Wandel der Erwerbsarbeit

Mit welchen neuen Arbeitsbedingungen und Anforderungen sind Erwerbstätige heutzutage konfrontiert?


Essay, 2010
5 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Unser Leben ändert sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Der technische Fortschritt bewegt uns weiter und bringt neue Arten von Erwerbsarbeit mit sich. Die Tätigkeiten, die früher nur von menschlicher Arbeitskraft geleistet wurden, können heutzutage viel schneller vom Computer und Internet durchgeführt werden. Somit wurde die Arbeitspallette einerseits reduziert und andererseits haben sich ganz neue Perspektiven eröffnet. Das „Normalarbeitsverhältnis“ ist in Vergessenheit geraten und der Prozess der „arbeitskraftorientierten Rationalisierung“ hat begonnen. Nick Kratzer und Dieter Sauer bezeichnen diesen Prozess folgendermaßen:

„Das Ziel arbeitskraftorientierter Rationalisierungsstrategien besteht im Zugriff auf bislang nur begrenzt zugängliche Ressourcen und Potenziale von Arbeitskraft: Das sind vor allem das Flexibilitäts- Steuerungspotenzial der Subjekte sowie deren kommunikative Fähigkeiten und empathische Eigenschaften und die bislang gegen den Betrieb abgegrenzten zeitlichen, räumlichen und sozialen Ressourcen der Lebenswelt der Beschäftigten.“ (Nick Kratzer, Dieter Sauer1 2003: 93)

Ein moderner Arbeitnehmer muss nicht nur über das nötige Fachwissen verfügen, sondern auch diszipliniert, kommunikativ, empathisch, motiviert, stress- und reisebelastbar, flexibel, selbstorganisiert und zielstrebig sein - ein Multitalent. Der Arbeitnehmer wandelt sich allmählich zum Arbeitskraftunternehmer Hans J Pongratz und G Günter Voß nennen einige Merkmale, die für den Arbeitskraftunternehmer typisch sind:

- „ Individualisierte Qualifikationen,
- systematische Selbst-Kontrolle der Arbeit,
- Selbstausbeutung, unklarer sozialer Schutz.“ (Hans J. Pongratz, G. Günter Voß2 2004: 26)

Im Weiteren versuche ich auf die neuen Anforderungen und Arbeitsbedingungen, mit welchen der heutige Erwerbstätige konfrontiert ist, näher einzugehen und die Einflüssen dieser Veränderungen auf den „Neuen Selbstständigen“ zu beschreiben.

Der gesellschaftliche Umbruchprozess hat zu den großen Veränderungen in allen Lebensbereichen geführt. Die Grenzen zwischen Arbeit und Lebenswelt sind sehr fließend geworden. Immer mehr hoch flexibilisierte Arbeitszeiten und neue Formen computervermittelter Heim- und Mobilarbeit kommen zum Einsatz. Einerseits kann man die Flexibilisierung der Arbeitszeiten als positive Erscheinung im modernen Unternehmen bezeichnen: der Erwerbstätige kann seine Arbeitszeit selbst einplanen und muss sich nicht nur an den von oben festgelegten Stundenplan halten, er ist nicht nur an seinem Arbeitstisch im Office gebunden, sondern kann auch vom Homeoffice aus arbeiten und dabei immer erreichbar bleiben. Andererseits dringt solch eine Flexibilisierung der Arbeitszeit in unsere Privatsphäre ein und raubt ein Stückchen unserer kostbaren Freizeit. Die Flexibilisierung zählt also zu einer der wichtigsten Anforderungen an die moderne Arbeitskraft.

Die Selbst-Kontrolle steht, meiner Meinung nach, im Mittelpunkt aller Eigenschaften, die für den modernen Erwerbstätigen von großer Bedeutung sind. Der Arbeitsprozess wird nicht mehr so detailliert von oben gesteuert und überwacht, es wird vor allem Wert auf die Selbst-Kontrolle am Arbeitsplatz gelegt. Die neue Devise eines Arbeitgebers lautet:

„Wie Sie die Arbeit machen, ist uns egal-Hauptsache das Ergebnis stimmt!“ (Hans J. Pongratz, G. Günter Voß2 2004: 24

Man muss also sehr diszipliniert, organisationsfähig und sogar kreativ sein, um den Arbeitsprozess nach dem eigenen Plan gestalten zu können. Dabei muss das Unternehmensziel als führende Priorität angesehen werden. In diesem Fall überlappt sich die Selbst-Kontrolle mit der Selbst-Ökonomisierung. Neben den weiter oben genannten Anforderungen spielt auch diese Eigenschaft heutzutage eine sehr große Rolle bei der Auswahl der Arbeitskraft. Die Selbst-Ökonomisierung beinhaltet die Fähigkeit eigene Leistung zweckmäßig einzusetzen. Erstens muss der moderne Erwerbstätige sich als qualifizierte Arbeitskraft am Arbeitsmarkt „verkaufen“ können. Zweitens muss man, wenn man in einem Unternehmen arbeitet, im Interesse dieses Unternehmens agieren und möglichst viel Gewinn erwirtschaften. Nach Hans Pongratz und Günter Voß beinhaltet die Selbst-Ökonomisierung zwei Aspekte:

„Zum einen müssen Arbeitskräfte in autonomisierten Arbeitsformen ihre Fähigkeiten und Leistungen gezielt aktiv herstellen und betreiben damit eine bewusste „Produktionsökonomie“ ihrer Arbeitsvermögen. Zum anderen müssen sie sich auf betrieblichen und überbetrieblichen Märkten für Arbeit aktiv anbieten, das heißt in Form einer individuellen „Marktökonomie“ sicherstellen, dass ihre Fähigkeiten gebraucht, gekauft und effektiv genutzt werden.“ (Hans J. Pongratz, G. Günter Voß2 2004: 25)

Eine weitere Anforderung an die moderne Arbeitskraft ist die Selbst-Rationalisierung. Hier treffen zwei Lebensbereiche aufeinander: die private Lebensführung und berufliche Tätigkeit. Wie schon oben erwähnt wurde, gibt es heutzutage keine feste Abgrenzung zwischen der privaten Lebensführung und der beruflichen Tätigkeit. Die Effektivität der Arbeit hängt oft eng mit der Lebensgestaltung zusammen. Mit der steigenden Erwerbsarbeit der Frauen ändert sich die gewohnte Familienführung. Die erwerbstätigen Männer werden auch in die Haushaltsarbeit miteinbezogen. Je engagierter und disziplinierter man im Privatleben ist, desto erfolgreicher ist man am Arbeitsplatz. Die Fähigkeit zur Selbstdisziplinierung und der Selbstintegration in den Betrieb ist für den heutigen Erwerbstätigen unabdingbar. Ein Einstieg bei einer beliebigen Firma fällt jedermann sehr schwer. Die unterschiedlichen Coachprogramme unterstützen den Jobsuchenden bei der Selbstintegration in ein Unternehmen. Der moderne Arbeitsmarkt stellt also sehr hohe Anforderungen an die Erwerbstätigen, bietet dabei allerdings auch verschiedene Möglichkeiten, mit deren Hilfe gefragte Eigenschaften trainiert werden können.

Mit den neuen Anforderungen ändern sich auch die Arbeitsbedingungen in einem Unternehmen. Das Normalarbeitsverhältnis und standardisierte Arbeitszeiten gehören immer weniger zu den üblichen betrieblichen Arbeitsformen. Das Beschäftigungskonzept ist sehr heterogen geworden. Zu den neuen Formen des Arbeitsverhältnisses zählen momentan: Selbstständige, freie Mitarbeiter, Angestellte von Fremdfirmen, befristet Beschäftigte, Teilzeitkräfte, Leiharbeitnehmer, geringfügig Beschäftigte usw. Obwohl die Auswahl an den Erwerbsformen sehr groß geworden ist, wurden die Arbeitsbedingungen jedoch nicht stabiler, sondern eher unsicherer. Mit der Reduzierung des normalen Arbeitsverhältnisses bekommen die modernen Erwerbstätigen meistens keine langfristige Stelle mehr. Ein häufiger Wechsel von einer Firma zu anderer ist nicht ungewöhnlich heutzutage. Auf diese Weise sammelt man natürlich viel Erfahrung und entwickelt sich persönlich weiter. Diese beiden Faktoren spielen eine wichtige Rolle für den Arbeitssuchenden, da die Arbeitgeber den Erwerbstätigen nicht nur als potenzielle Fachkraft, sondern auch als Person anheuern. Oft bringen aber neue Arbeitsbedingungen und Anforderungen viel Stress, Leistungsdruck, Arbeitsdruck, Überförderung und gesundheitliche Schäden mit sich. Mit befristeten Arbeitsverträgen verlieren Menschen den Glauben an eine stabile Zukunft und somit an ein glückliches Leben. Man versucht sich selbst ständig zu motivieren, um die nächsten Bewerbungsunterlagen abzuschicken. Das Übernehmen von Verantwortung führt oft zu Leistungsdruck und Überförderung. Die Einarbeitungsphasen in einem Unternehmen sind nicht wirklich ausreichend. Beim Arbeitseinstieg wird der moderne Erwerbstätige meistens ins kalte Wasser geworfen. Natürlich sind die Arbeitgeber auf der Suche nach den besten Arbeitskräften für ihr Unternehmen, dabei darf man jedoch einen Gedanken nicht außer Acht lassen: wir sind alle Menschen mit Gefühlen und manchmal erlauben wir uns kleine Fehler, mit Hilfe derer aus einem unerfahrenen Lehrling später ein Meister wird.

Aus den oben genannten Anforderungen und Arbeitsbedingungen ergeben sich zwei Typen der Selbstständigkeit: unabhängige Selbstständigkeit und abhängige Selbstständigkeit. Die unabhängige Selbstständigkeit entspricht dem klassischen Bild des Selbstständigen in Deutschland. Die abhängige Selbstständigkeit ist eher ein Produkt des gesellschaftlichen Umbruchprozesses. Im Unterschied zum klassischen Selbstständigen ist der abhängige Selbstständige in einer Firma angestellt, dabei darf er selbst den eigenen Arbeitsprozess kontrollieren und im Sinne der jeweiligen Firma handeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Wandel der Erwerbsarbeit
Untertitel
Mit welchen neuen Arbeitsbedingungen und Anforderungen sind Erwerbstätige heutzutage konfrontiert?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V200358
ISBN (eBook)
9783656294856
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandel, erwerbsarbeit, arbeitsbedingungen, anforderungen, erwerbstätige
Arbeit zitieren
Olga Ugolnikova (Autor), 2010, Wandel der Erwerbsarbeit , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200358

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