Für die nationale Geldpolitik eines Landes ist die Wechselkursfrage von entscheidender
Bedeutung. Zur Auswahl stehen eine Fülle unterschiedlicher Wechselkurssysteme, die zur
besseren Übersicht grob in drei Kategorien eingeteilt werden können:
Zur ersten Kategorie gehören die, sehr seltene, Form der freien Wechselkursbildung
(independent float) und die kontrollierte Wechselkursbildung (managed float). Die zweite
Kategorie wird als die der sog. soft pegs bezeichnet. Zu diesen gehören feste Wechselkurse
mit variabler Parität, feste Wechselkurse mit Gleitparität (crawling pegs) und verschiebbare
Festkurse (adjustable pegs). Zur dritten Kategorie der extremen Wechselkurssysteme, den
sog. hard pegs, schließlich zählen stark gebundene Wechselkurse, Currency boards oder
Ökonomien, die über keine eigene Währung verfügen.1 Im Verlauf der größeren
Kapitalmarkt-Krisen seit 1994 hat sich gezeigt, daß Länder, die der zweiten Kategorie
angehörten, von diesen Krisen in besonderem Ausmaß betroffen waren (In Lateinamerika gilt
dies besonders für Mexiko 1994 und Brasilien 1998). Diese Entwicklung löste einen
Polarisierungstrend aus, in dessen Verlauf immer mehr Länder sich von der Mitte entfernten
und entweder für das freie floaten oder aber für die extremen Wechselkurssysteme optierten.2
Diese Tendenz hat der Debatte um die Dollarisierung der lateinamerikanischen Länder
neuen Stoff gegeben.
Der Dollar hat als Leitwährung in Lateinamerika lange Tradition. Die Überweisungen der in
den USA arbeitenden Migranten in ihre Heimatländer, die sog. remesas, belaufen sich nach
offiziellen Angaben auf 8 Milliarden US-Dollar jährlich3 und haben zu einer Zirkulation des
Dollars in breiten Bevölkerungsschichten beigetragen. Die Maßnahmen, die von
lateinamerikanischen Regierungen zur Institutionalisierung des Umgangs mit der
Leitwährung ergriffen wurden, sind unterschiedlich: Während Ecuador im März 2000 den
Dollar als Währung einführte und auch El Salvador im Januar 2001 den Dollar als
gesetzliches Zahlungsmittel legalisierte, optierte Argentinien 1991 für die weniger radikale
Lösung einer Kopplung des Peso an den Dollar im Verhältnis 1:1 durch Einsetzung eines
Currency Boards. Mexiko und Chile wiederum kombinieren Inflationsbekämpfung mit
flexiblen Wechselkursen. [...]
1 vgl. Fischer 2001, S. 2, sowie Dornbusch 2001, S. 15 und Issing 1996, S.233
2 vgl. Fischer 2001, S.2
3 vgl. Lowell und de la Garza, 2000, S. 1
Inhaltsverzeichnis
0. Hard pegs als währungspolitische Option für Lateinamerika
I. Dollarisierung und Currency Board: terminologische Definition
II. Die Chancen der hard pegs
II.1 Möglichkeiten der Inflationsbekämpfung
II.2 Zuwachs an Glaubwürdigkeit
II.3 Stabilität und Integration
III. Die Risiken der hard pegs
III.1 Verlust des Seignorage-Profits durch Dollarisierung
III.2 Abwesenheit des „Lender of Last Resort“
III.3 Verlust der währungspolitischen Autonomie und Ausstiegs-Option durch Dollarisierung
III.4 Das Fallbeispiel Argentinien: regionale Desintegration durch starre Wechselkursfixierung
IV. Currency Boards als Transitionslösung auf dem Weg zu einer lateinamerikanischen Währungsunion?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eignung von extremen Wechselkurssystemen, namentlich Currency Boards und Dollarisierung, als währungspolitische Optionen für lateinamerikanische Länder, um wirtschaftliche Krisen zu vermeiden und die monetäre Stabilität zu fördern.
- Analyse der Funktionsweisen und terminologischen Grundlagen von Dollarisierung und Currency Boards.
- Gegenüberstellung der ökonomischen Vorzüge wie Inflationsbekämpfung, Glaubwürdigkeitsgewinn und Marktintegration.
- Kritische Beleuchtung der Risiken, insbesondere den Verlust der währungspolitischen Autonomie und das Fehlen eines „Lender of Last Resort“.
- Untersuchung des argentinischen Fallbeispiels als Lehre für regionale Disintegration durch starre Fixierungen.
- Diskussion über das Potenzial von Currency Boards als Transitionslösung auf dem Weg zu einer regionalen Währungsunion.
