Die im Gesundheitswesen vorherrschende Sicht der Interessengruppen dem Menschen gegenüber, gleicht immer noch dem Menschenbild eines Mängelwesens, das einer gewissen Bedürftigkeit unterliegt. Diese Bedürftigkeit entspringt der Tatsache, dass es dem Menschen an medizinischen Kenntnissen mangelt.
Eine nähere Betrachtung der individuellen Bedürftigkeit des Menschen nach gesundheitlichen Dienstleistungen, lässt eine Einteilung seines Bedarfs in drei Klassen zu: Dem Bedürfnis nach gesundheitlicher Wiederherstellung, dem Bedürfnis nach gesundheitlichem Erhalt, sowie dem Bedürfnis nach gesundheitlicher Optimierung.
Analog dieser Bedürfniskategorien macht das heutige Gesundheitswesen seinen Kunden zahlreiche Versprechen, die darauf abzielen sich selbst zu erhalten und zu stabilisieren. Die “Medikalisierung“ des Lebens, wie wir sie heutzutage erleben, spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle: Fordert und fördert sie doch ein Abhängigkeitsverhältnis, welches darin begründet liegt, dass das Gesundheitswesen für nahezu jede Unannehmlichkeit die passende Arznei parat zu haben scheint.
Um eine Änderung der aktuellen Situation des Menschen im derzeitigen Gesundheitswesen, die in weiten Teilen durch mangelnde Partizipationsmöglichkeiten gekennzeichnet ist herbeizuführen, ist es unter Anderem erforderlich, den Bürgern auf breiter Basis Zugang zu einer Allgemeinbildung zu gewähren, die darauf abzielt eine Art von „Gesundheitskompetenz“ zu entwickeln: Nur auf dieser Grundlage wird der Einzelne dazu befähigt, eigenverantwortlich Entscheidungen über die Wiederherstellung, den Erhalt oder die Verbesserung seines persönlichen Gesundheitszustandes zu treffen, die er dann gemeinsam im Dialog mit dem Arzt umsetzt.
Vor dem Hintergrund des zunehmend gesetzlich reglementierten und daher komplexer werdenden Umfeldes des Gesundheitswesens, muss dem Bürger des 21. Jahrhunderts, neben medizinischer Basiskenntnisse, auch der Umgang mit dem Sub-System Gesundheitswesen vermittelt werden, um ihn in die Lage zu versetzen, das bestehende Geflecht der einzelnen Akteure und deren Interessen zu erkennen und zu verstehen. Somit kann es letztlich gelingen dem Kunden eine selbstbewusste und ernstzunehmende Verhandlungsposition gegenüber allen im Gesundheitswesen tätigen Interessensgruppen zu verschaffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Rolle des Patienten im Gesundheitswesen
1.1 Das Abhängigkeitsverhältnis des Patienten zum Arzt
1.2 Der Umgang des Arztes mit den Kategorien gesundheitlicher Bedürftigkeit
1.3 Die Versprechungen der Medizin und deren Wirkungen auf den Patienten
2. Gesundheitsbildung als Eckpfeiler eines neuen Gesundheitswesens
2.1 Gesundheitsbildung zur Stärkung der Verhandlungsposition von Patienten
2.2 Individuelle und volkswirtschaftliche Vorteile einer allgemein vorhandenen „Gesundheitskompetenz“
2.3 Das Berufsbild des Pharmareferenten als Vorbild zur Vermittlung von „Gesundheitskompetenz“
2.4 Lehrinhalte zur Vermittlung von „Gesundheitskompetenz“
2.5 Umsetzung der Lehrinhalte anhand des Beispiels „Gesundheitsführerschein“
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Publikation
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die bestehende Unmündigkeit des Patienten im deutschen Gesundheitssystem zu adressieren und durch die Einführung einer allgemeinen Gesundheitsbildung, konkretisiert durch einen „Gesundheitsführerschein“, zu überwinden. Die Forschungsfrage untersucht dabei, wie der Bürger befähigt werden kann, als souveräner, informierter Gesprächspartner auf Augenhöhe mit medizinischen Akteuren zu agieren, um die Therapietreue zu erhöhen, Fehlmedikationen zu vermeiden und volkswirtschaftliche Kosten zu senken.
- Überwindung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Patient und Arzt
- Etablierung einer allgemeinen „Gesundheitskompetenz“
- Optimierung der Therapietreue zur Reduktion von Folgeerkrankungen
- Senkung volkswirtschaftlicher Gesundheitsausgaben durch präventive Bildung
- Konzeptentwicklung eines „Gesundheitsführerscheins“ nach Vorbild der Pharmareferenten-Ausbildung
Auszug aus dem Buch
1.1 Das Abhängigkeitsverhältnis des Patienten zum Arzt
Der sich in Deutschland vollziehende Struktur- und Wertewandel beginnt, wenn auch noch zögerlich, das gesamte Gesundheitswesen zu erfassen. Noch gleicht die vorherrschende Sicht der Interessensgruppen innerhalb des Gesundheitswesens, dem Menschen gegenüber, dem, vom Anthropologen Arnold Gehlen geprägten, Menschenbild des Homo Inermis, der als Mängelwesen einer gewissen Bedürftigkeit unterliegt. Diese Bedürftigkeit entspringt der Tatsache, dass es dem Menschen an grundlegendem medizinischem Basiswissen und somit auch an Kenntnissen der zur Verfügung stehenden therapeutischen Möglichkeiten mangelt.
