Über die Zusammenhänge der Entstehung von Entwicklungsstörungen aus dem Bindungskontext heraus will die vorliegende Arbeit informieren. Sie beleuchtet nach einer Einführung in die Bindungstheorie die maßgeblichen Einflussfaktoren für eine gestörte Bindungsbeziehung zwischen Kind und Bezugsperson, analysiert daraufhin entscheidende Faktoren der Entwicklungspsychopathologie des Kindes und gleicht die gefundenen Umstände mit dem Angebot der professionellen Hilfen ab. Schließlich stellt sie die Frage nach der Notwendigkeit von Fremdunterbringungsmaßnahmen bei Kindern drogenabhängiger Eltern und bewertet diese aus der Bindungsperspektive. So traurig der Ausgang des ‚Falles Kevin’ ist, so viel kann der Sozialpädagoge, der eine Kindeswohlgefährdung einschätzt und die daraufhin folgende Intervention ableitet, daraus lernen – vorausgesetzt, er verfügt über eine geeignete theoretische Schablone. Die folgenden Ausführungen arbeiten mit der These, dass die Bindungstheorie dafür infrage kommt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Eine Pflegefamilie für Kevin? ....................................................................1
TEIL A Die Bindungstheorie ....................................................................................5
1 Der Mensch als Bindungswesen .................................................................5
1.1 Bindung als evolutionäre Errungenschaft .........................................................5
1.2 Neurobiologische Erkenntnisse .........................................................................7
1.3 Bindung als Voraussetzung zur Umweltexploration .........................................8
2 Konzeption der Bindungstheorie .............................................................10
2.1 Einflüsse ..........................................................................................................10
2.2 Bindung und Bindungspersonen ......................................................................12
2.3 Entstehung einer Bindung ...............................................................................13
2.4 Bindungsforschung ..........................................................................................16
2.4.1 Ursprünge ..................................................................................................16
2.4.2 Die ,Fremde Situation’ ................................................................................17
2.5 Bindungsstile ...................................................................................................19
2.5.1 Die sichere Bindung ..................................................................................20
2.5.2 Die unsicheren Bindungen ........................................................................21
2.5.2.1 Die unsicher-vermeidende Bindung ..................................................21
2.5.2.2 Die unsicher-ambivalente Bindung ....................................................23
2.5.3 Die desorganisierte Bindung .....................................................................23
2.5.4 Verteilung ..................................................................................................25
2.6 Sensitivität der Bindungsperson ......................................................................26
2.6.1 Feinfühligkeit und Kooperation ................................................................27
2.6.2 Kommunikation .........................................................................................29
2.6.3 Bedeutung der Sensitivitätskonzepte ........................................................31
2.7 Internale Arbeitsmodelle – Repräsentanzen der Bindungsmuster ...........................32
TEIL B Einflussfaktoren auf die Genese einer Bindungsstörung.......................40
3 Die Bindungsrepräsentanzen drogenabhängiger Eltern - eine eigene Untersuchung .......................................................................40
3.1 Forschungskontext ..........................................................................................40
3.2 Die Probanden ................................................................................................42
3.3 Der Fragebogen ..............................................................................................42
3.4 Durchführung der Befragung ..........................................................................44
3.5 Ergebnisse .......................................................................................................44
3.6 Interpretation ..................................................................................................47
3.7 Bedeutung der Ergebnisse für die Bindung zum eigenen Kind .......................49
4 Das suchtbelastete Familiensystem ..........................................................50
4.1 Die Eltern ........................................................................................................51
4.1.1 Zur Psychopathologie drogenabhängiger Eltern .......................................52
4.1.1.1 Der Begriff der Komorbidität im Kontext der Drogenabhängigkeit .52
4.1.1.2 Die Posttraumatische Belastungsstörung ...........................................54
4.1.1.3 Persönlichkeitsstörungen ...................................................................61
4.1.1.4 Suchtstörungen ...................................................................................69
4.1.1.5 Depression ..........................................................................................75
4.1.2 Junge Mütter ..............................................................................................77
4.2 Das Kind ..........................................................................................................80
4.2.1 Schwangerschaft und Geburt ....................................................................80
4.2.1.1 Auswirkungen des Drogenkonsums auf den Fötus ............................80
4.2.1.2 Die pränatale (Ver-)Bindung zwischen Mutter und Kind ..................84
4.2.2 Frühgeburt .................................................................................................87
