Wer ist Gerhard Kromschroeder? Gedanken und Analysen zum Stern-Reporter und seiner investigativen Recherchemethode


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung: Wer ist Gerhard Kromschröder?

2. Kurzbiographie

3. Kromschröders Spezialität - Rollenreportagen für den „Stern“
3.1 Themenwahl und Inhalt
3.2 Die besondere Recherchemethodik
3.3 Formale Aspekte: Strukturen, Sprache und Stil

4. Kromschröders wichtigste Reportage: „Als ich ein Türke war“

5. Reaktionen auf Kromschröders Reportagen

6. Kromschröder in der Tradition des „Erzählenden Journalismus“
6.1 Einordnung in die Tradition des „Erzählenden Journalismus“
6.2 Parallelen zu Günther Wallraff
6.3 Ausblick: Investigativer Journalismus heute

7. Resümee: Einer, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung: Wer ist Gerhard Kromschröder?

Wer ist Gerhard Kromschröder? Dieser Frage geht meine Hausarbeit nach. Nach dem ersten Sichten von Kromschröders Arbeiten, die zum überwiegenden Teil aus Rollenreportagen für das deutsche Magazin „Der Stern“ bestehen, lässt sich die eingangs gestellte Frage nicht so leicht beantworten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mal ist Kromschröder Türke, mal Katholik, mal Müllkutscher und mal Ladendieb, gelegentlich schwingt er sich als Rocker auf sein Motorrad. Häufig spielt er - wenn auch mit Widerwillen - den Nationalsozialisten in der Bundesrepublik. Kromschröder hat viele Gesichter, viele Verkleidungen und viele Rollen parat. Der Wechsel der Persönlichkeit gehört zu seiner Arbeit. Kromschröder ist ein Rollenrechercheur, ein Journalist, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen versucht, unbequeme Wahrheiten ans Licht zu bringen.

Diese Hausarbeit befasst sich mit Kromschröders Biographie, seiner besonderen Recherchemethodik, den Themen und Inhalten seiner Reportagen, seiner Sprache und der stilistischen Gestaltung seiner Texte. Die Hausarbeit ist ein erster Versuch, Kromschröder wissenschaftlich zu erfassen und ihn in die Tradition des erzählenden Journalismus in Deutschland einzuordnen.

Auch seine Motive zum Schreiben, sein journalistisches Selbstverständnis und die Frage, ob das Rechercheergebnis die Methode rechtfertigt, werden in der Hausarbeit eine Rolle spielen. Immerhin sind investigative Recherche und investigativer Journalismus in Deutschland längst nicht unumstritten und werden im Vergleich zum angloamerikanischen Sprachraum wenig intensiv praktiziert.

Zu Gerhard Kromschröder gibt es keine nennenswerte Sekundärliteratur. Dieser Mangel konnte durch mehrere persönliche Gespräche mit ihm ausgeglichen werden. Die Hausarbeit leistet mit ihrem biographischen Ansatz folglich Pionierarbeit. Geduldig hat Kromschröder alle Fragen beantwortet und ihm sei dafür herzlich gedankt.

Natürlich lässt sich das Thema Gerhard Kromschröder nicht auf zwanzig bis fünfundzwanzig Seiten erschöpfend behandeln. Die Hausarbeit soll zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Journalisten anregen. Seine Reportagen, soviel kann schon in der Einleitung festgestellt werden, polarisieren. In einem gesonderten Abschnitt werden deshalb verschiedene Formen der Resonanz auf Kromschröders Texte dargestellt. Von der Morddrohung im Leserbrief über Schulklassen, die ihm nacheiferten, bis hin zur Einladung des türkischen Journalistenverbandes - Kromschröder hat seine Leser bewegt, provoziert und zu Reaktionen animiert. Grund genug, ihm genauer zwischen die Zeilen zu schauen.

