontinenten Afrika, Asien und Europa.

Die Etablierung des römischen Imperialismus in dem gesamten hellenistischen Lebensraum hat zwei nur scheinbar gegenläufige Konsequenzen. Auf der einen Seite ermöglicht die pax romana eine ausgeprägte Stabilisierung und Sicherheit der gesellschaftlichen, rechtlichen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse, die eine stärkere soziale und regional-geografische Mobilität ermöglichte, von der die Juden, aber später auch die Urchristen im Verlauf ihrer missionarischen Ausbreitung im südeuropäisch-vorderasiatschen Raum profitieren konnten. Andererseits sind aufgrund der römischen Herrschaft in allen Provinzen des Imperiums Intensivierungen von soziale Verwerfungen, Ungleichheiten und Ausbeutung virulent, die eine Zunahme von Aufständen, Protestbewegungen und revolutionären Tendenzen nach sich ziehen. Dies trifft vor allem für die Provinzen Judäa und Galiläa zu, in denen das Frühchristentum seine Wurzeln hat. Es kann ohnehin davon gesprochen werden, dass in mehrfacher Hinsicht eine besondere geschichtsträchtige Verkoppelung der römischen Herrschaftsstruktur mit dem Frühchristentum bestanden zu haben scheint. Ohne die später an entsprechender Stelle einzuführenden Begründungszusammenhänge vorwegnehmen zu wollen, kann hier bereits festgestellt werden, dass es gerade die Strukturmerkmale des Römischen Imperiums waren, die den Erfolg der christlichen Bewegung in entscheidender Weise befördert haben.

4.. Historische Ausgangssituation und Lebensverhältnisse in Palästina

Auf dem Hintergrund dieser Skizze makroskopischer, epochaler sozio-kultureller Rahmenbedingungen, kann jetzt auf einer weiteren Konkretionsstufe zusammengefasst werden, wie die für den in Frage stehenden Erklärungszusammenhang historischen (politischen, kulturellen, ökonomischen) Verhältnisse zu Lebzeiten Jesu in Palästina ausgesehen haben. Die hier zu benennenden Faktoren sollen dann dazu beitragen zu erklären, warum ausgerechnet in Palästina der Nährboden für nonkonforme millenaristisch-apokalyptische Vergemeinschaftungsformen entstanden ist, zu denen auch die Jesusbewegung zählte. Hierauf aufbauend können dann die besonderen Lebensverhältnisse der damaligen Bevölkerung (5) und speziell die Lebensumstände und Herkunft des historischen Jesus (Leben Jesu) (6) beschrieben werden. Damit wird der Interpretationszusammenhang auf die spezifische Erklärung des eigentlichen Gegenstandes, des Frühchristentums fokussiert.

In seinen Analysen der Entstehung der Jesusbewegung bzw. des Urchristentums untersucht THEISSEN (1977, 1979) die gesellschaftliche Ausgangskonstellation in Palästina in Form von vier Faktorengruppen, die für die Interpretation und Erklärung der Existenz millenaristisch-apokalyptischer Sozialformen im Allgemeinen und die Genese des Frühchristentums im Besonderen von Bedeutung sind:

