Das "Atlantropa"-Projekt. Erschließung Europas und Afrikas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Großprojekt „Atlantropa“
2.1 Sein Schöpfer Herman Sörgel
2.2 Idee und Anfänge des Projekts

3. „Atlantropa“ und Europa
3.1 Die Erschließung Europas
3.2 Auswirkungen der Erschließung für Europa
3.3 Bedeutung „Atlantropas“ für Europa

4. „Atlantropa“ und Afrika
4.1 Die Erschließung Afrikas
4.2 Auswirkungen der Erschließung für Afrika
4.3 Bedeutung „Atlantropas“ für Afrika

5. Das Ende „Atlantropas“

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird das „größte Projekt der Welt“[1] des Münchner Architekten Herman Sörgel erläutert: Das „Atlantropa“-Projekt. Seine Pläne beinhalteten einen Zusammenschluss des europäischen und des afrikanischen Kontinents zu einem wirtschaftlichen und politischen Großraum.[2] Zunächst sah das Projekt die Erschließung des Mittelmeerraumes und Nordafrikas vor, um Siedlungsmöglichkeiten für Weiße und kultivierbares Land zu gewinnen.[3] Später zog Sörgel auch Zentralafrika in seine Planungen mit ein. Die Erschließung sollte durch die Absenkung des Mittelmeerspiegels und den dadurch ermöglichten Bau von Dämmen vollzogen werden, um beide Kontinente auf dem Landweg zu verbinden.

Im Folgenden werden weniger die technischen Vorgänge des Projekts, sondern die geographischen, wirtschaftlichen und sozial-politischen Auswirkungen auf Europa und insbesondere auf den afrikanischen Kontinent im Vordergrund stehen.

Die geographischen Auswirkungen und die wirtschaftlich-politische Bedeutung des Projekts bezüglich Europas lassen sich relativ leicht darstellen, während gleiches für Afrika nicht ganz zutrifft. Europa stand immer im Mittelpunkt, während der Kontinent Afrika zwar klimatisch und räumlich eine Rolle für das Projekt spielte, ansonsten jedoch keine große Beachtung fand. Während für Europa Lösungen zum Erhalt von Landstrichen geplant wurden und es um das Wohl der Europäer ging, wurde der Natur und Bevölkerung Afrikas keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Deshalb tauchten in den „Atlantropa“-Texten auch keinerlei Äußerungen bezüglich der Konsequenzen für Land und Leute Afrikas auf.[4]

In der folgenden Darstellung wird es zunächst um die Person Sörgels gehen. Dem schließt sich eine kurze Einführung in das Projekt an. Im dritten Kapitel werden die Pläne für Europa bzw. den Mittelmeerraum veranschaulicht. Einen wichtigen Bestandteil bildet der afrikanische Kontinent. Im vierten Abschnitt werden die Projekte für Afrika vorgestellt und deren geographische, wirtschaftliche und sozial-politische Auswirkungen. Des Weiteren ist zu klären, welche Rolle der „Schwarze Kontinent“ für das „Atlantropa“-Projekt spielte. Abschließend wird kurz auf die Gründe des Scheiterns der Pläne eingegangen.

Es stellt sich die Frage, inwiefern Afrika bei einer Verwirklichung von „Atlantropa“ von diesem Projekt wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich profitiert hätte. Wenn in den Plänen der europäische Kontinent von so großer Bedeutung war, ging es Sörgel und den Europäern nicht vielmehr um den Selbsterhalt und die Stärkung des eigenen Kontinents, als um ein Entwicklungsprojekt wirtschaftlicher und politischer Art für Afrika?

2. Das Großprojekt „Atlantropa“

2.1 Sein Schöpfer Herman Sörgel

„Man sitzt einem eleganten Herrn gegenüber. Keinem Typ eines deutschen Gelehrten, eher vielleicht einem kultivierten Musiker oder einem Diplomaten, der, obgleich mit grauen Haaren, seinen Körper durch Sport jung erhielt. Ein interessanter Mensch – dieser Herman Sörgel, dessen Gehirn sicher mit Europas größter Idee beschäftigt ist.“[5]

