Gesellschaft im Wandel - Die Entwicklung der germanischen Gesellschaftsstruktur in der Zeit der Völkerwanderung und die Frage nach einer germanischen Identität


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffliche Erläuterungen
2.1. Die Völkerwanderung
2.2. Die Barbaren

3. Ethnogenese und Identität – Selbstdefinition und ethnische Prozesse während der Völkerwanderung
3.1. Ethnische Prozesse

4. Germanische Gesellschaft am Beginn des 1. Jahrtausends
4.1. Strukturelle Gliederung der germanischen Gesellschaft
4.2. Die sozialökonomisch und politische Gliederung der germanischen Gesellschaft

5. Die Germanen und das römische Reich – Integration und Akkulturation zur Zeit der Völkerwanderung
5.1. Germanische Söldner im römischen Heer
5.2. Integration ins römische Reich – dediticii, coloni und foederati

6. Neue Staaten entstehen – Veränderungen in der germanischen Gesellschaft und Politik
6.1. Das Heermeisteramt
6.2. Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Kultur

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Völkerwanderung – das Interesse an dieser Epoche ist ungebrochen. Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass Europa und die Mittelmeerwelt in dieser Zeit dramatischen Umwälzungen ausgesetzt waren, welche sich in nahezu allen Lebensbereichen zeigten. Vieles in Politik und Wirtschaft, Religion, Gesellschafts- und Alltagskultur veränderte sich und historische Weichen wurden gestellt, die für die kommenden Jahrhunderte die Entwicklungen prägten.[1] Nach einer anfänglichen Begriffsklärung soll sich die vorliegende Arbeit mit der Entwicklung der germanischen Gesellschaft während der Völkerwanderungszeit beschäftigen und aufzeigen, dass die Veränderungen dieser Zeit einen Grundstein für die im Frühmittelalter auf das römische Reich nachfolgenden Staaten legten und somit wesentlich zur Wandlung der europäischen Landkarte beitrugen. Außerdem soll der Frage nach einer germanischen Identität nachgegangen werden.

Aufgrund des regen Interesses mangelt es nicht an Literatur zu dieser Epoche. Viele Aspekte sind bereits betrachtet worden. Doch wird auch deutlich, dass die Völkerwanderungszeit für die heutige Forschung ein großes Potential für Diskussionen und kontroverse Meinungen birgt. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, dass nahezu keine schriftlichen Quellen der Germanen existieren, sondern wir uns auf Quellen aus römischer Sicht, beispielsweise die Germania des Tacitus, berufen müssen. Mit diesen Quellen ist stets kritisch umzugehen, da subjektive Meinungen und Absichten des Autors in keinster Weise ausgeschlossen werden können. Deshalb sind auch viele Interpretationen möglich, die wiederum verschiedene Blickwinkel auf das Leben und somit auch die Gesellschaft der Germanen eröffnen – eine Schwierigkeit, aber auch eine Chance für interessante Betrachtungen.

2. Begriffliche Erläuterungen

In der verwendeten Forschungsliteratur wie auch in der vorliegenden Arbeit tauchen Begriffe auch, deren Bedeutung vielfältig interpretiert und verstanden werden kann. Um etwaige Missverständnisse auszuschließen und eine einheitliche Verständnisebene zu schaffen, sollen die folgenden Begriffe kurz in ihrer für diese Arbeit geltenden Bedeutung erklärt werden.

2.1. Die Völkerwanderung

Der Begriff der Völkerwanderung gilt in der aktuellen Forschung als problematisch und ist in dieser Arbeit in einem weiten Sinn gemeint. Er umschreibt die Ereignisse der Spätantike, die mit den Wanderungsbewegungen germanischer Stämme und deren Konfrontation mit dem römischen Reich sowie mit der Entstehung der Nachfolgestaaten zusammenhängen.[2] Weitverbreitet ist die zeitliche Einordnung zwischen 375 (die erste Erwähnung der Hunnen) und 568 n.Chr. (die Einwanderungen der Langobarden in Italien). Obwohl sowohl vor als auch nach dieser Zeit bedeutende Wanderungen stattfanden, hat sich diese zeitliche Einordnung größtenteils durchgesetzt und soll auch dieser Arbeit zugrunde liegen.

2.2. Die Barbaren

Der Begriff der Barbaren wurde bereits im antiken Griechenland verwendet. Hier bezeichnete er Angehörige einer fremden Kultur in Abgrenzung zur eigenen. Da der Begriff „Barbar“ jedoch auch eine äußerst negative Konnotation, nämlich die des rohen und unkultivierten Wüstlings, hat, soll in der vorliegenden Arbeit dieser Begriff weitestgehend vermieden werden. An Stellen, wo dies nicht möglich ist, wird der Begriff in seiner antiken Bedeutung, im Sinne von fremd und nicht dem römischen Reich angehörend, verwendet. Auch die Römer bedienten sich dieses Begriffes und wandten ihn unter anderem für die Germanen an.

