Die Geheimidentität der Superhelden


Hausarbeit, 2010
20 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1.) Einleitung - Von der Notwendigkeit der Geheimidentität

2.) Das Kostüm

3.) Die Maske

4.) Zwei Identitäten kollidieren

5.) Verlust der Geheimidentität

6.) Fazit

7.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung - Von der Notwendigkeit der Geheimidentität

Gibt es ein gemeinsames Merkmal, das so gut wie alle uns bekannten Superhelden miteinander verbindet, so ist es, neben den obligatorischen Superkräften und den ebenso unvermeidlichen bunten „Strumpfhosen“, die Geheimidentität.

Doch wer, oder was, genau verbirgt sich eigentlich hinter den Masken von Spider-Man, Batman und Superman? Ist es die „wahre“ Identität der kostümierten Weltenretter, oder doch nicht viel mehr als der verzweifelte, und oftmals zum Scheitern verurteilte, Versuch, am gesellschaftlichen Leben der „normalen“ Menschen teilzuhaben?[1]

Legen wir dem Begriff der Identität die Definition zugrunde, dass die Identität eine Beschreibung dessen ist, wer Jemand sei, kommen wir dem Kernproblem der Superheldenidentität schon ziemlich nahe. Erweitern wir diesen Begriff noch um die soziale Verortung des Individuums in der Gesellschaft, und beziehen die wechselseitige Beeinflussung dieser beiden Bereiche mit ein, wird offensichtlich, wie komplex die Identitätsbildung für eine Person mit Doppelleben ist.[2]

Bereits der Urvater aller Superhelden, Superman, erkannte die Notwendigkeit einer Geheimidentität. Allerdings ergibt sich schon aus der Herkunft des Kryptoniers ein Identitätskuriosum, denn streng genommen ist Superman kein Mensch, sondern ein Außerirdischer vom Planeten Krypton. Ein Außerirdischer, der die menschliche Tarnhülle des biederen Clark Kent annimmt, um seine übermenschlichen Kräfte zu verschleiern und sich unentdeckt unter den Menschen bewegen zu können.[3]

Somit ist also nicht Clark Kent die ursprüngliche Identität des fliegenden Capeträgers. Doch auch das Personenkonstrukt, das uns als Superman bekannt ist, kann nicht die Rolle eines „Ursprungscharakters“ ausfüllen. Vielmehr handelt es sich bei der Figur Superman um ein Persönlichkeitstripel, bestehend aus dem Superhelden Superman, dessen menschlicher Manifestation Clark Kent, sowie der natürlichen Erscheinungsform des Stählernen, der auf dem Planeten Krypton als Kal-El geboren wurde.

Wer also ist nun „Superman“? Oder sind diese drei, in ihren Verhaltensweisen und Fähigkeiten doch ziemlich unterschiedlichen, Einzelpersonen nur in Symbiose miteinander dazu in der Lage zu existieren? Kann es also nur dann einen Clark Kent geben, wenn es auch einen Superman gibt? Wie fügt sich die genuine, „verdrängte Identität“ Kal-El’s in dieses Konstrukt ein? Und vor allem: Wen glaubt Superman mit seiner „Verkleidung“ als Clark Kent täuschen zu können? Schließlich gleichen die Beiden sich wie ein Ei dem Anderen. Superman hält es nicht einmal nötig sein Gesicht unter einer Maske zu verbergen, wie ansonsten (fast) ausnahmslos alle seine Nacheiferer.

Bereits an diesem Beispiel wird deutlich, wie vielschichtig und kompliziert die wechselseitigen Beziehungen der verschiedenen (in der Regel zwei) Identitäten eines Comicsuperhelden sein können.

Zunächst einmal ist zu klären, warum ein Superheld eine zweite, geheime Identität braucht. Die Antwort auf diese Frage scheint ebenso banal wie naheliegend: Um sich zu schützen. Was wäre, wenn der Gangsterboss Kingpin wüsste, dass der blinde Rechtsanwalt Matt Murdock Nachts als Daredevil einen Kreuzzug gegen sein Verbrechersyndikat führt? Was, wenn der skrupellose Psychopath und Mörder Carnage wüsste, dass die kranke und gebrechliche May Parker die Tante von Spider-Man’s Alter Ego Peter Parker ist? Die Folgen wären, sowohl für den Superhelden, bzw. seine Zivilidentität, als auch für sein soziales Umfeld verheerend.

Im Folgenden soll näher beleuchtet werden, welcher Maßnahmen die Superhelden sich bedienen, um ihr wahres Ich vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, aber auch was passiert, wenn ihr Heldendasein (zwangsläufig) Einfluss auf das Leben hinter der Maske nimmt.

