Integrationsbeiträge des Sports und Beweggründe für den Vereinseintritt der Mitglieder eines Migrantensportvereins aus Sicht der Vereinsführungskräfte


Bachelorarbeit, 2012
78 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Integration im Sport
2.1 Begriff Integration
2.2 Historische Einordnung
2.3 Terminus Migrant
2.4 Differenzierung der Migrantensportvereine
2.5 Theoriediskurs der Integrationswirkung durch den Sport
2.6 Integrationsverständnis
2.7 Beweggründe

3. Methodik der qualitativen Sozialforschung
3.1 Methode der Interviewform
3.2 Durchführung der Interviews
3.3 Qualitative Inhaltsanalyse

4. Auswahl der Interviewpersonen

5. Auswertung der Interviews
5.1 Einordnung des Sportvereins
5.1.1 Kampfsportverein Boxorina
5.1.2 Migrantensportverein Wumpers
5.2 Integrationsbeitrag und Beweggründe zum Vereinseintritt
5.2.1 Vereinsstruktur
5.2.2 Nationalitäten
5.2.3 Beweggründe
5.2.4 Engagement von Migranten
5.2.5 Umgangsformen und Geselligkeitsformen
5.2.6 Kulturelle Differenzen
5.2.7 Identifikation der Mitglieder
5.2.8 Wahrnehmung
5.2.9 Problemfelder
5.2.10 Leistungen
5.2.11 Besonderheiten

6. Fazit

7. Literatur

8. Anhang

1. Einleitung

Die Bachelorarbeit über das Thema „Integrationsbeiträge des Sports und Beweg- gründe für den Vereinseintritt“ befasst sich aus sportsoziologischer Perspektive mit den Integrationsbeiträgen eines Migrantensportvereins und den Motivationsgründen des Vereinseintritts der Mitglieder aus der Sicht der Vereinsführungskräfte. Es han- delt sich um eine Auseinandersetzung im Rahmen der sportwissenschaftlichen Fakul- tät im Bereich der Sportsoziologie anhand zweier qualitativer Experteninterviews mit solchen Führungskräften.

Die deutsche Gesellschaft wird im Rahmen des demographischen Wandels bunter. Hier spielt die Integration der Migranten eine wichtige Rolle, da sie das gemeinsame friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Nationen ermöglicht. Insbesondere der Sport wird von Politik und den Sportintuitionen als neues Werk- zeug betrachtet. Im zentralen medialen Fokus steht oftmals der Fußballsport, der sich durch eine bunte Nationalmannschaft als multikulturell repräsentiert. Somit wird der Fußball als globaler Massensport für die Integrationsförderungen von Migranten he- rangezogen. Jedoch sollten auch die lokalen Sportvereine anderer Sportarten analy- siert werden, die ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten könnten.

Zu Beginn erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Terminus Integra- tion und den Formen der Migrantensportvereinen. Anschließend erfolgt eine Darle- gung des wissenschaftlichen Diskurses der Integrationswirkung durch den Sport und eine Festlegung des Integrationsverständnisses dieser Arbeit. Als Fundament der Forschungsfrage findet die Erläuterung der Beweggründe der Mitglieder zum Ver- einseintritt statt. Danach wird die Methodik der qualitativen Sozialforschung durch eine theoretische Darlegung der Terminologie und die Anwendung zur Datenerhe- bung dieser Bachelorarbeit erörtert.

Die Interviewpartner sind die Vorsitzenden Herr Gremper (Sportverein Wumpers) und Herr Knop (Sportverein Boxorina).

Durch eine Filterung des erhobenen Datenmaterials wird die Forschungsfrage expli- zit aus der Sichtweise von Führungskräften und unter der Berücksichtigung der un- terschiedlichen Vereinsformen analysiert. Daraufhin wird die Theorie der Integration und der Beweggründe auf die Datenerhebung projiziert. Schließlich werden Schluss- folgerungen mit Hilfe der qualitativen Untersuchungsergebnisse formuliert. Am Ende werden die Themenfelder inhaltlich verknüpft, um im Resümee die signi- fikanten Untersuchungsergebnisse der Bachelorarbeit gebündelt zu präsentieren.

2. Integration im Sport

Zur Bearbeitung der Bachelorarbeit wird der Terminus der Integration beschrieben. Nach kompakter Darstellung wird der Fokus auf die Integration der Migranten ge- lenkt und mit einem übersichtlichen historischen Verlauf abgerundet. Unter dem Ge- sichtspunkt der Migrantensportvereine findet eine Festlegung des Begriffs Migrant zur weiteren Erarbeitung statt. Überdies hinaus werden unterschiedliche Formen von Migrantensportvereinen differenziert. Nach einer ausführlichen literaturbezogenen Abwägung der Integrationswirkung eines Sportvereins erfolgt eine Festlegung des Integrationsverständnisses dieser Arbeit. Ebenso werden theoretische Beweggründe niedergeschrieben. Die Thematik des Integrationsbeitrags hat aufgrund der gesell- schaftlichen Entwicklungen eine steigende Forschungsrelevanz. So ist eine steigende Präsenz der Migrantensportvereine wahrzunehmen, was durch den Prozess des de- mographischen Wandels verstärkt wird.

2.1 Begriff Integration

Der Begriff der Integration ist ein Überbegriff für differenzierte analytische und normative Eingliederungskonzepte (vgl. FASSMANN 2007, S. 1). Der Fachbegriff Integration weist eine unscharfe Interpretation auf. Die Integration steht für „perfekte Anpassung […] wie für lose Eingliederung von gesellschaftlichen Gruppen“ (ebd.). Integration bezieht sich auf alle Personengruppen in einer Gesellschaft und ist nicht nur auf die ausländische Bevölkerung, die jedoch im Folgenden zentral thematisiert wird, fixiert.

Die Integration lässt sich als „Existenz von bestimmten Relationen der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen den Einheiten und der Abgrenzung zur jeweiligen Umwelt [...] durch ihre Interdependenz“ (ESSER 2001, S. 6) definieren. Bei der Betrachtung der Integration von ausländischen Bevölkerungsgruppen wird in der herrschenden Literatur zwischen der Systemintegration und Sozialintegration nach DAVID LOCKWOOD differenziert (vgl. ESSER 1999, S. 14).