3. Ethnogenese und Identität – Selbstdefinition und ethnische Prozesse während der Völkerwanderung

Oft wird der Begriff der Germanen leichthin für die Summe vieler Stämme des mitteleuropäischen Raumes verwendet. Doch stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob sich die Germanen überhaupt als solche verstanden bzw. ob man von einer germanischen Identität und einem einheitlichen Volk reden kann. Reinhard Wenskus hat mit seinem Werk „Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes“ (erstmals 1961 erschienen) einen wesentlichen und vieldiskutierten Beitrag zum Thema Ethnogenese[3] geliefert. Wenskus unterstrich die Bedeutung der Tradition, womit der Herkunftsmythos und die Lebensordnung eines Volkes gemeint sind („Verfassung“). Laut seinen Erläuterungen konnten kleine, „traditionstragende“ Gruppen („Traditionskerne“) zum Ausgangspunkt eines größeren Verbandes werden, womit sich die „ethnische Dynamik der Völkerwanderung wesentlich besser“ erklären lässt.[4] Der Begriff Völkerwanderung suggeriert zwar, dass sich ganze Völker in Bewegung gesetzt haben, doch ist davon auszugehen, dass sich nur kleinere Gruppen unter der Führung eines meist erfahrenen Kriegers (Big-Man-Prinzip) abspalteten und sich wiederum mehrere dieser kleinen Gruppen im Verlauf der Wanderung zusammenschlossen. Die Betonung liegt hierbei auf der subjektiven Identität, denn in Bezug auf die Zuordnung zu einem Volk ist noch heute die Selbstzuordnung entscheidend. Man kann bei den Völkern der Völkerwanderungszeit von einer „Polyethnie“ ausgehen. Beispielsweise kam es bei den Goten zu einer raschen Abfolge von Wachstum und Zerfall. Die Gruppen waren heterogen zusammengesetzt. Auch wenn es vermeintlich objektive Kriterien für die Zugehörigkeit zu einem Volk gibt, wie etwa Sprache, Kultur, Territorium und gemeinsame Geschichte, so gab und gibt es stets genügend Gegenbeispiele, wo diese Kriterien nicht zutreffen.[5] Auch in unserer modernen Zeit wird man kaum ein ethnisch einheitliches Staatsvolk antreffen. Im 20. Jahrhundert war genau der Wunsch nach solch einem Volk der Auslöser für eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte.

3.1. Ethnische Prozesse

Ethnische Prozesse sind „keine naturwüchsigen Entwicklungen, sondern historische Abläufe, in denen sich das Wissen (um ein bestimmtes Volk) und Handeln (die Anpassung an identitätswirksame Merkmale) festigt oder verändert“.[6] Die identitätswirksamen Merkmale werden hierbei vom Volk selbst definiert, bilden sich im Laufe der Zeit heraus und sind wandelbar. Das Bedürfnis nach ethnischer Zuordnung entsteht meist erst unter besonderen Bedingungen, beispielsweise in Grenzzonen und bei sehr heterogener Bevölkerung in einem begrenzten Gebiet;[7] oder eben, wie bei den einzelnen Gruppen der Germanen, im Zuge einer Migrationsbewegung. Die ethnische Identität ist das „Ergebnis einer ständigen Kommunikation […], in der aus einer Vielfalt von Differenzen zwischen Menschen klare ethnische Unterscheidungen herausgehoben werden.“[8] Die Identifikation mit einer ethnischen Gruppierung ist hierbei vom Einzelnen gewollt und wird angestrebt. Identifikation ist stets ein aktiver und subjektiver Prozess. So identifizierten sich germanische Söldner, die im römischen Heer dienten, mit dem römischen Lebensstil, wodurch ihr ethnisches Zugehörigkeitsgefühl dahingehend verstärkt und auch modifiziert wurde. Über ethnische Prozesse weitab der Grenzen ist nicht viel bekannt, da keine Selbstzeugnisse der indigenen Bevölkerung existieren. Man kommt deshalb kaum über die Ebene der römischen Wahrnehmungen hinaus.

Ebenso ist der Begriff der Germanen römisch geprägt. Als begriffliche Abgrenzung zu Galliern und Kelten wurde der Name eines kleines Teilstammes, mit dem man unliebsame Bekanntschaft gemacht hatte, kurzerhand als Bezeichnung für alle nichtkeltischen Barbarenvölker verwendet. Nach außen hin schienen sie kulturell einige Gemeinsamkeiten zu haben (Sesshaftigkeit, Ackerbau und Vielzucht, Holzarchitektur),[9] doch als großes einheitliches Volk haben sich die Germanen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gesehen. Welche Gruppen letztendlich als einheitliches Volk gelten oder nicht, ist schwierig zu sagen. „Völker sind Abstraktionen, deren scheinbare Evidenz auf ganz wenigen Merkmalen aus der großen Vielfalt menschlicher Lebensformen beruht.“[10]

[...]


[1] Vgl. Fehr, Hubert; von Rummel, Philipp: Die Völkerwanderung, Stuttgart 2011, S.7.

[2] Vgl. Fehr; von Rummel 2011, S.8.

[3] Ethnogenese: Prozess der Herausbildung eines Volkes od. einer anderen ethnischen Einheit

[4] Vgl. Pohl, Walter: Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, 2., erweiterte Auflage, Stuttgart u.a. 2005, S.18.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd., S.19.

[7] Vgl. Ebd., S.19.

[8] Ebd., S.19.

[9] Vgl. Ament, Hermann u.a.: Frühe Völker Europas, Stuttgart 2003, S.46.

[10] Pohl 2005, S.18.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Gesellschaft im Wandel - Die Entwicklung der germanischen Gesellschaftsstruktur in der Zeit der Völkerwanderung und die Frage nach einer germanischen Identität
Hochschule
Universität Kassel  (Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar Spätantike und Völkerwanderung
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V199714
ISBN (eBook)
9783656261988
ISBN (Buch)
9783656263166
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spätantike, Germanen, germanische Gesellschaft, Germanische Identität
Arbeit zitieren
Maria Hesse (Autor), 2012, Gesellschaft im Wandel - Die Entwicklung der germanischen Gesellschaftsstruktur in der Zeit der Völkerwanderung und die Frage nach einer germanischen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199714

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gesellschaft im Wandel - Die Entwicklung der germanischen Gesellschaftsstruktur in der Zeit der Völkerwanderung und die Frage nach einer germanischen Identität



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden