Es ist eine Frage mit der sich Menschen seit sie ihr Geist dazu befähigt auseinandersetzen und somit ein Grundproblem des menschlichen Daseins: Ist das Leben und dessen Verlauf vorherbestimmt oder geschieht alles durch Zufall? [...] David Mitchells Roman Ghostwritten lässt sich im Hinblick auf dieses Thema fruchtbar machen. Anhand der Ansichten der Philosophie und Psychologie soll untersucht werden, wie Ghostwritten mit Freiheit und Determination umgeht und ob David Mitchell eine Sichtweise durchscheinen lässt. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Problematisierung der Thematik Schicksal und Zufall – Freiheit und Determination
II. Freiheit und Determination in David Mitchells Ghostwritten
1. Philosophische Perspektive
1.1 Setzung von Schranken durch den Glauben (Okinawa)
1.2 Begrenzung der Freiheit durch die Gesellschaft (Clear Island)
2. Psychologische Perspektive
2.1 Sigmund Freuds Instanzenmodell und die determinierte menschliche Psyche (Hong Kong)
2.2 Fremdbestimmtheit, Fernsteuerung des Menschen durch übernatürliche Kräfte (Mongolia)
3. Schicksal oder Zufall? Fehlende Beweise des freien oder determinierten Handelns
3.1 Die Vielfalt des menschlichen Blickwinkels (London)
3.2 Verschiebung des Blickwinkels und Abhängigkeit der Perspektive (gesamter Roman)
III. Zusammenfassung
IV. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht das zentrale Spannungsfeld von Freiheit und Determination in David Mitchells Roman Ghostwritten. Ziel ist es, durch eine interdisziplinäre Analyse aus philosophischer und psychologischer Sicht zu ergründen, wie der Autor das Wechselspiel zwischen dem freien Willen des Individuums und externen bzw. internen Bestimmungsfaktoren darstellt.
- Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus (Kompatibilismus vs. Libertarismus)
- Die Rolle von Ideologien und gesellschaftlicher Synchronisation bei der Einschränkung menschlicher Freiheit
- Anwendung von Freuds Instanzenmodell auf die psychische Determiniertheit der Romanfiguren
- Einfluss von Fremdbestimmung und übernatürlichen Kräften auf das menschliche Handeln
- Die epistemologische Ungewissheit über das Verhältnis von Zufall und Schicksal
Auszug aus dem Buch
1.1 Setzung von Schranken durch den Glauben (Okinawa)
„Okinawa“, das erste Kapitel des Romans, versetzt den Leser in die Welt eines Sektenmitgliedes Namens Quasar. Dieser hat sein gesamtes Vermögen und seinen Besitz „His Serendipity“ und dessen Gemeinschaft überlassen. Neben der Abkehr vom Materialismus gibt er auch seine Familie und damit sein bisheriges Leben auf. In der Hingabe zu „His Serendipity“ keimt die Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Mitglieder bereiten sich auf die baldige Apokalypse vor, die die Welt von den „unclean“, also den Menschen, die nicht zur Sekte gehören, befreien wird. Die Sekte gibt vor, ihren Anhängern Freiheit zu schenken, aber im Grunde determiniert sie diese. Bei der Aufnahme Quasars wird von Schicksal gesprochen, denn „His Serendipity“ erklärt ihm: „[…] we both know that it was not luck which brought you here. Love brought you to us“6. Quasar gibt seine Willensfreiheit auf, indem er annimmt, dass er ein Schicksal hat und dieses von einer höheren Macht vorherbestimmt ist. Er befolgt die Aufträge, überzeugt von den Glaubenssätzen, die „His Serendipity“ verkündet. Neben der Willensfreiheit verliert er auch seine Handlungsfreiheit. Da er sein Geld und seinen Besitz abgegeben hat, lebt er in Abhängigkeit von der Sekte. Quasar ist darauf angewiesen, dass die Gemeinschaft ihm Geld schickt, wenn er es braucht.
Da die Sekte in der Öffentlichkeit in Verruf geraten ist und von der Polizei gesucht wird, flüchtet sich Quasar auf die Insel Okinawa. Dort diskutieren ein paar Insulaner über die aktuellen Vorfälle. Ein Fischer fragt sich: „Why did his followers want to give him their will?“7. Er lässt dadurch die Gedanken des Lesers zu Wort kommen. Auf Grund der autodiegetischen Erzählung dringt dieser in die Gedanken Quasars ein, allerdings fehlt der Moment der Identifikation. Selbst wenn der Leser sich mit dem Protagonisten identifizieren möchte, verwehrt Mitchell ihm dies durch die detailreiche Schilderung irrwitziger Gedanken des Protagonisten.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Problematisierung der Thematik Schicksal und Zufall – Freiheit und Determination: Diese Einleitung führt in das Grundproblem des menschlichen Daseins ein und erläutert die Relevanz der philosophischen Debatte über die Vereinbarkeit von Freiheit und Determination im Kontext des Romans.