Auszug aus dem Buch
III.2 Abwesenheit des „Lender of Last Resort“
Ein klassisches Argument gegen Dollarisierung bzw. die Einführung von Currency Boards ist die Abwesenheit eines Lender of Last Resort. Als Lender of Last Resort (LOLR – zu deutsch etwa: Refinanzierungsinstitut der letzten Instanz) bezeichnet man eine Institution, die bei Liquiditätsengpässen einer Bank unbeschränkt Barmittel zur Verfügung stellt, bzw. durch eine solche Garantie Vertrauenskrisen vorbeugen kann. Im Normalfall wird diese Rolle von der Zentralbank bzw. der Notenbank wahrgenommen.
Existiert die Möglichkeit der Notenemission jedoch nicht mehr, wird die LOLR-Funktion eingeschränkt. Zwar bleibt die Fähigkeit der Zentralbank (bzw. der sie ersetzenden Institution), einzelne, kleinere Banken bei einem kurzfristigen Liquiditätsengpass zu unterstützen, auch nach erfolgter Dollarisierung bestehen. Entsteht jedoch durch einen generellen Zweifel an der Bonität, ausgelöst z.B. durch hohe Staatsverschuldung, eine Fluchtwelle von Kreditgebern, die das gesamte Bankensystem betrifft, verliert die Zentralbank ihre Fähigkeit, die gesamten Bankeinlagen zu decken. Die LOLR-Funktion der Zentralbank ist also in einer dollarisierten Wirtschaft deutlich eingeschränkt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Hard pegs als währungspolitische Option für Lateinamerika: Einführung in die Problematik unterschiedlicher Wechselkurssysteme und die zunehmende Polarisierung lateinamerikanischer Länder hin zu extremen Systemen.
I. Dollarisierung und Currency Board: terminologische Definition: Klärung der Begriffe der offiziellen Dollarisierung und der Funktionsweise eines modernen Currency Board Systems.
II. Die Chancen der hard pegs: Untersuchung der potenziellen Vorteile hinsichtlich Inflationsbekämpfung, Glaubwürdigkeit sowie Stabilität und wirtschaftlicher Integration.
III. Die Risiken der hard pegs: Detaillierte Analyse der negativen Aspekte wie Seignorage-Verlust, Wegfall der Lender-of-Last-Resort-Funktion und der fehlenden währungspolitischen Autonomie.
IV. Currency Boards als Transitionslösung auf dem Weg zu einer lateinamerikanischen Währungsunion?: Diskussion der Möglichkeiten, Currency Boards als Übergangsschritt zur Schaffung einer gemeinsamen regionalen Währungsunion zu nutzen.
Schlüsselwörter
Währungspolitik, Dollarisierung, Currency Board, Lateinamerika, Inflationsbekämpfung, Wechselkurssysteme, Geldpolitik, Lender of Last Resort, Währungsunion, Kapitalmarkt, Argentinien, Seignorage, Stabilität, Währungsrisiko, Finanzmarktintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Eignung von „hard pegs“ (Currency Boards und Dollarisierung) als währungspolitische Strategien für lateinamerikanische Länder, um monetäre Stabilität in einem von Krisen geprägten Umfeld zu erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Inflationsbekämpfung, der Glaubwürdigkeit von Währungssystemen, den Risiken bei Kapitalmarktvolatilität sowie der Frage nach regionaler Integration.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine Kosten-Nutzen-Analyse der beiden Optionen, um zu bewerten, ob sie als dauerhafte Stabilitätsanker oder als Transitionslösungen für eine regionale Währungsunion fungieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse ökonomischer Theoriekonzepte in Verbindung mit aktuellen Fallbeispielen wie Argentinien und theoretischen Diskursen der Geldpolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Chancen dieser Systeme (z.B. Inflationsreduktion) und eine kritische Auseinandersetzung mit den systemischen Risiken (z.B. Verlust der Lender-of-Last-Resort-Funktion).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Dollarisierung, Currency Board, währungspolitische Autonomie, Seignorage und internationale Finanzmarktintegration.
Warum ist die Abwesenheit eines „Lender of Last Resort“ ein kritisches Problem?
Ohne die Fähigkeit zur unbeschränkten Geldschöpfung kann die Zentralbank in einer Systemkrise nicht mehr ausreichend Liquidität bereitstellen, um das Bankensystem bei einer Fluchtwelle von Einlegern vor dem Kollaps zu bewahren.
Inwiefern dient Argentinien als besonderes Fallbeispiel?
Argentinien veranschaulicht die Probleme einer starren Wechselkursfixierung, insbesondere den exporthemmenden Druck bei Überbewertung und die sozialen Kosten einer notwendigen Rezession zur Aufrechterhaltung des Systems.
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- Anita Breuer (Author), 2001, Currency Boards und Dollarisierung als währungspolitische Optionen für lateinamerikanische Länder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20008