Eine allgemeine Gesundheitsbildung als Grundlage zur Etablierung eines neuen Gesundheitswesens


Studienarbeit, 2011

47 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Rolle des Patienten im Gesundheitswesen
1.1 Das Abhängigkeitsverhältnis des Patienten zum Arzt
1.2 Der Umgang des Arztes mit den Kategorien gesundheitlicher Bedürftigkeit
1.3 Die Versprechungen der Medizin und deren Wirkungen auf den Patienten

2. Gesundheitsbildung als Eckpfeiler eines neuen Gesundheitswesens
2.1 Gesundheitsbildung zur Stärkung der Verhandlungsposition von Patienten
2.2 Individuelle und volkswirtschaftliche Vorteile einer allgemein vorhandenen „Gesundheitskompetenz“
2.3 Das Berufsbild des Pharmareferenten als Vorbild zur Vermittlung von „Gesundheitskompetenz“
2.4 Lehrinhalte zur Vermittlung von „Gesundheitskompetenz“
2.5 Umsetzung der Lehrinhalte anhand des Beispiels „Gesundheitsführerschein“

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Die Rolle des Patienten im Gesundheitswesen

1.1 Das Abhängigkeitsverhältnis des Patienten zum Arzt

Der sich in Deutschland vollziehende Struktur- und Wertewandel beginnt, wenn auch noch zögerlich, das gesamte Gesundheitswesen zu erfassen. Noch gleicht die vorherrschende Sicht der Interessensgruppen innerhalb des Gesundheitswesens, dem Menschen gegenüber, dem, vom Anthropologen Arnold Gehlen geprägten, Menschenbild des Homo Inermis, der als Mängelwesen einer gewissen Bedürftigkeit unterliegt. Diese Bedürftigkeit entspringt der Tatsache, dass es dem Menschen an grundlegendem medizinischem Basiswissen und somit auch an Kenntnissen der zur Verfügung stehenden therapeutischen Möglichkeiten mangelt.[1]

Infolgedessen ist es dem Laien nur möglich seine gesundheitlichen Bedürfnisse zu stillen, wenn er in Verbindung mit einem Arzt tritt und sich diesem persönlich anvertraut. Das zustande kommende Verhältnis zwischen Arzt und Kunde ist dann durch ein für den Dienstleistungsempfänger nachteiliges Über- Untergeordneten Verhältnis gekennzeichnet, welches auf der Wissenshoheit des Arztes gründet und dem Kunden daher keine Wahl lässt, außer auf die Aussagen des Arztes zu vertrauen. Die Konsequenz daraus ist, dass der Kunde im Gesundheitswesen bisher de facto keine durchsetzbare Verhandlungsposition besitzt und in der Vergangenheit als Endverbraucher, wenn überhaupt, nur indirekt in die Entscheidungsfindung der medizinischen Therapie mit einbezogen wurde.

Überprüfungsmöglichkeiten bereits gestellter Diagnosen und einzuschlagender Behandlungspfade bestehen zwar, im Sinne der Einholung einer ärztlichen Zweitmeinung, werden jedoch in der Regel nur bei besonders kritischen individuellen Entscheidungen in Anspruch genommen, weil sie einen zusätzlichen Zeitaufwand für den Patienten erfordern: So muss der Patient zunächst einen neuen Arzt finden, dem er sich anvertrauen möchte. Anschließend muss, in der Regel, ein Termin vereinbart und der Arzt, während der Sprechstunde, umfassend über das Krankheitsbild informiert werden. Fehlen dem Arzt wichtige Informationen um eine endgültige Diagnose zu stellen, sind, unter Umständen, zusätzliche Untersuchungen (Labor- und/oder gerätegestützte Verfahren) notwendig. Dieser gesamte Prozess ist zeitaufwendig und wird in den meisten Fällen vermieden, weil der Kunde die Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose, aufgrund seines medizinischen Wissensdefizits, nicht einschätzen kann.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten macht das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arzt und Kunde durchaus Sinn und ist sogar hochgradig erwünscht: Lässt sich doch auf dieser Grundlage, die primär auf der Wissenshoheit des medizinischen Personals fußt, ein nachhaltiges System (Gesundheitssystem) erschaffen und nachhaltig erhalten, dessen professionelle Akteure (zum Beispiel die Ärzteschaft) dafür sorgen, dass der vorhandene Bedarf nach medizinischer Behandlung gedeckt wird.

