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Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien

Title: Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien

Thesis (M.A.) , 2010 , 112 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Friederike Knoblauch (Author)

Indology
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Indien erlebt momentan einen enormen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bedeutungszuwachs. Wie das Wort „Zuwachs“ bereits impliziert, hatte Indien nicht immer die Bedeutung auf globalem Terrain, die es heute hat. Wie viele weitere Länder in Asien, Afrika und Amerika stand Indien jahrhundertelang unter kolonialer Herrschaft europäischer Mächte, was politische Bevormundung und wirtschaftliche Ausbeutung bedeutete. Nach der Dekolonisierung hatte sich das globale Machtverhältnis nicht automatisch geändert – die ehemaligen Kolonien waren noch immer den westlichen Industriemächten gegenüber strukturell benachteiligt und hatten stark mit den Folgen der Kolonialherrschaft zu kämpfen.
Was den sogenannten „Orient“ betrifft, existiert laut der im Jahr 1978 formulierten Orientalismusthese des Literaturwissenschaftlers Edward Said noch ein weiteres Erbe des europäischen Kolonialismus. Said warf den Orientwissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts vor, ein Bild des Orients erschaffen zu haben, welches diesen Europa gegenüber abwertet und somit die dortige Herrschaft stützt. Der Historiker Ronald Inden hat diesen Vorwurf im Jahr 1991 aufgegriffen und auf die Indologie, und somit das europäische Indienbild, übertragen. Dieses „orientalistische“ Orient- beziehungsweise Indienbild habe in der westlichen Wahrnehmung im Laufe der Zeit einen festen Platz eingenommen und lebe auch nach der Dekolonisierung fort.
Said und Inden haben ihre Theorien in einer Zeit formuliert, als der europäische Kolonialismus noch starke Kontinuitäten zeigte. Die globalen Machtverhältnisse haben sich jedoch seit dieser Zeit verändert. Ein Jahr, nachdem Inden seine Kritik am kolonialistischen Indienbild formuliert hatte, wurden in Indien einschneidende Wirtschaftsreformen durchgeführt – woraufhin sich auch die indische Wirtschaft rasant zu entwickeln begann. In Prognosen namhafter Finanzdienstleister und Wirtschaftsinstitute zählt Indien neben China, Russland und Brasilien zu den wichtigsten globalen Akteuren der nahen Zukunft. Die Zeit der westlichen Vorherrschaft ist nun, nach über 500 Jahren, im Ende begriffen.
Hat sich jedoch das von Said und Inden skizzierte westliche Indienbild an diese veränderten Machtverhältnisse angepasst? Dies ist die zentrale Fragestellung dieser Arbeit. Als Datenbasis dienen deutsche Business-Guides für Indien, da zu erwarten ist, dass sich dort das zu untersuchende Indienbild manifestiert.

Excerpt


Inhalt

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen

2.1 Vom Kolonialismus zur Globalisierung

2.1.1 Europäische Expansion und Entstehung des Nord-Süd-Gefälles

2.1.2 Dekolonisierung und strukturelle Ungleichheit

2.1.3 Globalisierung und das Ende der westlichen Vorherrschaft

2.2 Indiens Weg von der Kolonie zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht

2.2.1 Kolonialherrschaft und Folgen für die indische Wirtschaft

2.2.2 Indische Unabhängigkeit und Abschottungspolitik

2.2.3 Indien seit 1991: Aufstieg einer asiatischen Wirtschaftsmacht

2.3 Entwicklung der deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen

3. Orientalismuskritik

3.1 Vorbemerkungen

3.1.1 Theoretischer Rahmen

3.1.2 Orientalismusbegriff

3.2 Das orientalistische Indienbild nach Said und Inden

3.2.1 Die „Erfindung“ des Orients

3.2.2 Der Orient als überholter Ursprung Europas

3.2.3 Der Orient als „Anderer“ des Westens

3.2.4 Wissen, Macht und Kontinuität

3.3 Kritik und Wirkung

3.3.1 Kritik an der Kritik

3.3.2 Wirkungsgeschichte

4. Deutschland im postkolonialen Diskurs über Indien

4.1 Der deutsche Orient bei Said und Inden

4.2 Überprüfung der Sonderstellung des deutschen Orients

4.2.1 Der deutsche romantische Orient

4.2.2 Deutschland und der Kolonialismus

4.3 Reaktionen der Indologie auf die Orientalismuskritik

4.4 Folgerungen

5. Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien

5.1 Fragestellung und Auswahl der Datenbasis

5.2 Vorstellung der Business-Guides

5.3 Operationalisierung

5.4 Analyse der Business-Guides

5.4.1 „Beruflich in Indien“

5.4.2 „Business-Guide Indien“

5.4.3 „Praxishandbuch Indien“

5.4.4 „Geschäftserfolg Indien“

6. Untersuchungsergebnisse und Reflexion

6.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

6.2 Grenzen der Untersuchung und Forschungsausblick

6.3 Normative Implikationen

7. Zusammenfassung und Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern das von Edward Said und Ronald Inden skizzierte orientalistische Indienbild in aktuellen deutschen Business-Guides für Indien fortbesteht und sich an die veränderten globalen Machtverhältnisse angepasst hat. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, ob eine Kontinuität dieses Indienbildes innerhalb der deutsch-indischen Wirtschaftszusammenarbeit existiert.