(a) Die Besetzung Palästinas durch das römische Imperium bewirkt eine enorme Steigerung der Wirtschaftskraft und Produktivität, verbunden mit einer Veränderung der soziökonomischen Struktur des Landes. Auf der einen Seite hatte dies eine Aufstiegsmobilität bestimmter Gruppen zur Folge, z.B. bei den mit dem Herrschergeschlecht des Herodes verbundenen jüdischen Familien. Andererseits verschlechterten sich die sozialen Verhältnisse der kleinen Leute (Handwerker, Bauern). Die wirtschaftlichen Umwälzungen, die Entwicklung zur Sklavenhalterökonomie und die sich verstärkende Verstädterung Palästinas erodierten die traditionalen Normsysteme der jüdischen Bevölkerung, begünstigten Prozesse der sozialen Entwurzelung, auf die die Menschen vor allem in Judäa und Galiläa mit einer gesteigerten Sehnsucht nach geistig-transzendenter Erneuerung und Sinndeutung reagieren, zumal im Kontext der jüdischen Religion eschatologisch-apokalyptische Element kulturell bereits angelegt sind.
(b) Auch in Palästina wird durch die Anwesenheit der Römer und durch den hellenistischen Einfluß die Urbanisierung und damit eine neue Qualität des Stadt-Land-Gegensatzes gefördert, der eine Spannungstendenz zwischen den mehr oder weniger urbanisierten Regionen erzeugt, von der jeweils unterschiedliche, abgrenzbare Bevölkerungs- und Berufsgruppen betroffen waren. Die Veränderung der Siedlungsstruktur zugunsten der Städte bewirkt eine städtische Konzentration von Händlern, Handwerkern, Militär, religiösem und politisch-administrativem Personal und die Konzentration von Bauern, Hirten, Tagelöhnern, Fischern und Winzern auf dem Land. Es existiert eine Vielfalt von Stadtstrukturen, die dadurch zustande kommt, dass neben den römischen und hellenistischen Stadtgründungen auch ältere, traditionelle jüdische Städte bestehen, sowie kleinere jüdische Ortschaften und Dörfer. Die Siedlungsvielfalt wird zusätzlich durch besondere sozialräumlich-ökologische Gegebenheiten verstärkt, wie z.B. die landschaftliche Varietät von fruchtbaren landwirtschaftlichen Regionen, von unwegsamen Gebirgen und Wüsten, Flusstälern etc.. Wie THEISSEN darauf hinweist, sind interessanterweise die im palästinensischen Raum wirkenden Erneuerungsbewegungen solchen unterschiedlichen Raumstrukturen zugeordnet (vgl. KIPPENBERG 1982).
(c) Unter Berufung auf zahlreiche Schriften zur Geschichte Palästinas, des jüdischen Volkes und der jüdischen Königreiche im hellenistischen Kontext, kommt THEISSEN (1977) zu dem Ergebnis, dass die prägende soziopolitische Konstellation Palästinas zur Zeit der augustäischen Römerherrschaft in einer krisenhaften politischen Strukturspannung zu sehen ist. So bestanden mehrere Herrschaftsstrukturen nebeneinander, zwischen denen keine Balance hergestellt werden konnte. Es existieren die Herrschaftsstrukturen aufgrund der jüdisch-priesterlichen Aristokratie (Hohepriester), daneben Machtverhältnisse ausgehend von der Aristokratie der hellenistischen Monarchie (herodäische Klientelfürsten) und natürlich die Suprastruktur der Prokuratoren des Römischen Reichs. Machtkonflikte entstanden unter den einheimischen religiösen und politischen Aristokraten (Eliten), aber vor allem zwischen den einheimischen Eliten einerseits und den fremden Herrschaftsstrukturen des Imperiums und der hellenistischen Stadtrepubliken andererseits. Paradoxerweise schien auch die römische Zentralgewalt nicht an einer weiteren Stärkung ihrer Herrschaft interessiert gewesen zu sein, weil man befürchtete mit einer stärkeren Machtzentralisierung in den Provinzen unabhängige Machtzentren zu fördern, die dem Monopolanspruch Roms hätten gefährlich werden können. Die Versuche der herodäischen Königselite hier eine Balance zu finden blieben erfolglos, wodurch die jüdische Theokratie insgesamt nicht unbeschädigt blieb. Die daraus resultierende Krise der jüdischen Theokratie ist nach Auffassung von THEISSEN ein zentraler Impuls für die Entstehung und Intensivierung von radikaltheokratischen Bewegungen in Palästina, wovon die Anhängerschaft eines gewissen Jesus zunächst nur eine von vielen repräsentierte.

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Details

Titel
Die Entstehung des frühen Christentums - Zur Transformation einer lokalen millenaristischen Bewegung in eine globale kirchliche Institution
Autor
Jahr
2012
Seiten
52
Katalognummer
V199442
ISBN (eBook)
9783656260882
ISBN (Buch)
9783656261223
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jesusbewegung, Frühchristentum, kulturelle Diffusion, Wandercharismatiker, Hellenismus, römisches Imperium, Judentum, Kirchenentwicklung, frühchristliche Gemeinschaften, Leben Jesu, Deutungssysteme
Arbeit zitieren
Diplom-Soziologe, Dr. phil. Michael Seifert (Autor), 2012, Die Entstehung des frühen Christentums - Zur Transformation einer lokalen millenaristischen Bewegung in eine globale kirchliche Institution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199442

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