Vom Wort zum Wörterbuch. Die Entstehung eines Wörterbuchartikels


Essay, 2010

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Wörterbücher gehören für viele zum Alltag. Sie werden sowohl im Job, als auch an Schulen und Universitäten gebraucht und gehören zu einer gut ausgestatteten Heim-Bibliothek. Jeder kennt Wörterbücher und der Umgang mit dieser Art von Nachschlagewerken wird sogar an Schulen gelehrt. Und so haben die meisten eines im eigenen Bücherregal. Wie selbstverständlich ziehen wir unser Wörterbuch zu Rate, wenn wir nicht wissen, wie ein Wort geschrieben wird oder was es bedeutet. Der Umgang mit einem solchen Nachschlagewerk ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Weniger selbstverständlich ist allerdings die Frage danach, wie ein Wörterbuch überhaupt entsteht, wie viel Arbeit wirklich darin steckt und wie ein entsprechender Artikel im Wörterbuch generell aufgebaut ist. Auch die Struktur ist den meisten unbekannt. Das alles zählt zu den Aufgaben der Lexikographie und die vorliegende Arbeit soll genau das thematisieren, nämlich den Weg vom Wort ins Wörterbuch.

Die Lexikographie hat generell die Aufgabe des Abfassens von Sprach- und Wörterbüchern. Dabei verfolgt sie allerdings unterschiedliche Zielsetzungen. Grundsätzlich dient sie aber der Förderung verschiedener Bereiche. Dazu gehört die Förderung der individuellen Sprachentwicklung, des exakten Sprachgebrauchs, der Stilsicherheit oder der Sprache von Nicht-Muttersprachlern. Zudem verfolgt die Arbeit der Lexikographie die Förderung der Sprachkultur und der Verständigung zwischen Experten und Laien. Früher diente sie außerdem der Sprachreinheit und des Nationalbewusstseins. Lexikographen versuchen, lexikalisches Wissen zunächst zu erschließen und es anschließend zu dokumentieren. Unbedingt erforderlich ist dazu ein gewisses Maß an Metawissen über die Sprache, andernfalls können lexikalische Sachverhalte nicht erkannt, eingeordnet und interpretiert werden. Für die Gestaltung des jeweiligen Informationsprofils gelten inhaltliche und methodische Grundlagen der einzelnen Bezugsdisziplinen, Erkenntnis- bzw. Bezugsinteressen und natürlich ebenso Erfahrungen aus der Wörterbuch-Praxis. In der Verlagslexikographie (Bsp.: Duden) spielen zudem sicherlich auch kommerzielle Überlegungen eine Rolle. Unterschieden wird ferner noch zwischen präskriptiven und deskriptiven Zielsetzungen. Während die präskriptiven Zielsetzungen das Sprachverhalten eines Rezipienten beeinflussen sollen, sollen bei der deskriptiven eher die Eigenschaften der Sprache in ihren gebrauchsüblichen Merkmalen beschrieben werden. Die Produkte der Lexikographie sind traditionell in Buchform gedruckt, mittlerweile gibt es aber auch zahlreiche digitale Nachschlagewerke.[1]

Zunächst einmal ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es nicht nur eine Art von Wörterbuch gibt. Im Gegenteil, es gibt Unmengen an verschiedenen Wörterbucharten. Allein der Duden führt aktuell ganze 12 unterschiedliche Variationen an entsprechenden Nachschlagewerken. Dazu gehören zum Beispiel Duden zur deutschen Rechtschreibung, ein Grammatikwörterbuch, ein Fremdwörterbuch oder ein Nachschlagewerk zur Aussprache. Doch auch wenn die Dudenbände einen gewissen Allmachtsanspruch erheben, und sie werden tatsächlich von den meisten gekauft, gibt es neben den vielen verschiedenen Dudennachschlagewerken auch noch andere Verlage. Zu nennen seien hier nur die Beispiele Wahrig und Langenscheidt, doch selbstverständlich gibt es noch einige andere, die allerdings nicht durch einen bekannten Namen bestechen, sondern vielmehr unter eher unbekannten Verlagen erschienen sind. Dessen sind sich allerdings die Wenigsten bewusst. Viele gehen stattdessen vielmehr von einer Art Universalwörterbuch aus. Dabei ist es sinnvoll, sich gerade der großen Wörterbuchvielfalt bewusst zu sein, immerhin werden in verschiedenen Situationen in der Regel auch bestimmte Nachschlagewerke gefordert. Nicht immer will man nur wissen, wie ein bestimmtes Wort beschrieben wird. Da das Deutsche eine plurizentrische Sprache ist, die Sprache demnach also in mehreren Nationen verwendet wird und verschiedene Standardvarietäten entwickelt hat[2], stößt man in Österreich oder der Schweiz durchaus auf Verständnisschwierigkeiten. Diese lassen sich entweder durch ein entsprechendes Wörterbuch des Landes lösen oder durch das Variantenwörterbuch des Deutschen. Oft sucht man aber beispielsweise auch nach Synonymen, die man in einem so genannten Synonym-Wörterbuch finden kann. Oder man sucht nach einer bestimmten Redewendung, die in einem Werk über entsprechende Ausdrücke nachzuschlagen ist. Nicht zu vergessen sämtliche fachspezifische Wörterbücher der Medizin, Jurisdiktion, etc. Oder Fachwörterbücher zum Thema Botanik oder Zoologie. Diese Liste ließe sich sicherlich fast endlos weiterführen, aber alle Wörterbücher aufzuführen, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Dennoch war es wichtig, deutlich zu machen, dass es Unmengen an verschiedenen Wörterbuchtypen gibt.