  • Postkoloniale Orientalismuskritik nach Said und Inden
  • Entwicklung der deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen
  • Analyse deutscher Business-Guides zur Identifikation kolonialer Stereotype
  • Untersuchung von Differenzwahrnehmung und Essentialisierung
  • Reflexion über normative Implikationen wirtschaftlicher Ratgeberliteratur

Auszug aus dem Buch

3.2.3 Der Orient als „Anderer“ des Westens

Wie bereits erwähnt, besteht eine zentrale Annahme Saids und Indens darin, dass die geographische Größe „Orient“ ein vom Westen imaginiertes Konstrukt ist. Weiterhin argumentieren sie nun, dass der Orient als „Anderer“, als „Gegenteil“ des Westens konstruiert wurde, was zur Identitätsstiftung Europas selbst beitragen sollte. Dem Orient seien immer wieder Attribute und Eigenschaften zugeteilt worden, die im exakten Gegensatz zu dem standen, wie man sich in Europa selbst sah – oder sich sehen wollte.

Zur Veranschaulichung des oft postulierten Gegensatzes westlicher Rationalität und orientalischer Irrationalität zitiert Said Lord Cromer aus dessen Werk „Modern Egypt“:

„The European is a close reasoner; his statements of fact are devoid of any ambiguity; he is a natural logician, albeit he may not have studies logic, he is by nature skeptical and requires proof before he can accept the truth of any proposition; his trained intelligence works like a piece of mechanism. The mind of the Oriental, on the other hand, like his picturesque streets, is eminently wanting in symmetry. His reasoning is of the most slipshod description. Although the ancient Arabs acquired in a somewhat higher degree the science of dialectics, their descendants are singularly deficient in the logical faculty. They are often incapable of drawing the most obvious conclusions from any simple premises of which they may admit the truth.”

Inden ist der Überzeugung, dass in indologischen Texten häufig deskriptive Anteile (beispielsweise von religiösen Ritualen), die auf den ersten Blick seltsam und scheinbar unerklärbar anmuten, mit Kommentaren versehen wurden, die den Zweck hatten, den jeweils beschriebenen indischen Sachverhalt als Verzerrung „normaler“ und „natürlicher“ (sprich westlicher) Denk- und Verhaltensweisen darzustellen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Thematik des wirtschaftlichen Aufstiegs Indiens und die Relevanz der orientalistischen Fragestellung für heutige Wirtschaftsbeziehungen.

2. Vorbemerkungen: Historischer Abriss vom Kolonialismus über die Dekolonisierung bis zur wirtschaftlichen Öffnung Indiens 1991.

3. Orientalismuskritik: Theoretische Auseinandersetzung mit den Werken von Edward Said und Ronald Inden sowie deren Wirkung auf die Indologie.

4. Deutschland im postkolonialen Diskurs über Indien: Untersuchung der Sonderrolle Deutschlands im orientalistischen Diskurs und der Frage der Einbeziehbarkeit in die postkoloniale Kritik.

5. Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien: Empirische Untersuchung anhand von vier ausgewählten Business-Guides unter Anwendung der entwickelten Thesen.

6. Untersuchungsergebnisse und Reflexion: Zusammenfassung der Befunde, Reflexion der methodischen Grenzen und Erörterung der normativen Implikationen.

7. Zusammenfassung und Fazit: Synthese der Arbeit und Beantwortung der zentralen Forschungsfrage zur Kontinuität des orientalistischen Indienbildes.

Schlüsselwörter

Orientalismus, Indien, Postkolonialismus, Business-Guides, Edward Said, Ronald Inden, Wirtschaftszusammenarbeit, Indologie, Stereotype, Essentialisierung, Differenzwahrnehmung, Globalisierung, Kulturstandards, Postkoloniale Theorie, Identitätsstiftung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, ob das von Edward Said und Ronald Inden kritisierte „orientalistische“ Indienbild – das den Orient als dem Westen unterlegen konstruiert – auch heute noch in deutscher Literatur für Geschäftsleute präsent ist.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themenfelder umfassen die postkoloniale Theorie, die indische Wirtschaftsgeschichte, die Geschichte der deutschen Indologie und die diskursanalytische Untersuchung moderner Business-Ratgeber.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist festzustellen, ob sich das durch koloniale Machtverhältnisse geprägte Indienbild an die veränderte, multipolare Weltordnung angepasst hat oder ob weiterhin Kontinuitäten bestehen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt die Textanalyse, um in vier ausgewählten Business-Guides für Indien gezielt nach orientalistischen Mustern wie Differenzkonstruktionen und Essentialisierungen zu suchen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Einbettung der Orientalismuskritik, die Überprüfung von Indiens Sonderstellung im deutschen Diskurs und die konkrete Analyse der ausgewählten Wirtschafts-Guides.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die zentralen Begriffe sind Orientalismus, Indien, Postkolonialismus, Business-Guides, Essentialisierung und Identitätsstiftung.

Inwieweit spielt der „deutsche Sonderweg“ in der Arbeit eine Rolle?

Die Arbeit hinterfragt kritisch, ob das Argument, Deutschland sei aufgrund fehlender Kolonialmacht-Geschichte vom orientalistischen Diskurs ausgenommen, angesichts der ideengeschichtlichen Verflechtungen haltbar ist.

Welche Schlussfolgerung ziehen die untersuchten Business-Guides für die Praxis?

Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass trotz eines neutralen Anspruchs viele Ratgeber durch die Betonung von kultureller Differenz und Essentialisierung das Risiko bergen, Klischees zu verstärken, anstatt eine echte Kommunikation auf Augenhöhe zu fördern.

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Details

Title
Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien
College
University of Würzburg
Grade
1,0
Author
Friederike Knoblauch (Author)
Publication Year
2010
Pages
112
Catalog Number
V200241
ISBN (eBook)
9783656275640
ISBN (Book)
9783656277163
Language
German
Tags
Orientalismus Edward Said Ronald Inden Indien Business Guides Kolonialismus Globalisierung postkolonialer Diskurs Indologie
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Friederike Knoblauch (Author), 2010, Orientalismus in deutschen Business-Guides für Indien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200241
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