"Micromégas" und "Candide" oder von der Lehre des Relativismus

Ein Vergleich


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Voltaire und der „conte philosophique“

B) Ein Vergleich der philosophischen Werke „Micromégas“ und „Candide“
1. Vergleich der Helden
1.1 Der weise Micromégas
1.2 Der naive Candide
1.3 Die Wirkungsweise der Charaktere
2. Ein Bruch mit der Leibnizschen Theodizee
2.1 Relativierung durch Micromégas
2.2 Gegenargumente in Form der Figur des Candide
2.3 „Micromégas“ und „Candide“ als Entwurf gegen die „beste aller möglichen Welten“
3. Die Unfähigkeit des Individuums zur Glückseligkeit
3.1 Die Abstufung von Micromégas bis zum Erdbewohner
3.2 Das Eldorado in „Candide“
3.3 Worin liegt nach Voltaire das Glück – „Il faut cultiver notre jardin“

C) Ausblick

Literaturverzeichnis

A) Voltaire und der „conte philosophique“

Le genre du conte philosophique date du XVIIIe siècle. Il s’agit d’un récit fictif, court et plaisant, qui emprunte des traits aux contes et romans traditionnels, en y joignant les problématiques sérieuses de la philosophie. Cette alliance en apparence contre nature en fit une arme efficace dans l’engagement de Voltaire les injustices[1].

So führt Marie-Hélène Domestein „Le conte philosophique voltairien“ ein. Tatsächlich ordnete Voltaire seine Erzählungen selbst nie demRoman zu, er nannte sie vielmehr nouvelle, histoire oder aventure[2], auch wollte er nicht in die übliche Unterhaltungsliteratur eingereiht werden. Die Einordnung seiner Werke in den conte philosophique erscheint als „einzigartige Symbiose“[3]. Ein conte zeichnet sich durch seinen märchenhaft-unrealistischen oder gar exotischen Charakter aus[4]. Es bietet die Möglichkeit aufklärerisch explosives Material geschickt zu verpacken und somit der Zensur zu entgehen, dennoch nicht auf den Unterhaltungswert zu verzichten.Voltaire erreicht eine philosophische Darbietung in amüsanter Form. Seine Erzählungen regen den Leser zum Nachdenken an, indem sie Fragen aufwerfen, provozieren oderdie eigentliche Aussage unausgesprochen bleibt:

[Die Erzählungen; N.H.] richten sich überwiegend gegen globale und dogmatische Welterklärungsversuche, gegen die Machtstellung und den politischen Einfluss des Klerus und Missstände des Ancien Régime – sinnlose Kriegsführung, Willkür der Rechtsprechung, Kriecherei und Neidertum der Hofgesellschaft[5].

Jürgen von Stackelberg betont auch: „Das Attribut ‚philosophique‘kennzeichnet nicht nur deren ideellen Charakter, sondern auch deren Aufbau und Führung. [Es; N.H.] wären schlechte Kunstwerke, wenn sie aus den zwei Teilen Roman und Aufklärungsgedanken so zusammengesetzt wären, daß man das eine von dem anderen beliebig trennen könnte“[6].

Voltaire war gegen Mitte des 18. Jahrhunderts ein gemäßigter Optimist, er glaubte an den Fortschritt der Wissenschaft und Technik und seiner Ansicht nach war die Welt im Wesentlichen annehmbar, denn es könnte schließlich noch schlechter sein[7]. Doch das schwere Erdbeben von Lissabon und der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges„[…] führte[n; N.H.] zu der ‚Krise des Optimismus‘, dessen Ausdruck der Candide ist“[8].Im Folgenden soll auf die beiden Erzählungen „Micromégas“ und „Candide“ genauer eingegangen werden, insbesondere werden die beiden Helden gegenübergestellt. Die Kritik an der Theodizee Leibniz, die im „Candide“ ad absurdum geführt wird, soll auch in Voltaires „Micromégas“ beleuchtet werden. Des Weiteren sollen die utopischen Orte der beiden Erzählungen untersucht und über die mögliche Unfähigkeit des Individuums zur Glückseligkeit nachgedacht werden. Als Ausblicksoll Voltaires Intention anklingen.