2. Kurzbiographie

Gerhard Kromschröder wurde 1941 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war im „Brotberuf“ Mechaniker, betätigte sich aber zusammen mit der Mutter künstlerisch. Die beiden sorgten unter anderem für die musikalische Begleitung von Stummfilmen oder spielten zum Tanz auf. Kromschröder hat von der Jugend an eine enge Beziehung zur Kunst und Musik entwickelt. Eine besondere Affinität zu Zeichnung und Graphik wird ihn durch sein Leben begleiten.[1]

Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er in Frankfurt am Main Germanistik, Soziologie und Kunstgeschichte. Während des Studiums entstand bei Kromschröder der Berufswunsch, Journalist zu werden. Die Lektüre amerikanischer Autoren wie John Steinbeck und Thomas Wolf habe ihn dazu angeregt.

Die sozialwissenschaftliche und philosophische Frankfurter Schule, mit ihren Repräsentanten Theodor Adorno und Max Horkheimer beeinflussten den Studenten langfristig. „Der Zeitgeist und die Jugendkultur hatten damals großen Einfluss auf mich. Ich gehörte zur Generation der 68er-Bewegung“[2] , erinnert sich Kromschröder . Seine politische Ausrichtung bezeichnet er als „links-liberal, geprägt durch die frühe Phase des Sozialdemokratischen Hochschulbundes“[3]. Es passt ins Bild, dass er seinen Wehrdienst verweigerte.

Obwohl Kromschröder konfirmiert ist, hat er nach eigenen Worten ein „gespaltenes Verhältnis zur Religion“[4]. Allerdings konnte er sich zu Schulzeiten ein umfangreiches theologisches Wissen aneignen. Einige seiner späteren Texte nähern sich mit aufklärerischem Impetus der katholischen Konfession, die mehrfach Gegenstand von Kromschröders Kritik ist. Zum Beispiel setzt er sich mit der zutiefst katholischen, bäuerlichen Bevölkerung des Emslandes auseinander, die auf ihn häufig einen „dümmlich-konservativen und fortschrittsfeindlichen Eindruck“[5] machte.

Kromschröder heiratete jung und zog nach seinem Studium nach Meppen. Er volontierte dort bei der regionalen Tageszeitung. Es folgte eine Zeit als Lokalredakteur in Papenburg. Unter der einheimischen Bevölkerung sorgte der junge Lokalredakteur für Wirbel, weil er begann, die KZ-Geschichte der Region aufzuarbeiten. Kromschröder polarisierte seine Leserschaft, weil viele das Beziehungsgeflecht zwischen regionaler Wirtschaft, der älteren Generation, dem Konzentrationslager Esterwegen und dem Lager Bürgermoor, aus dessen Umfeld das bekannte „Moorsoldatenlied“ stammt, nicht wahr haben wollten.

Auf eine Anzeige hin bewarb er sich bei der Frankfurter Satirezeitschrift „Pardon“. Er wurde angestellt und arbeitete dort von 1967 bis 1979. Diese zwölf Jahre sind eine zentrale Phase in Kromschröders Biographie.[6] Ein kurzer Exkurs zu „Pardon“ ist nötig, um die Bedeutung des Blattes für Kromschröders Lebensweg nachvollziehen zu können. Als „Dampfkessel“ bezeichnet Kromschröder die Monatszeitschrift, die damals als ein elitäres Zeitgeistblatt in links-intellektuellen Zirkeln den Ton angab. 1961 gegründet war es frecher und frischer als das altersmürbe Satireblatt „Simplicissimus“, das 1967 eingestellt wurde.

Viele der jungen Journalisten bei „Pardon“ werden die bundesdeutsche Presselandschaft später entscheidend prägen. Unter anderem traf Kromschröder beim Magazin auf Günther Wallraff – zu ihrem Verhältnis wird noch einiges zu sagen sein – und auf Alice Schwarzer. Erich Kästner und Loriot haben, wenn auch nur kurz, für „Pardon“ gearbeitet. Mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren versuchte das Blatt, Satire und ernsthafte Berichterstattung zu kombinieren. Als APO-nahes, antiautoritäres und antiklerikales Magazin vereinte es Kollagen, Karikaturen, Fotos und lustige wie ernste Artikel in einem einmaligen Mix, der vielleicht am ehesten mit dem französischen Satireblatt „Le canard enchaîné“ vergleichbar ist.[7] Kromschröder: „Die Rebellion gegen den Muff der 50er stand im Vordergrund.“[8]