1.2 Der Umgang des Arztes mit den Kategorien gesundheitlicher Bedürftigkeit

Hinsichtlich des Abhängigkeitsverhältnisses gegenüber einem Arzt, lässt sich der individuelle Bedarf nach gesundheitlichen Dienstleistungen, im engeren Sinne, in drei Bedürfnisklassen unterteilen: Dem klassischen Bedürfnis nach gesundheitlicher Wiederherstellung, dem Bedürfnis nach gesundheitlicher Erhaltung sowie dem Bedürfnis nach gesundheitlicher Optimierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die drei Kategorien gesundheitlicher Bedürftigkeit [2]

Die gesundheitliche Wiederherstellung ist die klassische Form der Medizin, die auch heute noch den Großteil aller Behandlungen ausmacht und versucht den erkrankten Patienten, auf kurativem Wege, entweder zur Gesundheit zurückzuführen oder zumindest dessen aktuellen gesundheitlichen Zustand nicht zu verschlechtern.[3] Diese Bedürfniskategorie ist somit jedem geläufig, der in der Vergangenheit bereits in der einen oder anderen Form gesundheitlich beeinträchtigt war: Um wieder gesund zu werden, sucht der Erkrankte einen Arzt auf, welcher ihn untersucht, eine Diagnose stellt und daraufhin die, aus seiner Sicht, erforderliche Behandlung einleitet. Beispielsweise kann es sein, dass der Mensch sich eine bakterielle Infektion zugezogen hat, die daraufhin vom Arzt mit einer Antibiotika-Therapie beantwortet wird.

Vor dem Hintergrund immer restriktiver und stringenter werdender gesetzlicher Vorgaben, wie sie beispielsweise beim Umgang des Arztes mit seinem, zur Verfügung stehenden, Praxisbudget Anwendung finden, ist der Arzt gezwungen, seine Praxis zunehmend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen.[4] Diese Vorgehensweise ist zunächst nicht zu verurteilen, trägt doch die Ärzteschaft durch ihr Verordnungsverhalten maßgeblich zur Kostenentwicklung im Gesundheitswesen bei, welches, zu neunzig Prozent, solidarisch finanziert ist.[5]

Trotzdem bleibt an dieser Stelle folgendes festzuhalten: Auffällig an den insgesamt Fünfundzwanzig, seit 1977, in Kraft getretenen Gesetzen im Gesundheitsbereich ist, dass Reformdiskussionen ausschließlich unter Finanzierungs- und Kostensenkungsgesichtspunkten geführt werden[6]: Im Gesundheitswesen sind wir daher heute an einem Punkt angelangt, an dem die Therapiefreiheit des Arztes, im gesetzlichen Krankenversicherungssystem, nur noch theoretisch existiert.

In der Realität zwingt das vom Gesetzgeber vorgegebene Sachleistungsprinzip, welches seine konkrete Anwendung im Wirtschaftlichkeitsgebot des Paragraphen 12, Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V), findet, den Arzt dazu, ausschließlich „wirtschaftliche, ausreichende, notwendige und zweckmäßige“ Leistungen zu veranlassen. Übersetzt bedeutet dies, dass aus Kostengründen eine Rationierung von Gesundheitsleistungen vorgenommen wird, die eine optimale Versorgung des Patienten, nach den heute zur Verfügung stehenden medizinischen Möglichkeiten, nicht zulässt.

Abgesehen von der Tatsache, dass ärztliche Leistungen nur ausreichend sein dürfen, mag eine Rationierung der Gesundheitsleistungen, vor dem Hintergrund stetig wachsender Kosten, durchaus nachvollziehbar sein. Diese Rationierung sollte jedoch dann auch konsequent und ohne Ausnahmen, bei sämtlichen Leistungsempfängern des gesetzlichen Krankenversicherungssystems, Anwendung finden. Dass dies bis heute nicht der Fall ist, belegt die Verpflichtung des einzelnen Arztes dazu, beispielsweise die, zwischen Kassenärztlicher Vereinigung (KV) und den Kostenträgern einmal jährlich in einem Rahmenvertrag festgehaltenen, Generika-Quoten, einzuhalten.

So muss im Jahr 2011 beispielsweise ein im Bundesland Nordrhein praktizierender Allgemeinmediziner insgesamt neunzig von einhundert Patienten, ein günstiges Generikum verordnen oder anders ausgedrückt: Von seinem zur Verfügung stehenden Praxis-Budget darf der Arzt zehn von einhundert Patienten ein innovatives Arzneimittel rezeptieren. Diese zuvor festgelegte Verteilung des Budgets zwingt den Arzt jedes Jahr erneut dazu eine Auswahl darüber zu treffen, welcher Patient ein innovatives Arzneimittel erhält und welcher nicht.