4.2.3 Das neonatale Entzugssyndrom ................................................................89
4.3 Die Bedingungen des Familiensystems ...........................................................90
4.3.1a Die sozio-ökonomische Situation ..............................................................90
4.3.1b Veränderungen durch das Methadon-Programm ......................................93
4.3.2 Interaktion und Erziehung in der Familie .................................................95
4.3.2.1 Die elterliche Partnerschaft ................................................................95
4.3.2.2 Der Einfluss elterlicher Psychopathologie .........................................97
4.3.2.3 Erziehung .........................................................................................102
4.3.2.4 Vernachlässigung und Missbrauch ..................................................105
4.3.2.5 Elternverhalten und Bindungsmuster ...............................................111
TEIL C Die kindliche Psychopathologie..............................................................115
5 Das psychiatrisch auffällige Kind ..........................................................115
5.1 Persönlichkeitsentwicklung und Bindungsmuster .........................................115
5.2 Entwicklungspsychopathologie und Bindungsmuster ...................................121
5.3 Die Entstehung von Aggression und dissozialem Verhalten .........................124
5.4 Störungen des Sozialverhaltens und antisoziale Persönlichkeitsstörung .....127
5.5 Bindungsstörungen ........................................................................................130
TEIL D Die Aufgabenstellung professioneller Hilfen ........................................135
6 Unterstützung des Familiensystems ......................................................137
6.1 Die Tagesgruppe ...........................................................................................137
6.2 Erziehungsberatung und Sozialpädagogische Familienhilfe ........................139
6.3 Psychotherapie der Eltern .............................................................................140
6.4 Die Therapeutische Gemeinschaft ................................................................142
6.5 Das STEEP-Programm .................................................................................144
7 Fremdunterbringung ..............................................................................150
7.1 Die Trennung von Bindungspersonen ...........................................................150
7.2 Vollzeitpflege und Adoption ..........................................................................151
7.3 Heimunterbringung .......................................................................................153
8 Auf der Suche nach der gelingenden Bindung .....................................154
Resümee: Bindungstheorie und professionelle Intervention ................................168
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bindungsrepräsentationen und das psychosoziale Umfeld von Kindern drogenabhängiger Eltern. Das primäre Ziel der Arbeit besteht in der Beantwortung der Frage, wie kindeswohlorientierte Maßnahmen, insbesondere die Unterstützung des Familiensystems oder eine Fremdunterbringung, aus einer bindungstheoretischen Perspektive zu bewerten sind, um die Bindungsfähigkeit der betroffenen Kinder nachhaltig zu fördern.
- Grundlagen der Bindungstheorie und deren neurobiologische Fundierung
- Einflussfaktoren elterlicher Suchterkrankungen und Psychopathologien auf die Bindungsentwicklung des Kindes
- Analyse von Entwicklungspsychopathologien bei Kindern drogenabhängiger Eltern
- Evaluierung professioneller Hilfsangebote wie das STEEP-Programm und Therapeutische Gemeinschaften
- Kritische Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen von Fremdunterbringungsmaßnahmen
Auszug aus dem Buch
1.1 Bindung als evolutionäre Errungenschaft
1946 veröffentlichten SPITZ & WOLF ihre Erkenntnisse, dass Neugeborene ohne den „liebevollen Kontakt zu einer Bezugsperson trotz ausreichender Versorgung mit Nahrungsmitteln und Körperpflege [verkümmern]“ oder sogar sterben (Ruppert, 2008, S. 33) und prägten hierüber den Begriff des ‚Hospitalismus‘. Diese Beobachtungen können als ein Grundpfeiler für die Entstehung des bindungstheoretischen Denkens angesehen werden. Dessen Hauptvertreter, insbesondere JOHN BOWLBY und MARY D. AINSWORTH, arbeiteten mit der Grundannahme, dass eine Tendenz zur Bindung biologisch vorgegeben ist (vgl. Hopf, 2005, S. 243). GROSSMANN & GROSSMANN (2008) beschreiben die Erfahrung der physiologischen Stressreduktion durch Nähe sowie das negative Äquivalent als emotionale Beweggründe des Verhaltens bei Tier und Mensch (S. 42).
Bei den Rhesus-Affen als zum Vergleich herangezogene Primaten zeigen sich bei Trennung eines Äffchens von seinem Muttertier physiologische Begleiterscheinungen wie Herzrhythmusstörungen, veränderte Gehirnstrommuster im EEG, eine Veränderung des Schlaf-/Wachrhythmus sowie vorübergehendes Fieber mit anschließender Untertemperatur (ebd., S. 44).
Dieser biologische Umstand lässt sich mit BOWLBY dahin gehend erklären, dass es sich bei der Bindungsbeziehung um ein eigenständiges Bedürfnis handelt, welches nicht aus dem „Drang zur Nahrungsaufnahme oder sexuellen Wünschen“ ableitbar ist, vielmehr ist dessen Funktion, Schutz zu gewähren (Hopf, 2005, S. 30). Das Angebot von Schutz und Fürsorge, als auch der komplementäre Umstand, dass bei Angst eine Flucht zur Bindungsperson stattfindet, ist interkulturell vertreten (vgl. Grossmann & Grossmann, 2008, S. 30). „Verbundenheit, Nähe, Zärtlichkeit, Fürsorge, Schutz und Anhängigkeit“ sind aus dieser Perspektive mit positiven Gefühlen verbunden, da sie dem Überleben des Einzelnen dienen (ebd., S. 65). Somit handelt es sich bei dazugehörigen Verhaltensweisen nicht im Zeichen von Schwäche, sondern um einen evolutionären Vorteil.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Mensch als Bindungswesen: Erläutert die biologische und evolutionäre Verankerung der Bindung als menschliches Bedürfnis, das für das Überleben und die Stressregulation essenziell ist.
