Zentrale Elemente des Sündenfallmythos in Franz Kafkas "Das Urteil" und "Ein Hungerkünstler"


Hausarbeit, 2010
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sündenfallmythos in der Bibel und seine zentralen Momente
2.1 Kafkas Exegese des Sündenfallmythos
2.1.1 Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens
2.1.2 Auf der Suche nach der Wahrheit
2.1.3 Das Paradies und das irdische Dasein
2.2 Kafka und das Judentum
2.2.1 Die Assimilation des Judentums
2.2.2 Kafkas Auseinandersetzung mit dieser Assimilation

3. Kafkas ErzählungDas Urteil
3.1 Göttliche Instanz, Vertreibung und die Schuldfrage aus dem Sündenfallmythos
3.2 Motive aus dem jüdischen Glauben

4. Kafkas ErzählungEin Hungerkünstler
4.1 Erkenntnis und Wahrheit als verarbeitete Elemente des Sündenfallmythos
4.2 Erlösung und Assimilation

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich am Beispiel Das Urteil und Ein Hungerkünstler untersuchen, ob und inwiefern Franz Kafka Momente des Sündenfallmythos in seinen Werken rezipiert. Dazu versuche ich in der jeweiligen Erzählung die erkennbaren Motive herauszufiltern, um sie schließlich wieder auf die biblische Grundlage zurückzuführen. Darüber hinaus möchte ich noch die Verbindung zwischen den verarbeiteten Momenten des Sündenfallmythos und Kafkas Verortung und Beurteilung des Judentums der Moderne aufzeigen.

Die konkrete Fragestellung ist, ob Kafkaüber seine allgemeine Rezeption des Sündenfallmythos hinaus konkrete Elemente dessen in seinen beiden Erzählungen verwendet hat und wie er sie dort eingebunden hat. Davon ausgehend werde ich dann zeigen, wie sich diese Elemente auch auf das Bild Kafkas vom Judentum rückbeziehen lassen.

Im weiteren Vorgehen gebe ich erst einen groben Überblicküber die wichtigsten Momente des Sündenfallmythos, so wie sie in der Bibel im ersten Buch Mose dargestellt sind und werde dann Allgemeines zu Kafkas Rezeption des Mythos zusammenfassen. Dabei möchte ich mich besonders auf das Moment der Erkenntnis, den Begriff der Wahrheit und die Schuldfrage fokussieren, da diese wichtig für die nachfolgende Untersuchung der verarbei- teten Motive im Urteil und Hungerkünstler sein werden, wie ich aufzeigen will.

Das Urteil habe ich für die Analyse gewählt, weil es eines der ersten Werke Kafkas war, das sowohl von ihm selber als auch von der Forschungsliteratur als besonders konkret und anschaulich betitelt wurde. Daran wurde bereits eine Vielzahl an möglichen Sinnzuschrei- bungen vorgenommen, so wurde es u.a. auch als erstes Werk bezeichnet, welches den Sündenfallmythos literarisch gestaltet, weshalb ich erwarte, dort einige verwendete Motive wiederfinden zu können.

Ein Hungerkünstler habe ich hingegen ausgesucht, da es eine von Kafkas letzten Erzäh- lungen kurz vor seinem Tod ist. Noch dazu hatte Kafka, bevor er den Hungerkünstler ver- fasste, bereits einige weitere Aphorismen, die den biblischen Sündenfallmythos betreffen, verfasst und sich noch eingehender mit der Assimilation des Judentums beschäftigt.

Aus eben diesen Gründen verspreche ich mir in den beiden Erzählungen sowohl eine Bearbeitung des Sündenfallthemas als auch Indizien für Kafkas jüdische Vorstellungen zu finden. Abschließend möchte ich noch die Ergebnisse aus der Werkanalyse kurz vergleichen und prüfen, ob sich eventuell auch eine Art Entwicklung der jüdisch-religiösen Auffassung Kafkas zwischen Urteil und Hungerkünstler zeigen lässt.