Ein Wörterbuch ist eine Sammlung lexikalischer Einheiten, denen erklärende Informationen zugeordnet sind. Das jeweilige Lexem wird durch das zugehörige Stichwort, beziehungsweise Lemma repräsentiert. Da es sich bei Wörterbüchern um Nachschlagewerke handelt, muss ihnen auch ein geregeltes Ordnungssystem zugrunde liegen, dessen Kenntnis es dem Nutzer möglich macht, einzelne Lemmata gezielt zu suchen und vor allem zu finden. Dazu ist es unbedingt erforderlich, sich vorher Gedanken über die Art und Weise zu machen. Denn das Verfassen eines Wörterbuches ist eine immens wichtige Arbeit und setzt daher eine gute Organisation und Vorbereitung voraus. So gilt die erste Frage den Rezipienten. Für wen soll also ein Nachlagewerk entstehen? Immerhin gibt es beispielsweise Duden für Schüler. Dazu kommen viele fachspezifische Werke, wie bereits zuvor erwähnt. Für die Arbeit an einem Wörterbuch sind aber die Belege von ebenso wichtiger Bedeutung. Das gilt sowohl für die Anzahl entsprechender Beweise als selbstverständlich auch für die Qualität. Nur mit Belegen für die jeweiligen Begriffe lässt sich die Existenz eines Begriffes überhaupt beweisen. Und nur mit Belegen kann die Bedeutung eines Begriffes erklärt und versinnbildlicht werden. In seinem Buch „ Lexikologie und Lexikographie. Eine Einführung am Beispiel deutscher Wörterbücher “ definiert Michael Schlaefer den Begriff des Beleges wie folgt: „Ein Beleg bietet ein bestimmtes Wortv einer Quellenangabe und einem Stellennachweis […]“[3]

Wenn nun also die Entscheidung gefallen ist, welche Art von Wörterbuch entstehen und an welche Zielgruppe es sich richten soll, wird zunächst die Makrostruktur und damit die Reihenfolge festgelegt, in der die Artikel aufgelistet werden sollen. So kann die Lemmareihe glattalphabetisch angeordnet sein, was wohl auch die bekannteste oder am meisten verbreitete Form ist. Sie sähe dann wie folgt aus:

Flöte,

flöten,

Flötenbläser,

flötengehen,

Flötenkonzert[4]

Des Weiteren kann die Anordnung aber auch nischenalphabetisch sein. Hier werden zu jedem Lemma passend entsprechende Begriffe aufgeführt, die in einer Weise zur selben Gruppe gehören. In einem Wörterbuch mit einer solchen Struktur sähe das so aus:

Flöte,

flöten, Flötenbläser,

flötengehen,

Flotieren,

Flötist,

flott,

Flott, flottbekommen,

Flotte, …[5]

Eine weitere Möglichkeit ist die der nestalphabetischen Lemmareihe. Diese Form ist sicherlich am wenigsten bekannt, denn sie scheint weniger übersichtlich zu sein als die bekannten Strukturen. Dies ist sicherlich eine Übungssache, aber durchgesetzt hat sich wohl zu Recht die Form der glattalphabetischen Ordnung. Dennoch soll die Struktur der nestalphabetischen Anordnung auch noch beispielhaft angeführt werden:

Erlibacher

erlibacheren

Orleander >

Orlen…[6]

