Die Entstehung früher Shoppingkultur: Betrachtung kulturgeschichtlicher Entwicklungen


Bachelorarbeit, 2012
41 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 LÄNDERSPEZIFISCHE ENTWICKLUNGEN
2.1 England
2.2 Frankreich
2.3 Deutschland
2.4 Die Weltausstellung der Industrie von 1851

3 RESTRUKTURIERUNG DER WIRTSCHAFT
3.1 Handwerk und Zünfte
3.2 Kapitalakkumulation des Frühkapitalismus und dessen Expansionsbestrebung

4 ORGANISATION DES DETAILHANDELS
4.1 Übernahme industrieller Formen in den Handel
4.2 Der Handel
4.3 Transport und Lage als Erfolgsfaktoren des Warenhauses
4.4 Stilisierte Globalisierung

5 DIE GESELLSCHAFT DER MODERNE
5.1 Theoretische Betrachtungen
5.1.1 Innengerichteter Konsum
5.1.2 Demonstrativer Konsum
5.1.3 Konsum der Individualisierung
5.2 Moderne Gesellschaft: ein Ort der „Gleichberechtigung“?
5.2.1 Demokratisierung des Konsumierens
5.2.2 Schaffung neuer Geschlechterverhältnisse

6 DIE ARCHITEKTUR DES WARENHAUSES
6.1 Warenpräsentation
6.2 Technik der Moderne

7 QUELLENINTERPRETATION : PAUL GÖHRE ÜBER DAS WARENHAUS

8 MODERNE RELIGION

9 RESÜMEE

10 LITERATURNACHWEISE
10.1 Buchtitel
10.2 Internet
10.3 Abbildungen

1 EINLEITUNG

Das moderne Warenhaus ist das erste gesamtheitliche Selbstzeugnis moderner Gesellschaften. In seinen Bau manifestieren sich gesellschaftsimmanente Dynamiken und eine neue Mentalität der Organisation menschlicher Zivilisationen. Es repräsentiert das Bewusstsein der Menschen, welche eine neue Gedankenwelt erschaffen hatten, in welcher der selbst Mensch Herr über sich und sein Geschick geworden war.

Doch warum entspricht der Einführung des Warenhauses ein derartiger Modernisierungscharakter der Gesellschaft? Welche Phänomene „moderner“ Gesellschaftsstrukturen werden hier miteinander verknüpft? Welche gesellschaftlichen bzw. wirtschaftlichen Bedingungen mussten für die Etablierung des Warenhauses gegeben sein? Wie konnte die Etablierung des Warenhauses Wirtschaft und Gesellschaft verändern? Warum konnte sich das Warenhaus trotz weiterer gesellschaftlicher Veränderungen halten? Wird sein Typus Fortbestand haben? Für welche gesellschaftlichen Teilgruppen haben sich die größten Veränderungen ergeben? Kann in Individualisierungsgesellschaften die Institution des Warenhauses der Motor sozialer Homogenisierung sein?

In der Rolle des „Phänomen Warenhaus“ als plakatives Symbol am Beginn momentaner Gesellschaftsverhältnisse liegt meiner Meinung nach die Legitimation wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit diesem Thema begründet. Die Suche nach Zusammenhang zwischen Jetztzeit, Vergangenheit und künftigen Ereignissen sowie das Gewinnen von Erkenntnissen über das Wesen der Menschheit entspringen meiner Ansicht nach aus dem menschlichsten aller Bedürfnisse; der Suche nach dem Selbst. So habe ich mich gefragt, wo oder worin der Ursprung der Entwicklungen zu einer Gesellschaftsform, so wie jene, in der ich lebe, sein kann. Und da ich diese meine Gesellschaft als eine kapitalistisch-marktorientierte erlebe und verstehe, möchte ich mein wissenschaftliches Bemühen in die Erkenntnis über deren Geburtsstunde stellen. Und frei nach der Sentenz „Ich denke, also bin ich“ verstehe ich den Moment der Etablierung des Warenhauses als ersten Augenaufschlag einer sich selbst betrachtenden, neuen, modernen Gesellschaft; dies belegen der zeitgenössische wie gegenwärtige öffentliche und wissenschaftliche Diskurs. So ergaben sich im Laufe meiner Recherche zwei hauptsächliche Fragenstränge, deren Beantwortung mir hoffentlich in der vorliegenden Arbeit gelungen sein wird:

Inwiefern kann das Warenhaus als „Tor zur Moderne“ gesehen werden? Welche gesamtgesellschaftlichen Veränderungen beschreibt es?