Bei der Systemintegration stehen die Relationen zwischen unterschiedlichen Teilsys- temen einer Gesellschaft, wie beispielsweise die Mechanismen Markt und Organisa- tion, im Mittelpunkt (vgl. ESSER 1999, S. 15). Systemintegration ist somit „unabhän- gig von den speziellen Motiven und Beziehungen der individuellen Akteure“ (ESSER 2001, S. 8).

Dagegen wird bei der Sozialintegration eher der Fokus auf die Beziehungen der Akteure untereinander im Gesamtsystem gelegt. Dies ist die Inklusion der Personen in dem jeweiligen sozialen System (vgl. ESSER 2001, S. 9).

Im Kontext der Sozialintegration wird der Fachbegriff der Assimilation verwendet, der das Vermischen der ethnischen Gruppen in der Gesellschaft beschreibt (vgl. FARWICK 2009, S. 27). Die Voraussetzung des Konzeptes der Assimilation ist die Annahme einer ethnischen Homogenität der Gesellschaft in dem Sinne, „dass es, bei aller individueller Unterschiedlichkeit, zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen keine Unterschiede in der Verteilung gewisser Merkmale gibt“ (ESSER 2001, S. 23). Hier kann beispielshaft die Angleichung des Sprachverhaltens genannt werden. In der herrschenden wissenschaftlichen Literatur wird festgehalten, dass der Prozess der Assimilation nicht immer gelingt und die vollständige Integration nie stattfindet (vgl. FARWICK 2009, S. 27).

Ein weiteres Konzept der Sozialintegration ist die multiethnische Gesellschaft, die auf die ethnische Pluralisierung der Gesellschaft abzielt, sodass „die verschiedenen ethnischen Gruppen unter einem politischen bzw. staatlichen Dach [...] „kollektiv“ ihre Eigenständigkeit bewahren können“ (ESSER 2001, S. 23). Ferner gibt es vier verschiedene Typen der Sozialintegration von Migranten. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Mehrfachintegration, die Segmentation, die Marginalität und die angesprochene Assimilation zu nennen (vgl. ESSER 2001, S. 24).

Im Rahmen dieser Arbeit ist die Sozialintegration von gewichteter Bedeutung, da sie sich mit den Beziehungen der Akteure beschäftigt und für den Sport als interaktives Bewegungsfeld prädestiniert ist. Unter dem Aspekt, dass die Mehrfachintegration nur unter sehr einzigartigen Gegebenheiten existieren kann, wird in der Bachelorarbeit der Bezug zu den Typen der Segmentation und Assimilation hergestellt (vgl. ESSER 2001, S. 78). Unter Segmentation versteht man die „dauerhafte Etablierung der ethnischen Gruppe als eigene gesellschaftliche Einheit mit systematischen Unterschieden zwischen den verschiedenen Gruppen“ (ESSER 2001, S. 78).

Ebenfalls wird nach HEINEMANN (2007) die Außenintegration von der Binneninteg- ration unterschieden. So wird die Außenintegration als „Anerkennung der Rechts- ordnung des aufnehmendes Landes“ (HEINEMANN 2007, S. 205) beschrieben. Unter der Außenintegration ist die Anpassung an kulturelle, soziale Eigenschaften eines Landes sowie seinen Werten und Normen gemeint. Als wesentlicher Faktor spielt das Erlernen der Sprache des Aufnahmelandes eine Rolle (vgl. HEINEMANN 2007, S. 205). Bei dem Begriff der Binnenintegration wird von einem „Prozess der (oft auch räumlichen) Segregation, in denen sich ethnische Kolonien mit hohem subkulturellen Eigenleben und zugleich mit deutlicher Abgrenzung gegenüber der aufnehmenden Gesellschaft bilden“ (HEINEMANN 2007, S. 205), gesprochen. Um die Frage der Zuordnung des Sports zu beantworten, muss eine Abwägung der positiven und negativen Integrationsbeiträge erfolgen.

2.2 Historische Einordnung

Bevor jedoch die Analyse der Integrationswirkung erfolgt, müssen die vergangenen politischen Integrationsmaßnahmen als Grundverständnis herausgearbeitet werden. Dieser Vorgang wird in der Sozialwissenschaft als Soziogenese beschrieben. Hier sind die wesentlichen Wanderungswellen der damaligen Gastarbeiter in den 1970er Jahren hervorzuheben. Nach dem Niederlassen der Pioniermigranten erfolgte die Kettenmigration (Nachzug der Familienangehörigen). Als wichtigste Faktoren der Migration sind die Arbeitsmigration, Wanderarbeit, Heiratsmigration, Flucht und Vertreibung zu nennen (vgl. FUCHS- HEINRITZ 2011, S. 442).

Besonders relevant waren die intermediären Organisationen als soziale Netzwerke. Sie unterstützen die Einwanderer in der neuen Gesellschaft. Jedoch hat die damalige Politik nicht die Integration von Migranten nach heutigem Verständnis gefördert, sondern sie gestaltete Parallelstrukturen. Diese spiegelten sich beispielsweise in se- paraten Gastarbeiterwohnheimen wieder, die eine räumliche Segregation nach sich zogen. Andererseits wurde dies auch in der Sportkultur angewendet. Somit durften die ersten Migrantensportvereine nicht am regulären Fußballligenbetrieb teilnehmen. Stattdessen wurden Gastarbeiterligen außerhalb des deutschen Sportsystems geschaf- fen (vgl. STAHL 2009, S. 47). Demnach wird nach einigen Autoren nicht „die Integra- tionsrenitenz der Zuwanderer, sondern die auf Integrationsverhinderung angelegte deutsche Ausländerpolitik der Anwerbezeit“ (STAHL 2009, S. 47) für die mangelnde Integration verantwortlich gemacht. Eine Öffnung der Verbände sorgte schließlich für den regulären Spielbetrieb von Migrantensportvereinen. Dieser Zugang für die Migrantensportvereine sollte grundsätzlich als positive Entwicklung betrachtet wer- den. Durch Maßnahmen wie die veröffentliche Grundsatzerklärung „Sport der aus- ländischen Mitbürger“ vom damaligen DSB wird dieser Öffnungsprozess unterstri- chen (vgl. HEINEMANN 2007, S. 204). Ferner ist dies eine Maßnahme, um den „Nachwuchsmangel aufgrund der geburtenschwachen deutschen Jahrgänge“ (STAHL 2009, S. 60) zu kompensieren. Somit kann davon gesprochen werden, dass sich der

DOSB öffnen muss, da gesellschaftliche Veränderungen, wie beispielsweise die niedrige Geburtenrate, diese Maßnahmen notwendig machen.

