Das Phänomen des unreliable narrators / unzuverlässigen Erzählers selbst ist kein Novum in der Filmgeschichte und lässt sich bis in die Stummfilmzeit zurückverfolgen . Nur handelte es sich dabei um verein-zelte Sonderfälle. Die empörten Publikumsreaktionen auf Hitchcocks Film STAGE FRIGHT (USA 1950) , in der eine Lüge des Protagonisten in Bildern manifestiert wurde, belegen das Vertrauen des Zuschauers in das Bild als ein objektives und authentisches Abbildungsmedium. Unter diesem filmgeschichtlichen Blickwinkel stellt diese auffällige Häufung von Filmen mit einem unzuverlässigen Erzähler zwischen 1995 und 2001 ein Novum dar und weckte mein Forschungsinteresse. Warum werden diese so unkonventionell und komplex erzählten Filme mit dem eher abwertenden Begriff „unzuverlässig“ erzählt eingestuft? Gerade das unbemerkte „Belügen“ und „Täuschen“ des Rezipienten verlangt eine hohe Intelligenz und Kunstfertigkeit im Fabulieren.
Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Filme ist, dass die unzuverlässige Erzählperspektive nicht nur der Hervorhebung erzählerischer Finesse dient, sondern in den meisten Fällen kongeniales Ausdrucksmittel der Identitätskrise der überwiegend männlichen Hauptfiguren ist. Das Subjekt selbst ist „unzuverlässig“ und auf der Suche nach dem eigenen „Ich“. Die Fremdtäuschung des Rezipienten gründet sich auf der Selbsttäuschung des Protagonisten, die den Rezipienten zugleich zum kritischen Hinterfragen der eigenen Wahrnehmung auffordert. Dies führt zu einem nächsten lohnenswerten Untersuchungsgegenstand dieser Filme: dem Status der Bilder. Büßen die Bilder ihre Qualität als evidentes, objektives Abbildungsmedium vollends ein und werden nach Jean Baudrillards Theorie zu Simulakren, die auf keine Realität mehr verweisen, sondern in ständiger Zirkulation eine „Hyperrealität“ kreieren (Vgl. Baudrillard 1972, zitiert nach Prümm, 1996)?
Da eine Analyse aller Filme dieser Welle den Umfang meiner Arbeit
übersteigen würde, habe ich den Filmkorpus auf die folgenden drei Filme eingegrenzt:
• FIGHT CLUB,
• THE USUAL SUSPECTS und
• MEMENTO.
Das Ziel meiner filmanalytischen Arbeit ist die Untersuchung der ausgewählten Filme vor der Vergleichsfolie der klassischen Hollywood-Narration hinsichtlich der narrativen Konzeption einer unzuverlässigen Erzählweise, der Identitätsproblematik der Protagonisten und der Bildkonzeption.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes
1.3 Ziel der Arbeit
1.4 Aufbau der Arbeit
2 Überblick über den Forschungsstand
2.1 Der Terminus des unreliable narrators
2.2 Jüngste theoretische Ansätze zur Definition und Analyse von Filmen mit einer unzuverlässigen Erzählperspektive
3 Inhaltsangaben der Filme FIGHT CLUB, THE USUAL SUSPECTS und MEMENTO
3.1 Inhaltsangabe: FIGHT CLUB
3.2 Inhaltsangabe: THE USUAL SUSPECTS
3.3 Inhaltsangabe: MEMENTO
4 Die klassische Hollywood-Narration als Vergleichsfolie
5 Ordnung, Stimme und Modus der filmischen Erzählung
5.1 Narratologische Terminologie
5.2 Die Voice-over
5.2.1 Die Voice-over in FIGHT CLUB
5.2.2 Die Voice-over in THE USUSAL SUSPECTS
5.2.3 Die Voice-over in MEMENTO
5.3 Zeitstruktur und narrative Ebenen
5.3.1 Zeitstruktur und narrative Ebenen in FIGHT CLUB
5.3.2 Zeitstruktur und narrative Ebenen in THE USUAL SUSPECTS
5.3.3 Zeitstruktur und narrative Ebenen in MEMENTO
5.4 Zusammenfassung des Kapitels „Ordnung, Stimme und Modus der filmischen Erzählung“
