Der vor fast 12.000 Jahren gebaute Kultbau am Göbekli Tepe in der südöstlichen
Türkei nahe Urfa/ Sanglıurfa wird in meinem Buch „Marx, Engels und die Teilung der
Arbeit, Materialien zur Gesellschaftstheorie und Geschichte, 10. Ausgabe“ als Exkurs
behandelt; den gebe ich hier wieder. Marx und Engels stellten 1845 ein soziologisches
Modell der sozialen Evolution vor. Darin werden auch die urgeschichtliche
Entwicklung des Menschen und später auch die der Familienformen thematisiert.
Bekannt ist in diesem Zusammenhang der Begriff des Urkommunismus als frühe
Lebensform, in der es jedenfalls noch keine Herrschaft geben konnte, sonst wäre es
kein Kommunismus. Auf Marx und Engels wird hier aber nur beiläufig eingegangen.
Eher stellt sich die Frage, wie weit der Blick auf rezente Urvölker weiterführt, um
historische Gemeinschaften zu erkennen, die Ende des 19. und Anfang des 20.
Jahrhunderts untersucht wurden. Und es gilt, die Entstehung des Denkens in Onto- und
Phylogenese zu berücksichtigen.
Beim Bekanntwerden der Funde am Göbekli Tepe durch die Arbeit Klaus Schmidts
„Sie bauten die ersten Tempel...“ (2008) ergab sich die mutmaßliche Existenz einer bis
dahin nicht gesehenen menschlichen Epoche, in der offenbar nicht-seßhafte Gruppen,
SammlerInnen und Jäger, einen riesigen Kultbau errichten konnten – wenn nicht
Seßhaftigkeit schon früher entstand als heute angenommen wird.
Der Kultbau am Göbekli Tepe besteht aus einer Reihe von Steinkreisen mit etwa 20
Meter Durchmesser. Die (leicht ovalen) äußeren Felssteinmauern werden gestützt von
einer Reihe gut zwei Meter über den Boden ragender Pfeiler, die durch ein Kopfstück
(T-Pfeiler) und zum Teil durch eingemeißelte „Arme“ deutlich als „menschlich“
gekennzeichnet sind. Es handelt sich offenbar um religiöse Symbole. Solche im
Übergang von Animismus und Magie zur mythischen Göttervorstellung? In der Mitte
jeden Kreises, von denen bisher vier ausgegraben wurden, steht ein größeres, bis gut
fünf Meter über den Boden aufragendes, vielleicht Frau und Mann darstellendes
Götter-Paar. Die bis gut zwölf Tonnen schweren T-Pfeiler zeigen Bildhauereien hoher
Qualität, meist gefährliche Tiere, aber auch tanzende Kraniche, die möglicherweise
SchamanInnen darstellen.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Soziologische Fragen zum Göbekli Tepe
Zeitlicher Rahmen:
Initiation:
Urkommunismus:
Kognition:
Sprache:
Mythen:
Krieg, Revolution:
Eiszeit:
Metamorphose:
Gentilgemeinschaft:
Bautechnik:
Kunst:
Das Ende:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht soziologische Aspekte der Lebensweise von Menschen vor 12.000 Jahren anhand der Funde am Göbekli Tepe. Das primäre Ziel ist es, unter Einbeziehung des Modells des Urkommunismus von Marx und Engels zu analysieren, wie gesellschaftliche Strukturen, Kognition, Sprache und Arbeitsteilung zur Errichtung solch komplexer Kultbauten führen konnten.
- Analyse gesellschaftlicher Organisationsformen und Arbeitsteilung in der Frühzeit.
- Untersuchung der kognitiven und sprachlichen Voraussetzungen für komplexe Bauvorhaben.
- Rolle von Mythen, Religion und Totenkult bei der sozialen Differenzierung.
- Bewertung des Einflusses von Umweltveränderungen, insbesondere dem Ende der Eiszeit.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Interpretation archäologischer Funde aus soziologischer Perspektive.
Auszug aus dem Buch
Soziologische Fragen zum Göbekli Tepe
In diesem Exkurs sollen einige primäre soziologische Fragen zur Lebenswelt vor 12.000 Jahren angesprochen werden, um der Frage nach dem Urkommunismus in der Vorstellung Marx‘ und Engels‘ weiter nachzuspüren. Meine wichtigste Frage ist: Wie lebten und vor allem wie dachten die Menschen vor 12.000 Jahren. Dies am konkreten Beispiel des Göbekli Tepe tun zu können, zwingt ebenso zur Konkretion wie zur Spekulation. Es geht nicht darum, ein archäologisch interpretiertes Bauwerk neu zu bewerten, wenn es auch kleine Überschneidungen gibt. Allerdings will ich beispielsweise die archäologische Spekulation über einen Totentempel mit über einen Initiationstempel konfrontieren und die Vorstellung einer konkreten Revolution hinterfragen. Vor allem sollen aber Fragen gestellt werden. Dabei kann auch überlegt werden, wieweit Spekulationen in der Wissenschaft gehen können. Überwiegend bleibe ich aber im Rahmen dessen, was die Fachwissenschaft vorgibt, deren Vorschläge der Interpretation viel tiefer im Wissen über jene Zeit begründet sind.