Um das ihm zur Verfügung gestellte Praxisbudget, im Rahmen seiner Diabetes-Therapie, einzuhalten und keinen existenzbedrohlichen Regress zu riskieren, teilt der einzelne Arzt, beispielsweise, seine zu behandelnden Typ-2-Diabetiker in verschiedene Gruppen ein, die er sich nach relativ willkürlichen Gesichtspunkten, entsprechend seines subjektiv empfundenen Menschenbildes, zusammensetzt. Exemplarisch soll an dieser Stelle eine Einteilung in drei Gruppen vorgenommen werden: Eine Gruppe besteht aus Diabetikern, die noch am Anfang ihrer Erkrankung stehen und, neben einem geringen Übergewicht, nur leicht erhöhte Zuckerwerte vorweisen, allerdings darum bemüht sind, die Empfehlungen des Arztes im Hinblick auf eine Änderung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten umzusetzen. Demgegenüber besitzen die Personen aus Gruppe Zwei zwar bereits ein deutliches Übergewicht und einen messbar erhöhten Blutzuckerspiegel. Trotzdem nimmt diese Gruppe, im Gegensatz zu Gruppe Eins, die Ratschläge des Mediziners nicht an, was sich in einem unveränderten Lebensstil ausdrückt. Die dritte und letzte Gruppe besteht aus Patienten, die sich im Rentenalter befinden und, wie die zweite Gruppe, bereits unter stark erhöhten Blutzuckerspiegeln leidet.

Zur Wahl seiner Therapie stehen dem behandelnden Arzt zwei Wirkstoffe zur Verfügung: So können Diabetiker im Anfangsstadium, deren eigene Insulinproduktion noch funktioniert beispielsweise mit einem günstigen Generikum der Substanzklasse der Sulfonylharnstoffe (SH) oder mit einem innovativen DPP-4-Inhibitor, den sogenannten Gliptinen, therapiert werden.

Die Wahl für eine dieser Therapien hat folgenschwere Konsequenzen für den Patienten:

Während die Behandlung mit Sulfonylharnstoffen (SH) zwar die wesentlich günstigere Alternative darstellt, zwingt sie den Patienten, aufgrund der Überstimulation der Bauchspeicheldrüse, nach einigen Jahren in die Insulinpflicht. Besonders ungünstig wirkt sich für den Patienten dabei der Umstand aus, dass es für einmal insulinpflichtig gewordenen Patienten, keine Rückkehr mehr zu oralen Antidiabetika gibt, weil die Bauchspeicheldrüse zu diesem Zeitpunkt, aufgrund der SH-Therapie, nicht mehr zur Abgabe von körpereigenem Insulin in der Lage ist. Ein weiterer Nachteil für Patienten ist, die erhöhte Wahrscheinlichkeit eine Unterzuckerung (medizinisch: Hypoglykämie) zu erleiden. Diese liegt, bei Einnahme von Sulfonylharnstoffen, bei ungefähr 40 Prozent[7]. Hypoglykämien sind besonders tückisch, weil sie, abhängig von ihrem Ausmaß, zu Krampfanfällen, Schockzuständen, Gehirnschäden und sogar zum Tod führen können.

DPP-4-Hemmer hingegen senken den Blutzucker in vergleichbarem Maße, wie Sulfonylharnstoffe, sind jedoch deutlicher verträglicher: Die Wahrscheinlichkeit eine Hypoglykämie zu erleiden, liegt beim Einsatz von DPP-4-Hemmern, bei circa 3 Prozent.[8] Darüber hinaus besteht ein zusätzlicher Nutzen dieser Substanzklasse für den Patienten darin, dass sie die Funktion der Bauchspeicheldrüse wesentlich länger erhält und eine Insulinpflicht um viele Jahre hinauszögern kann.