2.3 Terminus Migrant

Als wichtiger Baustein der Arbeit müssen die Begrifflichkeiten Migranten und Mig- rantinnen (folgend Migrant) und der Prozess der Migration definieren werden. Nach soziologischer Sichtweise ist die Migration „Wanderung, Bewegung von Indi- viduen, Gruppen oder Gesellschaften im geografischen und sozialen Raum, die mit einem ständigen oder vorübergehenden Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist“ (FUCHS- HEINRITZ 2011, S. 442). Schlussfolgernd werden Migranten als Personen in Bewegung beschrieben, die eine Intention eines dauerhaften Wohnsitzwechsels und zumeist nationale Grenzen überschritten haben. Im juristischen Fachgebiet gibt es den Begriff des Ausländers, der die nicht- deutsche Staatsbürgerschaft voraussetzt. Dieser Begriff zielt nicht auf den Migrationshintergrund ab, sondern auf das Krite- rium der Staatsbürgerschaft. Der Begriff Ausländer ist demnach strikt vom Begriff Migrant zu trennen. Der Terminus Migrant umfasst mehr Menschen als die Personen der nicht- deutschen Staatsbürgerschaft. Bei Personen mit Migrationshintergrund wirkt der familiäre Wanderungshintergrund ausschlaggebend. Nach STAHL wird zur Untersuchung der Sportvereine eine weit gefasste Definition der Migranten verwen- det. Als Migranten gelten „unabhängig von der Staatsangehörigkeit oder ihrem ethni- schen Hintergrund alle Personen, die ihren Wohnort über internationale Grenzen hinweg verändert haben sowie deren Kinder und Enkel. Also gehören auch „deutsch- stämmige (Spät-)Aussiedler, eingebürgerte frühere Ausländer und Zuwanderer der zweiten und dritten Generation“ (STAHL 2009, S. 25) dazu. Diese umfangreiche Mig- rantendefinition wurde aufgrund der hohen relevanten Beteiligung dieser Personen in den Sportvereinen festgelegt. So wird diese Definition in dieser Arbeit verwendet, auch wenn sie nicht der herrschenden Definition entspricht.

2.4 Differenzierung der Migrantensportvereine

Einleitend wird ein Migrantensportverein als ein Sportverein definiert, „dessen Mitg- lieder zum Großteil Zuwanderer sind, der maßgeblich von Zuwanderern organisiert wird, und der in Selbstbild und Außenwahrnehmung mit dem Migrationshintergrund der Mitglieder im Zusammenhang steht“ (STAHL 2009, S. 25). Hier müssen einige wichtige Aspekte berücksichtigt werden. Nicht der Vereinsvorstand alleine und das Mischungsverhältnis von Mitgliedern kann ausreichend für die Zuordnung verant- wortlich sein (vgl. STAHL 2009, S. 26). Denn es kann beispielsweise durch die Lage der Sportvereine in bestimmten Migranten geprägten Stadtteilen zu einer hohen Mitgliederanzahl ethnischer Gruppierungen kommen. Jedoch sind sie zumeist nicht in den Organisationsstrukturen des Vereins und im Vorstand ehrenamtlich tätig. So ist stets das Wechselspiel zwischen den einzelnen Kriterien zu beachten, sodass die Ausführung der Vereinstätigkeiten als signifikantes Merkmal hervorgehoben werden kann. Ebenfalls von Bedeutung ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Sport- vereins, die sich oft in Symbolen wie Logos oder Wappen und in Vereinsnamen wi- derspiegelt. Die Migrantensportvereine können in unterschiedliche Formen aufgeg- liedert werden.

Zunächst gibt es die ethnischen Sportvereine. Diese werden aufgrund „Mitgliederzu- sammensetzung und Vereinsidentität einer einzelnen ethnischen oder nationale Gruppe“ (STAHL 2009, S. 30) zugeordnet. Der ethnische Sportverein wird zumeist als homogene Gruppierung betrachtet, der jedoch nicht selten auch Deutsche oder Migranten anderer kultureller Hintergründe beherbergt (vgl. STAHL 2009, S. 32). Die Sportvereine sind insbesondere durch die Herkunftsgesellschaften der damaligen Anwerbeländer beeinflusst, sodass eine Vielzahl an türkisch, italienisch, griechisch, portugiesisch und spanisch geprägten ethnischen Sportvereinen vorhanden ist (vgl. STAHL 2009, S. 32).

Eine weitere Form der Migrantensportvereine sind die Aussiedlersportvereine und die instrumentellen Integrationssportvereine. Die zwei Migrantensportvereine zeigen ein hohes Maß an Integrationsbereitschaft, dass sich auch in dem neutralen deutschen Vereinsnamen abzeichnet (vgl. STAHL 2009, S. 53). Sie weisen beide eine gute Be- treuung durch soziale Maßnahmen oder auch staatliche Förderung auf, die sich mit problematischen Lebenssituationen der Mitglieder und weniger mit dem sportlichen Erfolg befassen.

Als weitere Form der Migrantensportvereine sind die multiethnischen Sportvereine zu betrachten. Hierbei handelt es sich um Sportvereine, „die auf der Selbstorganisati- on von Migranten aus mehreren ethnischen Gruppen beruhen“ (STAHL 2009, S. 53). Es sind fließende Übergänge zwischen multiethnischen und ethnischen Vereinen festzustellen, sodass es oft zu Abgrenzungsproblemen zwischen den Formen der Migrantensportvereine kommt (vgl. STAHL 2009, S. 54). In den multiethnischen Sportvereinen sind die allgemeinen Kriterien der Definition der Migrantensportve- reine anzuwenden, um ein fallbezogene Analyse durchführen zu können.

Als eine andere Kategorie sind Migrantensportgruppen zu erwähnen, die als Verein im Verein bezeichnet werden können (vgl. STAHL 2009, S. 23). Insbesondere kann hier von eigenständigen oder angegliederten Abteilungen gesprochen werden, die sich durch eine hohe Migrantenanzahl auszeichnet und zumeist eigenethnische oder multikulturelle Zuschreibungskriterien besitzen.

Die Migrantensportvereine innerhalb deutscher Vereine sind neben den multikulturellen Migrantensportvereinen von zentraler Bedeutung für die Bachelorarbeit.