Die Wechselwirkungen mit der „normalen“ Welt können dabei sogar zu einem Verlust der eigenen, bzw. der zivilen Identität führen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn der Held aus der Welt des Alltäglichen zu fliehen versucht und seine Maske nicht nur als Schutz vor der Außenwelt trägt, sondern regelrecht mit ihr verschmilzt, selbst zur Maske wird, ohne menschliches Gegenstück, das in der herkömmlichen, gesellschaftlichen Ordnung heimisch ist. Er wird in dieser Situation genau zu dem was er eigentlich ist, ein Superwesen, das außerhalb der Gesellschaft steht und von den Menschen geschieden ist, weil es „anders“ ist als sie.

2.) Das Kostüm

Essentiell für die Verschleierung der zivilen Identität ist das Kostüm eines jeden Superhelden. Doch die Gewandung ist nicht bloß Mittel zum Zweck, sie ist auch mit einem gewissen Symbolcharakter behaftet und erlaubt uns einen Einblick in die Psyche ihres Trägers, lässt uns aber auch erkennen, wie das äußere Erscheinungsbild der Helden von den direkten Interaktionspartnern, also die ganz „normalen“ Menschen um sie herum, aufgenommen wird. Das Kostüm tritt hierbei als Medium zwischen dem Superhelden und seiner Außenwelt in Erscheinung. Es kommuniziert auf nonverbale Art mit den Mitgliedern der alltäglichen Gesellschaft und beeinflusst somit auch direkt, ob und auf welche Weise diese mit ihm in Verbindung tritt, und inwieweit eine Identifizierung mit dem Träger des Kostüms möglich ist.[4]

So bewirkt etwa die Farbe des Kostüm, bzw. die Farbkomposition, bestimmte emotionale Reaktionen bei den Zeugen superheldischen Handelns.[5] Während die Kostüme der, meist in strahlenden Primärfarben gehaltenen, „bedingungslos Guten“ Superhelden, wie z.B. Superman, als „warm“ und „offen“ wahrgenommen werden, so wirkt die düstere Verkleidung eines zwiespältigen Charakters wie Batman sehr ablehnend und verschlossen.

Unterstützt wird dieser Eindruck, der bewusst negativen Außendarstellung, zusätzlich noch durch die Wahl eindeutig negativ behafteter Vorbilder aus dem Tierreich. Die von Batman gewählte Erscheinung als menschliche Fledermaus wirkt ebenso befremdlich und „unmenschlich“, wie Peter Parker in seiner Zweitexistenz als mannsgroße Spinne, die mit klebrigen Netzen um sich wirft.[6]

Das Kostüm ist aber auch ein entscheidendes Medium für den Helden selbst und sein Verhältnis zum eigenen Doppeldasein. Es erlaubt ihm seine Identität als Superheld zur Schau zu tragen, und sich dieser Identität bewusst zu sein, sie anzupassen und weiterzuentwickeln.[7]

Doch wie ist es zu erklären, dass auf der einen Seite die Geheimhaltung der zivilen Identität angestrebt wird, andererseits jedoch gerade durch das Kostüm ein nicht unerhebliches Maß an Aufmerksamkeit erregt wird? Vielleicht ist es nur das allzu menschliche Begehren nach Zugehörigkeit, die er mit der „Uniform“ der Superhelden seinesgleichen signalisieren will? Wenngleich hierbei zu bedenken ist, dass der Held sich gerade durch die individuelle Zurschaustellung seines Kostüms deutlich von den „normalen“ Menschen abgrenzt, sie quasi aus dem Kosmos der Superwesen ausschließt, so wie er wiederum von ihnen eine Außenseiterstellung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zugewiesen bekommt.

Oder ist es eine Art „Geltungsbedürfnis“, das der Held in seiner privaten Rolle nicht zu befriedigen in der Lage ist?[8] Schließlich könnte er sich auch in eine schlichte, farblose Kluft mit Gesichtsmaske hüllen, ginge es ihm lediglich darum sein Gesicht zu verbergen.

Eine gewisse narzisstische Neigung scheint also jedem Superhelden eigen zu sein. Dabei ergibt sich aus der selbstgewählten Verkleidung ein wesentliches Problem, nämlich das des Gefangenseins im Kostüm. Der Held kann sich nicht über die Grenzen seines Kostüms hinaus weiterentwickeln oder aus seiner Rolle ausbrechen. Vielmehr limitiert ihn seine Tracht in seinen Handlungsmöglichkeiten und hält ihn gewissermaßen wie in einem Käfig gefangen, aus dem auszubrechen, einem Verrat an der eigenen ikonischen Funktion gleichkäme.