6 Identitätsproblematik des Protagonisten
6.1 Identitätsproblematik des Protagonisten in MEMENTO
6.2 Identitätsproblematik des Protagonisten in FIGHT CLUB
6.3 Identitätsproblematik des Protagonisten in THE USUAL SUSPECTS
6.4 Zusammenfassung des Kapitels „Identitätsproblematik des Protagonisten“
7 Die Bildkonzeption im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive
7.1 Die Bildkonzeption in FIGHT CLUB im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive
7.2 Die Bildkonzeption in THE USUAL SUSPECTS im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive
7.3 Die Bildkonzeption in MEMENTO im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive
7.4 Zusammenfassung des Kapitels „Die Bildkonzeption im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive“
8 Abschließende Zusammenfassung
8.1 Zusammenfassung der Analyseergebnisse
8.2 Vergleich mit der klassischen Hollywood-Narration
8.3 Auslösende Faktoren der Welle von Filmen mit einer unzuverlässigen Erzählperspektive im US-amerikanischen Kino
8.4 Das Ende der Welle von Filmen mit einer unzuverlässigen Erzählperspektive im US-amerikanischen Kino
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist die Analyse ausgewählter US-amerikanischer Filme der Jahrtausendwende, die sich durch unzuverlässige Erzählformen auszeichnen, um diese vor der Vergleichsfolie der klassischen Hollywood-Narration zu untersuchen und zu prüfen, ob sie ein alternatives Erzählmodell etablieren.
- Narrative Konzeption unzuverlässiger Erzählweisen
- Identitätsproblematik und Identitätskonstruktion männlicher Protagonisten
- Status und Funktion von Bildern in unzuverlässigen Erzählstrukturen
- Vergleich zwischen klassischem Hollywood-Erzählmodell und Mind-game Filmen
- Auslösende Faktoren für die Welle unzuverlässiger Erzählformen
Auszug aus dem Buch
5.2 Die Voice-over
Nach der allgemein anerkannten Definition von Sarah Kozloff bezeichnet man als Voice-over “oral statements, conveying any portion of a narrative, spoken by an unseen speaker situated in a space and time other than that simultaneously being presented by the images on the screen” (Kozloff 1988, 5). Die Voice-over kann von einem heterodiegetischen oder von einem homodiegetischen Erzähler gesprochen werden. In den untersuchten Filmen wird mittels des narrativen Elements der Voice-over ein autodiegetischer Erzähler (Ich-Erzähler) etabliert und damit eine interne handlungslogische Fokalisierung auf den Protagonisten erzielt. Diese Verbindung von Voice-over mit einem autodiegetischen Erzähler bewirkt eine verstärkte Subjektivität der Erzählung. Zugleich wird durch die Voice-over beim Rezipienten die Bereitschaft geweckt, sich auf den psychischen und emotionalen Zustand des Protagonisten einzulassen. Ein Grund hierfür ist ein Charakteristikum der menschlichen Stimme:
Als Schall oder Klang – beide Begriffe können synonym gebraucht werden – ist die Stimme etwas Besonderes, weil sie nicht durch Naturereignisse entsteht oder von gebauten Instrumenten stammt, sondern von Menschen oder Tieren erzeugt wird. […] Die Produktion der Stimme geht also auf lebende, atmende Körper zurück, ist von dorther ganz individuell determiniert und zugleich variierbar. (Kolesch 2004, 124)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Phänomen der unzuverlässigen Erzählweise im US-amerikanischen Kino der Jahrtausendwende und Definition der zentralen Forschungsfragen.