Viel wichtiger erscheint aber das Festlegen der so genannten Mikrostruktur. Sie regelt die systematische Gliederung der Artikel. Welche Infos werden gegeben und in welcher Reihenfolge treten sie auf? Stehen sie im Fettdruck oder kursiv, wie ist also die Typographie? Fest steht: Jedes Wörterbuch braucht eine individuelle Mikrostruktur. Sie kann im Prinzip als eine Art Gesetz gesehen werden, an das sich die Lexikographen strikt halten müssen. Diese Struktur kann allerdings aus zwei verschiedenen Winkeln betrachtet werden, wenn man den Aussagen des Linguisten Michael Schlaefer Glauben schenkt. Ausgehend von der Textebene lässt sich ihm zufolge sagen, dass sie alle in der Artikeloberfläche enthaltenen Funktionen und Merkmale, wie beispielsweise die wichtigsten Bestandteile der Typographie, Interpunktion oder der Klammersetzungen, enthält. Unter dem Aspekt der Wissensstruktur kann man die Mikrostruktur eher als organisierte Abfolge verschiedener Informationselemente definieren. Hierbei bleiben dann aber die Merkmale der Textoberfläche unberücksichtigt. Weiterhin weist Schlaefer auf eine Zweigliedrigkeit im Hauptteil der Mikrostruktur hin. Laut Schlaefer bildet das Lemma die erste Konstituente und die nachfolgenden Beschreibungen des Lemmas entsprechend die zweite Konstituente. Schlaefer definiert diese beiden Kernteile zum einen als Lemmakonstituente, der andere Teil ist die Beschreibungskonstituente. Demnach besteht die Lemmakonstituente hauptsächlich aus Angaben zur Silbenstruktur und Intonation. Außerdem vorhanden sind hier die orthographische Normalform des Nominativs Singular. In der Beschreibungsebene dagegen findet sich erneut eine Unterteilung, dieses Mal in Formteil und Bedeutungsteil. Während der Formteil Angaben zu Genus und Plural angibt, zeigt der Bedeutungsteil vielmehr zwei Bedeutungsangaben. Dazu gehören zum einen Symptomwertangaben, also im Grunde vor allem stilistische und zeitlich Angaben, zum anderen aber auch Verwendungsbeispiele. Insbesondere der Teil der Symptomwertangabe bzw. deren Existenz wird in den verschiedenen Artikeln nur ersichtlich, wenn diese Stelle auch explizit gefüllt werden kann oder muss. Ansonsten bleibt sie aus Platzgründen schlichtweg leer und für den Leser ist die vorhandene Position dann nicht erkennbar.[7] Auch im Hauptseminar „Nationale Varianten in der Lexikographie“ wurde eine solche Mikrostruktur festgelegt, nach der dann verschiedene Artikel verfasst werden sollten. Die Kursteilnehmer hatten sich nach der Sitzung auf folgende Regeln festgelegt:

Lẹm|ma, best. Artikel; -Gen. Sg., Nom. Pl. [A/CH/D] (Symptomwertangabe): 1. (Symptomwertangabe) Bedeutung; Beleg (Quelle) -> Variante [A/CH/D]. 2. (wie unter 1.)

Der Kurs war mit diesen formalen Regeln zufrieden und zudem der Ansicht, jeden Fall abgedeckt zu haben, so dass beim eigentlichen Verfassen der Artikel keine Schwierigkeiten hätten auftreten dürften. Dass dem allerdings nicht so war, stellte sich relativ schnell bei der praktischen Wörterbucharbeit heraus und so gab es einige Kritikpunkte.

Bei Substantiven ohne Varianten aus den anderen Zentren traten zunächst keine Komplikationen bei der Abfassung der Artikel auf. Für diesen Fall scheint es also ersichtlich, dass die konzipierte Mikrostruktur durchaus geeignet war. Schwieriger wurde die Arbeit bei vorhandenen Varianten, denn für diesen Fall waren einige Aspekte zuvor nicht bedacht worden. Die Schwierigkeiten erstreckten sich von Kleinigkeiten bis hin zu größeren Problemen beim Verfassen der Wörterbuchartikel. Weniger problematisch war beispielsweise die Tatsache, dass die Kommasetzung bei auftretenden Varianten nicht geregelt war. Sollten also die Varianten durch Kommata getrennt werden oder nicht? Oder sollten sie lieber durch Punkte getrennt werden? In den verschiedenen Gruppen entwickelten sich automatisch auch verschiedene Versionen:

Klẹmp|ner, der; -s, -, [D]: Handwerker, der Metall verarbeitet; Ist die Heizung kaputt, dann muss der Klempner kommen (sueddeutsche.de, 15.01.2010) -> Spengler [A/CH/D-südost], Blechner [D-südwest], Flaschner [D-südwest]

Hier wurde demnach durch Kommata getrennt, aber auch die Trennung durch ein Semikolon wurde im Kurs verwendet, wie das folgende Beispiel deutlich zeigt:

[...]


[1] Schlaefer, Michael : Lexikologie und Lexikographie. Kapitel 3.1.1 und 3.1.2. Berlin, 2002

[2] Kellermeier-Rehbein, Birte: Nationale Varietäten – Eine Einführung [In Vorbereitung]

[3] Schlaefer, Michael: Lexikologie und Lexikographie. Eine Einführung am Beispiel deutscher Wörterbücher. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S. 95

[4] Ebenda, S. 89

[5] Ebenda

[6] Ebenda

[7] Schlaefer, Michael: Lexikologie und Lexikographie. Eine Einführung am Beispiel deutscher Wörterbücher. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S. 85f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Vom Wort zum Wörterbuch. Die Entstehung eines Wörterbuchartikels
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Nationale Varianten in der Lexikographie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V199537
ISBN (eBook)
9783668322776
ISBN (Buch)
9783668322783
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Wörterbuch, Lexikographie, Wort, Varianten
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Lisa Nohl (Autor), 2010, Vom Wort zum Wörterbuch. Die Entstehung eines Wörterbuchartikels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199537

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