Seit den 70er Jahren gelten einige der Zeichner und Schreiber von „Pardon“ (unter anderen
R. Gernhardt, F. W. Bernstein, F. K. Waechter, C. Poth, H. Traxler, P. Knorr und B. Eilert) als Begründer der „Neuen Frankfurter Schule des Humors“. 1980 war die große Zeit des Satireblattes vorüber, seine besten Mitarbeiter machten sich mit der „Titanic“ selbstständig. 1982 wurde „Pardon“ eingestellt.[9]

Wie stark Kromschröder seine Arbeit bei „Pardon“ beeinflusst hat, zeigen seine ersten Buchveröffentlichungen. Es handelt sich dabei um Bildbände, die sich kritisch-satirisch zumeist auf Basis von Fotos mit der deutschen Gesellschaft auseinander setzen. In Nikolaus Jungwirth hatte Kromschröder einen Partner für seine Bildbandprojekte gefunden. Sie hatten sich bei „Pardon“ kennen gelernt und angefreundet.

Zuerst erschien 1976 „Das Gesicht des Verbrechens“. Von dem Kromschröder scherzhaft sagt: „Das ist mein Lieblingsbuch, weil niemand es versteht.“[10] Das Buch beinhaltet nach kurzer Einleitung eine Sammlung von Fotos und Zeitungsausschnitten, die das Thema Verbrechen behandeln. „Es ist eine Form von Kunst und verschlüsselter Kritik an der Berichterstattung, am Zwang alles zu optifizieren und an den Erwartungen der Leser an die Berichterstattung“[11], sagt der Autor. Die Presseausschnitte gliedern Kromschröder und Jungwirth in Kategorien wie Tatorte, Täter, Täter (Festnahme), Täter (vor Gericht), Täter (Phantomzeichnungen), Tatwerkzeuge, Tatzeugen, Stumme Zeugen, Opfer, Opfer (Abtransport), Täter und Opfer. Die Wahl der Ausschnitte, die zumeist Boulevard-Zeitungen entstammen, soll kritisieren, wie die Presse Beteiligte an Verbrechen in immer gleiche Klischees einteilt. Vereinfachung und diese Realitätsferne werden ebenso angeklagt wie die Lust des Lesers an der brutalen Sensation. Kromschröder schreibt in der Einleitung: „Wenn der Fotograf kommt, gibt es eigentlich nichts mehr zu fotografieren. [...] Nein, was einen interessiert, das ist doch der Gesichtsausdruck des Mörders in dem Moment, wo er das Messer ansetzt, oder was denn nun auf dem ‚übergroßen französischen Bett“, auf dem die Leiche gefunden wurde, genau geschehen ist.“[12] Dem gegenüber steht die wirklichkeitsferne Ersatzbefriedigung der Presse durch Alibifotos von Tatort oder Mordwerkzeug. „Man kann sich sicher sein: So wie die Vorgänge da gezeigt werden, haben sie sich in Wirklichkeit ganz bestimmt nicht abgespielt.“[13] Was kann man aus diesem Band für Kromschröders Reportagen ableiten? Es lässt sich erahnen, dass Kromschröder einen hohen Anspruch an Wahrhaftigkeit und Ereignisnähe hat. Er wird später durch seine Rollenrecherchen die angeprangerte Distanz zwischen Tat und Reporter überwinden, indem er bei diversen Straftaten „live“ dabei ist.