Die Entstehung und Installierung des frühen Warenhauses, Grand Magazins und departmentstores zeitgenössischer europäischer Metropolen sowie die damit verbundenen marktwirtschaftlichen, gesellschaftspolitischen sowie sozialen Umwälzungen sollen in dieser Arbeit dargestellt und die Forschung zu diesen Themen hinterfragt werden. Dem aktuellen Forschungsstand nach bestem Wissen und Gewissen folgend, werde ich auf verschiedene theoretische Ansätze eingehen, sie auf die vorliegende Thematik bezogen umreißen und in meine Schlussbetrachtungen einfließen lassen.

Das Warenhaus konnte seinen Platz in der modernen Gesellschaft aufgrund bzw. im Zuge von unterschiedlichen gesellschaftlichen, industriellen und marktwirtschaftlichen Umstrukturierungen fixieren. All diese gesellschaftlichen Neuerungen griffen ineinander und beeinflussten sich gegenseitig; sie alle spielten ihren Part in der Dynamik der Etablierung einer kapitalistischen Konsumgesellschaft. Im Folgenden werde ich versuchen, diese Phänomene getrennt voneinander zu beschreiben, um die historische Entwicklung zeitgenössischer Rahmenbedingungen nachvollziehbar zu machen, die die Entstehung des Warenhauses vorbereiteten.

2 LÄNDERSPEZIFISCHE ENTWICKLUNGEN

„ Eindeutige Abgrenzungen der Begriffe Warenhaus und Kaufhaus gibt es bisher nicht “ 1, heißt es 1941 bei Arnold Centner2 , der eine Trennung wie folgt suggeriert: das Warenhaus als „Allbedarfsartikelgeschäft“ zu betrachten, während das Kaufhaus eher „ als Groß betriebliche Form eines Fachgeschäftes oder eines Bedarfsartikelgeschäftes, dessen Sortiment auf Waren eines oder weniger Bedarfszwecke beschränkt ist “ gelten könne. Jedoch, so räumt er ein, gäbe es beinahe nur Mischformen.3 In dieser Beschäftigung mit seiner Bedeutung allerdings werde ich die begriffliche Differenzierung älterer Diskurse beiseitelassen, da ich die Gewichtung meiner Arbeit eher in der Sozial- als in der Wirtschaftsgeschichte angesiedelt sehe.

2.1 England

“ The origins of the British department store are firmly rooted in the twin process of industrialisation and urbanisation ” 4, meint Bill Lancaster in seinem sozialhistorischen Aufsatz von 1995. Doch soll man nicht dem naheliegenden Schluss folgen, dass auch das Viktorianische Kaufhaus seinen Ursprung in dieser Gesellschaftsdynamik (durch größere Städte kommt es zur Vervielfältigung der Bedürfnisse, wodurch neue Läden entstünden) gefunden habe. Denn Geschäfte, Verkäufer und Konsumenten hat es immer gegeben und auch wurde noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in Kleinmanufakturen produziert. Sprich: die Entwicklungsgeschichte des Departmentstores ist komplex wie die der Staatsökonomie und entsprach einer Erneuerung, welche sich im Zuge der industriellen Revolution vollzog. Obwohl das Groß der einfachen Bevölkerung alle Konsumgüter, die nicht der Ernährung dienten, in der spätgeorgisch-frühviktorianischen Phase bei Wanderhändlern kauften, breiteten sich zu dieser Zeit spezialisierte Markthallen und Arkaden in größeren Städten aus. Ihr innerer Aufbau entsprach einer neuen Rationalität, in welcher auch bereits bestehende Märkte umstrukturiert wurden. Lancaster geht hier exemplarisch auf die Reorganisation der Innenstadt des zeitgenössischen Newcastle ein, dessen Angelpunkt der dort installierte Fleischmarkt war. Dieses Beispiel ist deshalb interessant, da Newcastle zu jener Zeit ein bedeutender Umschlagplatz für Kohle war.