B) Ein Vergleich der philosophischen Werke „Micromégas“ und „Candide“

1. Vergleich der Helden

1.1 Der weise Micromégas

Bereits zu Beginn der beiden Werke ist die Gegensätzlichkeit der Protagonisten erkennbar, denn die Einführung der Helden könnte nicht unterschiedlicher sein. Micromégas, ein Bewohner des Planeten Sirius, wird sowohl im Hinblick auf die Intelligenz als großartig dargestellt, denn er ist „[…] un jeune homme de beaucoup d’esprit […] [et; N.H.] il s’appelait Micromégas, nom qui convient fort à tous les grands“[9] als auch die Körpergröße betreffend, da er „[…] avait huit lieues de haut“[10]. Außerdem besitzt er weit mehr Sinne als der Erdenbewohner und wird um ein vielfaches älter. Micromégas wird von einem homodiegetischen Erzähler eingeführt, der sich selbst nicht vorstellt, stattdessen über das Wunderbare als selbstverständlich berichtet. Weiter wird erzählt, dass er als Kind mit kaum 250 Jahren an einem Jesuitenkollegium Blaise Pascal in der Intelligenz bereits übertraf. Somit wird der „Kontrast ‚gewöhnlich-wunderbar‘ weiter entwickelt. Der räumlichen Relation entspricht offenbar auch eine zeitliche: man ist mit 250 Jahren auf dem Sirius noch ein Schüler. Die Jesuiten und Pascal dagegen wären auf das Konto ‚alles wie bei uns Zuhause‘ zu buchen […]“[11].

Obwohl es scheint, als müssten sich die Bewohner des Planeten Sirius auf Grund ihrer idealen Voraussetzungen glücklich schätzen, verlässt Micromégas seinen Heimatstern. Das Buch, das er über die Verwandtschaft von Schnecken und Flöhen geschrieben hat, unterliegt der Zensur und er wird der Ketzerei beschuldigt. Er verlässt verärgert den vermeintlich utopischen Ort und reist durch das Weltall, „pour achever de se former l’esprit et le cœur […]“[12].Das Reisemotiv des Micromégas ist, typisch für die Zeit der Aufklärung, die Wissenserweiterung. Die Reise des Micromégas führt ihn auf den Saturn, auf welchem er einem Saturnier begegnet. Das Zusammentreffen mit dem Bewohner des Saturn unterstreicht die bereits erwähnte Weisheit und Besonnenheit des Siriusbewohners, denn obwohl

[…] il fût à voir des choses nouvelles, il ne put d’abord, en voyant la petitesse du globe et de ses habitants, se défendre de ce sourire de supériorité qui échappe quelquefois aux plus sages. […] Mais, comme le Sirien avait un bon esprit, il comprit bien vite qu’un être pensant peut fort bien n’être pas ridicule pour n’avoir que six mille pieds de haut[13].

Dies wird bei dem Besuch des Siriusbewohners und des Saturnbewohners auf der Erde wiederholt, als der Saturnier nach gründlichem Abtasten der Erdoberfläche schließt, „[…] qu’il n’y avait personne sur la terre“[14], weil er weder einen Bewohner gefühlt noch gesehen hat. Micromégas legt ihm nahe keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, indem er ihm ein Gegenbeispiel empirischer Grundlage liefert: „Car, disait-il, vous ne voyez pas avec vos petits yeux certaines étoiles de la cinquantième grandeur que j’aperçois très distinctement; concluez-vous de là que ces étoiles n’existent pas?“[15].Nachdem Micromégas dem Leser als bedachte Figur vorgestellt wird und somit sein Vertrauen gewonnen, lässt Voltaire auch Micromégas falsche Schlüsse ziehen. Die Reisenden nehmen an, dass die Bewohner der Erde keinen Geist und keine Seele haben, da sie so klein sind. Doch werden sie eines besseren belehrt, als sie durch ihre Vergrößerungsgläser ein Schiff mit Naturforschern entdecken, die im Bereich der Mathematik und Physik ausgezeichnete Fähigkeiten besitzen und die beiden Außerirdischen somit in Staunen versetzt. Doch als die Frage nach der Seele des Menschen aufkommt, finden die Erdbewohner keine vollkommene Antwort, da jeder eine andere Vorstellung vertritt.Es zeigt sich, dass Intelligenz nicht von der Größe eines Wesens abhängt. Voltaire führt vor, dass selbst die Intelligentesten Wesen irren, wenn es um die Metaphysik geht, da nur die empirische Forschung Nutzen bringt[16].Er betrachtet durch Micromégas die Rasse der Menschen aus einem unverdorbenen Blick. Die Erzählung zeigt, dass alles sehr relativ ist und „[…] spielt [somit; N.H.] auf die Lehre des Relativismus an, die sich aus der Konfrontation von Groß und Klein ergibt […]“[17].Voltaire greift hier auf John Locke zurück, der der Meinung war, „daß man nur einen Sternbewohner auf die Erde versetzt zu denken brauche, um sich die Relativität aller unserer Vorstellungen klar zu machen“[18]. Auch der „unvoreingenommene Betrachter, […] der Mann mit dem naiven Blick“[19] geht auf Locke zurück, für den der Geist tabula rasa ist und alles erst durch Erfahrung erworben wird[20]. An dieser Stelle entsteht ein Verknüpfungspunkt zu Voltaires Candide.