Auf die anderen Bildbände soll nicht so ausführlich eingegangen werden, das würde den Rahmen der Hausarbeit sprengen. Nur eine kurze Aufzählung ist nötig: „Ein deutscher Platz“ (1980) dokumentiert Bilder von Demonstrationen und Versammlungen auf dem Frankfurter Römerberg von den Nationalsozialisten bis zur Gegenwart. „Vorher – Nachher“ (1981) besteht aus einer satirischen Gegenüberstellung von Pressebildern. Während für „Originelle Todesfälle“ (1982) ähnlich wie in „Gesicht des Verbrechens“ Fotos und Berichte von Boulevardzeitungen zusammengetragen worden, sind „Die Pubertät der Republik“ (1983) und „Flokati-Fieber“ (1994) Sammlungen von Bildern, Zeitungsausschnitten, Werbeplakaten und ähnlichem, die knapp kommentiert jeweils ein Jahrzehnt (die 50er und die 70er) charakterisieren und karikieren. Die Inhalte der Abbildungen erstrecken sich von Autos über Mode, Stil und Kultobjekte hin zu politischen (z. B. Zeitungsausschnitt zum Rücktritt Willy Brands) oder gesellschaftlichen Ereignissen (z. B. Kinoplakate des ersten „Schulmädchen-Reports“) die den Zeitgeist prägten. Die Werke basieren auf einer Mischung aus Kunst, Sammelleidenschaft, Nostalgie und Satire.

Was lässt sich aus diesen ungewöhnlichen Büchern über Gerhard Kromschröder ablesen? Kromschröder hat bei „Pardon“ offensichtlich die Funktionsprinzipien von Witz und Karikatur erlernt und betätig sich selbst auf diesen Feldern künstlerisch-gestalterisch. Diese Neigung zur Ironie und Satire spiegelt sich in seinen Texten, wie einem späteren Abschnitt ausführlicher gezeigt wird. Auch zeigen sich in diesen Bildbänden Kromschröders Bereitschaft zur Gesellschaftskritik und sein aufklärerischer Duktus.

Wie schon erwähnt veröffentlichte „Pardon“ auch ernste Artikel, die allerdings eine gewisse Originalität hatten. Zu diesen Artikeln gehörten auch Kromschröders erste Rollenreportagen: „Der Exorzist“, „Hundertjahrfeier“, „Die unbefleckte Empfängnis“, „Partisan für F.J.S.“, „Heldengedenktag“ und „Flamme empor“[14]. Die genauen Themen und Inhalte der Reportagen sind Gegenstand des nächsten Unterpunktes (3.1). „Die Idee, investigativ zu recherchieren, lag damals in der Luft“[15], erinnert sich Kromschröder. Beeinflusst von amerikanischen Journalisten keimte sie zeitgleich auch bei Günther Wallraff auf. Letzterer gilt heute als Ikone des deutschen investigativen Journalismus, obwohl Kromschröder ebenfalls zeitgleich die Methode der verdeckten Recherche zur Perfektion entwickelte.

Die Veröffentlichung seiner Reportagen im Intelligenz-Blatt „Pardon“ hatte Folgen. Die Chefredaktion des Wochenmagazins „Der Stern“ wurde auf Kromschröder aufmerksam. Weil „Pardon“ zunehmend an Bedeutung verlor, fiel Kromschröder der Wechsel nicht schwer. Die Festanstellung beim Stern brachte ihm die finanziellen Mittel und die Zeit, seine investigativen Geschichten intensiv vorzubereiten und zu produzieren. Die Phase der investigativen „Stern“-Reportagen dauerte bis Mitte der 80er. Sie und die Texte, die in dieser Zeit entstanden, werden in den anschließenden Abschnitten intensiv betrachtet. Deshalb sind die Reportagen bei der biographischen Betrachtung ausgeklammert.

Mitte der 80er stieg Kromschröder aus dieser Arbeitsform aus und wechselte ins Auslandsressort. „Es wurde mir zuviel, ich war für das Einschleichen zu bekannt geworden. Meine Familie musste vom Verfassungsschutz bewacht werden. Außerdem hatten die Rollenreportagen ihre Spannung verloren, da wollte ich etwas anderes machen“[16], begründet er seine damalige Entscheidung.

Er wurde zunächst stellvertretender Chef des Auslandsressort und dann mit dem Aufbau eines Middle-East-Büros in Kairo beauftragt. Während des ersten Golfkrieges 1991 berichtete Kromschröder als einziger deutscher Printjournalist aus Bagdad. Seine Bilder sind zurzeit als Ausstellung im Hamburger Gewerkschaftshaus zu sehen. Die Bilder dienen auch als Illustration zu seinem jüngsten Buch.