Die hier stattfindenden Ereignisse waren exemplarisch für die damaligen Umwälzungen, die sich in der europäischen Gesellschaft vollzogen. Denn die gesellschaftliche Organisation der ansässigen Bevölkerung wurde durch die marktwirtschaftlichen Prozesse des blühenden Kohlehandles umstrukturiert. So entstanden neue Erwerbstätigengruppen, Angestellte und Manager drifteten in ihrer sozialen Position immer weiter von den Kohlearbeitern weg. Gleichzeitig war der Einzelhandel, der keine Nahrungsmittel anbot, auf gehobenes Klientel angewiesen und brauchte deshalb die finanziell schwächeren Schichten nicht als Konsumenten anzusprechen. Arbeiterlöhne waren im nationalen Vergleich hoch und so erklomm auch diese Bevölkerungsschicht eine gewisse finanzielle Disponibilität.

1838 entschied sich Emerson Muschamp Brainbridge, gängie Verkaufsstrategien von Märkten auf sein Textilfachgeschäft anzuwenden:

What he offered was clearly marked prices, good quality products considerably cheaper than his rivals and an insistence on cash payment. This cash nexus at once liberated and democratised his shop. [ … ] Brainbridge had discovered the retailers ’ philosopher ’ s stone that was to prove to be as profound as steam power to industry. ” 5

Dem Kunden wurde hier mittels der reglementierten Überwachung des Wägeprozesses6 das Gefühl preislicher Stabilität des Marktes vermittelt. Von hier aus breitete sich der organisierte Marktcharakter auch auf andere Sparten aus.7 Fixpreise und Barverkäufe führten zur Akzentuierung des Lagerumschlages und befähigten den Verkäufer nun bar und in großen Mengen beim Lieferanten zu kaufen, wodurch für ihn die Warenpreise im Einkauf sanken. In Verbindung mit niedrig kalkulierten Gewinnspannen wurde der Konsum für eine sich entwickelnde Mittelschicht attraktiv. Ein ähnlicher Verlauf kann in Manchester beobachtet werden; ebenfalls ein Zentrum des Kohlehandels. Wobei das Stadtzentrum von Manchester (im Gegensatz zu Newcastle) nicht systematisch geplant, sondern durch die lokale Industrie natürlich gewachsen war. Der Bazar in Manchester (errichtet in Deansgate 1832) hatte ursprünglich ähnliche Einrichtungen in London zum Vorbild gehabt, die ihrerseits wiederum dem Pariser Beispiel der frühsozialistischen Phalanstérès gefolgt waren.

Der Begründer des Deangatemarktes, John Watts, wollte also nach diesem Modell eine Markthalle aufbauen, in welcher er Läden an Händler unterschiedlicher Branchen vermietete, um größtmögliche Warendiversität anbieten zu können. Um dieses Konzept zu unterstützen, wurden die Verkaufsräume lediglich für die Dauer einer Woche vermietet, was für die Händler allerdings bedeutete, dass sie sich auf Barverkäufe beschränken mussten. So etablierten sich die Einrichtung fixer Preise und deren Ausschilderung.

Anders als in Newcastle aber, übernahm ein Stoffhandel die Halle mitsamt des neues Geschäftsmodelles und richtete ein Stoffwarenhaus ein. Dieser neue Prototyp des Departmentstores stellte also durch seine Warendiversität eine Brücke zwischen Angebot und Nachfrage in Puncto Bedürfnisschaffung dar: Wer sich hier Stoff zur Selbernähen eines Kleides kaufte, würde bald wiederkommen und sich Stoffe für passende Accessoires besorgen; nach dem Vorbild des französischen Modebewusstseins.

2.2 Frankreich

Die Verbindungen und Parallelen zur französischen Handelslandschaft sind nicht von der Hand zu weisen. Unter napoleonischer Herrschaft sollte Paris zum Zentrum der modernen Welt avancieren und London in keiner Hinsicht nachstehen. Also musste zunächst der ökonomische gap zwischen den Metropolen rasch aufgeholt werden - schon 1855 wurde im Louvre eine zweite Weltausstellung8 installiert.9 Doch was hat die Ausrichtung einer Ausstellung mit der Etablierung des Warenhauses zu tun?

