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Ist Paternalismus moralisch vertretbar?

Der Prinzipialismus von Beauchamp und Childress im Kontext der Suizidprävention

Title: Ist Paternalismus moralisch vertretbar?

Essay , 2012 , 11 Pages

Autor:in: Christian Reimann (Author)

Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
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Im bio- und medizinethischen Diskurs ist die Position des so genannten Prinzipialismus, deren Ausgangspunkt für die Beurteilung moralisch richtigen und falschen Handelns allgemein verbreitete Moralvorstellungen sind, von zentraler Relevanz. Ihre Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt an der praxisbezogenen Relevanz des Werks Principles of Biomethical Ethics (erste Auflage: 1979) von Tom L. Beauchamp und James F. Childress, das in den USA im Bereich Medizin und Medizinethik als Standardwerk gilt (vgl. etwa Ach/Runtenberg 2002, 56). In diesem Ansatz verfolgen die Autoren ausgehend von vier traditionell anerkannten moralischen Prinzipien ein bestimmtes Ziel: die Rechtfertigung einer commom morality, d.h. einer gemeinsamen Moral, „[…] die bei der gesellschaftlichen Urteilsbildung über moralisch strittige Fragen eine hinreichende Urteilsgrundlage zur Verfügung stellt“ (Düwell 2008, 91). Dabei diskutieren Beauchamp und Childress auch die Frage nach der moralischen Rechtfertigung von Paternalismus, den sie allgemein definieren als: „the intentional overriding of one person’s known preferences or actions by another person, where the person who overrides justifies the action by the goal of benefiting or avoiding harm to the person whose preferences or actions are overridden“ (2001, 178, Hervorhebung im Original).
Die Frage nach der Rechtfertigung paternalistischer Eingriffe bildet das Thema des vorliegenden Essays. Der Fokus liegt dabei auf der Diskussion paternalistischer Eingriffe in Verbindung mit suizidgefährdeten Personen. In diesem Zusammenhang soll folgende Frage untersucht werden: Bietet der Ansatz von Beauchamp und Childress eine ausreichende Grundlage zur moralischen Rechtfertigung paternalistischer Handlungen als Mittel zur Suizidprävention?
Im Fortgang soll dargelegt und diskutiert werden, dass der von den Autoren vorgeschlagene Ansatz als moralische Urteilsgrundlage unzureichend ist. Zu diesem Zweck ist es zunächst erforderlich, zu demonstrieren, mittels welcher Argumente Beauchamp und Childress Paternalismus im Kontext der Suizidvorbeugung rechtfertigen (vgl. 2.1.), um anschließend ihre Position anhand eines Gedankenexperimentes als heuristisches Mittel zu problematisieren (vgl. 2.2.). Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung, in welcher auf die Ergebnisse des zweiten Kapitels zurückgegriffen und der Ansatz von Beauchamp und Childress kritisch gewürdigt wird (vgl. 3.).

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paternalismus – ein moralisch vertretbares Mittel zur Suizidprävention?

2.1 Argumente zur moralischen Rechtfertigung von Paternalismus

2.2 Das Problem des Bilanzselbstmordes

3. Zusammenfassung

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die moralische Rechtfertigung von starkem Paternalismus im Kontext der Suizidprävention anhand des Prinzipialismus von Beauchamp und Childress. Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob dieser Ansatz eine ausreichende Grundlage bietet, um paternalistische Eingriffe gegenüber suizidgefährdeten Personen moralisch zu begründen.

  • Grundlagen des Prinzipialismus und dessen vier moralische Kernprinzipien.
  • Rechtfertigung von Paternalismus aus Sicht von Beauchamp und Childress.
  • Die Problematik der Patientenautonomie bei suizidalem Handeln.
  • Kritische Analyse anhand eines Gedankenexperiments zum sogenannten Bilanzselbstmord.
  • Metatheoretische Einordnung und Grenzen des medizinethischen Ansatzes.

Auszug aus dem Buch

2.2. Das Problem des Bilanzselbstmordes

Die Argumente von Beauchamp und Childress für den starken Paternalismus beziehen sich ausschließlich auf Fälle, die nicht völlig autonome Handlungen seitens der Patienten einschließen. Um die Argumentation der Autoren zu problematisieren, soll im Folgenden ein hypothetisches Beispiel konstruiert werden, das von der Erwägung des so genannten Bilanzselbstmordes handelt.