1.2 Der naive Candide

In Kontrast zu dem weisen Micromégas steht der naive Candide. Dieser wird als unschuldig und leichtgläubig eingeführt, bereits der Name ist selbstredend, da das Adjektiv „candide“ übersetzt „arglos, unbedarft“bedeutet. Seine äußere Erscheinung wird mit seinem Wesen gleichgesetzt:“Sa physionomie annonçait son âme. Il avait le jugement assez droit, avec l’esprit le plus simple; c’est, je crois, pour cette raison qu’on le nommait Candide“[21].Auch hier führt ein homodiegetischer Erzähler in die Handlung ein, über den der Leser nichts erfährt. Des Weiteren wird Candide als “le petit Candide”[22] beschrieben, womit seine Naivität bildlich dargestellt wird und den Gegensatz zu dem großenMicromégas,vor dem inneren Auge des Lesers, verdeutlicht. Neben der Naivität und Unschuld des Helden, spielt auch die Beeinflussbarkeit eine wichtige Rolle. Er glaubt den Worten des Hausphilosophen Pangloss, ohne seine Theorie von der „besten aller möglichen Welten“ zu hinterfragen. Der erste Bruch mit dieser Theorie und seiner Leichtgläubigkeit ist die Vertreibung Candides aus dem schönsten aller möglichen Schlösser, auf Grund der Liebschaft mit der Tochter des Barons. Das Verlassen des paradiesischen Ortes bedeutet für Candide, vor allem auf Grund seiner Naivität, viel Leid. Candide selbst bezeichnet das Schloss als „paradis terrestre“[23], womit man an dieser Stelledie Vertreibung aus dem Paradies assoziierenkönnte. Ab sofortwiederfährt Candide das Übel der Welt, er muss mit ansehen wie die guten Menschen sterben und die schlechten überleben. Somit fängt er an die Theorie der „besten aller möglichen Welten“ zu hinterfragen:

Si c’est ici le meilleur des mondes possibles, que sont donc les autres? Passe encore si je n’étais que fessé, je l’ai été chez les Bulgares; mais, ô mon cher Pangloss! le plus grand des philosophes, faut-il vous avoir vu pendre, sans que je sache pourquoi! ô mon cher anabaptiste! le meilleur des hommes, faut-il vous ayez été noyé dans le port! ô mademoiselle Cunégonde! la perle des filles, faut-il qu’on vous ait fendu le ventre[24] !

[...]


[1] Marie-HélèneDumeste, Le conte philosophique voltairien (Paris: Hatier, 1995) S. 12.

[2] Inga Grebe, Liebe und Aufklärung bei Voltaire (Berlin: dissertation.de – Verlag im Internet GmbH, 2006) S. 105.

[3] Ebd., S. 105.

[4] Cerstin Bauer-Funke, Die französische Aufklärung: Literatur, Gesellschaft und Kultur des 18. Jahrhunderts (Stuttgart: Klett, 1998), S. 53.

[5] Ebd., S. 107.

[6] Jürgen von Stackelberg, Von Rabelais bis Voltaire: Zur Geschichte des französischen Romans (München: C.H. Beck, 1970) S. 343.

[7] Jürgen von Stackelberg, Wir müssen unseren Garten bebauen: Candide als Experimentalroman und andere Voltaire-Studien (Berlin: Verlag Walter Frey, 2010) S. 23f.

[8] Stackelberg, Wir müssen unseren Garten bebauen, S. 24.

[9] Voltaire, Micromégas, L’Ingénu (Malesherbes: Éditions Gallimard, 2002) S. 15.

[10] Ebd., S. 15.

[11] Stackelberg, Von Rabelais bis Voltaire, S. 340.

[12] Voltaire, Micromégas, S. 17.

[13] Ebd., S. 18.

[14] Ebd., S. 26.

[15] Ebd., S. 26.

[16] Stackelberg, Von Rabelais bis Voltaire, S. 341.

[17] Stackelberg, Von Rabelais bis Voltaire, S. 338.

[18] Ebd., S. 342.

[19] Ebd., S. 343.

[20] Reiner Ruffing, Einführung in die Geschichte der Philosophie (Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2004) S. 155-160.

[21] Voltaire, Candide oul’optimisme (Stuttgart: Ernst Klett Sprachen, 1993) S. 19.

[22] Ebd., S. 20.

[23] Ebd., S. 24.

[24] Voltaire, Candide, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Micromégas" und "Candide" oder von der Lehre des Relativismus
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Le siècle des Lumières
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V199530
ISBN (eBook)
9783656258476
ISBN (Buch)
9783656259015
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Voltaire, Aufklärung, Candide, Micromégas, Mikromegas, Theodizee
Arbeit zitieren
Natascha Alexandra Hass (Autor), 2011, "Micromégas" und "Candide" oder von der Lehre des Relativismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199530

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