Jedoch schließt sich diese Möglichkeit bereits von selbst aus. Wie sonst, wenn nicht mit seinen Netzen, sollte Spider-Man, der die Spinne als Symbol seiner Verhaltensweisen und Methoden auf der Brust trägt, seine Widersacher einfangen? Der unglaubliche Hulk, dessen zerrissene Beinkleider ihm als notdürftiges „Kostüm“ dienen und den Charakter seiner „wilden“ und unbeherrschten Superpersönlichkeit manifestieren, wird niemals einen Gegner durch einen ausgeklügelten Schlachtplan zur Strecke bringen. Vielmehr bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit der gleichen Rohheit zu Werke gehen, die bereits sein Äußeres vermuten lässt.[9] Eine andere Problemlösung wäre für ihn nicht nur hochgradig unglaubwürdig, sondern würde darüber hinaus auch noch die innere Logik der Superheldenerzählung verletzen.

Das Kostüm ist das erste und sicherste Erkennungsmerkmal eines Superhelden. Trüge er kein Kostüm, so nähmen wir ihn und seine Handlungen lediglich als die eines gewöhnlichen Menschen wahr. Doch wie bereits erwähnt, ist es viel mehr als nur ein wahllos zusammengeschneiderter Stoffharnisch. Es ist, wie bereits erwähnt, eine ikonische Referenz an die Superheldenidentität.[10]

[...]


[1] Vgl. Ditschke, Stephan; Anhut, Anjin, Menschliches, Übermenschliches. Zur narrativen Struktur von Superheldencomics, in: Ditschke, Stephan (Hrsg.); Kroucheva, Katerina (Hrsg.); Stein, Daniel (Hrsg.), Comics, zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums, Bielefeld 2009, S. 131-178, hier S. 138.

[2] Vgl. hierzu die Definitionen des Begriffes „Identität“ bei: Keupp, Heiner, Identität, in: Farzin, Sina (Hrsg.); Jordan, Stefan (Hrsg.), Lexikon Soziologie und Sozialtheorie, Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2008, S. 107-110, hier: S. 107-108.

[3] Ebd., S. 137.

[4] Siehe Epstein, Julia, Kleidung im Leben transsexueller Menschen, Die Bedeutung von Kleidung für den Wechsel der sozialen Geschlechtsrolle, Münster 1995, S. 36.

[5] Zur Wirkungsweise von Farben bei Kleidung, sowie der indikatorischen Wirkung von Kleidung für den Seelenzustand des Trägers, siehe Epstein, Kleidung im Leben transsexueller Menschen, S. 54-55.

[6] Siehe hierzu auch die Ausführungen über Daredevil in seinem roten Teufelskostüm (der Verkörperung des „Ur-Bösen“!) oder Spawns, zu einem grimmigen Gesichtsausdruck verzehrte, Maske in: Ditschke, Stephan; Anhut, Anjin, Menschliches, Übermenschliches, S. 152.

[7] Siehe Epstein, Kleidung im Leben transsexueller Menschen, S. 36, sowie Mentges, Gabriele; Richard, Birgit, Schönheit der Uniformität. Zur kulturellen Dynamik von Uniformierungsprozessen, in: Mentges, Gabriele (Hrsg.).; Richard Birgit (Hrsg.), Schönheit der Uniformität, Körper, Kleidung und Medien, Frankfurt am Main 2005, S. 7-16, hier S. 9.

[8] Zum Zwiespalt zwischen dem Verhüllungsbedürfnis und dem Sich-Zur-Schau-Stellen, siehe Epstein, Kleidung im Leben transsexueller Menschen, S. 46.

[9] Für weitere Beispiele siehe: Wieder, Oswald, Der Geist der Superhelden, in: Zimmermann, Hans-Dieter (Hrsg.), Vom Geist der Superhelden, Comic Strips, Colloquium zur Theorie der Bildergeschichte in der Akademie der Künste Berlin, Berlin 1970, S. 93-100.

[10] Siehe hierzu Ditschke, Stephan; Anhut, Anjin, Menschliches, Übermenschliches, S. 137-138.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Geheimidentität der Superhelden
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Medien und Kommunikation)
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V199621
ISBN (eBook)
9783656260738
ISBN (Buch)
9783656261605
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Comics, SUperhelden, Geheimidentität
Arbeit zitieren
René Feldvoß (Autor), 2010, Die Geheimidentität der Superhelden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199621

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