Drachen. Wie die Sagen über Lindwürmer entstanden


Fachbuch, 2012

108 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Ausgeburten der Phantasie
Es war nicht die Spur von Noahs Raben

Kuriose Irrtümer in der Geschichte der Paläontologie
Drachensagen sind meistens Jägerlatein

Wie die Sagenüber Lindwürmer entstanden
Monstern auf der Spur

Drachen in Sagen und Mythos

Literatur

Bildquellen

Der Autor

Der siebenkö pfige Drache,

Holzschnitt von Albrecht Dürer (1471-1528), Original in der Kunsthalle Karlsruhe

VORWORT

Ausgeburten der Phantasie

Drachen haben zu keiner Zeit die Erde bevölkert. Sie sind nur Ausgeburten menschlicher Phantasie. Zur Entste- hung der Sagenüber Drachen trugen in früheren Jahrhunderten vor allem Funde prähistorischer Tiere - wie Mammute, Fellnashörner und Höhlenbären -, deren wahre Natur man ehedem nicht erkannte, bei.

Im Gegensatz zu einst tatsächlich existierenden Tieren - wie den vor etwa 65 Millionen Jahren ausgestorbenen Dinosau- riern und Flugsauriern - sind Drachen aber nicht auszurot- ten. Der Wiesbadener Autor Ernst Probst hat das Taschen- buch „Drachen“ seinem Enkel Max Werner und seiner En- kelin Paula Werner gewidmet, die sich beide für Monster besonders interessieren.

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Es war nicht die Spur von Noahs Raben

Kuriose Irrtümer in der Geschichte der Paläontologie

Die Geschichte der Paläontologie, der Lehre vom Leben in der Urzeit, ist voller skurriler Irrtümer. Lange woll- te niemand glauben, dass die Reste von prähistorischen Pflan- zen und Tieren viele Millionen Jahre alt sind. Es vergingen etliche Jahrhunderte, bevor allerlei merkwürdige Erklärun- genüber die Entstehung von Fossilien als Unsinn erkannt wurden.

Eine der frühesten Fehldeutungen von Fossilien unterlief dem griechischen Philosophen Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. Er verkannte solche Urzeitfunde als „Figurensteine“, die durch schöpferische Kräfte im „Urschlamm“ entstanden seien.

Anhänger der Sintfluttheorie betrachteten im 17. Jahrhun- dert die Versteinerungen als bei dieser biblischen Naturka- tastrophe ertrunkene Lebewesen. Der Rechtsprofessor Phil- ipp Ernst Bertram (1726-1777) aus Halle/Saale meinte 1766, Gott habe Fossilien in den Boden gelegt - womöglich, um diejenigen zu prüfen, die an der göttlichen Schöpfung zwei- felten. Und der Breslauer Mineraloge Karl Georg von Rau- mer (1783-1865) war 1819 felsenfest davonüberzeugt, dass Fossilien verunglückte Probeschöpfungen der Natur seien.

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Alle diese frühen Forscher irrten. Aber das war kein Wunder, wenn man den kulturhistorischen Hintergund ihrer Zeit betrachtet. Noch anno 1650 war man sich allgemein einig, dass die Erde wenig mehr als 5500 Jahre alt sei. Der irische Erzbischof James Ussher (1581-1656) zum Beispiel hatte damals errechnet, die Schöpfung habe am 23. Oktober des Jahres 4004 vor Christi Geburt ex- akt um 9 Uhr begonnen.