Erstens sehen wir, dass zu jener Zeit die europäischen Wirtschaftsmodelle bereits angeglichen werden, die Metropolen und Volkswirtschaften sich somit im direkten Vergleich befanden und zweitens entstand zu jener Zeit ein neues Verständnis für die Bedeutung von Produktion und Konsum; für Industrie, Handel und Endverbraucher. Auch finden wir in der Weltausstellung eine bauliche Konstruktion, welche zum Bummeln einlädt, also eine Art prämoderne Shoppingmall, die parallel zum Warenhaus bestand. Durch die Mall flanieren konnte jeder, doch sich die (ausgepreisten) Waren leisten, konnten nicht alle dieser window shopper.

So meint Lancaster über die betörende Wirkung phantastischer Auslagengestaltung: “In a sense just admiring the goods on display indicated appreciation of modern society; ownership offered full membership of the club. [The] spectacle and browsing were integral to the success of the exposition and these elements had tremendous potential for retailing. ” 10

Der Erfolg der großen Warenhäuser ging darauf zurück, dass sie ihren Fokus auf die Bedürfnisse der aufstrebenden Mittelklasse legten; sie boten das größtmögliche Konsumentenpublikum. Einerseits war sie in großer Menge vorhanden und wuchs stetig, andererseits verfügte sie über gerade genügend mobiles Kapital, um dem Kauftrend folgen zu können.11 So ist auch das Wachstum der französischen Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die komplexen Zusammenhänge zwischen dem neuen Wertesystem der Konsumgüter, dem „modernen“ Umgang und Verständnis von und mit Mode sowie der bourgeoisen Kultur dieser Zeit zurückführen.12

Die Zunahme der Detailhandelsfilialen sowie der nur langsame Fortschritt der Industrialisierung verhinderten ein rasches Aufkommen industrieller Massenerzeugung in Frankreich, wie es etwa in Deutschland13 oder England der Fall war. Auch blieben in Frankreich alte Gewerbestrukturen - vor allem im Handwerk - länger erhalten. In der Forschung werden die unterschiedlichen Ausgangssituationen zur Zeit der Industrialisierung auf historisch sehr unterschiedliche Entwicklung in der Staatsstruktur zurückgeführt.14 Forschungen der Historiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwecken den Eindruck, als verstünden sie Nationen als quasi mit angeborenen Charakterzügen ausgestattet15, allerdings gestehen ihre Statistiken den Ländern eindeutig unterschiedliche Gewichtungen ihrer Ressorts zu. Die Zahlen der im Handel Beschäftigten geben Aufschluss darüber, in welchem Verhältnis die Entwicklung kapitalistischer Produktions- und Distributionsverhältnisse zur Ausprägung des landwirtschaftlichen Sektors einer Volkswirtschaft steht. „ Keines der groß en Länder Westeuropas und die U.S.A. wendet für die Verteilung der Güter so wenig Menschen auf wie Frankreich, eine Tatsache, die sich vor allem aus dem landwirtschaftlichen Charakter des Landes erklärt. “ 16

Stagnierendes Bevölkerungswachstum, geringe Großstädtebildung, der eben genannte agrarische Charakter Frankreichs sowie dessen geringe Bevölkerungsdichte die waren also die Gründe für das nur langsame Aufkommen moderner Wirtschaftsformen.17

„ Wir haben es also in Frankreich mit einemüberaus weitmaschigen Verbrauchernetz zu tun, was der wohl ausschlaggebende Grund für den geringen Verteilungsapparat sein dürfte “ 18 , heißt es weiter bei Arnold Haase.