Einerseits soll von den archäologischen Kenntnissen über die frühen Menschen im Nahen Osten und Europa her eingegrenzt werden, um was für Leute es sich gehandelt haben mochte, die ein solches Bauwerk schufen, andererseits vom Wissen über die Onto- und Phylogenese des Denkens. Welche Bedingungen mußten erfüllt sein, um eine solche Leistung zu erbringen, technisch wie geistig, welche sozialen und religiösen Veränderungen sind dort vorstellbar? Verstehen wir dazu im Kultbau gefundenen abstrakten Zeichen als mnemotechnische Symbole, bildhafte Gedächtnisstützen, die zusammen mit den Tierdarstellungen in jener Zeit Wiedererkennbares für die Menschen waren, eine Vorform der Schrift, die vielleicht verschiedene Gruppen bezeichnete, dann kommt am Göbekli Tepe eine ausgeprägt kulturelle Welt zum Vorschein.
Zusammenfassung der Kapitel
Soziologische Fragen zum Göbekli Tepe: Einleitende Reflexion über die Möglichkeit, soziologische Fragen auf prähistorische Funde wie den Göbekli Tepe anzuwenden und die Notwendigkeit der Verbindung von archäologischen Daten mit theoretischen Modellen.
Zeitlicher Rahmen: Darstellung der klimatischen und sozialen Bedingungen vor etwa 25.000 bis 14.000 Jahren als Hintergrund für die Entwicklungen, die zur Entstehung der Siedlungsstrukturen am Göbekli Tepe führten.
Initiation: Analyse der kultischen Praktiken am Göbekli Tepe, insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollen, Fruchtbarkeitssymbolik und mögliche Initiationstempel.
Urkommunismus: Diskussion des Begriffs Urkommunismus bei Marx und Engels und dessen Anwendbarkeit auf die soziale Organisation von Wildbeutergruppen zur Zeit des frühen Kultbaus.
Kognition: Erörterung der geistigen Voraussetzungen und der kognitiven Fähigkeiten der damaligen Menschen, die für die Planung und Errichtung komplexer Bauwerke erforderlich waren.
Sprache: Untersuchung der sprachlichen Kapazitäten und der Rolle von Sprache bei der Vermittlung von komplexem Wissen und rituellen Inhalten in dieser Epoche.
Mythen: Analyse der Entstehung mythischer Vorstellungen und deren Rolle bei der Vergesellschaftung und Konsolidierung religiöser Ideen sowie deren Bezug zur sozialen Realität.
Krieg, Revolution: Untersuchung der Frage, ob kriegerische Konflikte oder revolutionäre gesellschaftliche Umbrüche zur Entstehung der Kultbauten beigetragen haben könnten.
Eiszeit: Bewertung der Auswirkungen des Endes der Eiszeit und der damit verbundenen klimatischen Veränderungen auf die Lebensweise und die Entstehung neuer Siedlungsformen.
Metamorphose: Reflexion über die Transformation der sozialen Strukturen und die Veränderung des Weltbildes als Grundlage für die Entwicklung komplexer Gesellschaften.
Gentilgemeinschaft: Analyse der sozialen Organisation in Gentilverbänden und deren Eignung zur Koordination der für den Bau notwendigen Arbeitskräfte.
Bautechnik: Technische Betrachtung der architektonischen Herausforderungen beim Bau der Kultbauten, insbesondere des Transports und der Aufrichtung der massiven T-Pfeiler.
Kunst: Interpretation der bildhauerischen Darstellungen und Tierreliefs als Symbole mit ritueller, sozialer oder religiöser Bedeutung.
Das Ende: Zusammenfassende Betrachtung der Gründe für die Aufgabe der Kultbauten und die Einordnung der gefundenen Ergebnisse in ein denkbares Szenario der frühgeschichtlichen Entwicklung.
Schlüsselwörter
Göbekli Tepe, Urkommunismus, Soziologie, Frühgeschichte, Kultbau, Arbeitsteilung, soziale Evolution, Kognition, Mythen, Initiation, Siedlungsformen, Steinzeit, T-Pfeiler, Gesellschaftsstruktur, Anthropologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit soziologischen Fragestellungen zur Lebensweise von Menschen vor 12.000 Jahren unter besonderer Berücksichtigung der archäologischen Funde am Göbekli Tepe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die soziale Organisation von Wildbeutergruppen, die Entstehung von Arbeitsteilung, kognitive Entwicklung, die Rolle von Mythen und Religion sowie der Einfluss von Umweltveränderungen auf gesellschaftliche Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie und unter welchen sozialen sowie geistigen Bedingungen frühe Menschengruppen in der Lage waren, solch monumentale Kultbauten wie am Göbekli Tepe zu errichten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verbindet archäologische Befunde mit theoretischen Modellen der sozialen Evolution, insbesondere dem Konzept des Urkommunismus von Marx und Engels, und bezieht Erkenntnisse aus der Ethnologie und Psychologie ein.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene fachspezifische Kapitel, die unter anderem Zeitrahmen, Kognition, Sprache, Mythenbildung, Bautechnik und Kunst am Göbekli Tepe detailliert untersuchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Göbekli Tepe, soziale Evolution, Urkommunismus, Kultbau, Arbeitsteilung und Frühmensch beschreiben.
Warum ist die Initiationstempel-Hypothese für den Autor von Bedeutung?
Der Autor hinterfragt die gängige archäologische Interpretation und diskutiert die Möglichkeit, dass die Anlagen als Initiationstempel dienten, um soziale Prozesse und Geschlechterrollen zu beleuchten.
Welche Rolle spielen die T-Pfeiler für die soziologische Argumentation?
Die T-Pfeiler dienen als Beleg für eine bereits fortgeschrittene Arbeitsteilung, koordiniertes Handeln und eine komplexe soziale Organisation, die weit über das einfache Leben als Jäger und Sammler hinausging.
- Quote paper
- Dr. Lars Hennings (Author), 2012, Soziologische Fragen zum Göbekli Tepe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199727