2.5 Theoriediskurs der Integrationswirkung durch den Sport

In der sportwissenschaftlichen Literatur wird die Integrationswirkung des Sports breit diskutiert. Es erfolgt eine Abwägung positiver sowie negativer Aspekte. Ebenso wird die Wirkung für die Mitglieder im organisierten Sport herausgearbeitet. Hierbei handelt es sich um eine theoretische Darlegung des Diskurses und es besteht noch kein Zusammenhang zu meiner eigenen empirischen Untersuchung. Nach HEINEMANN (2007, S. 204) beschreibt der DOSB den Sport als ideales Instru- ment der Integration. Ebenso schildert BAUR (2003, S. 13) den Sport als integrieren- de einzigartige Kraft. Durch den zwanglosen Kontakt zwischen Einheimischen und Ausländern sowie der Charakterisierung wird die Aussage »Sport spricht alle Spra- chen« begründet (vgl. HEINEMANN 2007, S. 204).

Ebenfalls werden im Rahmen des Deutschen Olympischen Sportbundes Förderprog- ramme für die Integration von Migranten, wie „Integration durch Sport“, „Mehr Mig- rantinnen in den Sport“ und „spin- sport interkulturell“, gefördert (vgl. BRAUN et al. 2011, S. 13).

Es wird einerseits argumentiert der Sport baue die Fremdheitsgefühle ab und er helfe soziale Barrieren und Vorurteile zu überwinden (vgl. RUMMELT 1995, S. 148). Ande- rerseits können die distanzierenden und konfliktfördernden Ursachen der interethni- schen Beziehungen innerhalb des Sports sich auch negativ auf die gesamtgesell- schaftliche Beziehungen der Akteure übertragen (vgl. STAHL 2009, S. 106). Der Sport kann folglich auch Negativereignisse wie Konflikte und Abgrenzungsmecha- nismen der Migranten bewirken, sodass sich die Migranten von der Mehrheitsgesell- schaft segmentieren (vgl. STAHL 2009, S. 7). Nach AKGÜN (1995, S. 125) wirkt ex- plizit im Kampfsport das Feindbild polarisierend und trennt mehr als das der Sport verbindet.

Dem organisierten Sport wird desweiteren eine brückenbildende Funktion zugesagt, da durch die grundlegende Vereinsphilosophie und der non- profit- Struktur breite Bevölkerungsgruppen angesprochen werden (vgl. WECK et al. 2011, S. 306). So be- inhaltet die Vereinsphilosophie die „Anerkennung von vollwertigen und gleichbe- rechtigen Mitglieder egal welcher Herkunft/ Hautfarbe“ (BAUR et al. 2003, S. 13). Der Vereinssport ist durch seine politische und religiöse Neutralität für jeden Men- schen zugänglich (vgl. STAHL 2009, S. 61). HÜBNER (1995, S. 96) weist daraufhin, dass die Integration der verschiedenen sozialen Milieus trotzdem unterschiedlich ausgeprägt stattfindet. Betrachtet man die Migratensportvereine muss auf das Krite- rium des wertfreien Umgangs und der Neutralität geachtet werden, da dies dort eben- falls ausgelebt werden sollte. Dieser historische Grundanspruch des bundesdeutschen Einheitssportsystems sollte gewährleistet werden, da der Sport sonst als nicht integ- rationsfördernd betrachtet werden kann (vgl. STAHL 2009, S. 50).

Allgemein können Sportvereine aufgrund ihrer Vereinsmitglieder als relativ homo- gen charakterisiert werden (vgl. HEINEMANN 2007, S. 208). Der Sport wird als „we- sentliches Stabilisierungsinstrument von peer groups“ (RUMMELT 1995, S. 148) be- schrieben. Ebenso haben grundsätzlich Sportvereine zumeist die eigenen vorhande- nen Mitglieder als primäre Zielgruppe (BURRMANN et al. 2003, S. 165), sodass eine kontrollierte Verschließung nach außen als gewöhnlich bezeichnet werden kann. Dies wird nach BURRMANN (2003, S. 165) als Gruppenborniertheit dekliniert.

In Migrantensportvereinen wirkt jedoch zusätzlich oftmals die Umgangssprache in Form der Herkunftssprache als Verschließungsmechanismus für andere Personen- kreise (vgl. BURRMANN et al. 2003, S. 165). Demgegenüber stehen Autoren die einen positiven Beitrag des Sports in dem sozialen Miteinander und der Kommunikation sehen. Es finden im Sport nonverbale Interaktionsstrukturen statt, die sprachunab- hängig zur einem positiven Beitrag des Begegnens führen (vgl. RUMMELT 1995, S. 147). Diese gewünschte Kommunikation zwischen den Kulturen ist jedoch kaum in eigenethnischen Sportvereinen vorzufinden, da sie ihre Freizeitgestaltung im Rah- men ihrer eigenen Ethnie verbringen und es demnach zu keinem Austausch unter- schiedliche Gruppierungen innerhalb des Migrantensportvereins kommt (vgl. HEI- NEMANN 2007, S. 206). Diese Segregation der Sportvereine gegenüber der Mehr- heitsgesellschaft ist eine wichtige negative Integrationswirkung der Migrantensport- vereine. Somit bewirkt nach STAHL (2009, S. 112) der Sport statt der individuellen Integration einzelner Migranten eher die kollektive Integration ethnischer Gemein- schaften. Hier sollten die multiethnischen Sportvereine und die Migrantensportgrup- pen gesondert betrachtet werden.

Ferner wird den Migrantensportvereinen die Eigenschaft der doppelten Systemwid- rigkeit zugesagt, da sie oftmals mit übergeordneten Organisationen verknüpft sind (vgl. STAHL 2009, S. 50). Diese Angliederungen an intermediäre Organisationen stellen neben der erläuterten häufig fehlenden Neutralität einen „Wiederspruch des Idealbilds des weitgehend monofunktionalen, autonomen Sportvereins“ (STAHL 2009, S. 50) dar. Trotzdem werden die Sportvereine gegenüber den anderen Organi- sationen wegen ihrer ausgeprägten Willkommenskultur oftmals als geeignete Integ- rationsförderung betrachtet. Desweiteren wird den intermediären Organisationen das Zuschreibungskriterium der Vergesellschaftung auf dezentral- lokaler Ebene zuge- rechnet (vgl. BAUER 1996, S. 23). In der Soziologie wird Vergesellschaftung als ein Prozess von dem Vereinzelten in etwas Gesellschaftliches bezeichnet. Somit bieten Migrantensportvereine Raum und Angebote für bürgerliche Partizipation, sodass ehrenamtliches Engagement als Sozialkapital der Gesellschaft geschaffen wird. Die- se Möglichkeit der Freiwilligenarbeit und die dadurch folgende Förderung des Drit- ten Sektors werden als positiver Zwischenträger gesamtgesellschaftlicher Integrati- onswirkungen betrachtet (vgl. STREECK 1987, S. 473). Demnach wird dem bürger- schaftlichen Engagement eine „zentrale Position im gesellschaftlichen Integrations- mechanismus“ (BMFSFJ 2009, S. 17) zugestanden.