Mit diesen Worten äußerten sich 1932 die Bremer Nachrichten über den deutschen Architekten und Schriftsteller Herman Sörgel (1885-1952), der mit seinem gigantischen Projekt „Atlantropa“ die Kontinente Europa und Afrika wirtschaftlich, politisch und geographisch verbinden wollte. Über Sörgel selbst ist nur wenig bekannt, da dieser sich in Bezug auf seine Person sehr bedeckt hielt. So wurde auch nie eine Biographie über ihn veröffentlicht.[6] Herman Sörgel wurde als Sohn des Bauamtmanns und Amtsvorstehers Hans Sörgel am 2. April 1885 in Regensburg geboren. Geprägt durch seinen Vater, studierte er an der Technischen Hochschule in München Architektur und schloss sein Studium als Diplomingenieur 1908 ab. 1910 arbeitete er im staatlichen Baubüro des gerade neu eröffneten Deutschen Museums in München. Anschließend legte er das Regierungsbaumeister-Examen ab und wurde Hauptlehrer an der Meisterschule für Bauhandwerker in Bamberg. 1914 kehrte er nach München zurück, um als Architekt und freier Journalist tätig zu sein. Von 1925 bis 1926 war er für die Zeitschrift Baukunst tätig und verfasste auch mehrere Bücher zum Thema Architektur und Baukunst.[7] Dank seines Vaters, der als Baumeister die Planung des Walchenseewerks, damals die größte Einheit von Talsperre und Kraftwerk, leitete und bereits zahlreiche Korrektionsarbeiten an den Flussläufen von Lech und Inn vornahm, wurde Herman Sörgel erstmals mit der Manipulation von Gewässern und dem Bau von Wasserkraftwerken konfrontiert.[8] Aufgrund dieser und zahlreicher anderer Erfahrungen, auf die im folgenden Abschnitt näher eingegangen wird, entwickelte Sörgel sein Mittelmeer-Projekt. Trotz des Verbots der weiteren Propaganda für sein Projekt unter den Nationalsozialisten, führte er seinen Plan auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Unfalltod 1952 energisch fort. So sagte Sörgel über sich selbst: „Das Projekt verdrängte bald alle anderen Interessen und wurde zu meiner Lebensarbeit.“[9]

2.2 Idee und Anfänge des Projekts

Neben dem väterlichen Einfluss trug eine Reise nach Amerika 1925 zum Entstehen seines Projekts bei. New York faszinierte ihn von seiner architektonischen Bauweise her, und in Washington beeindruckte ihn das Gebäude der Panamerika-Union so stark, dass er auf die Idee einer ähnlichen Verbindung zwischen den beiden Kontinenten Europa und Afrika kam.[10] 1927 veranlasste ihn eine Abhandlung des Ozeanographen Otto Jessen mit dem Titel Die Straße von Gibraltar, in der dieser über die Verdunstung des Mittelmeeres und die Strömungsverhältnisse zwischen Atlantik und Mittelmeer sprach, seine Idee der Zusammenfassung von Europa und Afrika auszubauen.

„[...] dass das Mittelmeer trotz seiner Größe und isolierten Lage ohne Verbindung zum Ozean nicht bestehen kann. Es ist nur als ein Glied des Ozeans lebensfähig und die Strasse von Gibraltar ist die Ader, welche ihm beständig Nahrung und neues Blut aus der Lebensquelle, dem Weltmeer, zuführt. Würde die Verbindung unterbrochen, was bei einer Hebung des Bodens der Meerenge um wenige 100 Meter eintreten würde, so würde das Mittelmeer absterben. Das verdunstete Wasser könnte nicht voll ersetzt werden und das Mittelmeer würde bis auf einige Salzseen austrocknen.“[11]

Sörgel wollte die Straße von Gibraltar durch einen Damm abriegeln, damit kein Wasser mehr vom Atlantik ins Mittelmeer fließen konnte. Dadurch sollte das Mittelmeer durch Verdunstung um jährlich 1,65 Meter abfallen. Sörgels Ziel war eine Absenkung des Mittelmeerspiegels um 100 Meter, damit Neuland geschaffen werden konnte. Wasserkraftwerke sollten den Energiebedarf Europas und Afrikas decken.[12] Sörgel kalkulierte in seine Überlegungen ein, dass bei dieser Verdunstungsgeschwindigkeit sein Projekt frühestens in 50 bis 80 Jahren verwirklicht werden könnte. Es stellt sich die Frage, ob er sich auch Gedanken über weltpolitische und technische Veränderungen während dieser Zeit gemacht hat, welche dieses Projekt vielleicht zum Scheitern gebracht hätten.