II. Freiheit und Determination in David Mitchells Ghostwritten: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil und analysiert das Werk unter philosophischen und psychologischen Gesichtspunkten.
1. Philosophische Perspektive: Hier werden die theoretischen Ansätze des Kompatibilismus und Libertarismus vorgestellt und auf die Romanfiguren angewandt.
1.1 Setzung von Schranken durch den Glauben (Okinawa): Das Kapitel untersucht, wie religiöse Indoktrination die Willens- und Handlungsfreiheit des Charakters Quasar systematisch einschränkt.
1.2 Begrenzung der Freiheit durch die Gesellschaft (Clear Island): Hier wird beleuchtet, wie gesellschaftliche Zwänge und Sozialisation als Determinanten auftreten, selbst wenn das Individuum versucht, sich ihnen zu widersetzen.
2. Psychologische Perspektive: Dieser Abschnitt überträgt Sigmund Freuds psychoanalytische Theorie auf die Romanhandlung, um innere psychische Determinationsfaktoren zu identifizieren.
2.1 Sigmund Freuds Instanzenmodell und die determinierte menschliche Psyche (Hong Kong): Die Analyse zeigt anhand der Figur Neal Brose, wie das Zusammenspiel von Es, Ich und Über-Ich das Handeln des Einzelnen unbewusst steuern kann.
2.2 Fremdbestimmtheit, Fernsteuerung des Menschen durch übernatürliche Kräfte (Mongolia): Dieses Kapitel analysiert das Wesen „Noncorpus“ als Metapher für eine totale äußere Fernsteuerung, die die menschliche Freiheit vollständig negiert.
3. Schicksal oder Zufall? Fehlende Beweise des freien oder determinierten Handelns: Es wird erörtert, dass eine abschließende wissenschaftliche Beweisführung für oder wider die Freiheit unmöglich ist, da sie von der jeweiligen subjektiven Perspektive abhängt.
3.1 Die Vielfalt des menschlichen Blickwinkels (London): Dieses Kapitel stellt die gegensätzlichen Weltanschauungen der Figuren Marco und Tim Cavendish gegenüber, um die Relativität von Schicksal und Zufall zu verdeutlichen.
3.2 Verschiebung des Blickwinkels und Abhängigkeit der Perspektive (gesamter Roman): Diese Zusammenführung reflektiert die narrative Struktur des Romans als Spiegelbild für die menschliche Suche nach Sinn in einem vermeintlich determinierten Universum.
III. Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass die Entscheidung für Freiheit oder Schicksal ein individueller Akt bleibt, wobei Mitchell dem Leser die Deutungshoheit über den Roman überlässt.
IV. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur theoretischen Fundierung der Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Ghostwritten, David Mitchell, Willensfreiheit, Determinismus, Schicksal, Zufall, Philosophie, Psychologie, Sigmund Freud, Kompatibilismus, Libertarismus, Sozialisation, Instanzenmodell, Romananalyse, Determination
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das philosophische und psychologische Spannungsfeld zwischen Freiheit und Determination anhand der verschiedenen Episoden und Charaktere in David Mitchells Roman Ghostwritten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Willensfreiheit des Einzelnen, die determinierende Macht von Glaubenssystemen, gesellschaftliche Zwänge sowie psychoanalytische Modelle zur menschlichen Psyche.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Mitchell mit dem Vereinbarkeitsproblem von Freiheit und Determinismus umgeht und ob er eine bevorzugte Sichtweise innerhalb der verschiedenen Erzählstränge durchscheinen lässt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung philosophischer Diskurse (Kompatibilismus, Libertarismus) und psychologischer Theorien (insbesondere Freuds Instanzenmodell).
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen auf dem Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Analyse von Ideologien und gesellschaftlichen Zwängen sowie eine psychologische Untersuchung der inneren Triebsteuerung und externer Fremdbestimmung der Romanfiguren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Freiheit, Determination, Zufall, Schicksal, psychische Instanzen, Sozialisation und die narrativen Verknüpfungen des Romans.
Wie beeinflusst das Kapitel „Mongolia“ die These zur Fremdbestimmung?
Das Kapitel „Mongolia“ dient als Extrembeispiel für absolute Fremdbestimmung, da das Wesen „Noncorpus“ menschliche Körper als Wirte benutzt und deren Handlungsfreiheit auslöscht, was die Zerbrechlichkeit des menschlichen Geistes unterstreicht.
Welche Rolle spielt die „Stimme“ in der Analyse des Kapitels „Hong Kong“?
Die Stimme, die den Charakter Neal Brose begleitet, wird als Manifestation des Über-Ichs interpretiert, welches den Protagonisten reguliert und maßregelt, was letztlich zum psychischen Scheitern der Figur beiträgt.
- Quote paper
- Natascha Alexandra Hass (Author), 2012, Zufall oder Schicksal – Freiheit oder Determination?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199525