Der Detailhandel als Nahversorger einerseits und die andererseits starke Ausprägung des Versandhandels (bzw. der fahrenden Händler, der sogenannten „Roulottiers“) bilden die zwei Hauptmerkmale des französischen Handels der Jahrhundertwende. Daraus ergibt sich weiter, dass durch das Aufkommen der Warenhäuser in Frankreich vor allem Mittelbetriebe (also mit Mitarbeiterzahlen von fünf bis fünfzig Angestellten19 ) unter dem Konkurrenzdruck spezialisierter Kleinbetriebe und großen Warenhäusern mit riesigen Warenpaletten zu leiden hatten.20 So formte die Etablierung der großen Warenhäuser den Detailhandel; Läden, in welchen der Besitzer alleine oder mit nur einem bis fünf Mitarbeitern seine lokale Stammkundschaft mit kaum spezialisierten Alltagsgütern bediente oder spezifische Fachgeschäfte, welche das zusammen das Groß der Mittelbetriebe in Frankreich darstellten, verschwanden zusehens.

2.3 Deutschland

Im Vergleich zu England oder Frankreich rief der Modernisierungsprozess im deutschen Kaiserreich eine wesentlich größere Debatte und bedeutsam tiefenwirksamere gesellschaftliche Zerwürfnisse hervor.21 Die hier bis in die 1870er Jahre vorherrschende Gesellschaftsorganisation einer adelsgeprägten und auf traditionellen Wertesystemen beruhenden Ständehierarchie, konnte dem wirtschaftlichen und rasant anwachsenden Konkurrenzdruck anderer europäischer Länder kaum etwas entgegensetzen. Durch die bewusste volkswirtschaftliche Investition in eine staatlich installierte Produktion konnte die deutsche Wirtschaft in relativ kurzer Zeit ein enormes Wachstum verzeichnen.

So war in nur 5 Jahren [ … ] im deutschen Kaiserreich die Warenproduktion um mehr als ein Drittel angestiegen. “ 22 „ Dieser stark beschleunigte Warenausstoß musste, wollte man nicht für das Warenlager produzieren, ebenso schnell, wie produziert wurde, Abnehmer finden “ 23 , schlussfolgert Thomas Lenz. Doch eine derart produktive Industrie stieß zu jener Zeit auf einen ebenfalls noch vergleichsweise schwach florierenden Handel (wobei dem Handel die Funktion der Abnehmerlukrierung zukommt, vergleiche Kapitel 4.3 Der Handel). So entstand die Notwendigkeit einer organisierten Bedarfsweckung, um die massenhaft produzierten Güter an den Konsumenten zu bringen.24Zu diesem Zweck wurde die Sichtbarkeit der Waren in den Städten vergr öß ert: Reklame, Litfaß säulen, Schaufensterwerbung und nicht zuletzt die groß en Warenhäuser der Jahrhundertwende entstanden und veränderten rasant das Gesicht der Städte “ .25

Also ergibt sich für das Warenhaus im Fall Deutschlands eine Doppelfunktion: Einerseits entsteht eine neue Möglichkeit des massenhaften Verkaufs von Konsumgütern durch Schaffung neuer baulicher Dimensionen. Durch diese neue Bauform werden Waren und Konsum um die gesellschaftssoziologische Komponente haptisch und visuell wahrnehmbarer Omnipräsenz erweitert. So wird Konsum(möglichkeit) zu einem Spektakel, einem städtischen Erlebnis, und der Weg der konsumdefinierten Gesellschaft „ vom Versorgungs- zum Erlebniskonsum “ 26 vorgezeichnet. Die dargestellten Vorkommnisse in Deutschland geben Zeugnis vom aktiven Bewusstsein um „moderne“ Marktökonomien; man musste ihre Funktionsweise verstehen, um ihrem volkswirtschaftlichen Beispiel folgen zu können. Diese These führt mich zur zweiten Bedeutungsebene des deutschen Warenhauses. Die rationale Erkenntnis des vorherrschenden Wirtschaftssystems und dem planmäßigen Einstieg in dieses System stellt ein entscheidendes Moment der Selbstwahrnehmung moderner Gesellschaften als kapitalistisch dar. Dadurch sehe ich meine eingangs postulierte Annahme, das Warenhaus sei Manifestation der Selbstinszenierung sowie die ihr vorausgegangenen Selbsterkenntnis und -positionierung einer Gesellschaft als ‚modern‘, bestätigt.