2 Konzeption der Bindungstheorie: Beschreibt die theoretischen Grundlagen von Bowlby und Ainsworth sowie die methodischen Ansätze wie die ‚Fremde Situation‘ zur Klassifizierung von Bindungsstilen.
3 Die Bindungsrepräsentanzen drogenabhängiger Eltern - eine eigene Untersuchung: Dokumentiert eine empirische Untersuchung, die mittels Fragebögen die internen Arbeitsmodelle drogenabhängiger Eltern analysiert.
4 Das suchtbelastete Familiensystem: Untersucht die komplexen psychosozialen Belastungen innerhalb von Suchtfamilien, einschließlich psychopathologischer Faktoren und deren Einfluss auf die Kindesentwicklung.
5 Das psychiatrisch auffällige Kind: Analysiert die kindliche Entwicklungspsychopathologie und die Entstehung von Verhaltensstörungen sowie Bindungsstörungen bei traumatisierten Kindern.
6 Unterstützung des Familiensystems: Stellt professionelle Interventionsansätze dar, wie Tagesgruppen, Familientherapie und das STEEP-Programm, um die Eltern-Kind-Bindung zu stabilisieren.
7 Fremdunterbringung: Diskutiert die Indikationen, Folgen und verschiedenen Formen der Fremdunterbringung, wie Pflegefamilien, Adoption und Heimunterbringung, kritisch aus bindungstheoretischer Sicht.
8 Auf der Suche nach der gelingenden Bindung: Synthetisiert die Erkenntnisse der Arbeit und diskutiert die Rolle der Bindungstheorie als Leitlinie für professionelles Handeln im Jugendhilfekontext.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Drogenabhängigkeit, Suchtfamilie, Kindeswohlgefährdung, Fremdunterbringung, Bindungsrepräsentation, Psychopathologie, STEEP-Programm, Feinfühligkeit, intergenerationale Transmission, Traumatisierung, Jugendhilfe, Exploration, Entwicklungspsychopathologie, Bindungsstil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Situation von Kindern drogenabhängiger Eltern aus bindungstheoretischer Sicht, um Interventionsmöglichkeiten in der Jugendhilfe zu evaluieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bindungstheorie, den Auswirkungen elterlicher Sucht auf das Familiensystem, der kindlichen Psychopathologie und den professionellen Unterstützungsmöglichkeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, wie professionelle Hilfen wie Unterstützungsangebote oder Fremdunterbringung gestaltet sein müssen, um die Bindungsfähigkeit der Kinder drogenabhängiger Eltern zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und umfasst zudem eine eigene empirische Untersuchung, die mittels standardisierter Fragebögen die Bindungsrepräsentationen von drogenabhängigen Eltern erforscht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Bindung, die Analyse von Risikofaktoren in Suchtfamilien, die psychopathologische Entwicklung der betroffenen Kinder sowie die Bewertung von Interventionsmodellen in der Jugendhilfe.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bindungstheorie, Suchtbelastung, Kindeswohl, intergenerationale Transmission, Feinfühligkeit und professionelle Hilfen in der Jugendhilfe.
Was sagt die Arbeit über die intergenerationale Weitergabe von Sucht aus?
Die Arbeit verdeutlicht, dass traumatische Beziehungserfahrungen der Eltern oft dazu führen, dass Bindungsmuster an die Kinder weitergegeben werden, was das Risiko für Bindungsstörungen erhöht.
Welche Rolle spielen Programme wie STEEP bei der Arbeit mit Suchtfamilien?
Das STEEP-Programm wird als bindungstheoretisch fundierte Intervention hervorgehoben, die durch gezielte Förderung der elterlichen Feinfühligkeit versucht, den Teufelskreis aus Sucht und Bindungsstörung frühzeitig zu durchbrechen.
Warum wird die Fremdunterbringung in der Arbeit kontrovers diskutiert?
Obwohl eine Herausnahme des Kindes bei Kindeswohlgefährdung zwingend ist, betont die Arbeit, dass jede Trennung von Bindungspersonen ein tiefgreifendes Trauma darstellt und daher sorgfältig abgewogen werden muss.
- Arbeit zitieren
- Christian Pönsch (Autor:in), 2010, Suchtkranke Eltern und Bindungsentwicklung der Kinder: Vom Durchbrechen transgenerationaler Verflechtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199760