Unter dem Dritten Sektor werden Organisationen subsummiert, die nach der funktio- nalen Definition gemeinwohlorientierte Ziele verfolgen (vgl. BENTEM 2006, S. 130). Dabei werden gemeinwohlorientierte Ziele als Tätigkeiten bezeichnet, die „die All- gemeinheit auf materieller, geistigem oder sittlichen Gebiet selbstlos“ (BENTEM 2006, S. 130) fördert.

Schließlich ist jedoch wahrzunehmen, dass der Organisationsgrad der Ausländer in den Sportvereinen äußerst niedrig ist (vgl. HEINEMANN 2007, S. 206). Falls jedoch Migranten ehrenamtliche Tätigkeiten ausführen, erwerben sie Grundqualifikationen wie beispielsweise den Gebrauch von förmlichen Deutsch, Verständnis für formalisiertes Verwaltungshandeln, Führungsqualitäten und Organisationsvermögen (vgl. STAHL 2009, S. 101). Diese Qualifikationen können die Migranten auf ihr privates und berufliches Umfeld übertragen. Schlussfolgernd wird das ehrenamtliche Engagement als Zeichen einer erfolgreichen Integration betrachtet.

Die Migrantensportvereine als Migrantenorganisationen weisen integrationsfördern- de Maßnahmen durch ihre vielseitige Hilfestellung für Migranten auf. Sie besitzen „Netzwerkressourcen und sind Lernorte zivilgesellschaftlicher Handlungskompeten- zen“ (WECK et al. 2011, S. 307). Dieses Argument ist gleichzusetzen mit dem aufge- führten Aspekt der sozialen Netzwerke, die den Einstieg in die Gesellschaft erleich- tern.

In der Literatur wird den Sportvereinen eine doppelte Integrationswirkung zugesagt, sodass eine Vergemeinschaftung und eine Vergesellschaftung greift (vgl. BURRMANN et al. 2003, S. 161). Hinsichtlich der Sozialintegration (Vergemeinschaftung) wird das Bereitstellen des sozialen Kapitals in Form von Milderung des Anpassungs- drucks und Lernerfordernissen zur Verbesserung des Integrationsprozesses geschil- dert (vgl. HEINEMANN 2007, S. 210). Bei der Systemintegration (Vergesellschaftung) wird eine Verknüpfung durch den Dritten Sektor beschrieben, sodass die Sportverei- ne als Lernfeld des Einübens demokratischer Verhaltensweisen charakterisiert wer- den (vgl. STAHL 2009, S. 102).

Weitere Effekte der Integration sind die Verbesserung der schulischen Leistung durch Angebote wie Deutschunterricht, Nachhilfe oder Hausaufgabenbetreuung (vgl. STAHL 2009, S. 101). Diese indirekten Effekte treffen maßgeblich nur in einer inter- mediären Organisation zu, wo der Sportverein ein angegliederter Teilbereich ist. Zweifelsfrei hat der Sport besonders für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen Relevanz. So werden Sozialisationsleistungen in Form von sozia- len Kompetenzen wie Fairness, Teamgeist, Kompromissbereitschaft, Konfliktlö- sungskompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Selbstkontrolle, Disziplin, Pünktlich- keit, Regelakzeptanz sowie Vertrauen und Respekt gegenüber anderen geschult (vgl. STAHL 2009, S. 103). Diese Leistung der Sportvereine ist vor allem für Migrantens- portvereine zur Integrationsförderung geeignet. Jedoch ist hier kritisch anzumerken, dass die Migranten häufig nicht die sportspezifische Sozialisation durchlaufen und oftmals erst als junge Erwachsene oder frühestens als Teenager am organisierten Vereinssport teilnehmen (vgl. STAHL 2009, S. 43).

Desweiteren können einige Migrantensportvereine den Erwerb der deutschen Sprache und die Übernahme von Kulturtechniken sowie Normalitätsmustern bestärken (vgl. STAHL 2009, S. 103). Hier sind überwiegend multiethnische Sportvereine gemeint, die die deutsche Sprache als Umgangssprache aufweisen und somit Sprachkompetenzen der Mitglieder fördern.

Ein weiterer positiver Aspekt des Sports ist das Erreichen von Personen mit Migrati- onshintergrund, die sonst keinem Sportverein beitreten würden (vgl. STAHL 2009, S. 101). Der tendenzielle Mitgliedergewinn und die steigende Bedeutung von Migran- tensportvereinen im organisierten Sport produziert jedoch die Frage, ob die Migran- tensportvereine nicht bei erfolgreicher gesellschaftlicher Integration an Relevanz verlieren sollten. Denn würde die Integration durch den Sport gelingen, sollte keine vermehrte Segementation wahrgenommen werden, sondern eine Durchmischung mit den Sportmannschaften mit überwiegend deutschen Mitgliedern stattfinden. Dem- nach müssten die eigenethnischen Migrantensportvereine in der Anzahl sinken. Nach HEINEMANN (2007, S. 211) wird diese nicht sinkende Wahrnehmung durch das wei- tere Vorhandensein des Anpassungsdrucks und den Festigungen ethnischer Kolonien begründet.

Fraglich ist ebenfalls, ob die Integrationswirkung von Migranten detailliert auf den Sport übertragen werden kann, da viele Faktoren im sozialen Umfeld der Personen auch, wenn nicht sogar stärker, ausschlaggebend für die Integrationsbereitschaft und den Integrationsfortschritt sind. Ebenso entsteht die Fragestellung, ob die Migranten in einem Sportverein nicht schon in einem gewissen Maße integriert sind, sodass der Migrantensportverein die vorhandene Integrationsbereitschaft „nur“ unterstützt.