Niemand zu Usshers Lebzeiten ahnte, dass die Reste von Pflanzen und Tieren in den Solnhofener Platten aus Bay- ern, die 1616 erstmals von dem Nürnberger Apotheker Basilius Besler (1561-1628) abgebildet wurden, etwa 150 Millionen Jahre alt sind. Die prächtigen Dendriten auf dem Solnhofener Kalkgestein wurden im 17. Jahr- hundert als Moos gedeutet. In Wirklichkeit handelte es sich dabei um verästelte Kristallbildungen auf Schichtfugen und Kluftflächen, die aus eisen- und manganhaltigen Lö- sungen entstanden. Ihre Form ähnelte tatsächlich Moos, Sträuchern oder Bäumen. Außerdem beschrieb Besler eine „Spinne“, die hundert Jahre später als ein Meerestier ent- larvt wurde, das mit Seesternen und -igeln verwandt ist. Völlig falsch beurteilt wurden auch Urweltfunde aus dem Rhein. Ein Wormser Bürger etwa meinte 1689: „Es ist unleugbar, dass große und mehr als 20 oder 30 Schuh lang gewesene Riesen und Drachen an dieser Rhein- gegend sich nicht selten aufgehalten haben, indem ein dergleichen Riesenbein anno 1635 im Rhein gefunden, ich selbstens zu Wormbs gehabt, nach welches abgeteil- ter Proportion der Mensch mehr als 30 Schuh lang müsste gewesen sein.“ Ein Schuh oder ein Fuß galt damals als Längenmaß von etwa 30 Zentimeter. Demnach wäre der Wormser Riese etwa neun Meter groß gewesen. Heute weiß man, dass es sich vermutlich um einen Mammut- knochen handelte. Mancher stolze Entdecker von Fos- silien (der Begriff stammt aus dem Lateinischen: fossilis = ausgegraben) erntete einst statt Anerkennung nur Hohn und Spott, wie beispielsweise der Londoner Apotheker Conyers, der 1715 nahe der britischen Hauptstadt im Kies eines längst ausgetrockneten Flusses einige Elefan- tenknochen und dicht daneben einen roh behauenen spit- zen Stein fand. So etwas passte nicht in das damalige Weltbild. Deshalb wurde in den Kneipen vielüber die- sen Fall gewitzelt.

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Unter anderem wurde gemutmaßt, es handle sich um einen ausgerissenen Zirkuselefanten, der jämmerlich um- gekommen sei, weil ihm die britische Kost nicht be- kam. Der Apotheker glaubte schließlich einem Freund, der die Elefantenknochen in die Zeit des römischen Kaisers Claudius (10 v. Chr.-54 n. Chr.) datierte, der Elefantenüber den Kanal gebracht habe, um die Briten zu unterwerfen. Daraufhin wurden die Knochen und der Stein in ein Raritätenkabinett gebracht und als „Funde aus der Römerzeit“ bezeichnet.

Auch die Bedeutung der ersten dokumentarisch beleg- ten Entdeckung von Dinosaurierspuren in Nordamerika wurde zunächst nicht erkannt. Als dem zwölfjährigen Farmersohn Pliny Moody (1790-1868) im Herbst 1802 die- ser Fund glückte, war der Begriff Dinosaurier noch gar nicht bekannt, er wurde erst 1841 von dem Londoner Paläonto- logen Richard Owen (1804-1892) vorgeschlagen einen umgestoßenen Felsbrocken erblickt, auf dem der Abdruck von drei riesigen Zehen zu erkennen war. Sie ähnelten Spuren von Vögeln, dieüber Schlamm oder Sand gelaufen waren. Die Menschen von South Hadley redeten vielüber diesen sonderbaren Fund, bis einer von ihnen auf die Idee kam, es könne sich um Fußspuren jenes Raben handeln, den Noah nach der Sintflut ausgeschickt hatte, um trockenes Land zu suchen.

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Weit von der Wahrheit entfernt war auch der englische Antiquar Edward Lluyd (1660-1709), der 1689 den ersten Fund eines Fischsauriers als „Lithophylacii Britannici ichnographia“ bezeichnete. Lluyd hielt den Fischsaurier, der vom Aussehen her heutigen Delphinen ähnelte, für einen Fisch besonderer Art. Er meinte, wenn das Meerwasser ver- dunstet, dann gerieten auch Fischeier in die Wolken und würden später mit dem Regen auf das Festland fallen. In den trockenen Erdschichten, so erklärte er, würden sich aus ihnen keine normalen Fische entwickeln, sondern solche aus Stein. Alle Fossilien wären nach dieser Deutung keine Le- bewesen aus Fleisch und Blut, sondern seltene Naturspiele, zusammengebacken aus Rogen, Samenluft und von Meeres- dünsten imprägniertem Gestein.