Nun stellt sich folgende Frage: Welche Gruppe erhält den Sulfonylharnstoff und welche den innovativen DPP-4-Hemmer? Bleiben wir bei dem im Bundesland Nordrhein praktizierenden Allgemeinmediziner, der eine Generikaquote von 90 Prozent erfüllen muss, ergibt sich bei der Verteilung der Arzneimittel folgendes Bild: Die erste Gruppe erhält das innovative Präparat, also den DPP-4-Hemmer, weil sie den Ratschlägen des Arztes folgt, während den beiden anderen Gruppen das Präparat, wegen ihres beharrlichen Festhaltens am eigenen Standpunkt und der vermeintlichen Unbelehrsamkeit (Gruppe 2) sowie ihres hohen Alters (Gruppe 3), vorenthalten bleibt. Bemerkenswerterweise wird dadurch genau denjenigen das innovative Arzneimittel verwehrt, die es, aufgrund ihres wesentlich fortgeschritteneren Krankheitsverlaufes, am Meisten bräuchten: Die inkonsequente Umsetzung des gesetzlich verankerten Sachleistungsprinzips führt somit, beispielsweise, durch die Etablierung von Generika-Quoten, zu einer gesetzlich verordneten Willkür, die sich letztlich in der Realisierung einer Zwei-Klassen-Medizin niederschlägt.

Der Erhalt der eigenen Gesundheit stellt die zweite Bedürfniskategorie des Kunden dar:

Hierunter sind sämtliche Maßnahmen, wie beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen, zu verstehen, die der Vorbeugung von Erkrankungen dienen. Aufgrund ihres präventiven Charakters und den damit verbundenen Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem, werden Vorsorgeuntersuchungen zunehmend von den gesetzlichen Krankenkassen gefordert, wobei die anfallenden Kosten für die Untersuchungen, bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen, in der Regel, auch von den Kostenträgern übernommen werden.[9]

Der Bereich der Prävention ist ein relativ neues und vielversprechendes Phänomen, das sich bereits seit Anfang des 21. Jahrhunderts in der medizinischen Wissenschaft durchgesetzt und seitdem zunehmend Einzug in die ärztliche Praxis genommen hat. Dabei befindet sich der behandelnde Arzt beim Einsatz präventiver Maßnahmen oftmals in einer paradoxen Situation: Während der Präventionsgedanke auf der Erkenntnis der „Hilfe zur Selbsthilfe“ fußt, basiert der traditionelle Ansatz der Medizin auf einem Unter- Übergeordneten-Verhältnis: Soll also dem Patienten mittels präventiver Maßnahmen, wie beispielsweise einer Ernährungsschulung, vermittelt werden, wie er sich gesund ernähren kann um ein drohendes Übergewicht, sowie dessen assoziierten Begleiterkrankungen, wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes, zu vermeiden, läuft der behandelnde Mediziner Gefahr, bei einer entsprechenden Befolgung seitens des Patienten, einen chronisch kranken Kunden zu verlieren, der sein Arzneimittelbudget erhöht[10] und darüber hinaus, durch die Inanspruchnahme regelmäßiger ärztlicher Behandlungen, ein Umsatzgarant für die Praxis darstellt.

Führen wir uns die am schnellsten wachsende Erkrankung der westlichen Welt, den Diabetes mellitus Typ 2, vor Augen, so müssen wir feststellen, dass dessen Fortschreiten in erster Linie auf eine mangelnde Umstellung der Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen ist: Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 50 und 80 Prozent aller Diabetiker keinerlei Medikamente bräuchten, wenn sie nach dem Entdecken ihrer Erkrankung konsequent ihre Ernährung umgestellt hätten.[11]

Die Antwort darauf, welchen Behandlungspfad, medikamentöse oder präventive Therapie, es zu beschreiten gilt, fällt der Mediziner auf der Grundlage genau jenes Menschenbildes, welches soeben beschrieben wurde und welches er, während seiner beruflichen Praxis, bestätigt bekommt. Diese Erfahrung des Arztes formt das vorherrschende Menschenbild in der Medizin, welches den Patienten, um beim Beispiel der Diabetes-Therapie zu bleiben, allgemein zu jemanden erklärt, mit dem es keinen Sinn macht in einen Dialog einzutreten, denn wenn man es tut, wird dieser Versuch höchstwahrscheinlich mit mangelnder Einsicht quittiert. Mangelnder Einsicht seitens der Patienten, beispielsweise darüber, eine kalorienreduzierte Umstellung der Ernährung vorzunehmen, weil dies ein zu einschneidender Akt, eine zu wesentliche Einschränkung der individuellen Lebensqualität bedeuten würde. Vor die Wahl gestellt, entscheiden sich betroffene Patienten in den meisten Fällen lieber für Tabletten als für eine Ernährungsumstellung, so der allgemeine Konsens vieler Mediziner, und die Ärzte somit im Gegenzug für einen Monolog statt Dialog.[12]