2.4 Die Weltausstellung der Industrie von 1851

The Crystal Palace as a Winter Garden, as approved by Sir Joseph Paxton. Exhibited at the Gallery of Illustration, Regent Street.27

“ Im Sommer des Jahres 1851 wurde die erste ,Great Exhibition of the Works of Industry of all Nations ’ [ … ], im Londoner Hyde Park abgehalten. [ … ] Eigens für die Veranstaltung wurde [ … der] Crystal Palace, einen Palast aus Eisen und Glas [errichtet]. Die aus vorgefertigten Eisen- und Glaselementen in nur 17 Wochen Bauzeit errichtete Architektur orientierte sich an den groß en britischen Gewächshäusern. Ü ber einer Grundfläche von 70.000 m ² boten hohe, lichtdurchflutete Hallen sogar dem alten Baumbestand des Hyde Parks Raum und ermöglichten, daß selbst große Maschinen in vollem Betrieb gezeigt werden konnten. “ 28

Zu sehen ist das Bild des Wintergartens der Weltausstellung; es verdeutlicht die große Ähnlichkeit zwischen Messehalle und Warenhaus. Die Ausstellung war ursprünglich als Messeausstellung der Industrie geplant, doch durch Teilnahme vieler Nationen weltweit und den Besuch von ‚normalen‘ Endkonsumenten wurde sie zur Weltausstellung erhoben. Die Ausstellung war von der und für die Industrie gedacht, hier machte sie sich (vergleiche vice versa Kapitel 4.2 Übernahme industrieller Formen in den Handel) allerdings gängige Präsentationsformen des Handels zu eigen.

„ [D]iese Weltausstellung präsentierte ein Sammelsurium der Waren, [ … ] das aber dann von der Idee einer ‚ Gesamtschau ‘ der Kulturen geadelt wurde. “ 29 Auch inhaltlich ergeben sich bei genauerem Vergleich Überschneidungen: die Anwesenheit vieler unterschiedlicher (und unterschiedlich konnotierter) Länder und Kulturkreise, welche durch Konsumprodukte (bzw. durch maschinelle Neuerungen) repräsentiert wurden. So avancierte das Warenhaus durch den Sammel- und Ausstellungscharakter, welchen es mit der Weltausstellung teilte, zum global konstruierten „Schaufenster der ganzen Welt“30 und stellt den architektonisch-futuristischen Rahmen einer inszenierten Homogenisierung der Konsumenten durch den liberalisierten Zugang zu modernen Produkten (und Produktionsweisen) dar.

Die Weltausstellung wurde [ … ] zum Theatrum mundi, [ … ] einer monströsen Inszenierung [des] Mensch[en] selbst, dessen geistige Leistung, dessen Ordnungssinn und Fleiß zum Maß aller Dinge wurden [ … und] als einzig adäquater Stil des ‚ Homo faber ‘ , des voll emanzipierten Erfolgsmenschen des 19. Jahrhunderts anerkannt w[u]rden. “ 31

“ Is it not a good thing for us to rejoice and be proud that we, of all other people, should be the first to throw aside the cold garb of nationality and exclusiveness, and invite the whole world to a peaceful contest of arts and industry? ” 32 Man rühmt sich als erstes aller Völker so Wunderbares zu vollbringen; man lässt die [k]alte Tracht der Nationalitäten hinter sich(…). Es ist der Wunsch nach der Überwindung menschlichen Kleingeistes zu erkennen; allein erfüllt scheint er sich noch nicht zu haben (…).

Weiter unten (vergleiche Kapitel 5.1.2 Demonstrativer Konsum nach Thorstein Venblen) wird ein wichtiger Gedanke dieser Zeilen wieder aufgegriffen werden; „ a peaceful contest of [ … ] industry “ 33 scheint programmatisch für die Verknüpfung von konstruierter Sicherheit innerhalb güterzentrierter Kapitalgesellschaften und demokratischer Machtabtretung von Massengesellschaften zu stehen.

“ A future in which ‘ man to man o ’ er all the world, should brother be ’ ; a future, not of jealousies and mistrusts, and international hatreds and revilings, but one in which art, science, commerce, literature, and brotherly kindness should go hand-in-hand among all nations of the earth. ” 34

[...]