Infolgedessen ist es dem Laien nur möglich seine gesundheitlichen Bedürfnisse zu stillen, wenn er in Verbindung mit einem Arzt tritt und sich diesem persönlich anvertraut. Das zustande kommende Verhältnis zwischen Arzt und Kunde ist dann durch ein für den Dienstleistungsempfänger nachteiliges Über- Untergeordneten Verhältnis gekennzeichnet, welches auf der Wissenshoheit des Arztes gründet und dem Kunden daher keine Wahl lässt, außer auf die Aussagen des Arztes zu vertrauen. Die Konsequenz daraus ist, dass der Kunde im Gesundheitswesen bisher de facto keine durchsetzbare Verhandlungsposition besitzt und in der Vergangenheit als Endverbraucher, wenn überhaupt, nur indirekt in die Entscheidungsfindung der medizinischen Therapie mit einbezogen wurde.
Überprüfungsmöglichkeiten bereits gestellter Diagnosen und einzuschlagender Behandlungspfade bestehen zwar, im Sinne der Einholung einer ärztlichen Zweitmeinung, werden jedoch in der Regel nur bei besonders kritischen individuellen Entscheidungen in Anspruch genommen, weil sie einen zusätzlichen Zeitaufwand für den Patienten erfordern: So muss der Patient zunächst einen neuen Arzt finden, dem er sich anvertrauen möchte. Anschließend muss, in der Regel, ein Termin vereinbart und der Arzt, während der Sprechstunde, umfassend über das Krankheitsbild informiert werden. Fehlen dem Arzt wichtige Informationen um eine endgültige Diagnose zu stellen, sind, unter Umständen, zusätzliche Untersuchungen (Labor- und/oder gerätegestützte Verfahren) notwendig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Rolle des Patienten im Gesundheitswesen: Analysiert das strukturelle Abhängigkeitsverhältnis zwischen Patient und Arzt sowie die daraus resultierenden negativen Auswirkungen, wie die mangelnde Partizipation des Patienten bei Therapieentscheidungen.
2. Gesundheitsbildung als Eckpfeiler eines neuen Gesundheitswesens: Entwickelt das Konzept einer allgemeinen Gesundheitskompetenz, begründet deren Nutzen für den Einzelnen sowie die Gesellschaft und schlägt den „Gesundheitsführerschein“ als konkretes Umsetzungsinstrument vor.
3. Zusammenfassung: Fasst die zentralen Argumente für die Notwendigkeit der Patientenemanzipation durch Wissensvermittlung zusammen und bekräftigt die Vorteile für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem.
Schlüsselwörter
Gesundheitsbildung, Gesundheitskompetenz, Gesundheitsführerschein, Therapietreue, Patientenemanzipation, Abhängigkeitsverhältnis, Gesundheitswesen, Medizinisches Basiswissen, Prävention, Arzneimitteltherapie, Compliance, Gesundheitsökonomie, Krankenkassen, Partizipation, Strukturwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation des aktuellen, von Abhängigkeiten geprägten Gesundheitswesens hin zu einem System, in dem der Patient durch fundierte Gesundheitsbildung als souveräner Partner agiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Arzt-Patienten-Beziehung, der Bedeutung von Patientencompliance, der Notwendigkeit medizinischer Grundbildung für Laien sowie der wirtschaftlichen Auswirkungen durch mangelnde Kompetenz.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist die Etablierung eines verpflichtenden oder freiwilligen „Gesundheitsführerscheins“, um Patienten zu befähigen, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen und aktiv an der Gesundheitsgestaltung mitzuwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine gesundheitsökonomische und strukturelle Analyse des bestehenden Systems, kombiniert mit Erkenntnissen aus dem Berufsbild des Pharmareferenten als Qualifizierungsmodell für Bürger.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kategorien gesundheitlicher Bedürftigkeit, die Versprechen der Medizin, die Bedeutung der Therapietreue sowie die didaktischen Inhalte und die praktische Implementierung des vorgeschlagenen „Gesundheitsführerscheins“.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe umfassen Gesundheitskompetenz, Patientencompliance, Emanzipation, Prävention und ökonomische Effizienz im Gesundheitssektor.
Warum ist das aktuelle Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arzt und Patient problematisch?
Es führt zu einer einseitigen Wissenshoheit des Arztes, die den Patienten entmündigt, die Therapietreue untergräbt und langfristig zu ineffizienten Versorgungsprozessen sowie steigenden Folgekosten führt.
Wie soll der „Gesundheitsführerschein“ finanziert werden?
Der Autor schlägt vor, die Kosten durch die Überschüsse der gesetzlichen Krankenversicherung zu decken, da die zu erwartenden Einsparungen durch eine höhere Therapietreue die Investition in die Bildung bei weitem übersteigen.
- Arbeit zitieren
- MBA, M.Ed Ahmed Abdelmoumene (Autor:in), 2011, Eine allgemeine Gesundheitsbildung als Grundlage zur Etablierung eines neuen Gesundheitswesens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199767