Aus Sicht der Ärzteschaft macht dieses Vorgehensweise durchaus Sinn, wenn man sich bewusst macht, dass der Arzt der Krankenkasse für jeden einzelnen Patienten eine relativ bescheidene Pauschale in Rechnung stellen darf: Je kürzer also die Verweildauer des Patienten im Sprechzimmer beträgt, desto mehr Patienten kann der Arzt behandeln und infolgedessen verdienen. Je länger er hingegen bei einem Patienten im Sprechzimmer bleibt, umso weniger Umsatz kann er generieren und desto höher sind seine Opportunitätskosten.

Einem Patienten eine individuelle und unter Berücksichtigung seiner Lebensumstände angemessene Ernährungs- und Lebensstilberatung zukommen zu lassen, kostet den therapierenden Arzt unter Umständen doppelt Geld: Zum einen lassen sich durch die zeitintensive Beratung im Sprechzimmer weniger Patienten behandeln, die den Wegfall von abrechenbaren Pauschalen bedeuten würden. Andererseits kann es passieren, dass der Patient nach erfolgreicher Lebensstiländerung gesund wird und somit keiner medizinischer Behandlung mehr bedarf, was bedeutet, dass der Arzt einen Kunden weniger hat.

Ähnlich dem präventiven Ansatz, ist auch das Bedürfnis nach gesundheitlicher Optimierung, ein ebenfalls neuer Trend, der sich jedoch deutlich von den beiden, soeben besprochenen, Ansätzen unterscheidet: Während sich sowohl der Wunsch nach gesundheitlicher Wiederherstellung als auch der nach gesundheitlicher Erhaltung primär aus einem eigenen persönlichen Antrieb heraus ergibt, orientiert sich das Streben nach gesundheitlicher Optimierung in erster Linie am Ziel, den, oftmals durch die Massenmedien vorgegebenen, Erwartungen und Ansprüchen der modernen Leistungsgesellschaft gerecht zu werden.

Der Logik des Homo Inermis folgend scheint der - im materiellen Sinne zu verstehende - Mensch vor dem Hintergrund der Moderne, mit ihrem immer unbeherrschbarer erscheinenden Alltag, nicht mehr zeitgemäß zu sein. Er bedarf daher der Modernisierung. Die gesundheitliche Optimierung ist also der konsequente Schritt des nach Wertschätzung innerhalb der westlichen Gesellschaft strebenden Individuums, die junge, gesunde, gutaussehende und leistungsbereite Individuen fordert.

Eine Möglichkeit sich als männlicher Manager mit einem stressigen Alltag in leitender Position eines mittelständischen Unternehmens oder der Führungsetage eine international agierenden „Global-Players“, trotz persönlich sinkender Leistungsfähigkeit, weiterhin der Wertschätzung seines beruflichen und privaten Umfeldes sicher zu sein, kann beispielsweise die Applikation von Testosteron sein: Das, durch starke körperliche und seelische Belastungen, verringerte Sexualhormon, kann durch dieses „Upgrade“ somit wieder erhöht und infolgedessen, die individuelle Leistungsbereitschaft heraufgesetzt werden. Das Einzige, was der Manager benötigt ist ein Anti-Aging-Spezialist[13] in seiner Nähe und ein wenig Geld um die Rechnungen für das Ausstellen des Privatrezeptes und des Testosterons zu bezahlen.

Aus medizinischer Sicht spricht grundsätzlich nichts dagegen etwas zu substituieren, das ohnehin da sein sollte, jedoch sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, ob für diese Manager nicht zunächst einmal eine Lebensstiländerung mit einem individuellen Lebensstilkonzept angebrachter wäre, bevor man sie in einem der, laut Friedrich Jockenhövel, Internist und Endokrinologe der Universitätsklinik Köln, „derzeit größten nicht genehmigten Menschenversuche“ einschreibt. Hintergrund der Aussage ist die Tatsache, dass derzeit keine Langzeitdaten über die Therapie mit Testosteron, die über eine Studiendauer von Drei Jahren hinausgehen, existieren.[14]

Um vor der modischen Hormontherapie, die in Deutschland unter dem bereits erwähnten Begriff „Anti-Aging“ bekannt ist und, neben einer Gabe von Sexualhormonen, auch die Injektion von Wachstumshormonen inkludiert, veröffentlicht das „National Institute on Aging“ in den USA regelmäßig Warnhinweise zur Therapie mit den modischen Hormonen, wobei sich Stichworte, wie beispielsweise Schlaganfall, Krebsgefahr, Leberschäden, Barthaare bei Frauen und Embolien wiederfinden.[15]

Das Menschenbild des zu optimierenden Menschen hat eindeutig auch Einzug in die Köpfe von einigen Medizinern gehalten, die durch unkritische Verordnungen von Sexualhormonen einen Beitrag dazu leisten, das Leben und die Lebensqualität von Menschen zu gefährden, denen die Ausmaße ihres Handelns, durch einen Mangel an medizinischer Bildung, nicht bewusst ist.