1 Arnold Centner, Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Einzelhandels. Breslau 1941, 67f.

2 In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe des Warenhauses sowie des Kaufhauses der Einfachheit halber synonym verwendet.

3 Centner, Einzelhandel,67.

4 Bill Lancaster, The Department Store. A social history. London, New York 1995, 7ff.

5 Lancaster, Department Store, 9f.

6 Das Aufkommen der Fixpreise im modernen Einzelhandel hatte wesentlich weitreichendere Folgen als das positive Gefühl der Käufer; zum einen wurde das Risiko der Produktionspreisschwankungen auf den Handel übertragen (also dem Konsumenten abgenommen) und andererseits folgte dieser Preisdemokratisierung die Homogenisierung der Konsumentenmasse durch den allgemeineren Zugang zu einem diversifizierten Warenangebot. Vergleiche Kapitel 4.3 Der Handel sowie Kapitel 5.2.1 Demokratisierung des Konsumierens.

7 Lancaster, Department Store, 7f.

8 Die Erste Industrie-Weltausstellung fand in London 1851 statt.

9 Lancaster, Department Store, 16f.

10 Lancaster, Department Store, 17.

11 Ebd., 18.

12 Vgl. Miller und Williams nach Ebd., 19.

13 Vgl. Kapitel 2.3 Deutschland

14 Vgl. hierzu auch Karl Bücher, Jacques Seydoux oder Walther Vogel über den nationalen Charakter von Bevölkerungen

15 Vgl. Arnold Haase, Der Detailhandel in Frankreich. Dissertation der Friedrich-Wilhelms-Universität. Berlin 1930.14f.

16 Haase, Detailhandel, 22f.

17 Vgl. Haase, Detailhandel, 22f.

18 Ebd., 23.

19 Ebd.,23.

20 Vgl. Ebd., 24.

21 Vgl. Venblen nach Thomas Lenz, Konsum und Modernisierung. Bielefeld 2011. 16f. Vergleiche auch Kapitel 2.4 Stilisierte Globalisierung; denn in deutschsprachigen Gebieten war der Warenhausdiskurs immer eine Frage der einheitlichen, deutschen Identität, welche nur allzu leicht mit antisemitischen Gedankengängen verknüpft wurde.

22 Thomas Lenz, Konsum und Modernisierung, 15.

23 Lenz, Konsum, 15.

24 Vgl. Ebd., 15.

25 Ebd., 17. Vergleiche auch Kapitel 6.1 Warenpräsentation.

26 Horst Opaschowski, Kathedralen des 21 Jahrhunderts. Erlebniswelten im Zeitalter der Eventkultur. Eine Edition der B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitut GmbH. Hamburg 2000. 25.

27 http://digi.ub.uni- heidelberg.de/diglit/weltausstellung1851d/0004?page_query=vii&navmode=struct&action=pagesearch&sid= c518b8c265163d4715ba54b4a094f659, The illustrated exhibitor: a tribute to the world's industrial jubilee, S.vii.

28 http://www.ub.uni- heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/weltausstellungen/1851_London.html vergleiche Kapitel 6 Die Architektur der Industrialisierung.

29 Karlheinz Roschitz, Wiener Weltausstellung 1873.Jugend und Volk Verlagsgesellschaft, Wien 1989.12.

30 Vgl. Walter Benjamin nach Roschitz, Weltausstellung, 13.

31 Ebd.,12f.

32 http://digi.ub.uni- heidelberg.de/diglit/weltausstellung1851d/0047?sid=c518b8c265163d4715ba54b4a094f659, The illustrated exhibitor, No.1, June 7, 1851. Introduction.

33 Ebd.

34 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung früher Shoppingkultur: Betrachtung kulturgeschichtlicher Entwicklungen
Hochschule
Universität Wien
Note
1,00
Autor
Jahr
2012
Seiten
41
Katalognummer
V199974
ISBN (eBook)
9783656275770
ISBN (Buch)
9783656275206
Dateigröße
928 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warenhaus, angelpunkte, moderne, zeit
Arbeit zitieren
Bettina Schwabl (Autor), 2012, Die Entstehung früher Shoppingkultur: Betrachtung kulturgeschichtlicher Entwicklungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199974

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