Dieser Diskurs in der Literatur besitzt wenige empirisch fundierte Untersuchungen als Grundlage, was zunächst an dem Umfang der Thematik und der schweren Erfas- sung der Integrationsfaktoren liegt. Viele Aussagen beruhen daher auf Plausibilitäts- annahmen.

Somit werden in dieser Bachelorarbeit eigene empirische Untersuchungsergebnisse präsentiert und ausgewertet, sodass aus dieser wissenschaftlichen Erhebung Rückschlüsse auf die Integrationswirkung des organisieren Sports und der Integrationsbereitschaft dessen Mitglieder gezogen werden können.

2.6 Integrationsverständnis

Zur Analyse des Datenmaterials muss das Integrationsverständnis festgelegt werden. Grundsätzlich lassen sich die drei Bereiche der Assimilation, der interaktionistischen Integration und des multikulturellen Verständnis unterscheiden.

Bei dem assimilativen Integrationsverständnis handelt es sich um die in der Bevölke- rung oft vertretende Perspektive, dass Integration die „Anpassung an Normen und Werte der Aufnahmegesellschaft“ (RUMMELT 1995, S. 144) bedeutet. Das interaktionistische Verständnis begreift die Integration als Veränderungsprozess beider aufeinandertreffenden Gesellschaften. Sie wird nach RUMMELT (1995, S. 144) als menschlichste Form der Integration beschrieben, da das Konzept die Tolerierung und Akzeptierung der Andersartigkeit der Migranten beinhaltet sowie die Bereit- schaft des Aufnahmelandes diese Fremdheit als Bereicherung zu verstehen. Diese Perspektive beinhaltet einen Dialog zwischen den Kulturen und auch eine Veränderung seitens der Aufnahmegesellschaft.

Im dritten Verständnis ist eine multikulturelle Gesellschaft das Ziel der Integration. In diesem Konzept gibt es keinen Anpassungsdruck für die Gesellschaften bzw. die Personen, da es darauf abzielt, dass die Existenz ethnischer und kultureller Gruppen akzeptiert wird und es keine Integrationsförderung für eine funktionierende Gesell- schaft benötigt.

Nach meinem persönlichen Verständnis, das als Ziel der Integrationswirkung in die- ser Arbeit fixiert wird, ist die Integration ein Entgegenkommen beider Gesellschaf- ten. Somit vertrete ich das interaktionistische Verständnis, indem eine Anpassung der Migranten, aber auch eine Öffnung der Aufnahmegesellschaft von Relevanz ist.

2.7 Beweggründe

Als Untersuchungskriterium der Integrationswirkung der Migrantensportvereine werden die vielfältigen Beweggründe der Migranten für den Vereinseintritt erhoben. Unter diesem Gesichtspunkt folgt eine Herausarbeitung der theoretischen Begrifflichkeiten Motivation und Bedürfnisse.

So ist die Motivation eine „Sammelbezeichnung für alle personenbezogenen Zustän- de und Prozesse mit deren Hilfe versucht wird, das Warum und Wozu menschlichen Verhaltens zu klären“ (GABLER 2002, S. 13). Dies ist gleichzusetzen mit der Frage nach den Beweggründen des Verhaltens. Ein wichtiges Merkmal der Motivation ist die Bildung von Zielen und das Verhalten, welches sich an diesen orientiert (vgl. SCHMALT et al. 2009, S. 14).

Nach GABLER (2002) können Motive im Sport unterschiedlich klassifiziert werden. So kann sich die Motivation auf das Sporttreiben selbst oder auf das Ergebnis des Sporttreibens beziehen. Ebenfalls kann das Sporttreiben als Mittel für weitere Zwecke betrachtet werden. Die Motivation im Sport kann sich in erster Linie direkt auf die eigene Person beziehen (= „ichbezogen“) oder auch andere Personen dabei einschließen (= „im sozialen Kontext“) (vgl. GABLER 2002, S. 14).

Die Motive im Sport werden als persönlichkeitsspezifische Wertungsdispositionen bezeichnet (vgl. GABLER 2002, S. 13). Dies bedeutet, dass die Motivationen den bio- grafischen Entwicklungen jedes einzelnen Menschen unterliegt und somit individuell unterschiedlich ausgeprägt sind (vgl. BAUMANN 2009, S. 132). Es entstehen demnach subjektive Anreize für den Vereinseintritt in einen Sportverein. Bei Anreizen handelt es sich um situative Momente, die Motive ansprechen und damit die Ausbildung einer Motivation bewirken (vgl. SCHMALT et al. 2009, S. 20).

Hierbei kann es sich beispielsweise im weiten Sportkontext um das Aggressionsmo- tiv, das Anschlussmotiv, das Leistungsmotiv, das Machtmotiv, das Spielmotiv und die Bedürfnisse nach Bewegung, körperlicher Anstrengung, Risiko sowie Neugierde handeln (vgl. RÖTHIG 2003, S. 377). Es wird der Zusammenhang zwischen Bedürf- nissen und Motiven erkennbar. Die Bedürfnisse können generell aus Mangelzustän- den des Organismus entstehen oder sozial vermittelt und gelernt sein (vgl. RÖTHIG 2003, S. 69). Somit können Menschen die Bedürfnisse nach Anerkennung oder so- zialem Kontakt besitzen, was sich in der Motivation nach Erfolg und Geselligkeit widerspiegelt. Demnach gibt es ein ständiges Wechselspiel zwischen Bedürfnissen und Motivationen, was sich wiederum sehr individuell differenzieren kann. So kön- nen durch die Erfüllung der Bedürfnisse neue Bedürfnisse entstehen, die das Motiva- tionsziel verändern. Nach BAUMANN (2009, S. 136) werden Bedürfnisse weitgehend durch die gesellschaftliche und familiäre Situation geprägt. Als Besonderheit sind die Grundbedürfnisse zu erwähnen, die nicht immer in das Bewusstsein treten und dem- nach schwer zu erheben sind. Hier können die Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Anerkennung, Bewegung, Vertrauen und Selbstachtung hervorgehoben werden, die bei der Analyse der Datenerhebung untersucht werden.

Diese Theorie kann auf Umgangsformen sowie Geselligkeitsformen in Migrantens- portvereinen übertragen werden. Migranten fühlen sich in sozialen Gefügen wohl, wo sie ihre Umgangssprache verwenden können. Die Kommunikation findet oftmals in der Herkunftssprache statt, die ein wichtiges Kriterium für den Eintritt von Mig- ranten darstellt. Besonders durch Veranstaltungen wie gemeinsame religiöse Feste oder Ausflüge der Vereinsmitglieder wird ein Gefühl der Zusammengehörigkeit pro- duziert.