2. Der Sündenfallmythos in der Bibel und seine zentralen Momente

Bevor ich zu Kafkas Exegese des Sündenfallmythos komme, stelle ich diesen wie ange- kündigt knapp vor und werde auf die wichtigen Elemente für die folgende Analyse einge- hen. Der Sündenfallmythos lässt sich im Ersten Buch Mose finden1. Er folgt nach der Er- zählungüber die göttliche Schöpfung der Welt2 und der ersten beiden Menschen sowie das Leben dieser im Garten Eden3. Zuvor sprach Gott das von ihm nicht näher begründete Verbot vom Baum der Erkenntnis zu essen, aus und drohte Adam mit dem Tod bei Wider- setzung gegen diese Anordnung4. Die Schlange offenbart Eva hingegen, dass mit dem Es- sen der Früchte eine gottgleiche Erkenntnis von Gut und Böse gewonnen werden kann. Sowohl Eva als auch Adam, dem sie die Frucht darreicht, essen vom Baum der Erkenntnis. Ihr Erkenntnisgewinn zeigt sich daraufhin zunächst im Erkennen und darauffolgenden Verstecken der Geschlechterdifferenz. Gott ertappt die beiden und Eva leugnet ihren Anteil der Schuld, indem sie die Schlange als Verführerin bezichtigt. Es folgt die Bestrafung der Beiden durch Gott, sie werden von ihm getrennt, aus dem Paradies vertrieben und müssen fortan auf der Erde ein mühseliges Dasein fristen. Schlussendlich lässt Gott den bislang unangetasteten Baum des Lebens bewachen5.

Der Sündenfallmythos bietet somit ein Welterklärungsmodell für den allgemeinen Zustand des Menschen in dieser Welt an6. Ich werde meine Akzente im weiteren Verlauf der Ana- lyse ebenfalls auf die auch von Kafka herausgegriffenen Motive dieses Mythos setzen.

2.1 Kafkas Exegese des Sündenfallmythos

Es erscheintüberraschend, wie häufig man in Kafkas Erzählungen aufgenommene und rezipierte Motive des Sündenfallmythos vorfinden kann. Dies mag einerseits an seiner tie- fen Verwurzelung mit den jüdischen Kerngedanken7 liegen und andererseits daher rühren, dass er sich auch in seinem sogenannten Aphorismen-Zettelkonvolut Von der „ Sünde “ , vom „ Leid “ , von der „ Hoffnung “ sowie vom „ wahren Weg “ 8 von 1918 für einige Zeitlang in einem besonderen Maße mit dem Sündenfallmythos des Alten Testaments, dasüber eine normale Bibellektüre hinausreichte. An dieser Auslegung kann man sowohl für Kafkas frühere als auch für seine späteren Werke wichtige Indizien für die zentrale Rolle des Sündenfallmythos bei ihm erkennen.

Generell lässt sich bei ihm die Interpretation finden, dass im Sündenfallmythos eine Beschreibung des irdischen Daseins der Menschen, dessen Kennzeichen seine Sterblichkeit und seine Fähigkeit der Erkenntnis von Gut und Böse sind, gezeigt wird9.

2.1.1 Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens

Auffällig ist es, wie oft Kafka in seinen Aphorismen das Essen vom Baum der Erkenntnis behandelt. Er verortet den Baum der Erkenntnis zumeist im Zusammenhang mit dem Baum des Lebens. „Wir sind nicht nur deshalb sündig, weil wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, sondern auch deshalb, weil wir vom Baum des Lebens noch nicht geges- sen haben.“10 Nach Kafkas Auffassung liegt der Sündenfall nicht im Essen vom Baum der Erkenntnis, sondern vielmehr im Nichtessen der Frucht des Lebens. Damit findet bei ihm eine Abwertung der gewonnenen Erkenntnis statt. Außerdem ist diese Erkenntnis an das postparadiesische Dasein gebunden und wird mit der Lüge gleichgesetzt.11

2.1.2 Auf der Suche nach der Wahrheit

Des Weiteren führt der Weg zum Erkennen der Wahrheit gemäß Kafka nurüber die Lüge: „Wahrheit ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen; wer sie erkennen will, muss Lüge sein.“12 Dies leitet dazuüber, dass „es nichts anderes als eine geistige Welt [gibt]; was wir sinnliche Welt nennen ist das Böse in der geistigen und was wir böse nennen ist nur eine Notwendigkeit eines Augenblickes unserer ewigen Entwicklung.“13 Daraus ergibt sich ein ganz eigenes Verständnis von Wahrheit, denn wenn die sinnlich wahrnehmbare Welt das Böse darstellt und mit einer Scheinvorstellung, der Lüge verbunden ist, dann kann die jenseitige Welt, die Wahrheit, nurüber den Weg der Lüge erreicht werden; oder das Erkennen von Wahrheit muss immer vom Standpunkt der Lüge ausgehen: Nur wer Lüge ist, kann Wahrheit erkennen, aber wer Lüge ist, kann Wahrheit nicht erkennen.14 Damit liegt der irdischen Welt eine Negativität zugrunden, der geistigen Welt hingegen etwas Positives.