Anlässlich des zweiten Golfkrieges 2003 veröffentlichte Kromschröder „Bilder aus Bagdad. Mein Tagebuch“, in dem er sich von Hamburg aus mit der Kriegsberichterstattung zum zweiten Golfkrieg auseinandersetzt und anhand seiner eigener Erfahrungen die Grenzen, Unzulänglichkeiten und die Probleme der Journalisten im Kriegsgebiet aufzeigt. Kromschröder kritisiert immer wieder die Manipulation durch westliche Militärs und Regierungen, die nur das Bild des „sauberen und präzisen“ Krieges zuließen.

Anfang der 90er hatte er sich mit dem Chefredakteur des „Stern“ Schmittholz überworfen und das Magazin verlassen. Eine Kündigung des „Stern“, gegen die Kromschröder klagte und gewann, ließ in der deutschlandweiten Medienberichterstattung den Verdacht aufkommen, dass der „Stern“ versuchte, ihn wegen seiner unbequemen Irak-Geschichte „Tod in Bagdad“[17] loszuwerden. Kromschröder mutmaßt heute, das dargestellte Leid hätte vielleicht nicht in die politischen Vorstellungen der Chefredaktion gepasst.[18] Selbst ein Aufruf verschiedener Größen der deutschen Publizistik (u.a. Klaus Bednarz, Lew Kopelew, Alice Schwarzer, Elke Heidenreich, Johannes Mario Simmel), Kromschröder beim „Stern“ zu halten, scheiterte, die Trennung wurde unumgänglich.[19]

In der Folge arbeitete er hauptsächlich für den Bauerverlag in der Konzeption neuer Zeitschriftenformate. So versuchte er, ein drittes deutsches Nachrichtenmagazin zu entwerfen, das als Konkurrenz zu „Fokus“ und „Spiegel“ am englischen „Newsweek“ orientiert sein sollte. Das Projekt wurde kurz vor der entscheidenden Phase von Bauer gestoppt. Ein halbes Jahr war Kromschröder dann Chefredakteur der „Geldidee“. Das Angebot Chef der „Neuen Revue“ zu werden, lehnte er ab. Das Kriegstagebuch war sein letztes größeres Projekt. Zurzeit spielt er mit dem Gedanken, zusammen mit Nikolaus Jungwirth weitere Bildbände im Stile von „Die Pubertät der Republik“ herauszugeben. Gerhard Kromschröder lebt heute in Hamburg.[20]

Aus seinem Lebensweg lässt sich deutlich erkennen: Kromschröder ist ein Medienprofi. Er hat das journalistische Handwerk von der Pike auf gelernt und immer weiter vervollkommnen können, seine Karriere beim Stern beweist das. Besonders hat ihn der Umgang mit satirischen Medien geprägt.

Sein Gesellschaftsbild und seine politische Ausrichtung ist von der 68er Bewegung und der Neuen Frankfurter Schule entscheidend beeinflusst worden, so dass er sich heute selbst als „sozial-liberal“[21] bezeichnet.

3. Kromschröders Spezialität - Rollenreportagen für den „Stern“

In diesem Abschnitt steht Kromschröders besondere Spezialisierung, die Rollenreportagen für den „Stern“, im Fokus. Dabei soll ein Überblick über das Gesamtwerk gegeben werden, bevor im nächsten Unterpunkt sein wichtigster Text genauer untersucht wird.

In den Sammelbänden „Ich war einer von ihnen“ und „Ansichten von innen“ sind insgesamt 23 verschiedene, investigativ recherchierte Reportagen publiziert. Einige Texte finden sich in beiden Büchern. Hinzu kommt seine wichtigste Arbeit „Als ich ein Türke war“, die in einem eigenen Buch veröffentlicht wurde. Die folgende Analyse basiert auf diesen 24 Texten.