Sein 1929 zunächst „Panropa“ genanntes Projekt zielte auf einen geeinten Superkontinent ab, der Europa und Afrika politisch und geographisch zusammenfassen sollte.[13] Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges wurde Sörgel zum Pazifisten und sprach sich dafür aus, dass „in Europa eine Situation geschaffen werden muss, die den schwanken, wackeligen und labilen ‘Frieden’ zu einem tatsächlichen und unentrinnbaren, nicht mehr auflösbaren und stabilen Friedens-Zustand macht.“[14] Bereits 1923 entstand die „Paneuropa-Union“, die auf Drängen von Richard Coudenhove-Kalergi die politische Einigung des europäischen Kontinents anstrebte. Es fanden zwar zwei Konferenzen statt, die über eine Föderation verhandelten, aber es kam nie zu Beschlüssen. Zunächst wählte Sörgel den Namen „Panropa“ für sein Projekt, um die enge Beziehung zur Union deutlich zu machen. Aufgrund juristischer Bedenken wegen der nahen Verwandtschaft der Namen, und um Verwechslungen mit der „Panamerika-Union“ zu vermeiden, entschied sich Sörgel 1932, sein Projekt „Atlantropa“ - „Festland am Atlantik“ - zu nennen. Auch warf er ihr Schwäche und Versagen vor.[15] Des Weiteren wurde Sörgel vom Philosophen Oswald Spengler inspiriert. Dieser sprach in seinem Werk Untergang des Abendlandes vom Niedergang der westlich-abendländischen Kultur durch Überbevölkerung. Sörgel sah in seinem „Atlantropa“-Projekt die Lösung des Problems der Überbevölkerung, somit die Apokalypse Spenglers verhinderbar.[16] Durch die Mittelmeerabsenkung sollte Neuland entstehen, vergleichsweise so groß wie die Fläche Frankreichs, das neuen Lebensraum für die Europäer bedeutete, um das ständig wachsende Bevölkerungsproblem zu lösen. Zunächst beschränkte sich Sörgel mit seinen Plänen ausschließlich auf den Mittelmeerraum und Nordafrika. Erst ab 1935 dehnte er sein Projekt auf Zentralafrika aus.[17]

Im folgenden Abschnitt werden die Vorstellungen Sörgels von den Veränderungen in Europa und den resultierenden geographischen, politischen sowie wirtschaftlichen Konsequenzen einer genaueren Betrachtung unterzogen.

3. „Atlantropa“ und Europa

Zunächst wird geschildert, wie Europa nach den Plänen „Atlantropas“ ausgesehen hätte, um danach die geographischen Auswirkungen zu untersuchen. Schließlich werden im letzten Abschnitt die pro-europäischen, wirtschaftlichen und politischen Motive des Projekts zusammengetragen.

[...]


[1] Göttinger Zeitung, 20.9.1932. Zitiert nach Voigt, Wolfgang, Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer. Ein Architektentraum der Moderne, Hamburg 1998, S. 8.

[2] Vgl. Sörgel, Herman, Die drei großen „A“. Großdeutschland und italienisches Imperium, die Pfeiler Atlantropas, München 1938, S. 11.

[3] Vgl. Sörgel, Herman, Atlantropa - Wesenszüge eines Projekts. Mit einem Vorwort von John Knittel. Stuttgart 1948, S. 11-12.

[4] Vgl. Voigt, Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer, S. 102.

[5] Prätorius, Peter, „Eine Utopie soll Wirklichkeit werden. Ein Deutscher will das Mittelmeer absenken.“, in: Bremer Nachrichten, 1.12.1932. Zitiert nach Voigt, Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer, S. 15.

[6] Vgl. Gall, Alexander, Das Atlantropa Projekt. Die Geschichte einer gescheiterten Vision. Herman Sörgel und die Absenkung des Mittelmeers, Frankfurt/Main, New York 1998, S. 29.

[7] Vgl. Voigt, Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer, S.15-17.

[8] Vgl. Voigt, a.a.O., S. 15.

[9] Sörgel, Herman, „Atlantropa-Chronik“, in: Atlantropa-Mitteilungen, 1948, Nr. 14. Zitiert nach Voigt, a.a.O., S. 28.

[10] Vgl. Gall, Das Atlantropa Projekt, S. 31-32.

[11] Jessen, Otto, Die Straße von Gibraltar, Berlin 1927, S. 101.

[12] Vgl. Voigt, Wolfgang, „Weltmacht Atlantropa. Herman Sörgels geopolitische Strategie für die Einheit Europas“, in: Die Zeit, Nr. 23, 3.5.1991, S. 33.

[13] Vgl. Voigt, Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer, S. 100-101.

[14] Sörgel, Herman, „Totaler Krieg oder totaler Friede? Ist der totale Krieg eine unentrinnbare Notwendigkeit?“, in: Selbsthilfe, Stuttgart, Nr. 14, 10.4.1937. Zitiert nach Voigt, a.a.O., S. 100.

[15] Vgl. ebda.

[16] Vgl. Voigt, a.a.O., S. 21.

[17] Vgl. Gall, Das Atlantropa Projekt, S. 57.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das "Atlantropa"-Projekt. Erschließung Europas und Afrikas
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Abteilung für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Entstehung der Entwicklungshilfe (1930-1960)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V20022
ISBN (eBook)
9783638240260
ISBN (Buch)
9783638646383
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Atlantropa, Erschließung, Europas, Afrikas, Entstehung, Entwicklungshilfe
Arbeit zitieren
Anne Sophie Günzel (Autor), 2003, Das "Atlantropa"-Projekt. Erschließung Europas und Afrikas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20022

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