2.1.3 Das Paradies und das irdische Dasein

Gott hat die Menschen nicht wie angedroht mit dem Tod bestraft, sondern sie aus dem Pa- radies vertrieben und zu einem elenden, irdischen Dasein gezwungen. Kafka gelangte zu der Deutung, dass der Mensch eine Zweiheit von Erden- und Himmelsbürger wäre und nur der erste aus dem Paradies ausgestoßen worden sei. Während der andere in ihn weiterlebt, ist er sich bewusst, dass es zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen des Menschen nur die Möglichkeit einer ahnenden Berührung gibt. Nur wenn das ehrgeizige Ich sich demüber die Welt hinaus strebenden Selbst unterwirft, kann der Zwiespaltüberwunden wer- den.15 Diese Form der Selbstzerstörung zeigt, dass ein normaler irdischer Tod nicht genügt, um den Weg zum paradiesischen Dasein wieder zu finden. Die Sterbensart um das zu er- reichen muss noch gefunden werden.16

2.2 Kafka und das Judentum

Um die wiederholte Verarbeitung einiger Themen des Sündenfallmythos im Werke Kafkas deuten zu können, muss man bedenken, dass sich sein Bibelverständnis mit einem jüdi- schen Hintergrund ausgebildet hat. Kafka spricht in seinen Aphorismen nie direktüber das Judentum, sondern verwendet lediglich jüdische Elemente, wie z.B. Momente des Sünden- fallmythos. Erschwert wird das Erkennen dieser dadurch, dass „[d]ie Sprache für alles au- ßerhalb der sinnlichen Welt nur andeutungsweise, aber niemals auch nur annähernd ver- gleichsweise gebraucht werden [kann]“17 ; d.h. er vermag metaphysische Motive nur anzu- deuten. Denn sobald etwas in Kafkas Erzählungen in einen transzendenten Charakterüber- geht, muss er sich darauf beschränken dies lediglich zu umschreiben, denn das, wasüber das Sinnliche hinausgeht, kann mit der Sprache nicht erfasst werden. Kafka akzeptiert nur das negative Moment der Tradition, in dem sich die Erforschung des Sinnes gerade in des- sen Abwesenheit wiederfindet.18 Nun gilt es die jüdischen Elemente herauszufiltern und mit seinem Werk in Beziehung zu setzen. Um diese religiösen Hinweise jedoch identifizie- ren zu können, ist es nötig einen grundlegenden Blick auf Kafkas zwiespältiges Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft zu werfen.

[...]


1 Gen. 3, 1-24

2 Gen. 1, 1-31

3 Gen. 2, 1-25

4 Gen. 2, 16f.

5 Gen. 3, 4-24

6 Hyuck Zoon Kwon: Der Sündenfallmythos bei Franz Kafka. Der biblische Sündenfallmythos in Kafkas Denken und dessen Gestaltung in seinem Werk. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006, S. 27

7 ebd., S. 34

8 Gernot Wimmer: Franz Kafkas Aphorismen und Nachlasserzählungen in Auswahl. Rationalismus und De- terminismus. Zur Parodie des christlich-religiösen Mythos. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2009. S. 23-67.

9 Sabina Kienlechner: Negativität der Erkenntnis im Werk Franz Kafkas. Eine Untersuchung zu seinem Denken anhand einiger späterer Texte. Tübingen: Niemeyer, 1981, S. 20

10 Wimmer: Franz Kafkas Aphorismen und Nachlasserzählungen in Auswahl, S.54

11 Kwon: Der Sündenfallmythos bei Franz Kafka, S.41

12 Wimmer: Franz Kafkas Aphorismen und Nachlasserzählungen in Auswahl, S. 22

13 ebd., S. 43

14 Kienlechner: Negativität der Erkenntnis im Werk Franz Kafkas, S.17

15 Vgl. Werner Hoffmann: Ansturm gegen die letzte irdische Grenze. Aphorismen und Spätwerk Kafkas. Bern: Francke, 1984, S. 107

16 Kienlechner: Negativität der Erkenntnis im Werk Franz Kafkas, S. 23

17 Wimmer: Franz Kafkas Aphorismen und Nachlasserzählungen in Auswahl, S. 45

18 Cavarocchi Arbib, Marina: Jüdische Motive in Kafkas Aphorismen. In: Kafka und das Judentum. Hrsg. von Karl E. Grözinger. Frankfurt am Main: Athenäum 1987, S. 125

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Zentrale Elemente des Sündenfallmythos in Franz Kafkas "Das Urteil" und "Ein Hungerkünstler"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V199854
ISBN (eBook)
9783656262640
ISBN (Buch)
9783656263593
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Sündenfallmythos, Judentum, Das Urteil, Ein Hungerkünstler
Arbeit zitieren
Irene Chevalier (Autor), 2010, Zentrale Elemente des Sündenfallmythos in Franz Kafkas "Das Urteil" und "Ein Hungerkünstler", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199854

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