3.1 Themenwahl und Inhalt

Bei der Lektüre von Kromschröders Artikeln wird schnell deutlich, dass er sich bestimmten Themen mehrfach widmet. Er hat sich Themenfelder erschlossen, zu denen er häufig publiziert. Auf diese Themenfelder hat sich Kromschröder gezielt spezialisiert und eingearbeitet. Er kann seine Rechercheergebnisse mehrfach nutzen.

Seine Reportagen lassen sich auf Grund dieser Spezialisierung relativ mühelos in verschiedene Kategorien (Themenfelder) unterteilen, es dominieren vier:

1.) Investigative Reportagen aus der Nazi- beziehungsweise Neonaziszene. Zwölf der 24 untersuchten Texte habe derartige Inhalte. Einige Beispiele: Schon in der „Pardon“-Reportage „Treffen unter dem Totenkopf“[22] hat sich Kromschröder in ein SS-Ehemaligen-Treffen eingeschlichen und berichtet, welche Menschenverachtung dort gepflegt wird, wie die alten Kameraden dem rechten Weltbild treu bleiben.

„Von Engeln und Werwölfen“[23] titelt Kromschröder, nachdem er sich wochenlang unter deutschen Rockern aufgehalten hat, auch hier dominiert die Kritik an der verbreiteten rechten Ideologie unter den Rockern.

Die Verbindungen zwischen den alten Nazis und den Neonazis, die zumeist ihre Anhänger in der Jugend finden, dokumentiert Kromschröder in „Familientreffen der Nazis“[24] Die internationalen Verbindung der Rechtsextremisten spioniert er in „Die Internationale der Glatzen aus“[25], von London bis nach Athen reist Kromschröder und liefert einen Einblick in die europäische rechte Szene.

„Die Borussen vom Borsigplatz“[26] heißt ein Text, für den sich Kromschröder unter Fußballfans gemischt hat und die rechten Strukturen in deutschen Fanclubs unter die Lupe nimmt. Die fünf Artikel erschienen alle im „Stern“, sie mögen als Beispiele genügen, auch wenn noch weitere Texte anzuführen wären.

2.) Der zweite Themenkomplex wurde schon in der Kurzbiographie angedeutet. Kromschröder kritisiert die besonderen Auswüchse des konservativ-katholischen Denkens in Deutschland. Drei Texte sind exemplarisch dafür. Für „Pardon“ schrieb Kromschröder den Beitrag „Der Exorzist“[27], in dem er sich, getarnt als strammer Katholik, einem Geistlichen nähert, der kurz zuvor ein krankes Mädchen, durch obskuren Exorzismus in den Tod getrieben hat. Kromschröder hinterfragt die Geisteshaltung jener Menschen, die anstatt das Mädchen zum Arzt zu schaffen, es in die Fänge eines katholischen Teufelsaustreibers gaben. Im gleichen Text entlarvt Kromschröder die fortschritts-, toleranz- und aufklärungsfeindliche Ideologie des Geistlichen.

Auch der zweite Text „Die Unbefleckte Empfängnis“[28] wurde in „Pardon“ veröffentlicht. Kromschröder besucht ein streng katholisches Dorf im Emsland und macht dort eine Umfrage zum Thema sexuelle Aufklärung an Schulen. Die Zitate, die er dabei sammelt, sprechen für sich: Grundtenor: Aufklärung brauchen wir nicht, sie verführt nur zur Sünde, die Aufklärung muss der Kirche überlassen bleiben. Wieder liefert Kromschröder eine klare Kritik an der bäuerlich-dümmlichen, der katholischen Kirche ergebenen, rückwärtsgewandten Haltung der Menschen.