Desweiteren ist die Kulturdifferenz in einem eigenethnischen Verein nicht gegeben. Dies spiegelt sich beispielsweise besonders in muslimisch geprägten Vereinen in dem gleichen Verständnis der Scharm- und Peinlichkeitsgrenzen wieder. Demnach findet das gemeinsame Duschen nach Trainingsende in Unterwäsche statt, wohinge- gen andere Kulturkreise nackt duschen. Ebenso besitzen die Migrantensportvereine unterschiedliche Maßstäbe an Hygiene und Körperpflege. So werden die Brustbehaa- rung oder andere äußerliche Merkmale von anderen Menschen unterschiedlich tole- riert und akzeptiert.

Die gemeinsamen Wertevorstellung und Ansichten innerhalb eines Sportvereins erschaffen ein Heimatgefühl, sodass sie sich unter ihres Gleichen wohl fühlen. Ebenso haben die Migranten oft andere gesellschaftliche Vorstellungen, die besonders muslimisch geprägte Personen von der Aufnahmegesellschaft Deutschland differenzieren. So ist die Stellung der Frau, das Verhältnis der Geschlechter zueinander, die Autorität des Mannes und Vaters, herausragende Stellung der Familie und des Clans, die Erziehungsstile und schließlich die ausgeprägte Bedeutung der Religion von großer Bedeutung (vgl. HEINEMANN 2007, S. 207).

Weitere Beweggründe der Mitglieder könnten die Akzeptanz des Vereins für weitere Unterschiede wie spezifische Ernährungsformen (z.B. Verzicht auf Schweinefleisch), das Einhalten von Fastenzeiten und die Alkoholabstinenz sein. Nach STAHL herrscht seitens der deutschen Vereine keine Akzeptierung dieser Kriterien. LICHTENAUER (1995, S. 6 f) beschreibt diesen Zustand sogar als unüberbrückbare Differenzen zwischen den deutschen Mitgliedern und den Migranten.

Die Migranten im deutschen Sportverein nehmen oftmals falsche Leistungsbeurteilung oder wenig zugestandener Sporteinsatz als Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen wahr (vgl. STAHL 2009, S. 105). Nach WECK (2011, S. 307) soll die Eigenorganisation in den Migrantensportvereinen daher nicht als bewusste Abgrenzung gelten, sondern als Folge dieser Erfahrungen.

Ebenfalls sind Motive wie die verbundene Selbstidentifikation mit dem Migrantens- portverein für den Vereinseintritt wichtig. Die Identifikation der Person kann sich auf das Herkunftsland, die ethnische Kolonie oder das Aufnahmeland beziehen. Oft herrscht eine Mehrheitsidentifikation vor. Somit findet häufig eine kulturelle Hybri- disierung, also ein Mischen von deutscher Sportkultur mit ethnospezifischem Brauchtum in den Migrantensportvereinen, statt (vgl. STAHL 2009, S. 44).

Der Sport weist oftmals internationale gemeinsame Regelwerke auf, die den Migran- ten eine schnelle Anpassung ermöglichen. Der Migrant kann die Regeln und den Sport ausüben ohne neu lernen zu müssen. So sind Sportarten, die im Herkunftsland auch ausgeübt werden besonders für die Migranten attraktiv. Hier sind beispielsweise der Fußball als global anerkannte Sportart, die unterschiedlichen Kampfsportarten und der Basketballsport zu nennen. Desweiteren werden die Individuen in einem Migrantensportverein nicht durch herkunftsspezifische Zuordnungskriterien im so- zialen Miteinander eingeordnet. Demnach wird beispielsweise in einem deutschen Turnverein der einzelne Migrant als etwas Besonders oder Einzigartiges wahrge- nommen, wohingegen der Migrant in einem Migrantensportverein als einer von vie- len nicht explizit als „der“ Migrant betrachtet wird. Desweiteren sollten Beweggründe wie der sportliche Anreiz, diese Sportart auszuüben, beachtet werden. Ebenso können praktische Gründe wie die Erreichbarkeit des Sportvereins für den Vereinseintritt entscheidend sein.

3. Methodik der qualitativen Sozialforschung

Innerhalb der interdisziplinären Wissenschaft des Sports finden die Forschungsansät- ze der qualitativen Sozialforschung „seit Mitte der achtziger Jahre zunehmend Be- rücksichtigung in sozial- und erziehungswissenschaftlich orientierten Teildiszipli- nen“ (HUNGER et al. 2000, S. 1). Nach MAYRING (2002) wird eine Wende der Sozi- alwissenschaften von quantitativen zur qualitativen Forschung wahrgenommen. Die qualitative Sozialforschung wird „als eine lebensnahe und subjektivzentrierte For- schung verstanden [...], die eine differenzierte Rekonstruktion und Analyse des sub- jektiven Sinns bzw. Geschehen“ (DELSCHEN 2006, S. 82) eines Charakters erhebt. Das qualitative Interview der Sozialforschung richtet sich demnach auf Einzelfälle. Durch die subjektive Darstellung werden tiefgreifende wissenschaftliche Einblicke in das Forschungsfeld ermöglicht.

Zu Beginn findet eine theoretische Darlegung der Methodenauswahl statt, um das Untersuchungsziel zu verdeutlichen. Schließlich werden die Auswertungskriterien geschildert. Ebenso erfolgt eine Erörterung der formalen Richtlinien der Transkription und der fallbezogenden Gegebenheiten.

3.1 Methode der Interviewform

Die qualitative Sozialforschung beinhaltet zumeist narrative oder leitfadenorientierte Interviews. Die Interviewform erschließt durch die Fallanalyse bestimmte Struktur- muster, Ablaufformen und (verdeckte) Initiationen der Handlungsbereiche, um die Ergebnisse themenorientiert auszuwerten (vgl. HUNGER et al. 2000, S. 5). So ist die Auswahl der Interviewmethode ein zentraler Grundstein der effektiven Datenerhe- bung.

In der Bachelorarbeit werden problemzentrierte Interviews durchgeführt. Dieser Terminus wurde von WITZEL (1982, 1985) geprägt und fasst alle Formen der offenen sowie halbstrukturierten Befragungen zusammen (vgl. MAYRING 2002, S. 67). Somit wird den Interviewten eine freie subjektive Äußerung der Problemstellung ermög- licht. Beim offenen Interviewgespräch bestehen vorrangig freie Antwortmöglichkei- ten, durch die dem Befragten die Möglichkeit der ausführlichen, subjektiven Darstellung ermöglicht wird.