Über diese Theorie lächelte einige Jahrzehnte später ein anderer Entdecker eines Fischsauriers, nämlich der Zürcher Stadtarzt und Chorherr Johann Jakob Scheuchzer (1672- 1733) - doch heute schmunzelt man auchüber ihn. Scheuchzer erklärte nämlich allen Ernstes, mehrere unter dem Galgenberg der fränkischen Stadt Altdorf geborgene Wirbel gehörten zum Beingerüst eines verruchten Menschen- kindes aus der Sintflut, um dessen Sünde willen das Un- glücküber die Welt hereingebrochen sei. Ähnlich äußerte er sich 1726über fossile Reste eines Riesensalamanders aus den tertiären Süßwasserablagerungen von Öhningen am Bodensee.

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Um 1712 wies der Altdorfer Arzt und Mineraloge Johann Jacob Baier (1677-1735), der die Gesteinsbildungen und Fossilien der Jurazeit in Ober- und Mittelfranken untersuchte, zu Scheuchzers großem Ärger nach, dass solche gehöhlten Wirbelpaare nie und nimmer den Körper eines Menschen getragen haben konnten. Baier bestimmte die Ichthyosaurierkochen als Fischwirbel.

Allmählich zogen immer mehr Paläontologen die richtigen Schlüsseüber die Fossilien. Sie verglichen die Knochen mit heute lebenden Tieren und kamen vielfach zu immer noch gültigen Erkenntnissen. Schließlich bot die Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882) gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts den theoretischen Hintergrund für die korrekte Interpretation der Fossilienfunde. Vor Irrtümern sind die Paläontologen freilich auch heute noch nicht völlig gefeit.

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Drachen sind meistens Jägerlatein

Wie die Sagenüber Lindwürmer entstanden sind

Riesengroß, den furchterregenden Rachen weit aufge- rissen, geifernd, Feuer speiend, die Luft verpestend und wild mit dem kräftigen Schwanz um sich schlagend - so wird der Drache in vielen Märchen und Sagen beschrieben. In den germanischen Mythen beispielsweise kämpfte Thor, der Gott des Donners, gegen die Midgardschlange. Der Drache Nidhögg nagte an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil, bis sie in der Götterdämmerung zusammenstürzte. Und der Held Siegfried von Xanten tötete den Riesen Fafnir, der in Drachengestalt einen großen Goldschatz hütete, der später als Nibelungenhort eine Rolle spielte.

In Indien priesen Sänger den Sieg des Gewittergottes Indraüber die Vritra-Schlange: „Kläglich wie ein ge- knicktes Rohr liegt der Drache.“ Bei den Griechen be- zwang der Gott Apollon den Python-Drachen, und der Halb- gott Herakles tötete die neunköpfige Lernäische Hydra. Die Sumerer rühmten den Blitze schleudernden Göttersohn Marduk, der die Urgöttin der Finsternis, das Meeresunge- heuer Tiamat, in zwei Teile spaltete, aus denen er dann Him- mel und Erde bildete.

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Details

Titel
Drachen. Wie die Sagen über Lindwürmer entstanden
Autor
Jahr
2012
Seiten
108
Katalognummer
V199844
ISBN (eBook)
9783656260967
ISBN (Buch)
9783656261025
Dateigröße
9312 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Drache, Drachen, Lindwurm, Lindwürmer, Drachensagen, Sagen
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor:in), 2012, Drachen. Wie die Sagen über Lindwürmer entstanden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199844

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