2 Überblick über den Forschungsstand: Erörterung der literaturwissenschaftlichen Ursprünge des Terminus des "unreliable narrators" und dessen Übertragung auf filmwissenschaftliche Analysen.
3 Inhaltsangaben der Filme FIGHT CLUB, THE USUAL SUSPECTS und MEMENTO: Bereitstellung einer handlungsorientierten Inhaltsangabe der drei im Fokus stehenden Spielfilme als Basis für die Analyse.
4 Die klassische Hollywood-Narration als Vergleichsfolie: Zusammenfassung der Merkmale der klassischen Hollywood-Narration, um diese als Referenzmodell für die untersuchten Filme zu etablieren.
5 Ordnung, Stimme und Modus der filmischen Erzählung: Untersuchung narrativer Elemente wie Voice-over, Zeitstruktur und narrative Ebenen hinsichtlich ihrer Funktion für die unzuverlässige Erzählperspektive.
6 Identitätsproblematik des Protagonisten: Analyse der Identitätskrise der männlichen Protagonisten, oft verbunden mit psychischen Störungen oder der Konstruktion von Doppelgängern.
7 Die Bildkonzeption im Kontext von Markierung und Auflösung der unzuverlässigen Erzählperspektive: Untersuchung der Rolle von Bildern und deren Manipulierbarkeit bei der Etablierung einer unzuverlässigen Erzählperspektive.
8 Abschließende Zusammenfassung: Synthese der Analyseergebnisse und Beantwortung der Leitfragen hinsichtlich des alternativen Erzählmodells und dessen Auslösern.
Schlüsselwörter
Unzuverlässiges Erzählen, Unreliable Narrator, Filmwissenschaft, Narratologie, Hollywood-Narration, Identitätskrise, Voice-over, Zeitstruktur, Bildkonzeption, Mind-game Film, Post-mortem Kino, Erzählperspektive, Rezipient, Manipulation, Filmkorpus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht US-amerikanische Filme der Jahrtausendwende, die durch eine unzuverlässige Erzählperspektive geprägt sind, und analysiert deren narrative Strukturen im Vergleich zum klassischen Hollywood-Erzählmodell.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die narrative Konzeption unzuverlässiger Erzählverfahren, die Identitätsproblematik männlicher Protagonisten sowie die Rolle der Bildkonzeption bei der Täuschung des Rezipienten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu analysieren, wie unzuverlässige Erzählperspektiven konstituiert werden und ob diese Filme ein alternatives Erzählmodell zur klassischen Hollywood-Narration darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine filmanalytische Methode angewandt, die auf der narratologischen Terminologie von Gérard Genette basiert, ergänzt durch filmwissenschaftliche Ansätze zur Definition unzuverlässigen Erzählens.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die narrative Konstruktion durch Voice-over, Zeitstrukturen, Ebenen, Identitätskonstruktionen der Protagonisten sowie die Bildkonzeption anhand der drei Beispielfilme FIGHT CLUB, THE USUAL SUSPECTS und MEMENTO.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Unzuverlässiges Erzählen, Narratologie, Identitätskrise, Mind-game Film und Bildkonzeption charakterisiert.
Wie unterscheidet sich MEMENTO narrativ von den anderen analysierten Filmen?
MEMENTO zeichnet sich durch eine konsequente, rückwärts erzählte Zeitstruktur und das Fehlen einer unpersönlichen Erzählinstanz aus, die dem Zuschauer am Ende eine "objektive" Wahrheit liefert.
Welche Funktion hat die Voice-over in diesen Filmen?
Die Voice-over dient primär der Etablierung einer internen Fokalisierung auf den Protagonisten und der gezielten Sympathielenkung, um den Rezipienten enger an die subjektive und teils gestörte Wahrnehmung der Figur zu binden.
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- Nicole Mühlhausen (Author), 2012, Unzuverlässige Erzählformen im US-amerikanischen Kino der Jahrtausendwende, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200021