Was ist ein Bilanzselbstmord? Bei einem Bilanzselbstmord, auch philosophischer Suizid genannt, handelt es sich „[…] um eine Selbsttötung in freier Entscheidung, bei der unter rationaler Abwägung von positiven und negativen Aspekten die Gesamtbilanz des Lebens negativ bleibt […]“ (Hick u.a. 2006, 107). Mit Blick auf das nachstehende Gedankenexperiment sind allerdings nicht solche Fälle gemeint, bei denen beispielsweise ein Krebskranker oder Dialysepatient aufgrund der Unerträglichkeit oder Aussichtslosigkeit seines Lebens (vgl. hierzu etwa Mader/Weißgerber 2005, 331) einen Selbstmordversuch begeht oder um assistierten Suizid oder aktive Sterbehilfe bittet. Denn das Sterbenlassen sowie die Beihilfe zum Selbstmord bzw. die aktive Sterbehilfe ließen sich mit dem Prinzipialismus von Beauchamp und Childress zumindest im Einzelfall unter bestimmten Voraussetzungen moralisch vertreten (siehe 2001, Kapitel 3 und 4), so dass sich die Frage nach starkem Paternalismus nicht mehr stellen würde.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in den Prinzipialismus als Standardwerk der Medizinethik und Darstellung der Forschungsfrage bezüglich der moralischen Rechtfertigung von Paternalismus in der Suizidprävention.

2. Paternalismus – ein moralisch vertretbares Mittel zur Suizidprävention?: Analyse der vier ethischen Prinzipien und ihrer Anwendung auf paternalistische Handlungen sowie kritische Diskussion durch ein Gedankenexperiment zum Bilanzselbstmord.

3. Zusammenfassung: Abschließende Reflexion der Ergebnisse, die aufzeigt, dass der Prinzipialismus bei der Definition von Rechtfertigungsbedingungen für starken Paternalismus konzeptionell an seine Grenzen stößt.

Schlüsselwörter

Bioethik, Medizinethik, Prinzipialismus, Paternalismus, Suizidprävention, Patientenautonomie, Wohltätigkeit, Bilanzselbstmord, Nicht-Schädigung, moralische Rechtfertigung, Handlungskompetenz, medizinische Ethik, ethische Prinzipien.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?

Die Arbeit untersucht, ob das medizinethische Modell des Prinzipialismus nach Beauchamp und Childress Paternalismus in Situationen der Suizidprävention moralisch rechtfertigen kann.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Zentrum stehen die Konzepte der Patientenautonomie, der Wohltätigkeit, der sozialen Verantwortung und die ethische Problematik starker paternalistischer Eingriffe bei suizidalen Personen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist die kritische Prüfung der Argumentation von Beauchamp und Childress, um aufzuzeigen, dass ihr Modell für komplexe Fälle, wie den rational begründeten Bilanzselbstmord, keine hinreichende Urteilsgrundlage bietet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine philosophische Analyse des Standardwerks sowie ein heuristisches Gedankenexperiment, um die theoretische Konsistenz der Prinzipien zu testen.

Was steht im Hauptteil im Fokus?

Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung von Paternalismus durch die Autoren und konfrontiert diese mit einem Szenario, in dem die Autonomie des Handelnden explizit nicht eingeschränkt ist.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Prinzipialismus, Autonomie, starker Paternalismus, Suizidprävention und der Bilanzselbstmord.

Wie bewerten die Autoren den Paternalismus bei Suizidgefährdeten?

Beauchamp und Childress halten einen zeitweiligen Paternalismus für vertretbar, da sie annehmen, dass suizidale Personen meist nicht vollkommen autonom handeln und der Nutzen der Lebensrettung die Autonomieverletzung überwiegt.

Warum ist das gewählte Gedankenexperiment für die Argumentation wichtig?

Es dient dazu, die Grenzen des Prinzipialismus aufzuzeigen, indem es einen Fall konstruiert, in dem die Annahme mangelnder Autonomie – die Grundvoraussetzung der Autoren für Paternalismus – explizit ausgeschlossen wird.

Welches Fazit zieht der Verfasser zum Prinzipialismus?

Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass der Ansatz trotz seiner praktischen Nützlichkeit in vielen klinischen Alltagssituationen mit begrifflicher Vagheit kämpft und metaethisch unzureichend begründet ist.

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Details

Title
Ist Paternalismus moralisch vertretbar?
Subtitle
Der Prinzipialismus von Beauchamp und Childress im Kontext der Suizidprävention
College
RWTH Aachen University
Course
Bio- und Medizinethik
Author
Christian Reimann (Author)
Publication Year
2012
Pages
11
Catalog Number
V200239
ISBN (eBook)
9783656263876
ISBN (Book)
9783656264163
Language
German
Tags
Principles of Biomethical Ethics Beauchamp und Childress Prinzipialismus Pateralismus starker Paternalismus schwacher Paternalismus Suizidprävention Bioethik Medizinethik common morality
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Quote paper
Christian Reimann (Author), 2012, Ist Paternalismus moralisch vertretbar?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200239
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