1.3 Die Versprechungen der Medizin und deren Wirkungen auf den Patienten

Das heutige Gesundheitswesen macht seinen Kunden, analog der soeben aufgeführten Bedürfniskategorien, zahlreiche Versprechen, von denen an dieser Stelle exemplarisch Drei aufgezählt werden sollen.

Das erste Versprechen lautet wie folgt: „Erkrankungen, gleichgültig wie schwer sie auch sein mögen, sind mit medizinischen oder pharmakologischen Therapien heilbar. Bei schweren Erkrankungen bestehe somit die Einzige Herausforderung noch darin, den Gendefekt bzw. das verantwortliche Gen, das die Erkrankung hervorruft, zu isolieren und eine geeignet Therapie zu entwickeln.“

Dieses Versprechen sozialisiert die Patienten daraufhin, auch bei kleinen Erkrankungen, wie beispielsweise Erkältungen, unmittelbar ärztliche Hilfe aufzusuchen. Häufig werden neben dem Arzt auch Bekannte und Freunde konsultiert um sich eine Empfehlung über geeignete Medikamente einzuholen, die dann in der Apotheke gekauft werden. Gemäß dem Motto „Für jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“ therapieren sich heutzutage unzählige Menschen mit diversen freiverkäuflichen Medikamenten selbst: Sei es Baldrian bei Prüfungsangst, Aspirin® bei den kleinsten Anzeichen von Kopfschmerzen oder Voltaren®-Tabletten bei leichten Unannehmlichkeiten im Hüftbereich nach dem morgendlichen Waldlauf.

[...]


[1] Vgl. Ommerle, M. (2003), S. 43

[2] Eigene Darstellung

[3] Vgl. Steffers, G./Credner, S. (2006), S. 70

[4] Vgl. Börkircher, H. (2004), S. 4

[5] Vgl. Ahrens, H. J. (2006), S. 145

[6] Vgl. Maulbecker/ Henke/Wernicke (2009), S. 112

[7] Vgl. Ärzte Zeitung (2011)

[8] Vgl. Göke, B. et al. (2010)

[9] Vgl. Stopp, K. (2010), S. 216

[10] Jeder einzelne, vom Arzt dokumentierte, chronisch erkrankte Patient benötigt, aufgrund der zahlreichen Co-Morbiditäten, in der Regel eine Vielzahl von Medikamenten. Dadurch kostet die Therapie eines chronisch kranken Patienten vergleichsweise viel. Diesem Umstand wird dadurch Rechnung getragen, dass der Arzt chronisch Kranke als Praxisbesonderheit geltend machen kann, was faktisch mit einer Erhöhung des Praxis-Budgets einhergeht.

[11] Vgl. Medizininfo (2012)

[12] Vgl. Gräber, R. (2008)

[13] Die German Society of Anti-Aging Medicine e.V. (GSAAM) weist auf ihrer Homepage über 1.000 Mitglieder aus. Eine Suche über die von Jenapharm, dem Hersteller eines Testosteron-Gels, gesponsorte Seite www.maenneraerzte.info, ergibt knapp 2.000 Ärzte.

[14] Vgl. Miketta, G. (2001)

[15] Vgl. Miketta, G. (2001)

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Eine allgemeine Gesundheitsbildung als Grundlage zur Etablierung eines neuen Gesundheitswesens
Hochschule
Paneurópska vysoká škola
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
47
Katalognummer
V199767
ISBN (eBook)
9783656260578
ISBN (Buch)
9783656261131
Dateigröße
767 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, gesundheitsbildung, grundlage, etablierung, gesundheitswesens
Arbeit zitieren
MBA, M.Ed Ahmed Abdelmoumene (Autor), 2011, Eine allgemeine Gesundheitsbildung als Grundlage zur Etablierung eines neuen Gesundheitswesens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199767

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