Der dritte Text greift die katholische Kirche in ihrer politischen Scheinheiligkeit an. In „Die Beichte“[29] prüft Kromschröder katholische Priester auf ihre politische Unparteilichkeit, die von den Kirchenoberen so gern betont wird. Es ist die Zeit des Wahlkampfs zwischen Helmut Schmidt (SPD) und Franz Joseph Strauß (CSU). Kromschröder beichtet in bayrischen Kirchen, dass er lieber Schmidt als Kanzler sähe. Er zeichnet die Reaktionen seiner Beichtväter auf, die ihn zum überwiegenden Teil zu überreden versuchen, Strauß zu wählen. Schmidt und die Sozialdemokraten seien gefährlich. Wenn er nicht Strauß wähle, käme er in die Hölle, behauptet gar ein Geistlicher. Der Artikel erschien im Stern und sorgte für viel Aufregung in Kirchenkreisen, weil Kromschröder die offiziellen Stellungnahmen zum Wahlkampf ad absurdum geführt hatte. Über diesen Text zerstritt sich der deutsche Presserat, denn nur die Hälfte der Mitglieder sprach sich für eine Rüge von Kromschröder aus. Als sie abgelehnt wurde stiegen mehrere Mitglieder aus moralischen Gründen aus dem Rat aus. In die öffentliche Diskussion, ob eine derartige Form der Recherche im Beichtstuhl rechtens sei, schalteten sich auch „Zeit“-Herausgeber Gerd Bucerius und Henry Nannen vom „Stern“ ein.

[...]


[1] Vgl. Kromschröder (1983): Als ich ein Türke war. S. 8. / Gespräch vom 24. Juni 2003.

[2] Gespräch vom 24. Juni 2003.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Gespräch vom 24. Juni 2003.

[7] Gespräch vom 23. Juni 2003.

[8] Gespräch vom 24. Juni 2003.

[9] Vgl. Köhler (2003): Die Fackel des Teufelchens. / Vgl. Schober (1990): Teuflische Jahre. S. 136 ff.

[10] Gespräch vom 24. Juni 2003.

[11] Ebd.

[12] Jungwirth, Kromschröder (1976): Das Gesicht des Verbrechens. S. 1 ff.

[13] Ebd., S. 6.

[14] Alle in: Kromschröder (1982): Ansichten von innen.

[15] Gespräch vom 23. Juni 2003.

[16] Gespräch vom 19. Juli 2003.

[17] Vgl. Kromschröder (1991): Tod in Bagdad.

[18] Gespräch vom 19. Juli 2003.

[19] Vgl. Küsel (1991): Kein guter Stern über Bagdad.

[20] Gespräch vom 19. Juli 2003.

[21] Ebd.

[22] Vgl. Kromschröder (1982): Ansichten von innen. S. 119 ff.

[23] Vgl. ders. (1987): Ich war einer von ihnen. S. 59 ff.

[24] Vgl. ebd., S. 136 ff.

[25] Vgl. ebd., S. 84 ff.

[26] Vgl. ebd., S. 39 ff.

[27] Vgl. ders (1982): Ansichten von innen. S. 67 ff.

[28] Vgl. Kromschröder (1982): Ansichten von innen., S. 79 ff.

[29] Vgl. ebd., S. 91 ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Wer ist Gerhard Kromschroeder? Gedanken und Analysen zum Stern-Reporter und seiner investigativen Recherchemethode
Hochschule
Universität Leipzig  (Kommunikations- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Erzählender Journalismus die deutsche Tradition
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V20034
ISBN (eBook)
9783638240338
ISBN (Buch)
9783638826747
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alle kennen Günther Wallraff, aber kaum jemand erinnert sich an Gerhard Kromschröder. Dabei hat Kromschröder zeitgleich mit Wallraff (in den Siebzigern und Achtzigern) den investigativen Journalismus in Deutschland geprägt. Die Hausarbeit befasst sich mit ihm und seiner Recherchemethode, mit der er als Türke, Nazi, Müllkutscher oder naiv-treuer Katholiken für einen modernen und aufklärerischen Journalismus kämpfte.
Schlagworte
Gerhard, Kromschroeder, Gedanken, Analysen, Stern-Reporter, Recherchemethode, Erzählender, Journalismus, Tradition
Arbeit zitieren
Lars-Marten Nagel (Autor), 2003, Wer ist Gerhard Kromschroeder? Gedanken und Analysen zum Stern-Reporter und seiner investigativen Recherchemethode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20034

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