Bei den problemzentrieten Interviews werden halbstrukturierte Interviews angewen- det. Diese Interviewform besitzt einen auf den Untersuchungsschwerpunkt fokussier- ten Leitfaden, deren konkrete Formulierung und Reihenfolge jedoch der Interviewer je nach Sachlage flexibel variieren kann. Die Fragestellungen werden dem Gegens- tand, dem Material und dem Untersuchungsziel angepasst (vgl. MAYRING 2010, S. 48 f). Bei den halbstrukturierten Interviews dienen die freien Antwortmöglichkeiten der subjektiven Darstellung des Themas. Das Interviewgespräch verläuft im Dialog zwi- schen Interviewer und Befragten, bei dem der Interviewer jedoch durch gezielte Auswahl der Leitfadenfragen das Gespräch steuert. So wird der Fokus auf den sozio- logischen Schwerpunkt konstant gewährleistet. Der halboffene Dialog bewirkt ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis zwischen dem Befragten und dem Interviewleiter, sodass die Erhebungsmaterialien der Befragten kritischer ausfallen (vgl. MAYRING 2002, S. 69). Deshalb wurde der halb- strukturierte Leitfaden zur Darlegung der Sichtweisen der Führungskräfte in beiden Interviews verwendet.

Desweiteren werden biografisch orientierte Interviews verwendet, die auch auf die Lebensläufe der Befragten abzielen, um die soziale Wirklichkeit zu erforschen. Hier- durch wird die fallbezogene subjektive qualitative Interviewmethode untermauert. Es wird als „immer wichtiger werdendes interdisziplinäres Feld qualitativer Analysen“ (MAYRING 2002, S. 10) beschrieben. Die Biografie ist eine „wissenschaftliche und literarische Darstellung der Lebensgeschichte eines Menschen“ (BOHNSACK et al. 2003, S. 22). So muss die individuelle Sichtweise der Vereinsführungskräfte durch die Erhebung der Biografie der Befragten (z.B. eigener Migrationshintergrund) und der Lebenssituation ergänzt werden.

Neben den erläuterten Charakteristika der Interviews handelt es sich ebenso um zwei Experteninterviews. Die Begrifflichkeit der Experten weist erhebliche Zuschrei- bungsproblematiken auf, sodass eine feste Definition des Wortlauts Experte inner- halb der Arbeit erforderlich ist. Unter dem Gesichtspunkt »Experten für das Leben« wird jeder Mensch durch seine individuellen Lebenserfahrung zum Experten. So würde keine gezielte Differenzierung zwischen Experte und Laie möglich sein. Jede Person wird diese Eigenschaft eines Experten aufweisen (vgl. BOHNSACK et al. 2003, S. 58). In dem Kontext der Bachelorarbeit wurde der Experte als „in einen Funkti- onskontext eingebundener Akteur“ (BOHNSACK et al. 2003, S. 58) in einem Migran- tensportverein explizit definiert. Demnach sind beide Interviewpartner als Vorsitzende der Vereine Experten.

Die anschließende Einordnung der Untersuchungsergebnisse in ein Kategoriensystem ermöglicht eine wissenschaftliche Vergleichbarkeit und somit die Reliabilität der Sozialforschung (vgl. MAYRING 2010, S. 49 f). Dieses Kategoriensystem wird durch die „Wechselbeziehungen zwischen Theorie […] und dem konkreten Material entwickelt, durch Konstruktions- und Zuordnungsregeln definiert und während der Analyse überarbeitet und rücküberprüft“ (MAYRING 2010, S. 59). Diese Aspekte wurden beim Erstellen des Kategoriensystems eingehalten.

Die halbstrukturierten qualitativen Experteninterviews mit einem problemzentrierten Leitfaden, die eine themenorientierte subjektive Befragung mit biografischen und individuellen Schwerpunkten beinhaltet, dienen als Fundament der wissenschaftlichen sportsoziologischen Ergebnisse der Bachelorarbeit.

3.2 Durchführung der Interviews

Das erste Leitfaden- Interview mit Herr Gremper wurde am 17.05.2012 abgewickelt. Herr Knop wurde einige Tage später, am 28.05.2012, interviewt. Die Wahl des Interviewortes lag bei beiden Interviewpartnern. Die Befragungen fanden in den Privathäusern der Interviewpartner statt.

Die Aufzeichnung der Interviews wurde mittels eines digitalen Aufnahmegerätes gewährleistet, wofür vorab eine Erlaubnis eingeholt wurde. Auf die strikte Durchfüh- rung der Anonymisierung der betroffenen Personen und Vereine in den erhobenen Daten wurde Rücksicht genommen. Demnach sind in der Transkription der Inter- views und der Arbeit fiktive Namen vorhanden. Die geplante Interviewdauer beider Interviews war auf jeweils circa 90 Minuten angesetzt. Diese Vorgaben konnten er- füllt werden.

Bei der Verschriftlichung der Interviews wurden folgende Transkriptionsregeln an- gewendet. Die Interviews sind in wörtlicher Transkription protokolliert, die eine vollständige Textverfassung verbal erhobenen Materials beinhaltet. Desweiteren er- folgt die Transkription in „literarischer Umschrift, die den Dialekt mit unserem ge- bräuchlichen Alphabet wiedergibt“ (MAYRING 2002, S. 89). Ferner wurde eine Über- tragung in normales Schriftdeutsch durchgeführt, um die inhaltlich thematische Erar- beitung zu intensivieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Integrationsbeiträge des Sports und Beweggründe für den Vereinseintritt der Mitglieder eines Migrantensportvereins aus Sicht der Vereinsführungskräfte
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Sportwissenschaften)
Autor
Jahr
2012
Seiten
78
Katalognummer
V199946
ISBN (eBook)
9783656349457
ISBN (Buch)
9783656350118
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integrationswirkung, Integrationsbeiträge, Sport, Multiethnische Sportvereine, Migrantensportvereine, Beweggründe Vereinseinstritt
Arbeit zitieren
David Hanio (Autor), 2012, Integrationsbeiträge des Sports und Beweggründe für den Vereinseintritt der Mitglieder eines Migrantensportvereins aus Sicht der Vereinsführungskräfte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199946

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